2, 16 Der Via Appia entgegen, erster Tagesteil

Gott aller Tröstungen,
Unserer Unwürdigkeit bewusst,
legen wir kindlichen  Sinnes
unser Geschick in Deine Hände
Und vereinen unsere schwachen Gebete
mit der Fürbitte und den Verdiensten
der allheiligsten Jungfrau Maria und aller Heiligen
Pius XII, 15.

Ein Stoßgebet zum Himmel,
des Trostes
für das Leid am Abend,
des Dankens
für die Freude am Morgen
rue

30.07. Sonntag, 1. Tagesteil: Mit zerbrochener Halskette auf Ortebello zu

Frühes Erwachen aus unruhigem Schlaf am einsamen Strand im Golf von Talamone, etwas nördlich von Fonteblanda.
Hinter dem Appennin ist die Sonne noch nicht auf. Willi schläft noch. Das Malheur mit Mutters Halskette beunruhigt mich. Im Laufe des Tages müssen wir einen Goldschmied  finden!
Jetzt erst am frühen Morgen, da es schon hell ist, kann man genauer sehen, wo wir gestern Abend spät gelandet sind. Wir haben einen sauberen Strand erwischt in einer sichelartig weit geschwungenen Bucht. Zu meiner Linken ein zwei-, dreihundert Meter entfernt auf einer Terrasse hinter dem Strand etwas erhöht der Ort Fonteblanda am Fuß der auslaufenden Hügel des Appennin. Aus der Ferne gesehen mit insgesamt stattlichen Häuser, die selbst von weitem auf einen antiken oder mittelalterlichen Ursprung hindeuten. Dem Wörterbuch nach heißt der Name gelinde Quelle; vielleicht verdankt die Siedlung ihre Entstehung einer dort am Fuße der Hügelkette entdeckten Heilquelle.
Rechterhand, den Strand entlang, seh ich an deren Westzipfel auf felsiger Anhöhe einen weiteren Ort, der Karte nach Talamone, der selbst aus der Ferne einen ebenfalls interessanten Anblick bietet, vor allem durch eine, alles überragende Burg, ein Anblick also, der zum Besuch einläd.
Mich hält es dagegen nichts mehr auf der Decke, muß auf die Beine, muß was tun, mich bewegen, mich von meinen augenblicklichen Sorgen ablenken. So empfinde ich Lust, den  Strand entlang, dort zu dieser Burg hin zu laufen.

Wie wunderschön alles hier ist!
Ich komme nach einem Kilometer so nahe heran, daß sie sich mir, so direkt hoch über dem Ort Talamone in ihrer ganzen Erhabenheit präsentiert.
Ein streng massiver Koloss, der scheinbar nur aus nebeneinander gesetzten vierkantigen Türmen besteht, ohne äußere Gliederung, ohne sichtbare Tore, Fensternischen oder andere Öffnungen. Wenngleich viel größer und mächtiger, aber von der Bauweise etwa mit der Montclair vergleichbar.

Wie ich von der Trutzburg zurückkomme,  ist Willi schon längst auf und hat eine Milch mit Honig  angemacht. Beim Frühstück besprechen wir kurz die Tagesroute.
Wie weit wir auch heute kommen; als erstes muß  in der nächsten Stadt nach einem Uhrmacher oder Goldschmied geschaut werden. Hoffentlich schon in Ortobello.

