2, 17 – Am MARE TIRRENO entlang auf Rom zu

Gott aller Tröstungen,
Schenke  den Kranken Ergebenheit und Genesung,
der männliche Jugend Glaubenskraft,
der weiblichen Herzensreinheit,
den Vätern blühende und tugendhafte Familien.
Pius XII, 17

30.07. Sonntag, 2. Tagesteil: Wie wir dem lieben Gott in Montalto begegnen

Wir sind also, im eigenen Widerstreben, wer weiß warum, tatsächlich ohne weiteren Aufenthalt und ohne Pause von Ortebello wieder zur Via Aurelia losgefahren. Ungefähr auf dieser inzwischen erreichten geographischen Breite, geht das nördliche MAR LIGURE in das MARE TIRRENO über.
Auch hier, an den Stränden des Tyrrhenischen Meeres entlang, kommen wir weiterhin auf ebenem Gelände trotz der Mittagshitze zügig voran. Doch wie uns dann bei dem Dörfchen La Torba die Aurelia wieder von der leichten Meeresbrise weg landeinwärts führt, treten unsere Beine doch schwerer in die Pedale; sie quälen sich von einem Kilometer zum nächsten und wollen schließlich nicht mehr.
Auf einer Anhöhe des appenniner Vorgebirges winkt ein bizarres Bergdorf. Da die Mittagshitze uns immer mehr zusetzt und die letzten Kräfte fordert, sehen wir endlich ein, wie sehr wir eine längere Pause benötigen. Also biegen wir von unserer vertrauten Aurelia kurz ab und streben den kühlen Schatten des nahen Ortes entgegen. Als ob wir bereits ahnten, daß uns dort oben etwas Besonderes erwartet, schieben wir die Räder mühsam die letzten Biegungen des steilen Hangs hinauf.

Vor dem hohen, halb zerfallenen Eingangstor der alten Stadtmauer ein Ortsschild. Demnach führt uns der liebe Gott also mal wieder in ein Bergnest, dies heißt hier zu recht Montalto„, hoher Berg! In den engen, einsamen Gassen zwischen hohen Mauern, zieht eine schattige, wohlhabende Kühle durch. Aber auf allen Wegen, in allen Häusern, überall unheimliche Stille:

schritt für schritt
hoher mittag
im tiefstem süden
atmosphärisch, bewegungslos
scheinbar alles tot
die sonne senkrecht, grell
der schatten schlagartig schwer und schwarz
high noon!

kein lärm, kein laut
kein Mensch zu sehn, kein Vogel singt
nur die zikaden grächzen
nichts ist tot
nur in siesta?

High noon!   –  Montalto, ein totes Dorf, eine verlassene Stadt?

Auf einer Höhe im Zentrum ein größerer offener Platz. Am plätschernden Brunnen halten wir an und stillen den ersten Durst und kühlen die Waden. Auch hier, niemand ringsum. Ist es die ungelegene Zeit der Siesta, oder verbirgt sich hinter den Mauern dieses Ortes ein anderer, uns unbekannter Umstand dafür, daß uns niemand begegnet; das Städtchen scheint wie ausgestorben.
Dann erscheint doch ein Mensch. Ein älterer Herr, ein Abbé in langem schwarzen Talar, humpelt in zaghaft kleinen Schrittchen an uns vorbei. Der hält an und ist ganz erstaunt, als wir beide vom Brunnenrand heruntersteigen, uns erheben und ehrfürchtig grüßen. Der hochwürdige Herr dreht auf der Stelle um, kommt auf uns zu und fragt, woher wir kommen, wohin wir fahren. Wie er unser Vorhaben kennt, umarmt er einen jeden von uns wie ein Vater seinen verlorenen und wiedergekehrten Sohn. Daraufhin lädt uns der geistliche Herr zu sich ins Pfarrhaus ein.

Eine alte römische Villa, mit dunklen, kühlen Räumen, hohen Wänden und strengen ebenholzdunklen Möbeln.
Der freundliche Abbé ist uns beim Ablegen behilflich, er zeigt sich derart dienlich, als wären wir die Alten und er der Jüngling. So viel vorweg: Er wird uns auch in den folgenden Stunden so überherzlich behandeln wie eine Mutter ihr kleines Kind.
Dann läßt er für uns nacheinander ein heißes Bad ein.
Da wir eine solche Liebherzigkeit von Mann zu Mann überhaupt nicht kennen, glauben wir schon, daß mit dem alten Herrn etwas nicht in Ordnung sei; dies um so mehr, als er beginnt, uns sogar beim Auskleiden zu helfen. Er will auch partout nicht zulassen, daß wir uns genieren und gegen solche Liebesdienste wehren.

Willi steigt zu erst in die Wanne, ich nach ihm.
Für jeden hat Hochwürden inzwischen zwei große Badehandtücher herbei geholt, mit denen er uns nacheinander abtrocknet. Er küßt uns auf die Stirn und heißt uns, jeder in einem eigenen stillen Zimmer, zunächst einmal auszuruhn; vielleicht ein wenig zu schlafen, während er das Essen bereiten würde.

Nach diesem erfrischenden Bad bin ich dann tatsächlich fest eingeschlafen, trotz einer gewissen inneren Unruhe um diese so unerwartet geheimnisvolle Gastfreundschaft.

