2,2 – Mir stejhn vier´m Tor zum Süden

Da steht ihr nun vorm Tor des Südens
die Richtung euch als einziges bekannt,
viel Mut zum Start des langen Weges,
gut Fahrt in fernes, unbekanntes Land

Vom PKW  nun endlich auf den eigenen Rädern. Der große Rhônestrom wird uns die Richtung zeigen, geraden Wegs zum Süden, zur Sonne, zum Meer!

Donnerstag, 20.07. – Von Chalon bis vor die Südtore Lyons

Allmächtiger, ewiger Gott.
Von ganzen Herzen danken wir dir
Für das große Geschenk des Heiligen Jahres.

Pius XII, 01

Sind schon gegen acht vor Chalon. Schauen nach vorne und fragen uns nicht, wie wir geschlafen haben. Denn bald kommen die Pedale dran; endlich beginnt unsere erste eigene Etappe. Haben ein halbes Jahr und 20 Tage darauf zu gearbeitet und mit Eifer darauf hin gefiebert.
Obwohl aufrecht stehend, bekommen wir bei der zügigen Durchfahrt von der Stadt so gut wie nichts mit. Nach Überbrücken der Saône schwenkt der Wagen in östliche Richtung und hält etwas außerhalb an einer riesigen Lagerhalle. Hier endet unsere LKW-Fahrt.
Wir wollen beim Abladen helfen; aber es sind schon Fachleute da mit ihren Transportkarren. Da bleibt uns nur, unsern beiden Fahrern mit einem Händedruck, dank zu sagen und uns zu verabschieden. Einer der französischen Helfer erklärt uns wie wir wieder auf die Nationalstraße in Richtung Lyon zurückfinden.

Die Ausläufer der Stadt dehnen sich auf der RN7 noch lange schnurgerade aus nach Süden hin. Wie wir auf einer  leichten Anhöhe wieder das Saônetal erblicken, halten wir erstmals an und werden uns einen Augenblick lang bewusst:
Erst jetzt beginnt die eigentliche Tour!

Bald bekommen wir zu spüren, daß wir schon ein paar Breitengrade gen Süden gefahren sind; kurz vor Mittag halten wir es auf dem heißen Belag der Route Nationale nicht mehr aus. Am Ufer der Saône, die hier schon circa 100 Meter breit ist, schlagen wir uns in die Schatten der Akazien.
Wegen der großen Hitze brechen wir erst gegen 17 Uhr auf, ziehen es vor, in die kühlere Nacht hinein zu fahren. Fühlen uns ja noch frisch, und der Autoverkehr auf dieser Nord-Süd-Achse lässt um diese Zeit schon deutlich nach. Wir haben in der Pause die Kraft getankt, zügig  vorwärts zu drängen.  So kommt es, daß wir gegen Mitternacht die riesige Großstadt Lyon am Westufer der Saône entlang glatt durchfahren und hinter den südlichen Vororten einen geeigneten Platz für unser erstes Nachtlager finden.

Der Tag war heiß, und selbst die Nacht ist noch sommerlich warm, wie manchmal daheim zur Kirmeszeit. Nicht nötig, das Zelt aufzubauen, breiten nur die Plane aus und schlafen auch so gut unter sternenklarem Himmel.

Was hatte euch beide nur gedrängt, am ersten Tage bereits  gute 150 km zu schaffen und dabei dieses wunderschöne Lyon, kaum bemerkt und ohne Aufenthalt zu durchfahren!
Rom war es noch nicht, ist ja noch weit; war´s die Sehnsucht nach dem blauen Meer, die euch weiter nach Süden trieb, und war auch in eurem jugendlichen Streben der Gedanke im Spiel, sich solche Sehenswürdigkeiten für eine Wiederkehr in einem spätere Leben aufzuheben?
In Sachen Lyon ist dies dir Jahre danach wirklich auf besondere Weise gelungen:
Eine langjährige Freundschaft mit dem Lyonaiser Ehepaar Cathy und Alain H. hat es ermöglicht, die fantastische Altstadt mit ihren faszinierenden Traboules, diese seltsam verwinkelten Gassen und Gebäude derart gründlich zu erfahren, wie es dem normalen Touristen auf bloßer Passage kaum gelingen mag. Dieses wunderbare Vieux Lyon, heute noch eine eigene, märchenhafte Welt; für die Resistance einst ein zentrales Aktionszentrum, ein sicher geglaubtes Versteck vor der mörderischen SS.
Unsere charmanten Gastgeber verschafften uns zudem einen unvergesslichen letzten Abend mit einer Schiffsfahrt durch das Lichtermeer der erleuchteten Stadt rechts und links von Rhône und Saône mit einem opulenten Abschiedsmahl auf dem freiem Deck unterm lyonaisem Sternenhimmel.

