2,5 – Von der Côte Bleu zur Côte Azur

Himmlicher Vater, der Du alles siehst
Laß das Heilige Jahr für alle werden
ein Jahr der großen Rückkehr und des großen Verzeihens
Pius XII, 05

24.07. – Hoch über der Stadt, auf Marseille rückblickend
Wir liegen unter freiem Himmel hoch über Marseille mit dem Blick aufs  Meer, hinter uns die aufgehende Sonne! In dieser Gegend sind schon ihre frühen Strahlen  so warm, daß sie uns nicht mehr pennen läßt. Wir würden es gerne noch, denn auch diese Nacht, schon in Miramas und dann  auch in Marseille eine echte Kirmesnacht, war wieder zum Schlafen viel zu kurz. Obwohl Kirmesmontag ist und die Jungs daheim bestimmt noch alle schlummern, müssen wir ja weiter: Die andere „Côte“ erwartet uns; mal sehn, bis wohin wir auf ihr heute kommen!

Durch das nächtliche Marseille zum Vieux Port
Es war schon spät gestern Abend, als wir von dem schönen Kirmessonntagsort Estaque losfuhren, auf Marseille zu. Etwa zur selben Zeit werden daheim die Jungs von `So sind Wir´ sich in Schale geworfen haben, um sich auf dem Tanzboden in der Germania beim traditionellen Brotdorfer Kirmesball zu vergnügen.
Es fährt sich so gut in der Kühle des späten Abends, hier auf diesem ebenen Küstensaum zwischen Meeresbrandung und Hügelkette. Die Frage, ob wir vor oder nach Marseille  übernachten sollen, wird in den nächsten Minuten durch unser flottes Vorwärtskommen entschieden und heißt: So lang es so läuft, nur weiter, erst einmal auf dieses Marseille zu!
Gleich hinter Estaque wird nach jeder Biegung der Landstreifen zwischen dem Meer auf unserer Rechten  und der Bergkette zur Linken immer enger. Streckenweise wollen die Felshänge fast bis zur Küste  abfallen.
Die letzten 15 Kilometer führen dann durch ein langgezogenes, je näher zur Großstadt, desto weniger ansehnliches Band, erst locker, dann dicht aneinander gereihter Vororte.

Wir müssen inzwischen bereits unbemerkt im Hafen- und Großstadtbereich von Marseille angekommen sein, denn zwischen größeren Häuserlücken können wir im Vorbeifahren immer mehr die Breitseiten dort anliegender großer Schiffe erkennen. Und dann stehen wir auch schon mitten in dieser riesigen Hafenanlage und staunen über die stattlichen, nie gesehenen Passagier- und Frachtschiffe, die hier an den Piers festgemacht haben und mit ihren Lichtern das Dunkel der inzwischen hereingebrochenen Nacht dort hell erleuchten.
Nach kurzem Anhalten direkt vor der hohen Wand eines solchen Riesen geht’s über den flachen Buckel eines Geländevorsprungs, und gleich dahinter landen wir an einem weiteren, eigenartig angelegten und ganz anders gearteten, wesentlich kleineren Hafen. Statt der Ozeandampfer schaukeln hier unzählige kleine Fischerboote, dazwischen etliche offene Ausflugskähne. Wie wir später erfahren, stehn wir direkt vor der Kaimauer des vieux port, dem alten Hafen, dessen Naturanlage bereits die griechischen Kolonisten in der Antike kannten, als sie hier landeten und Marseille, Frankreichs älteste Stadt gründeten.
Heute präsentiert sich dieser wunderschöne, mitten im Häusermeer der Südstadt gelegene alte Hafen in der Gestalt eines langgezogenen Hufeisens, das sich zum Meer hinstreckt und dort zu einer relativ engen Ausfahrt verjüngt.
Wir sind abgestiegen, sehen uns staunend um und  sind überrascht über das, was hier abläuft. Auf dem Rundumweg, der den ganzen Hafen umsäumt, herrscht ein derart turbulentes Treiben; es ist immer noch Sonntag, aber es geht bereits auf Mitternacht zu!
Wir würden so gerne unsere Räder zur Aufbewahrung geben, finden aber keine sichere Stelle; also schieben wir sie durch das Menschengewirre zwischen dem Pier und der langen Häuserkette ringsherum, voller kleiner Bistros, einladenden Restaurants und kleinen Geschäften, die ihre Auslagen in kleinen Ständen nach draußen auf die Straße verlegt haben, wo hübsche Verkäuferinnen mit überlauter Stimme zum Kaufen einladen.

