2,11 – Auch wir in „Arkadien“: Roma Aeterna, wir kommen!

Allmächtiger, ewiger Gott.
„Gib Frieden, o Herr, in unsern Tagen“
Frieden den Seelen, Frieden den Familien,
Frieden dem Vaterland, Frieden unter den Völkern.
Pius XII 11

Ja, ja, Frieden allen Völkern, und den Menschen ein Wohlgefallen!
Welch frommer Wunsch!
Aber die Welt, die Welt ist schon wieder im Krieg!

Donnerstag, 27.07. – Durch die Riviera am Ligurischen Meer entlang
Sehr früher Aufbruch östlich von Ventimiglia, noch so gut wie nüchtern; kein Frühstück auf Beton!
Das also war unsere erste Nacht in Italien. Aber so trübe wie gestern schaut es heute Morgen nicht mehr aus. Neuer Mut!
Auch wir sind in Arkadien, sind also in jenem  Italien des sonnigen Südens, in das die Menschen aus dem Norden seit Jahrtausenden hinstreben.
Wer hätte gedacht, daß wir auf blankem Beton so gut geschlafen haben! Auch die trüben Gedanken von gestern Nacht haben sich beim Anblick der Morgensonne verflüchtigt. Willi scheint wieder gut gelaunt. So machen wir noch vor dem Start eine erste Bilanz.
Mit dem heutigen Tag sind wir schon in der 2. Woche. Mit der Strecke hatten wir uns etwas schwer getan, sind aber doch noch gut in der Zeit.
Die Räder wieder in Ordnung. Auch der Körper macht bei uns beiden gut mit, hat bis jetzt Hitze und Anstrengung gut weg gesteckt. Längst haben sich die Arschbacken an das lange Sattelsitzen gewöhnt.
Willi hatte schon nach Saint Clair nicht mehr gewollt, daß wir täglich die Räder wechseln. Er meinte, er käme mit meinem Rad nicht gut zurecht, vor allem mit der Gangschaltung; auch der Sattel sei viel schmaler und härter als seiner.
Einverstanden, der Karte nach geht es jetzt nur noch flach an der Küste entlang, im Übergang von der französischen RN zur italienischen SS, der Route Nationale zur Strada Statale. Von der Grenze weg, ziemlich breit und sehr gut in Schuß, wird sie uns zunächst nach San Remo und schließlich bis nach Rom führen. Sie wird bereits seit Caesars Zeiten Via Aurelia genannt.

Die Aurelische Straße ist bedeutend älter als Caesar. Eigentlich seid ihr schon seit Marseille auf dieser ältesten Überlandstraße Europas, die nach Gaius Aurelius benannt ist, der ihren Bau bereits 241 vor Christus als römischer Censor in Auftrag gab. Heute ist es innerhalb der Grenze Italiens die SS1, also die Staatsstraße Nummer 1.

Auch hier nur blauer Himmel; schon über eine Woche nur Sonne, ab und zu mal ein Wölkchen!
Alsoù foahre ma los, äan d´Zitoùnenitalien!
Lejwer doch äan d´ Spagettiitalien!
-Spagetti oder Zitroùnen, mir kommen!
-Jedefalls kenne mir dann och sengen:
 „Kennschd  Dau dat Land, wùo dej Zitroùnen blejhn!“

Kaum im Sattel streifen wir auf leicht ansteigender Straße als nächstes die kleine Stadt Bordighera, die, von oben gesehen, sich auf einem weit gefächerten Schuttkegel zum Meer hin neigt. Und schon liegt San Remo als nächstes vor uns; in der Strandpromenade kommt die Stadt uns wie Klein-Nizza vor. Wollten uns hier ein bezahltes Frühstück gönnen; erscheint uns aber zu vornehm. Ausgangs der Stadt finden wir einen Platz für eine kleine Rast für ein Restefrühstück. Wenn auch nicht ganz so mondän wie San Remo, so erscheint auch Alassio als eine typische Touristenstadt.
So gesehen unterscheidet sich die bisher erkundete ligurische Rivieralandschaft nicht nur von seiner natürlichen, sondern auch kulturellen Gestalt her kaum von der französischen.  Auch hier alt gestanden charakteristische Ortschaften, ockerfarbige Steinhäuser teilweise mit leuchtenden Farben angestrichen, in der Sonne grell strahlend.
Und obwohl auch das südliche Klima uns hier in gleichem Maße zu schaffen macht, haben wir das Gefühl, als ob es auf dieser strada statale, schneller vorwärts ginge als auf der Küsten-RN in Frankreich.