Freitag, 21.07. – Wir wollten nur nach Avignon

 Himmlicher Vater, der Du alles siehst
Und die Herzen der Menschen erforschst und lenkest,
öffne sie –  in dieser Zeit der Gnade und des Heils –
der Stimme Deines Sohnes

Pius XII, 02

Zweiter Tag und dann diese zweite Nacht! Mir hätte der Himmliche Vater viel früher das Herz öffnen müssen!
Den Sternen nach ist soeben Mitternacht vorbei. Wir beide, ausgebreitet auf bloßer Plane ohne Decke. Willi schläft; schläft fest und tief. Soll er auch.
Ich kann und darf es nicht; zu groß das Schuldgefühl im Bauch!

Mea culpa, mea maxima culpa!

Muß mir diesen Tag und diese Nacht erst durch den Kopf gehen lassen. Muß mich ändern.
Wo sind meine Vorsätze vom vorigen Mal geblieben! Kaum zwei Tag im Sattel und schon steckst du  mit deinem Streckemachen und Kilometerfressen in der gleichen Misere wie letztes Jahr.
Damals, hinter Besancon da hatte der andere Rudi deine Rennfahrerraserei satt und streikte; hier nun dasselbe wieder, nur mit dem Unterschied, daß der treue Willi dazu geschwiegen hat.

Also, mit dem Sonnenaufgang waren wir heute morgen auf den Beinen gewesen, hatten uns einen Bissen gegönnt und sind gleich aufgesessen. Wollten die Kühle des frühen Morgens nutzen, um Land zu gewinnen, möglichst heute noch bis Avignon und dann weiter, um so bald wie möglich das Meer zu erreichen!

Anfangs unterwegs, das Rhônetal bleibt auch noch lange hinter Lyon dicht besiedelt. Eine Ortschaft reiht sich an die andere; daher ist der Verkehr auf der RN7 immer noch recht lebhaft. Zeitweilig verläßt unsere Straße das Rhônetal und kürzt schnurgerade ab über ein weniger besiedeltes, etwas welliges Gelände. Kurz vor Valence sind wir dann wieder im Tal. Das ist inzwischen deutlich enger geworden. Auf der gegenüberliegenden Seite tritt das Gebirge der Cevennen mit steilem Abfall dicht an die Uferzone des Stroms heran.
Und dann gegen Mittag, die Sonne steht schon längst im Zenith, höchste Zeit, in der Nähe eines kleinen Ortes die Mittagspause einzulegen. Willi schafft es sogar mit trockenem Schwemmholz ein Feuer zu machen, kocht uns – ich weiß nicht wie er dies herzaubert – eine Erbsensuppe mit Seitenfleisch von daheim. Danach gönnen wir uns ein kühles Bad in der Rhône. Man spürt sofort, der Strom aus den Alpen, er kommt aus einem großen Alpengletscher. Selbst hier noch ist das Wasser sogar im Hochsommer kälter als unser Seffersbach im April. Beim Schwimmen spüren wir: Trotz langgezogenem, flach liegenden Flußbett hat er hier eine ziemliche Strömung.

Gut ausgeruht beginnen wir am späteren Nachmittag unsere zweite Schicht. Ein mittelstarker Nordwind bläst durchs Tag, den sie hier Mistral nennen und den wir im Rücken gut gebrauchen können.
An seinem Westrand wird die Nougatstadt Montelimar umfahren. Nach zwei weiteren Stunden halten wir in einem Städtchen für eine kurze Pause an, füllen am Brunnen unsern Wasservorrat auf und schicken von hier aus den ersten Kartengruß nach Hause. Im Laden spricht uns eine Frau auf saarländisch an; sie kommt aus Saarbrücken und ist hier her verheiratet.

Weiter geht´s, in den Abend hinein. Es wird dämmert bereits, wie wir Orange erreichen und glatt passieren. Hier also reifen schon die Orangen, und Avignon ist nicht mehr weit.

Der mediterrane Charakter dieser Landschaft zeigt sich nicht nur in der Vegetation, auffallend auch in der kaum beschreibaren Eigenart des Lichtes, besonders in dieser Tageszeit. Charakteristisch sind auch die provencalischen Haus- und Hofformen und, passend dazu, die dunkelhäutige Erscheinung der schon fast afrikanisch anmutenden Leute. Überwiegend dunkel gekleidet sind besonders die Frauen. Das Rhônetal wird wieder breiter; auch die Voralpen weichen immer weiter nach Osten zurück. In der bereits hereinbrechenden Dämmerung leuchtet in südöstzlicher Ferne ein großer, kuppelartiger kahler Gipfel mächtig aus den vorliegenden Hügeln und Bergen heraus. Das ist sicher der Mont Ventoux, den – nach der Kenntnis unserer Geraldy –  schon Petrarca bestiegen haben soll.

