2,3 – Durch die Alpilles dem Meer entgegen

Himmlicher Vater, der Du alles siehst
Laß das Heilige Jahr für alle werden
ein Jahr der Reinigung und Heiligung,
Pius XII, 03

22.07. Sa – De Trauwen hun vill ze dejf gehang,….

Die Trauben hängen hier beileibe nicht zu hoch; eher viel zu tief über unseren Augen, um nicht als Frühstück gepflückt zu werden. Denn, wie ich sehe, landeten wir nach gestriger Irrfahrt bei dunkler Nacht in einem abgelegenen Weinfeld, in dem die süßen Früchte schon voll genießbar wären, wenn nicht….
Voll genießbar, wenn nicht beim ersten Augenaufschlag, kaum, daß die Sonne auf ist, ganz plötzlich und leise über meinen ausgestreckten Körper das Entsetzen schwebt und droht. Zu meinem Schrecken sehe ich über mir, breitbeinig über meine Brust gespreizt, die Vorderläufe und ganz nahe am Kopf die kläffenden Zähne eines ausgewachsenen deutschen Schäferhundes!

Gott sei Dank steht gleich sein Herr gleich dahinter, ein Feldhüter, ein Nachtwächter, nein ein äußerst früher Jäger mit Flinte über der Schulter. Bedächtig ruft er das Tier zurück, so daß ich mich aufrichten kann.
Gegen unsern Mundraub hat der Jäger nichts einzuwenden; wundert sich nur über unser seltsames Nachtlager.
Es ist Samstagmorgen, und die Franzosen lieben die Jagd am frühen Wochenend  noch vor Tagesbeginn, die Jagd auf wildes Geflügel besonders, aber wohl nicht mehr auf Menschen?
Unser Jäger fragt, wohin des Wegs; als er Rom hört, staunt er, wünscht uns alle Chancen und meint, das wir mit dem Mistral im Rücken einen guten Gehilfen hätten.
Oh, la la! Bonne chance alors; ici, dans la vallée, du Rhône ca roule actuellement vite ave le mistral!

Während dieser ganzen Begegnung hatte sich Willi nicht gerührt, hatte von Hund und Herr nichts mitbekommen, so fest war sein Schlaf nach dieser nächtlichen Fahrt. In mir aber regt sich das Unbehagen über mein unfaires Verhalten bei dieser herausfordernden Nachtfahrt. Wird Willi es mir nachtragen?
Wie der Jäger und sein Hund  weg  sind, bemerke ich erst, wo wir im Dunkel des späten Abends gelandet waren. Wir befinden uns hier inmitten eines großen Wein- und Obstbaumfeldes, das ringsherum mit einer dicht gesetzten Baumreihe hochgewachsener Zypressen umgeben ist .
Für die Provence, eigentlich speziell für das Rhôhnetal, sind diese hohen Hecken aus schlanken Zypressen landschaftstypisch. Sie sollen ringsherum um jedes Feld eine Schutzwand bilden, vor allem gegen den Mistral, jenen scharfen Nordwind, der vom Oberrheingraben her über die Burgundische Pforte schnurgerade südwärts strömt, das Saône- und dann das Rhônetal durchsaust, bei blauem Himmel ungehindert und ungebrochen bis ans Meer..
Das umgartete Zypressengehege, dieser Schutzwall gegen den Düsenwind aus dem Norden ist so dicht wie eine feste Mauer, bis auf den Boden so gänzlich dicht, daß sogar die Vögel Mühe haben, hierin zu nisten.

Willi ist inzwischen wach geworden, schaut verschlafen und dennoch erstaunt um sich und zeigt sich ziemlich wortkarg, aber wie immer mit zufriedener Miene, um nicht zu sagen, vergnügt. Ich fange mit dem Gespräch an und will mich entschuldigen; er aber spielt es herunter, wehrt ab und lenkt von der eigentlichen Ursache, von meinem Verschulden, ab:
-Dat woar fier d´n Ufang  alles zoù stramm gewierschd.

will-noch-verschloof-skizze

Willi, noch verschloof

Es wäre nur zu viel Strecke, und der heiße Tag dazu, das sei für den Anfang alles zu stramm gewesen.
Ich schlage vor, für jede neue Etappe die Räder zu wechseln. Erst weigert er sich spontan, mein Angebot anzunehmen:
– Dat loo kemmd iwwerhaabd net äan de Tuud!