Noch vor Mittag erreichen wir gleich hinter Alassio das Städtchen Albenga, deutlich zweigeteilt in Neu- und  Altstadt. Die untere, die Neustadt, L´ Albenga di sotto, ist dabei, sich auf einem weitgefächerten  Schwemmlandkegel gleich über dem Meer auszubreiten. Es scheint fruchtbarer Boden zu sein und genügend feucht; an den Stadträndern sehen wir ausgedehnte Obstplantagen.
Was uns aber trotz Mittagshitze zu einem Besuch der höher gelegenen Altstadt anlockt, ist ein vielversprechender Eindruck aus der Ferne.
Im Gegensatz zu den vornehmen Häuserfronten von Alassio fühlen wir uns hinter diesen Mauern ins Altertum und ins tiefste Mittelalter versetzt. Man spürt auf jeden Schritt und Tritt kulturell hochwertige Spuren einer glorreichen Vergangenheit.
Als erstes auffallend, die schon von weitem grüßenden, seltsam und eigentümlich hoch herausragenden Türme. Wir schlendern schiebend durch enge Gassen, deren dunkle Schatten in der Mittagshitze unsere angeschwitzte Haut regelrecht frösteln lassen. Alle paar hundert Meter ragt wieder einer dieser roten Türme so unvermittelt aus dem altehrwürdigen Häusergewirr hervor. Was uns so wundert, jeder steht für sich allein, scheint weder zu einer bestimmten Kirche oder Burg zu gehören.

Die beiden Abenteurer stehen erstmals vor einer Serie sogenannter ´Geschlechtertürme`, welche nicht nur typisch für diese Stadt sind, sondern für viele mittelalterlichen Städte in  ganz Norditalien. Was ihre Geschichte betrifft, könnte man mit Fallada sagen: Jeder steht und stirbt für sich alleine! Was sie vor sieben-, achthundert Jahren so prächtig hat entstehen lassen, das war der private Ehrgeiz und Stolz ihrer Erbauer,  der eine höher und prächtiger als der andere, nur allein, um in diesem verrückbaren Symbol der ganzen bürgerlichen Welt zu zeigen, welche der wohlhabenden Familien dieser Stadt mehr angesehen und reicher als alle andere sei. Wenn zwei Liebende wie Romeo und Julia schließlich im Suizid enden, dann hat solch Drama ursächlich etwas mit dem in den Geschlechtertürmen erkennbaren Ehrgeiz einander um die städtische Vorherrschaft konkurrierenden Patrizierfamilien zu tun.

Ovo e latte, prego, wie Willi vergeblich auf Italienisch Milch kaufen wollte 
Gleich wieder hinaus aus diesem ehrwürdigen Albenga mit seinem Glanz aus der Zeit des Imperium Romanum und erst recht seiner Prosperität im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.
Wir wollten eigentlich hier Mittag machen, sind aber doch wieder aufgestiegen. Jetzt aber, keinen Schritt weiter! Draußen ist es immer noch heiß; und es wird Zeit, unter zu kommen. In einem schattigen Pinienwäldchen, auf einer sanften Höhe, lagern wir, nehmen erst einen Schluck und strecken als erstes nur die Beine aus.
Und dann passiert dies:
Willi schlägt das Wörterbuch auf, sucht ein zwei Wörter, klappt es wieder zu, schnappt sich die Milchkanne und eilt weg, auf einen nahe gelegenen Bauernhof zu.
Wie vorher abgesprochen, hatten wir beide uns bis jetzt gut gegenseitig ergänzt; Willi zuständig für das leibliche Wohl und die haushalterischen Dinge, ich für Organisation, und Außenkontakte. Hier in Italien will er also in Sachen Kontakte einmal selbst initiativ werden. Ich schaue ihm nach, muß aber eine gute Weile auf seine Rückkehr warten.