Der Ort Fonteblenda ist im Nu passiert; die Aurelia führt weiter am Strand entlang. Ein kurzes Stück nach Süden, und am Ende unserer Bucht taucht in der Ferne ein paar Kilometer von der Küste weg eine kleine Insel auf. Es ist ein richtiges Eiland mit fast kreisrunder Gestalt und felsig aufragendem Gesamtrelief, auf der Karte Monte Argentario genannt. Wo aber ist diese Stadt Ortebella, welche  die Karte  in dieser Gegend auch ansagt?
Wir radeln weiter, bis wir auf gleicher Höhe mit der eigenartigen Insel sind. Wir erkennen wir, daß diese, hoch aus dem Meer herausragende Insel, fast dem Mont Saint Michel gleich, durch drei, wahrscheinlich künstlich aufgeworfene Dämme mit dem Festland verbunden ist, sodaß sich zwischen den Dämmen zwei Lagunen mit seichterem Wasser gebildet haben.
Das nächste, was zwischen Insel und Küste auffällt; inmitten der unteren Lagune steht ein alter Rundturm, der nur noch halb aus dem Wasser herausragt; dem Anschein nach, eine alte, inzwischen aufgelassene Windmühle ohne Flügel, wahrscheinlich aus der Zeit, als hier noch trockener Landboden war.

Was mich aber in erster Linie, also dringend, interessiert; am Anfang der Fahrstraße, die auf dem mittleren, wesentlich breiteren Damm nach diesem Monte Argentario abzweigt, ist zu lesen: Ortebello, 4 km!

Der Name klingt schon mal gut; er könnte, vom Lateinischen her abgeleitet, etwas mit `schönem Garten´ zu tun haben. Jedenfalls wird diese Stadt unser erstes Tagesziel sein. Also biegen wir nach rechts ab, auf nach Monte Argentario, auf nach Ortebello!

„Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit
auch schwankend gesinnt ist,
der vermehret das Übel
und breitet es weiter und weiter;
aber wer fest auf dem Sinne beharrt,
der bildet die Welt sich“
(Goethe.: Hermann und Dorothea)

So verlockend  schön wohl der klingende  Name; doch, was uns dorthin bewegt, ist einzig die Hoffnung: Werden wir in diesem Ortebello, Mutters Kette repariert bekommen?
Die Stadt hat etwa die Größe von Merzig; und da es in Merzig sowohl Uhrmacher wie Juweliers gibt, hoffen wir mit zaghafter Zuversicht, hier nicht nur schöne Gärten, sondern auch die gewünschte Hilfe zu finden.
Wir fahren langsam ein, entdecken Spuren mittelalterlicher Grundmauern und Festungsanlagen, gelangen recht bald in den historischen Kern, schön alles; aber für mich ist darunter noch nicht das gesuchte Objekt.
Im Straßenbild zeigt sich, daß viele Leute auffallend gut gekleidet sind. Und da sie alle in Richtung Glockengeläut wandeln, könnte es sich um eine Beerdigung, eine Hochzeit, oder ganz einfach nur um den sonntäglichen Gang zur Messe handeln.
Wir schwenken von der zentralen Hauptstraße ab in eine der schmalen Seitengassen. Längst sind wir abgestiegen, schauen beim Durchgehen rechts und links in die Läden und Werkstätten, die sich hier zahlreich aneinander reihen. Dann par terre ein kleines Schaufenster, dahinter ein kleiner Laden, an den  Auslagen erkennbar: ein Uhrmacher!

Wir  lehnen die Räder an die Hausmauer und treten beide ein. Der Laden klein, aber selbst schon ein Juwel.
Drinnen tausend tickende Uhren an den Wänden im ständigen Konzert. Hinter einer kleinen Theke ein junges Mädchen kaum 14 oder 15, noch nicht erwachsen, aber von faszinierend südländisch rassischer Gestalt.
Ich zeige die zerbrochene Halskette und will auf französisch nachfragen. Sie aber dreht sich gleich um und ruft nach hinten:
„Julia!“

Ein weiteres Mädchen erscheint, etwas älter, genau so schön, offensichtlich die Schwester, von gleicher, ja noch faszinierenderen Erscheinung.
>Vous désirez, Monsieur?<