Ungewöhnlich viele Menschen, nicht nur Matrosen, Fischer, sogar nächtliche Angler, dazu viele Tagestouristen, vielleicht auch Anwohner aus der direkten Umgebung. Sie alle genießen den sommerlich angenehmen Sonntag, und wie es im Süden wohl üblich ist, mit Kind und Kegel bis tief in die Nacht hinein.
So bunt wie die Auslagen auch das Menschengedränge dazwischen, die vielen Gesichter vom Weiß über das marokkanische Braun bis zum tiefsten Schwarz der Zentralafrikaner. Aber bunt nicht nur die Hautfarbe, bunt  und verwirrend das Getöse, das Plaudern, Schreien, Rufen und Lachen wie nirgendwo anders, eine wahre Sinfonie aus vielfältigem, nie gekanntem Stimmengewirr.

Das ist der Süden, von dem viel gesungen wird; und jetzt, da die Hitze des Tages geschwunden ist, wird das aktive Leben im die Nacht verlegt.

Die Nacht von Marseille war damit noch lange nicht zu Ende; es hatten noch unerwartete Überraschungen auf uns gewartet. Aber Willi hat bereits die Plane und die Frühstückssachen aufs Rad gepackt und zum Aufbruch geblasen. Über den sonderbaren Ausgang der Nacht von Marseille wird erst später zu berichten sein; vielleicht am Abend, wenn wir  früh genug unterkommen.

Auf dem Patronatsfest vom Sainte  Marie-Madeleine
Etwas abseits vom Kai führt eine Seitenstraße leicht ansteigend in Richtung Innenstadt, in die wir, wie von Hand geführt, nach rechts einbiegen. Von der Anhöhe  dringt uns ein heiteres Musikgemisch aus mehreren Quellen entgegen. Und auch hier ist mit unsern Rädern fast kein Durchkommen, so viele Menschen in noch mehr Gedränge!

Trotzdem schiebt uns eine innere Kraft weiter nach oben. als ahnten wir, daß uns eine freudige Überraschung erwartet. Die belebte Straße weitet sich zu einem  größeren Innenplatz, rundherum mit kleinen Buden, Markt- und Kirmesständen geschmückt und überall mit ausgelassenen Menschen gefüllt.
Obwohl es schon reichlich spät ist, herrscht hier auf diesem Markt- und Rummelgelände volles Leben, sogar noch regeres Treiben als um den Hafen herum. Alles hell erleuchtet, als hätte der Tag gerade erst begonnen!
Mitten in der Menge tummerln sich auch noch viele Kinder. Verständlich, denn es gibt auch voll besetzte Kinderkarussels und eine niedliche, kindergerechte Schiffschaukel.
Wir stehen und staunen; da hat uns der Herrgott doch noch auf eine richtige Kirmes geschickt!
Oberhalb ist auf einem Podium ein regelrechter  Tanzboden errichtet. Gerade dringt aus den dortigen Lautsprechern ein schneller, flotter Walzer, eine Art Pariser valse musette, der die Musik der Karussels und Buden übertönt und festlich überhöht.  Uns fällt die Art auf, wie hier im Süden getanzt wird. Die meisten Paare haben sich ziemlich eng umschlungen und schwingen nicht voll aus wie beim weit ausholenden Wiener Walzer, sondern tippeln und trippeln bei rascher Umdrehung ganz im Rhythmus dieses schnellen Dreivierteltakts in kleinsten Schrittchen auf und ab – mal links, mal  rechts herum.