Willi kommt unverrichteter Dinge wieder zurück, mit einer leeren Kanne und einem betrübten Gesicht.
– Dau seischd betrebbst aus; hot ed net geklappd?
– De räänschde Schneidergang, un noch Huddel dezoù!

Er hatte im Hof zu der Bauersfrau: „ovo e latte, prego“ gesagt, also etwa „Eier und Milch, bitte“. Aber da sei der Bauer gekommen, der wäre arg böse geworden und habe ihn beschimpft und bedroht, sich quer vor ihn gestellt und energisch fortgejagt.
Nach diesem mißglückten Ausfallversuch meinte Willi, wir sollten bei der alten Einteilung bleiben. Aber es stellen sich neue Probleme ein. Ab jetzt werden wir beide, wie sich soeben gezeigt hat, größere Schwierigkeiten mit der Verständigung haben. Mit den neuen Geldscheinen in Lira werden wir wohl zurecht kommen. Der Umrechnungskurs scheint etwas günstig zu sein. Brot scheint billiger als bei uns und in Frankreich; es kostet um die 40 Lire; das sind etwa 200 frs.
-Fier watt Ääjer un Mellich? Wat wollschdau dann koochen?
-Ma eich hot moa Loschd off Pannekoochen.
-Awer dödefier heedschd dau doch vill Zeit nejdisch gehott?
-Ed äas joo noch frejh äam Daach!
-Awer mir hun doch noch ebbes ze Äaßen.

Willis vergeblich aufgesuchte Farm

Es gibt ein Stück frommaggi mit einem Ende vom  pane, dazu kühles Brunnenwasser und ein Schluck vino rosso aus dem neu erstandenen korsischen Lederbeutel, unsere jüngste Errungenschaft.
Längere Ruhe, innere Beruhigung, weniger Hitze. Am frühen Abend geht´s auf nach Genua oder wenigstens bis kurz davor!
Auch hier an der ligurischen Küste, ebenfalls eingeschnürt von den Bergen und dem Meer, reiht sich ein Ort an den andern, und auch hier begleitet uns schon seit der Grenze direkt neben der Straße der Schienendamm der Eisenbahn. Das, was auf der französischen Seite das Massif des Maures und danach das Esterel ausmacht, dieser zum Meer abfallende Bergrücken erstreckt sich auch hier konsequent in der Hauptachse paralllel zur Küste und nennt sich laut Karte Le Alpi Maritime, also die Meeralpen. Sommergegend auch hier, dichte Besiedlung, ein Ort schöner als der andere.
Gleich hinter dem Ort Finale Ligure, was das Ende von Ligurien bedeutet. Doch die Provinz setzt sich als Liguria weiter nach Osten fort. Es rücken diese Alpi wieder so dicht an die ewig langen, fast weiß glänzenden Sandstrände heran, daß es erstaunlich erscheint, wie die Römer bereits vor über 2000 Jahren hier eine solche Straße ausbauen konnten, stellenweise nur ein halber Steinwurf zwischen Strand zum Alpensteilhang.

Etwa auf halber Strecke die größere Stadt Savona. Sie konnte sich ziemlich weit ins Landesinnere ausdehnen, weil in dieser Bucht sich die Berge merklich zurück gezogen haben. Was den Namen Savona betrifft, so schließe ich vom Französichen Wort le savon her auf die Stadt der Seife, wie das Marseille ja auch ist; aber das Wörterbuch sagt: Seife heißt auf italienisch: sapone. Die wirtschaftliche und historische Bedeutung hat Savona eher von seinen ausgedehnten Hafenanlagen her. Und im bergischen Hintergrund wird es stolz überragt von einer mächtigen Festung.

