2,1 – Zwischen Klosets und Spülsteinen…

Mittwoch, den 19. Juli 1950     –      Bleiw off´m Teppich

Weil  vill ze weit de ganze Weh,
dejn mir zedrejschd e bessi bosseln,
foahrn dej ejschd Etapp per LKW,
zweschen  Klosets un Spejlschosseln
uawen off´m Woan vu V un B

3 Uhr 15 in  der Nacht
Noch keine fünf Minuten auf der Ecke an der Germania gewartet, da kommt Willi auch schon von der Brecker Baach herüber. Ein Händedruck, ein kurzer Blick, und es geht los!
Gute zehn Minuten bis Merzig und kurze Zeit später werden wir mit unsern Rädern oben auf dem grauen Fernlastzug von Villeroy&Boch sein. Zwischen Einfahren in die Kreisstadt und Ankunft auf dem Werksgelände  kommen  die ersten Worte:
-Wat hotten dein Leit dann gesoad haut morjen?
-Oh, de Mamm hot äan´d Weihwaasserdöppchin getonkd un mir de Sejen gäan, de Gruuß hot gekresch, un de Papp hot noch häannerher geroof: „Maach ed goatd Grußen!“
-Meiner Mamm saän och de Dreenen komm, un häannerher hot sei off hochdeitsch gesoad:
„Sei stets zuvorkommend, tue recht und  scheue niemand!“

Der Lastwagen steht vor der Versandhalle,ist beladen und der Motor läuft.
Sie haben uns großzügig eine Ecke direkt hinter dem Führerhaus freigelassen, windgeschützt. Ansonsten ist der ganze Wagen mit der Ware vom Feuerton, mit Spülsteinen und Klosets dicht verstaut.
Sie, das sind unsere beiden Fahrer, ein strammer Kerl Mitte vierzig, der Otto genannt werden will und ein Harr Ospelt, der von Hargarten kommt.
Der meint, es habe sich in der Belegschaft rund gesprochen, da wären zwei Brotdorfer Burschen, die wollen mit dem Fahrrad nach Rom!
Dann sagt der andere noch, sie nehmen uns gerne mit, und, wenn nix passiert, fahren wir heute durch bis Châlon sur Saône.
Abfahrt unter den hoch stehenden Scheinwerfern und tiefen Schatten der Fabrikschornsteine. An Sankt Peter vorbei durch die leeren Straßen, dann schon gleich über die Saarbrücke. Nachdenklich der Blick von oben im Halbdunkel hinunter zu den blassen Lichtflecken auf dem Wasser.

Einfahrt in den Handballort Hilbringen   –   Nachdenken über den Abschied, stumm, halb liegend, halb sitzend im kühlen Fahrtwind in den bald heraufdämmernden frühen Tag.
Etwas Wehmut im Bauch, wegen Mutters Tränen und ihrer Sorgen, die mich wohl die ganze Fahrt begleiten wollen. Als ich das Rad aus dem Schuppen holte, saß Tasso davor und schaute fragend zu mir hoch. Schon in der Nacht hatte er  angeschlagen.

Und dann Mutter! Es hatte weh getan, wie ich sie wegen mir so weinen sah und mir dabei, wie letztes Jahr, ihre Kette mit dem Rubinkreuz um den Hals legte.
Wie ich endlich aufs Rad stieg und lostrat, ist Tasso an mir vorbei voraus gelaufen. Musste anhalten und ihn regelrecht festhalten; Vater kam hinterher, um ihn zurückzuholen.

Ach ja Vater! Als er den widersträubenden Tasso gefasst hatte, hob er den linken Arm und rief mir nach:
– Paß goad off deich off un bleif off´m Teppich!

Bald hinter Hilbringen geht´s über die Grenze.
Letzen Sommer passierten Rudi Kammer und ich sie in Saargemünd. Willi ist zum ersten Mal vor der Grenze zu Frankreich; war vorher mal in Luxemburg mit der Katholischen Jugend.
Ein Blick zurück, wo hinter der Höhe vom Gipsberg das Morgengrauen sich über dem Merziger Becken schon andeutet. Die Grenze wird leicht passiert, man kennt die Fahrer von V&B bereits. Die Zöllner schauen nicht mal hinten auf die Ladung. Wir hätten uns nicht zu ducken brauchen, stecken die Ausweise wieder weg.