Während wir uns dem Tanzpodium nähern, von  der Musik und den faszinierenden Tanzewegungen angestimmt nach oben schauen, dreht sich auf der Fläche ein Pärchen zu uns hin, und der Mann ruft uns zu:
-„Allez, allez, jeunes gens, venez ici, venez dansez!“

Kurz und gut; unsere hier wohl auffällige Erscheinung hat inzwischen breitere Aufmerksamkeit auf sich gezogen: die voll gepackten Fahrräder, unsere Hände an den Lenkstangen gepackt und wahrscheinlich auch meine Lederhose. Willi zögert noch, aber ich habe schon mein Rad an die Wand des Podiums gelehnt, und kaum sind die Arme frei, schnappt mich schon eine der jungen Frauen mit zum nächsten Tanz…

Dann können wir bei aller Zurückhaltung nicht anders, werden von den Damen an ihre Tische geführt, es wird gesungen, getrunken, gescherzt und gelacht!
Es mag ein, zwei Uhr, vielleicht sogar halb drei gewesen sein, als wir die freundliche Einladung in der fröhlichen Runde dankend verlassen, uns auf den gesteckten Weg zu machen.

Aber dann auf dem Rückweg zum Hafen noch am Kirmesmarkt vorbei. Bevor wir wieder den vieux port erreichen, hat Willi noch einen wachen Blick für die vielen Marktstände rechts und links. Und zusammen stellen wir fest: Die hier angebotene Ware, die kleinen Naschereien und besonders das Obst und Gemüse; alles ist hier spottbillig, selbst der Wein kostet fast nichts. Also muß zu guter Letzt auch noch eingekauft werden, bei diesen Preisen: ein Kilo Tomaten zu 5 ffrs und Birnen 8 ffrs, selbst die Dauerwürste äußerst preiswert! Wir nehmen gleich zwei mit, sehen knorrig aus und riechen kräftig, hausgemacht. Und zwei Handvoll Datteln noch gratis dazu!

Willi, der Hausmann, der denkt natürlich an das brauchbar Notwendige und entdeckt einen kleinen Stand, der nichts anderes als nur Seife feil hält. Und weil wir uns darüber sichtlich erstaunt zeigen, hier in Marseille, hier mitten in der Nacht vor einer riesigen Auslage von Seife zu stehen, Seife in unzähligen Formen, Seife in allen Farben, da erklärt uns die hübsche Verkäuferin warum. Seife, besonders diese Kernseife ist äußerst typisch für Marseille.  Madame Marseillaise reicht Willi ein zusätzliches Stück in das „Marseille“ eingepreßt ist. Dann erklärt sie uns auch, warum heute Nacht noch so spät viel Leben hier herrscht. Und dabei eröffnet sie uns etwas höchst Erstaunliches:
Nun, wir waren heute früh zur Messe und hatten den ganzen Tag über daran gedacht, daß heute bei uns daheim Kirmessonntag ist, das Pfarrfest unserer Schutzpatronin Maria Magdalena. Wie aber diese junge Marseillaiserin uns erläutert, daß wir uns hier ebenfalls auf einem Kirchweihfest befänden, möchten wir geradezu an ein Wunder glauben. Denn hier würde heute  ebenfalls das Fest der Heiligen Maria Magdalena gefeiert, die ja die Patronin  der hiesigen Eglise Sainte Marie-Madeleine sei; zugleich auch die Schutzpatronin dieses ganzen Stadtviertels von Marseille. Hier würde man sich auch die Legende erzählen, daß die Heilige Maria Magdalena, so wie Petrus und Paulus in Rom, so sie hier gelandet sei, um Frankreich den christlichen Glauben zu bringen!

Also hat uns der liebe Gott doch noch zu „unserer“ Kirmes, zu der von Maria Magdalena und La Sainte Marie Madeleine geführt! Wir werden für daheim die Botschaft mitnehmen, was Brotdorf und Marseille miteinander verbindet: die gleich glücklichen Menschen bei ihrer gleichzeitig gefeierten Kirmes auf dem gemeinsamen Pfarrfest von Maria Magdalena!   –   Aber bis zur Pfarrkirche selbst, die noch weiter oberhalb drohnt, sind wir in dieser turbulenten Nacht beileibe nicht mehr gekommen.

Und bevor wir die nachtlebendige Innenstadt verlassen, hängt zum Schluß noch ein Straßenhändler jedem einen bunten Luftballon an die Gepäckträger.

Zu Kapitel: 2,6 – Nach Marseille, die französische Riviera entlang

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