Mit diesen Worten lächelt uns verführerisch freundlich ein ideal oval gestaltetes  Gesicht entgegen, eingerahmt mit langem  schwarzen Haar, bis über die Schultern fallend, schwarz auch die Augen und Brauen, der Mund ungeschminkt in blassem Rot; der Körper, ebenfalls ganz in schwarz, mit schmalem Rock und enganliegendem Pullover ohne Hemd.
Ihr Französisch, zwar nicht fließend, aber gut verständlich. Sie nimmt die Kette sanft in ihre Hände und  geht damit nach hinten.
Von dort hören wir ein murmelndes Zwiegespräch; dann eine ganze Weile Stille.
Dann erscheint das zweite Mädchen wieder und mit ihr ein alter Mann mit einem sehr freundlichen Lächeln, und in den, sicher sehr ruhigen Händen hält er eine Schachtel aus Pappe, innen mit einem blauen Samt gepolstert und darin Mutters wieder hergestellte Kette.
Was für eine Situation, was für eine Erleichterung und was für Menschen!
Denn, wie wir bezahlen wollen, spricht der alte Uhrmacher ein paar Worte, die sehr herzlich klingen und von Tochter Julia übersetzt werden:
„Dies sei wohl beleidigend für mich, ein Entgelt verlangen zu wollen; zudem war es für mich kein Problem; aber für einen alten Mann wie mich, der fast nur noch mit Schwungfedern und Unruhen zu tun hat;  war es an einer solch schönen Kette dennoch eine große Arbeit!“ Und dann fügt Julia noch hinzu; Vaters Entgelt sei die ihm bereitete Freude, ein solch edles Geschmeide in den Händen zu halten!

Und wie dann der Alte mir die Schatulle nebst Kette zurückgibt, jegliche Bezahlung abschlägt, sich bekreuzigt und dabei unsere stolze Pilgerfahrt ins nahe Rom, von der wir zuvor erzählt hatten, so tüchtig lobt, da bleibt uns nur noch, dankend zuzunicken.
Im Rausgehen sage ich dann noch, daß wir den Heiligen Vater von ihnen grüßen werden.
„Nous allons prier à Seint Pierre et saluer le Pape pour vous tous!“

Glücklich aus dem Laden, noch ein Wink zurück zum besten Uhrmacher Italiens, dem lieben Vater, zu den schönen Töchtern und den tausend tickenden Uhren!
Draußen, dann noch ein Blick hinauf zum Himmel!  – Mutter, ich werde ab jetzt besser aufpassen!

Hinaus aus der Stadt, vorbei am Duomo, wo inzwischen  das Hochamt zu Ende gegangen ist und wir in der Bedrängnis unsere Sonntagspflicht versäumt haben. Verlockend das idyllische Bild, das sich hier auf der Piazza del Duomo uns bietet, wo die dunkel gekleideten Menschen sich plaudernd versammelt haben oder vor einem der kleinen Lokale vorm Mittag auf Strohstühlen sitzen, einen aperitivo zu nehmen.

Was also treibt uns an allem vorüber, so eilig  aus dieser Stadt heraus?

Wir beide, wir sind doch seit kurzem von aller Sorge erleichtert, sind wieder heiter und hätten es wohl verdient, uns einen zu genehmigen. zudem steht die Sonne schon fast im Zenit!

Unsere Beine strampeln einfach weiter, wollen vor der großen Mittagspause noch ein wenig Strecke machen; unser Kopf weiß nicht, was er will;  sagt, der schönen Orte werden noch etliche folgen, und dieser Monte Argentario, was wahrscheinlich Silberberg heißen soll, und diese freundliche Stadt Orbetello, beide hätten noch mehr Aufmerksamkeit  verdient! Aber, wie gesagt, die Muskeln wollen dem Gemüt keinen weiteren Aufenthalt mehr gönnen. So finden wir durch die Tore, über den Damm, über diese seltsame Insellage hinweg wieder zurück, und nach der Abzweigung geht´s in direkter Richtung auf der Strada Statale 1 nach Süden weiter.

Zu Kapitel 2, 17:  Am MARE TIRRENO entlang auf Rom zu

 

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