Die Konturen des welligen Lothringischen Stufenlandes werden deutlicher, wenig bewohnte Gegend. Wir beide haben zwar kaum geschlafen, sind dennoch nicht müde, aber noch angegriffen und haben wenig Blick für diese Morgenlandschaft, die über den Auspuffqualm hinweg mit er schwindenden Dämmerung immer mehr plastische Gestalt annimmt.

Minuten später die erste französische Stadt, Thionville; daheim heißt sie Diedenhofen. Im Nu durchsausen wir auf leerer Straße der Mosel entlang das schlafende Städtchen.
Eine knappe Stunde später, es ist inzwischen hell geworden, fahren wir in Metz ein. Hier kreuzt sich unsere Route mit der vom letzten Jahr, als der andere Rudi und ich die erhabene Kathedrale besuchten. Diesmal halten wir am Bahnhof vor einem Bistro zum ersten französischen Frühstück unserer beiden Fahrer.
Herrn Ottos erste Worte:
– Eich kann, wenn eich off Foahrd moß, so frej dahaam noch neischd ronner brengen.

Man spendiert uns einen café au lait und einen croissant; für Willi ist es der erste. Er meint hinterher:
–  Dat Zeich schmackd goad, woar awer nur e Moffel.

Wir teilen uns anschließend das erste Butterbrot aus unserm Proviantsack.
Weiter geht´s Richtung Nancy. Aber kurz hinter Pont-à-Mousson verlassen wir das Tal der oberen Mosel, umgehen daher Nancy in südwestlicher Richtung direkt auf die Stadt Toul zu.Bei Langres, einem schönen, mittelalterlichen Städtchen, steht hoch oben auf der Hochfläche, die nach der Stadt benannt ist, ein stolze Festung. In der Nähe gönnen sich unsere beiden Fahrer einen kurzen Schlaf, und gegen 17 Uhr setzt sich der Lastzug wieder in Bewegung.

Dijon, die mir nun schon bekannte Hauptstadt von Burgund, wird ohne längerten Aufenthalt passiert. Viel Verkehr im Zentrum; aber der Mann am Steuer kennt sich aus, hat wohl die Strecke öfters auf dem Plan. Dennoch muß mehrfach angehalten werden; die für unsere Fahrer ärgerlichen Unterbrechungen sind uns willkommen, können wir doch wenigsten flüchtige Blicke nach rechts und links werfen, auf die schmucken Häuser, Paläste und Kirchen, deren helle Kalksteinfassaden in der Abendsonne wie golden leuchten.
Wir sind längst aufgestanden, stützen uns aufs Dach des Führerhauses, und im Vorbeirauschen wie beim Anhalten zeige ich Willi, quasi von oben, was ich von dem, was wir passieren, schon kenne. Bin stolz, Willi mein Wissen mitzuteilen, von einer Stadt, deren Namen er lediglich von der in jedem Haushalt vorhandenen Senfdose kennt.
Ausgangs der Stadt bleiben wir weiter auf der Strecke direkt nach Süden.

Und dann ist es passiert!

Ein Reifendefekt hindert uns, nur 18 km vor Châlons daran, unser Ziel heute noch zu erreichen. Wir verbringen die Nacht auf dem offenen Wagen. Die während der Nacht vorbeibrausenden Lastwagen können meinen Schlaf nicht stören. Das wird Willi, der offenbar weniger gut geschlafen hat, erst tun wollen, wenn die Sonne durch die Öffnung des Halbverdecks schaut.
Meine Gedanken überfliegen die erste, vom Vater geschenkte Etappe:
Was haben wir zurückgelassen, was haben wir vor uns?

Den ersten Tag hinter uns, die erste Nacht vor uns; daheim unsere Leute, hier unsere Freundschaft.  – Die Sache mit Willi, die währt schon seit den Tagen des Kindergartens und danach hat Vieles uns viel zusammen geführt.
Eigenartig, aber nie haben wir einen ganzen Tag und eine ganze Nacht zusammen verbracht, und das auf dem Ladekasten eines Lastkraftwagens!

Sind jetzt schon gleich tief in Frankreich angekommen; aber wie! Sind unter ständigem Dieselgeknatter und Auspuffqualm durch die Gegenden und Ortschaften gesaust.
Eigenartig, vergangenes Jahr haben wir bis Dijon eine Woche gebraucht; heute sind wir an einem Tag schon fast 100 km weiter.

Zu Kapitel 2,2: Mir stejhn vier´m Tor zum Süden

 

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