Das käme nicht in die Tüte; aber gegen den Vorschlag, es wenigsten zwei Etappen zu versuchen, hat er schließlich keinen Einwand. Also werde ich heute sein Stahlroß reiten.
Außer Trauben von den Reben und einer letzten Schmier von daheim gönnen wir uns keinen weiteren Bissen, verlassen schnell das weinumwobene Nachtlager. Wieder auf der Hauptstraße, fällt uns direkt auf, daß dies nicht die RN 7 ist. Wir müssen also in der Nacht während der Wettfahrt mit den Franzosen unbemerkt in eine Nebenstraße eingebogen sein.
Wie konnte das sein?

Als ich wie blind vor Eifer den zwei rennfahrenden Franzosen gefolgt war, hatte ich nicht gemerkt, daß die mich nicht nur zu diesem unseligen Wettkampf verführt, sondern uns auch ungewollt von unserer Route weggeführt hatten. Dabei müssen wir ausgangs Avignon, ohne es wahrzunehmen, in aller Hetze von der Stadt weg und aus dem Rhônetal  herausgefahren sein und stellen nun fest, dass wir einer Nebenstraße gefolgt waren und Avignon verpaßt hatten..

C´est ma faute, adieu Avignon!

Weiter geht´s also auf einer weniger belebten  Landstraße, die zwar auch in der Tendenz nach Süden führt; aber ohne eine Landkarte der Gegend haben wir keine Ahnung, wo wir uns genau befinden. Zudem fehlen auf dieser Nebenstraße die Wegweisschilder, auf die wir uns bisher verlassen konnten. Es gibt zwar am Straßenrand Kilometersteine, die aber keine größere Ortschaft anzeigen.
Schön und angenehm erweisen sich die dicht belaubten  Platanenbäumen, die über lange Strecken die Straßenränder umsäumen, eine prächtige Allee, die bei der schon wieder Unbarmherzigkeit verheißenden Sonne erholsamen Schatten spendet.
Und da es immer noch in Richtung Süden geht, bleiben wir zuversichtlich, irgendwann wieder auf die Hauptstraße zu stoßen. Der relativ geringe Verkehr erlaubt, etwas mehr Aufmerksamkeit auf die Umgebung zu verwenden. Es ist eine durchaus flache, leicht wellige sehr freundlich schöne Gegend. Aus der üppigen Vegetation, dem prächtigen Baumwuchs, den riesigen Obst-, Wein- und Getreidefeldern zu schließen, sehr fruchtbar.
Wir sehen häufig Menschen bei der Landarbeit. Die Getreidefelder sind zwar längst abgeerntet, aber der Obstanbau, in riesigen Flächen, fast wie Plantagen, angelegt, ist voll bei der Ernte. Nur die große Weinlese und auch die teils noch grünen, teils schon schwarz leuchtende Oliven werden noch etwas auf sich warten lassen.
Der geringere Verkehr und ein auffrischender Nordwind im Rücken verschaffen uns eine zügige Fahrt. Bin zwar nicht ganz ausgeruht und muß sich zudem noch an Willis schwerfälligeres Fahrrad gewöhnen; aber die Stimmung stimmt wieder. Der nächste Kilometerstein zeigt an:

>St. Remy en Pr.  11 km<.

