2,4 – Durch die Bouches du Rhône an die Côte Bleue

Himmlicher Vater, der Du alles siehst
Laß das Heilige Jahr für alle werden
das Jahr der Verinnerlichung und Sühne.
Pius XII, 5

23.07.  – Kermessonndisch, un woù blewd ed Mittelmeer?
Hier am Strand ist die Sonne schon früh da. Gegenüber liegt drüben das Fischerdörfchen Saint Chamas noch im Schatten, ist scheinbar noch am Träumen.
Der charmante Ort ist nicht größer als Brotdorf, aber weit interessanter, vor allem der kleine Hafen, in dem ein Dutzend bunte Fischerboote schaukeln. Und vom Strand aus sehen wir hinter dem Ort auf steilem Berghang hinter der Silhouette eines alten Kastells die aufgehende Sonne.

Willi war noch früher auf, ihm war vielleicht ebenso wie mir das durchgehende Rauschen ungewohnt im Auf und Ab der Wellenmusik in der nächtlichen Brandung!
Er war schon unterwegs, hat trockenes Schwemmholz gesammelt, macht Feuer und kocht uns einen Kaffee. Dazu das letzte Stück Komißbrot und das Ende der Servolatwurst!
Es ist Sonntag, und nach dem turbulenten Vortag wollen wir es heute ruhig angehen. Ich liege im Sand und setze meine Notizen über die gestrige Etappe fort:

Was war das für ein Tag!
Erst der Schrecken im Weingarten hinter Avignon, dann ungewollt von der RN7 weg, auf diese bizarre Alpillentour, die schnelle Fahrt durch eine prächtige Olivenoase.
Und dann die selbstverschuldete Malheur, ein sehr unangenehme Erlebnis:
Es ist Mittag vorbei.

Südlich der Alpilles hat sich inzwischen der Mistral gänzlich gelegt, und die Sonne des Südens brennt unbarmherzig auf die nackten Oberkörper. Unsere Strecke dreht etwas in nordöstliche Richtung, verlässt die baumbestandene Ebene und verwandelt sich immer mehr zu einem langgezogenen Anstieg, der zudem ohne Baumbestand und somit unbeschattet ist. Im Nachhinein gesehen, nicht übermäßig steil; für uns jedoch besonders mühsam in der flimmernden Hitze kurz nach Mittag an diesem heiß gewordenen Julitag.
Wir hätten so gerne noch die nahe geglaubte Küste, den Strand und das erfrischende Meerwasser erreicht; aber unsere Beine werden schwerer, unsere  Körper beginnen zu streiken.

Und wie dann nach weiteren schwerfällig zurückgelassenen Kilometern, mitten in dieser recht öde gewordenen Landschaft, einer Fata Morgana gleich, oben am höchsten Punkt der Anhöhe, auf der rechten Straßenseite, ganz einsam und alleinstehend, eine Art bessere Hütte auftaucht, die sich als Raststation der Routier , der französischen Lastwagenfahrer, entpuppt,  da lassen wir uns von unsern Rädern fallen und stürzen in den kühlen Raum, direkt an die Bar.

Ich weiß nicht welcher Teufel uns die Eingebung aufschwatzte, statt eines kräftigen Essens mit einem kühlen Bier ausgerechnet einen Liter billigen algerischen Rotwein zu bestellen. Jedenfalls wird dieses schwere, schwarzrote Gesöff zum reinsten Gift für unseren ausgemergelten Körper und das ausgetrocknete Hirn. Aber einmal bestellt und bezahlt, ist die Flasche ohne Zögern und viel zu schnell leer gemacht.
Kaum, daß wir wieder draußen vor der Bar in der Sonnenglut stehen, zieht es uns schnurstracks auf die andere Straßenseite in den Schatten einer mächtigen, einsam da in der Gegend stehenden Pinie, die Räder rechts und wir links regungslos ausgebreitet.
Erst nachdem wir beide, erst ich, dann Willi uns einmal tüchtig übergeben müssen, finden wir in der Erschöpfung den erholenden Schlaf…

Die Sonne neigte sich schon dem Horizont zu, als wir, einigermaßen wieder hergestellt, aufbrachen, in der Hoffnung, vielleicht doch noch das nahe Meer zu erreichen. Nach wenigen Kilometern talabwärts wird die Gegend wieder freundlicher, eine Abzweigung weist auf einen nahen, steil ansteigenden Felsstock, von einen anmutig erscheinenden Städtchen besiedelt, dessen adlerhostartige Lage, hoch über dem Tal gelegen, unsere Aufmerksamkeit anzog.
Uns aber drängt es dazu, so schnell wir möglich die Küste zu erreichen. Zehn Minuten später stehen wir davor und sind zunächst enttäuscht:
Wir stehen nicht vor einem weiten ins Unendliche weisenden Meeresgestade, sondern an einem, hier spitz zulaufenden riesigen Binnensee. Der Blick auf die Karte zeigt, es handelt sich um den Etang de Berre,  der, weiter südlich, nur durch eine schmale Öffnung mit dem offenen Meer verbunden ist, ähnlich wie bei einem Haff an der deutschen Ostsee.