Wir nähern uns dem Scheitel des großen Meeresbogen, den aufmerksame Geographieschüler als Golf von Genua (Golfo di Génova) kennen. Der abendliche Verkehr hat mächtig zugenommen. Feierabend in den Kleinbetrieben, Fischervierteln, Hotels und Touristenbüros. Man sieht, Italien ist auch ein Veloland.
Neben den vielen Fahrrädern fällt uns ein neuer, nie gesehener Typ von kleinen Motorrad auf. Der ist auch der Aufmerksamkeit von Willi nicht entgangen:
-Häschdau dau och dej komisch klään Modorreeder gesejhn?
-Nadierlich hun eich dej gesejhn, dej sejhn joo drollisch aus!
-Dej säan soù niedlich; faschd wej e Käannerspillzeich.
-Un ma setzt droff wej off ´nem Stoahl.

Besonders im Verkehrsgewirr der Genueser Vorstadtzone fällt uns dieses eigenartige Fahrzeug, auf denen die Fahrer bequem wie auf einem Stuhl sitzen, wiederholt ins Auge.

Genua, neben Toulon und besonders Marseille die dritte mächtige Hafenstadt der Riviera. Aus dem Unterricht bekannt, einiges über dessen eigene stolze Geschichte! Was die Ausdehnung ihres Herrschafts- und Handelsbereichs betrifft, so stehen die Genuesen im ausgehenden Mittelalter den Venezianern nicht nach.
Die ehrwürdige Altstadt ist nur schwer zu durchfahren auf Grund riesiger, ungleich kantig hochstehender Pflastersteine, so ruppelig, als seien sie noch von den alten Römern verlegt. Sie machen das Fahren so unbequem wie bei uns zu Hause der Ackerweg in den Schaachen.
Deshalb sind wir froh, als uns ausgangs die Strada Nr. 1 wieder aufnimmt. Aber nach einem solchen Tag und zuletzt noch nach diesem Pflaster haben wir an diesem späten Abend sogleich hinter der Stadt die Ruhe gesucht. Und als wir endlich einsam untergekommen sind, da muß das genuesische Pflaster meinen Gedankensalat derart durchgeschüttelt haben, daß mir skurril zu träumen begann.

grenzenlos glücklich geträumt:
gegen genuas gestade glänzende gewalt gesträubt
gen Genovevas  Gemach gestrebt.

gefährt
gut geflickt, glänzend geputzt,
gepäck, getränk, gemüt
gänzlich gepackt,
göttlicher gnade gewiß,
gestirngeleitet gen genua
gestartet.

genieße
gegend gen gegend,
gelegentlich glasklare gewässer,

gewinne
gebirgsketten,
gar gangbares gelände,

gewahre
goldleuchtende gebüsche,
großartiges gemäuer
grüngglitzernde gärten,

gebe
glückserfüllendem
geflügelgezwitscher,
gebührliches gehör.

gewähre gegengehenden  genossen
gern gefällige grüße,
gebe gegengrüßenden genehmes,
gern geschenktes gunstbezeugen
gewähre gefährten  gute geselligkeit.

gelange glücklich
goldschimmerndes golfgestade grüßend
gen genuas grandioses gemäuer:
globig gepflasterte gassen,
geschäftiges geschiebe,
geselliges gedränge.

gelange gegen gewaltsame gegenwehr
gen genovevas geheime gemächer

gewahre gerührt
genovevas
graziöse gestalt

grüße gefällig,
günstige gegengrüße;
gewinne gehör,
gar geteilte gefühle,
genieße gemeinsamer
gegenliebe
geträumtes glück

r.e.

Zu Kapitel 2,12: An der Riviera di Levante nach Pisa

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