Über die Alpilles hinweg zum Meer

wei stejhn mir hei ganz ohne Koard
stejhn um Wee un kommen net fort
u kää Mensch gefd oas e goade Road
döö hellfd nur Moad un de lejwe Gott

woù grejn mir nur en Landkoard her
soù komme mir  niemoals mej nöö Rom
wessen nemmej woùhin un  net woùher;
sejhn neischt vun Italien un net den Dom
wä weist oas wenigschdens de Wee zum Meer

Vor Einfahrt in den Ort Saint Remy kommt an einer Kreuzung eine Tankstelle, wo wir endlich eine Straßenkarte von Südfrankreich kaufen. Bei einem petit café und der letzten Schmier vun dahaam schauen wir nach und finden zwei Alternativen, um weiter zu fahren. Die eine, die geradeaus weiter durch den Ort nach Süden in die Bouches du Rhône übergeht; die andere biegt hier von der Kreuzung an nach Westen und stößt erst nach 20 km wieder aufs Rhônetal und damit wieder auf die Nationalstraße.
Wir sparen uns den Umweg und sind schon wieder im Sattel auf dem direkte Weg nach Süden, weil der uns anbietet, eher das Meer zu erreichen.

Ohne weiteren Aufenthalt durchqueren wir auf leicht ansteigender Straße die schmucke, von Platanenreihen und klassisch gebauten Patrizierhäusern rechts und links besetzte Hauptstraße einer typisch provencalischen Mittelstadt.  Ausgangs des Ortes folgt auf halber Höhe eine Art Zwischenebene, auf der, etwas rechts von der Straße ab ein Ruinenfeld auf altrömische Besiedlung schließen lässt. Und direkt vor uns in kurzer Entfernung stellt sich wie ganz unvermittelt ein riesiger Mauerwall entgegen. Eine quer zur Fahrtrichtung lang gezogene Kette von bizarr verklüfteten Bergkuppen und tief eingegrabenen oder ausgewaschenen Schluchten, nahezu hochalpin, der Karte nach Les Alpilles, also die kleinen Alpen genannt.
Beim kurvenreichen Anstieg werden erstmals unsere Kletterkräfte gefordert; aber die Steigungen sind moderat, sodaß wir beim Aufstieg genügend Luft und Blick für die Schönheit dieser wilden Felsenlandschaft haben, nahezu märchenhafte Formen wie aus einem amerikanischen Westernfilm.
Oben auf der Passhöhe bietet sich ein freier Blick in eine weite, bis an den Horizont des Südens weisende Ebene. Das sind endlich die Bouches du Rhône, das riesige Mündungsdelta, das diesem südlichsten Département Frankreichs seinen Namen gegeben hat.
So faszinierend wie der Aufstieg ist dann auch die kurvenreiche Abfahrt, keine Anstrengung nur der pure Genuß.

Man stelle sich einmal vor, so weit das Auge reicht, eine riesige Plantagefläche mit lauter Olivenbäumen, tausende von kleinwüchsigen Bäumen, eines wie das andere, knorrig im Stamm, silbriggrün im Blatt, grün oder schon schwarzblau in der Frucht.
Unser Weg biegt in mehr östlicher Richtung ab, führt durch ein idyllisches Dörfchen, an dessen Dorfbrunnen wir frisches Wasser tanken. Das Meer bereits ahnend, die Felsenkette der Alpilles im Rücken geht´s flach und schnur gerade der Küste entgegen.

Ja, ja, ihr jungen Kilometerfresser und Gipfelstürmer; wenn ihr wüsstet!
Wenn die Geraldy im Lebacher Erdkundeunterricht mit ihrem Lehrstoff bis hier her gekommen wäre und wenn ihr beide es an diesem herrlichen Tag in eurem ungeduldigen Drang nach dem ach so nahen Meer nicht so eilig gehabt hättet, ihr wäret bestimmt nicht an dem so wunderschönen Naturfleck, an dieser, auch kulturhistorisch so reichhaltigen Gegend um Saint Remy und Les Beaux so einfach  vorbei gerauscht. Vorbei  an Vincent van Goghs Nervenklinik, an seinen berühmt gewordenen Malstandorten, vorbei an der skulptural in Marmor gehauenen Römerstadt Glanum und schließlich auch vorbei an der stolzen Festung Les Beaux, diesem einmaligen Felsennest, das wie aus einem Guß in den leuchtenden Kalkstein hinein gehauen ist.

zu Kapitel 2,4: Durch die Bouches du Rhône an die Côte Bleue

 

 

 

Advertisements