Offenes Meer hin, geschlossenes Haff her; wir säumen nicht lange, stürzen uns geradezu den Strand hinab, hinein ins erfrischende Naß! Unser erstes Bad im Meer!
Hinterher beim Abendbrot, noch in der Badehose, ein erfrischendes Gribbeln, vom langsam trocknenden Salzwasser auf der kühlen Haut des nackten Körpers.

Zum Kirmeshochamt im idyllischen Miramas

Die Sonne war bereits am westlichen Meereshorizont verschwunden, als wir gestern Abend die Plane ausbreiteten und uns auf dem noch warmen Sand zur Ruhe legten, direkt am Strand…

Und jetzt klingen die Kirchenglocken vom Fischerdorf herüber; und wir erinnern uns, daß heute Sonntag ist.
Und was für ein Sonntag! Denn, wenn zur gleichen Zeit auch daheim die Glocken läuten, dann heute besonders feierlich, nämlich zum festlichen Hochamt einer hochwürdigen Drei-Herren-Messe; denn heute ist Kermessonndisch, das Kirchweihfest von Maria Magdalena.

Wir wollen den Tag zwar nicht besonders feiern, doch zumindest angemessen begehen und nach kurzer Tagestour die Fahrt früher als sonst einstellen. Ohnehin hatten wir uns zu Hause vorgenommen, den Sonntag regelmäßig zu halten; obwohl Reisende ja von der Sonntagspflicht enthoben sind. Mit Rückblick auf den gestrigen Tag, ein Grund mehr, in einer Sonntagsmesse dem lieben Gott zu danken.
Und ergo folgen wir nach unserm ersten Strandfrühstück dem Ruf der Glocken allerdings nicht ins Fischerdörfchen sondern fahren die kurze Strecke zurück nach Miramas, das gestern nur mit einem flüchtigen Blick gestreifte Bergnest.

kirche-miramas

Kirche von Miramas

Gleich bei der Einfahrt in den Ort fühlst du dich wie in ein Märchen aus dem Mittelalter versetzt. Durch das enge Gewirr der holprigen Gassen schieben wir die Räder und schaffen uns langsam schlendernd zur Kirche hinauf.
Die alten Häuser, typisch provencalisch, alle urtümlich in der hier vorherrschenden Erdfarbe, einem ins rötliche  tönenden Ocker gehalten, recht variabel in ihren Bauformen, vielfach durch Nischen, Bögen und kleine Anbauten, unter vorstehenden Balkonen heiter aufgelockert. Das uralte romanische Gotteshaus ist in seiner schlichten Bauweise imposant; besonders fällt der eigenartige Glockenturm auf, nur aus einer  mächtig dicken Mauer mit stumpfem Giebeldach und ist zwei lang gezogenen ovalen Durchbrüchen, in denen die beiden Glocken hängen und zu beiden Seiten hinaus ins Freie schaukeln und bimmeln. Schon beim Introitus fällt uns auf, daß es keine Meßdiener gibt, nur einen Sakristanten, ein älterer Mann in schwarzem Talar. Mit der Größe des Ortes verglichen, sind auch  die Bänke der Kirche nur halb gefüllt; nicht wie in einem Sonntagshochamt von Maria Magdalena. Aber die Menschen scheinen hier viel andächtiger; beten viel inbrünstiger und singen viel leidenschaftlicher.

Wie wir mit den Einheimischen gemeinsam zur Kommunionbank gehen, muß ich an unsere Leute daheim denken. Mutter wird wieder in der Frühmesse gewesen sein, Vater wie wir jetzt, im Hochamt. Und wir werden durch unser Gebet vereint sein.
Nach der Messe auf dem Kirchplatz sind wir die Attraktion des Sonntags; vor allem ich werde neugierig beäugt, offensichtlich wegen meiner Lederhose. Ein alter Mann mit großem Strohhut spricht uns an und befühlt das Leder meiner Hose. Von seinem Heimatort  meint er stolz und wohl mit Recht, er sei le meilleur bijou de France
Zur Feier des Tages sitzen wir draußen im kühlen Schatten breitblättriger Platanen beim ersten Zapfbier. Als wir schon vor der Messe an dem kleinen Bistro vorbeikamen und sahen, daß drinnen am Tresen frisches Bier gezapft wird, meinte Willi spontan:
Soù´n Bejer wär nööder Kerrich dat Rischdije.
– Dau seeschd ed, un dat bekemmt oas secher besser wej dä verdammde Ruudwein geschdern.

Ein erstes Bier, Elsässer Gebräu, macht Durst auf ein zweites; beim dritten nehmen wir die Landkarte zur Hand uns stecken die Route fest Richtung Marseille.
Eine ausgiebige Mittagspause wäre angesagt, aber wir müssen Land gewinnen und endlich das richtige Meer.