Bis dahin läuft alles wie geplant. Doch dann treffe ich, mehr von außen angestachelt als bewusst gewollt, eine fatale Entscheidung:

Die Nacht ist schon hereingebrochen, als wir von der finsteren Straße in die Vororte des erleuchteten Avignon einfahren; wohlgemerkt mit der festen Absicht, hier zu übernachten und den folgenden Tag zu verweilen, auszuspannen und uns in den Gemäuern der Stadt um den Palast der Gegenpäpste herum ins Hochmittelalter versetzen zu lassen.  –   Doch statt mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, mit den Avignoner Mädchen auf dem Pont d´Avignon tanzen zu können, muß mich im selben Augenblick der Teufel geritten haben:

Eingangs der Stadt werden wir von zwei Rennfahrern überholt. In der Frische der frühen Nacht packt mich der Ehrgeiz. Ohne auf Willi zu achten, hänge ich mich direkt an die beiden ran.

Meine Rücksichtlosigkeit sollte bald ihre traurigen Folgen zeigen. Ich hatte die beiden Rennfahrer tatsächlich eingeholt; doch als die mich auf gleicher Höhe bemerkten, zogen sie erst richtig an, und es begann eine Art Nachtrennen durch die leeren Straßen von Avignons Vororten. Mit den Tageskilometern in den Beinen und dem Gepäck im Rücken konnte ich nach guten zwei drei Kilometern deren Tempo nicht mehr mithalten und nahm erst wieder unser gewohntes Eigentempo wieder auf, ging aber gleich wieder, auf Willi wartend, zum Schritttempo über.

Aber Willi schließt so schnell nicht auf; ich steige ab, will zurückschauen und stelle jetzt erst fest, daß meine Verfolgungsfahrt uns inzwischen unbemerkt vom Stadtzentrum und damit von unserm Etappenziel in einen neuen, wahrscheinlich südlichen, kaum beleuchteten Außenbezirk weggeführt hat.      –      Ich warte und warte; aber Willi hat immer noch nicht aufgeschlossen.

Also fahre ein gutes Stück zurück einen Kilometer oder waren es zwei?  Auf einmal erkenne ich am Straßenrand eine Stelle, an der Willi eben noch neben mir war. Halte an, überlege! Kehre wieder um und entdecke bald einen Weg, der im spitzen Winkel von der Straße abzweigt, fahre hinein und finde Willi im Sattel sitzend, an die Mauer einer Toreinfahrt gelehnt in festem Schlaf.

Als wir langsam wieder Fahrt aufgenommen haben, schaut Willi nur kurz zu mir rüber, sagt aber kein Wort. Vor lauter Scham über meine Unfairness traue ich mich auch nicht, etwas zu sagen. Es gibt nur noch eines zu tun: sich für den Rest der verdorbenen Nacht nach einem Lager umzuschauen.
Und jetzt liegt er selig hier neben mir und kann  verdient weiter schlafen, bis die Sonne ihn weckt. Ich aber finde keine Ruhe mehr. Wie konnte ich so töricht sein, ihm meine Fahrweise aufzuzwingen, ihm dazu noch am späten Abend nach heißem Tag diesen Wettkampf aufzuhalsen!
Zugegeben, beide sind wir seit Monaten gut in Form, aber zumindest in einer Hinsicht unter ungleichen Bedingungen. Ich, der stolze Besitzer eines schnellen französischen Sportrads aus Aluminiumleichtbau und mit moderner Gangschaltung zu starten, unbedacht der Tatsache, daß es Willi mit seinem schweren Stahlroß, diesem alten Vorkriegsexemplar solider deutscher Wertarbeit ohne Gangschaltung ungleich schwerer hat. Zudem hat Willi  in seinen Satteltaschen noch schwereres Gepäck als ich: ein kleines Beil, eine kleine Bratpfanne einen mittelgroßen Aluminiumtopf und sogar eine Milchkanne.

Wenn wir gefrühstückt haben, werde ich für die kommende Zeit durchsetzen, täglich für jede neue Etappe die Fahrräder zu wechseln.

Es ist still um uns geworden, suche meine Gedanken zu sammeln, möchte vor dem Einschlafen noch an die daheim denken. Morgen ist ja Kirmessamstag; da werden zu Hause auch alle erschöpft sein, Mutter, die nicht nur das Haus geputzt hat, wenn die Gäste morgen kommen, Vater, der die Kaninchen frisch ausgemistet, den Hofraum gesäubert, gefegt und gekehrt hat. Mutter wird kaum Ruhe finden, die wieder nicht aufhören konnte, so viele Kuchen zu backen. Bei dem Gedanken an unsere lästige Merziger Verwandtschaft, die morgen auch wieder hauptsächlich wegen Mutters Kuchen antanzen wird, muß ich dann eingeschlafen sein.

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