Ausgangs des Ortes kehren wir nicht wieder über St. Chamas zurück, sondern nehmen  die flachere Strecke auf der Westseite des Etang de Berre.  Schleichen uns am Ostrand an der Stadt Istres vorbei, die, vom Fischerhafen aus gesehen, ebenfalls sehr ansehnlich erscheint. In der nächsten mittelgroßen Stadt Martigues überqueren wir in der Mitte den Kanal, der das Haff von Berre mit dem offenen Meer verbindet.

Hinter der Stadt verlässt unsere Küstenstraße den Etang und schwenkt leicht auf Südost zum Überqueren der Chaine de l´Estaque, einem Kalkmassif, wie eine Kette langgezogen, ähnlich die Alpilles. Das Relief noch zerklüfteter, das Gestein zackiger und weniger hell, eher graugelb und viel ärmer an Pflanzenwuchs.
Oben auf der Passhöhe dann der lang ersehnte, fantastische Blick auf das blaue, weite Meer, endlich das unendliche Meer!

Nach kurzer Ausblickspause folgt wieder die kurvenreiche, steile Abfahrt durch ein sehr enges, schluchtartiges Tal. Die Straße stößt direkt auf die Küste und wir direkt auf einen einsamen Strand. Ein Blick nach rechts und links: kein Ort, kein Dorf, kein kleines Fischernest! Nur einsamer Strand, nur wir und das Meer!
Hinter uns, haben Straße und Bahntrasse kaum Platz, die bizarre schroffe Felsenküste stürzt sich bis an den Strand herab.
Während wir still stehen und schauen, weit bis zum Horizont hinausschauen, rauscht hinter uns hoch oben ein schneller Eisenbahnzug über einen riesigen Viadukt in Richtung Marseille.
Uns egal! Denn vor uns breitet sich eine fantastisch schöne Küstenlandschaft aus.
Wir sind endlich an der Côte d´Azur angelangt und machen nichts anderes als in den warmen Fluten ausgiebig zu baden. Die Sonne hat sich schon nach Westen geneigt; aber hier auf NormalNull wird es dauern, bis sie hinter der Kammlinie in Richtung Afrika verschwindet.

Uns treiben Hunger und Durst weiter; haben seit dem Bier nur noch ein paar Schluck Wasser getrunken. Aber hier ist kein Ort und so auch kein Brunnen; wir müssen weiter, weiter in Richtung Marseille!
Nöö der Koard kemmd zedrejschd noch en Dörref; döö grejma Waasser un vielleicht och   ebbes ze kääfen.
– Haud äas doch Sonndisch.
– Aber äa Frankreich hun sonndes wenigschdens de Bäcker off!
– Awer doch nemmej em dej Zeit loo!
– Loss oas nur döö säan, wierschd schu sejhn!

Nach wenigen Minuten fahren wir in den ersten Ort der Côte d ´Azur ein, die sie hier sie hier la Côte Bleue nennen, und der Ort hier heißt L’ Estaque. Während wir uns nach einer Wasserstelle und einer Boulangerie umschauen, fällt uns die altertümliche Schönheit dieses ansehnlichen Fischerdorfes auf. Wieder, wie schon in Miramas diese einfachen, ockerfarbenen, in der Abendsonne golden leuchtenden Häuser, überall dazwischen hohe Schirmpinien und bunt blühende Hecken und Sträucher. Den Strand am Hafen entlang und im lebhaften Straßenbild des Ortes fallen uns Menschen auf, aus deren andersartigen Kleidung wir auf Sommertouristen und Feriengäste schließen. Ab jetzt werden wir uns den weiteren Küstenverlauf entlang auf mehr Fremdenverkehr einstellen müssen, was uns nicht stört. Wir sind selber Fremde!

Eine Boulangerie, die noch offen hat, finden wir nicht; aber wir sehen, daß Leute mit  frischen Baguettes unterm Arm aus einem Kneipencafé heraus kommen. Drinnen ein paar alte Männer; auch von ihnen werden wir wie eine Erscheinung beäugt.

Draußen auf dem Platz tanken an der Wasserstelle unsere Flaschen auf und finden ausgangs des Ortes eine gute Stelle zum Lagern. Ich sammle Randsteine und Holz; Willi macht Feuer und schafft uns eine Würfelsuppe, schneidet kleine Stücke Seitenfleisch aus Mutter Marias eigener Schlachtung hinein. Und dazu das ofenfrische, knusprige französische Weißbrot! Lang hingestreckt, genießen wir die malerische Atmosphäre und bewundern unseren ersten Mittelmeer-Sonnen-Untergang.

Und wie dann mit der leichten Brandung ein erfrischend kühles Lüftchen aufsteigt, entscheiden wir spontan, doch noch weiter zu fahren. Mal sehn, wie wir durchs nächtliche Marseille hindurch kommen!

Zu Kapitel 2,5: Von der Côte Bleu zur Côte Azur

 

 

 

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