Es muß sich oberhalb dieses Montalto noch eine stolze Burg befinden, die wir bei unserm Aufstieg nicht bemerkt hatten. Jedenfalls, während meines seligen Mittagsschlafes in weichen Gänsedaunen habe ich von einer solchen Burg geträumt, hoch über der Stadt auf einem Felsen. Und in diesem Traum befand ich mich auf einer Art Turniergelände just vor jener Ritterburg, auf dem ich, auf einem stolzen Schimmel und in ein langes Tuch als Gewand gekleidet, gegen Willi zum Turnier antreten mußte.
Oben auf der Empore trohnte unser Abbé in purpurnem Talar und winkte mit beiden hochgetreckten Armen den Kampf plötzlich ab, gerade, als Willi, ebenfalls in ein solch langes Tuchgewandt gekleidet, seine Lanze mir entgegenstoßen wollte…
Wie ich wach werde und die Augen öffne und wieder vernehme, wo ich mich real befinde, sitzt der Abbé an meinem Bette, streichelt mir durch das dichte Haar und meint, mein Freund warte schon im Speisesaal.

Obwohl wir inzwischen gemerkt haben, daß der Glanz dieses Hauses längst verblichen ist und die Räume einst bessere Zeiten erlebt haben müssen, erwartet uns an einer riesigen Tafel ein reichlich gedeckter Tisch, an dessen beiden Stirnseiten Willi und ich im fürstlichen Abstand zueinander gebeten werden, Platz zu nehmen. Und was dann folgt, ist kein Traum mehr, ist göttlich wohlsame Wirklichkeit:
Ich weiß nicht, jemals zu Hause, außer an Festtagen wie an der Erstkommunion, so köstlich und zugleich festlich gespeist und so köstlich getrunken zu haben. Der gute Mann muß wohl alles zusammengetragen haben, was er noch im Hause hatte.
Ein Korb, gefüllt mit knusprig krustigem, wenngleich wieder ungesäuerten Weißbrot, daneben eine bemalte Steingutschale mit einem Klumpen guter Butter, ferner eine große Platte mit hauchdünn geschnittenem Kaltfleisch,  über das eine helle, leicht angedickte Soße gegossen ist, die sehr  würzig, mit einem leichten Zusatz von Fischgeschmack. Dazu gibt es eine frisch zubereitete große Schüssel Salat mit reichlich Tomaten, Zwiebeln, schwarzen und grünen Oliven, alles in goldglänzendes Olivenöl getaucht.
Und zu alledem reichlich kühles Wasser und einen dunkelrot leuchtenden, bezaubernd schmeckenden Wein.

Während wir noch gebannt auf die reich gedeckte Tafel schauen, faltet der Abbé die Hände zum Tischgebet. Gemeinsam sprechen wir das Vater Unser, er beginnt auf lateinisch, wir auf deutsch. Und gleich nach dem „Vater unser, der du bist im Himmel,…“ spricht auf einmal Willi auch auf Latein weiter: „Panem nostrum da nobis hodie…“, sodaß ich mich sofort anschließe.

Und dann gibt uns der Abbé mit einem buon appetito das Zeichen, Platz zu nehmen.
Er dagegen serviert uns zunächst aus der großen Schüssel den Salat in zwei separaten Schüsselchen.
Ich muß beim Zusehen an Willis Mutter denken, wenn sie bei meinen abendlichen Besuchen ebenfalls allen am großen Tisch aus der reichlich gefüllten Salatschüssel servierte.
Wenn hier auf dem Montalto, dem hohen Berg zwischen Pisa und Rom, in dieser großen Schale auch keine Lyoner Wurstscheiben verteilt sind, so schmeckt es uns beiden genau so gut; wenngleich ganz anders, südländisch eben, aber köstlich erfrischend.

Wie könnte man nach derartiger Tagesstrapaze, an einem solch fantastisch erfüllten Geburtstag, zudem ein Sonntag, ein solches Mahl, wie überhaupt ein solch überaus freundschaftlicher Empfang je vergessen. Alles erinnert an ein ähnliches Erlebnis deines Simplizissimus, als auch ihm auf seinen Irrfahrten und Strapazen ein ähnliches Wohltatsmahl widerfahren ist, bei dem es herging „wie im Schlauraffenland, da es lauter Muskateller regnet und die Kreuzerpastetlein über Nacht wie die Pfifferlinge wachsen.“ (3. Buch, 5. Capitel).

P.S.: Übrigens, diese kalte Kalbfleischplatte mit Thunfischsoße, die euch der  karismatische Abbé da freundlich auftischte und die ihr nach anfänglichem Zögern dann doch rups-die-tups blank geputzt hattet, die wird dir auf deinen späteren Italienreisen noch des öfteren serviert werden. Als vitello tonnato, ursprünglich aus dem Piemont stammend, gilt es als italienisches Nationalgericht, das man inzwischen auch in jeder guten Osteria auf deutschem Boden als Antipasta gerne serviert bekommt.

Während des Essens erzählt uns der Abbé von seiner Stadt und seiner Pfarrei. Fast mit Tränen in den Augen sagt er, das Städtchen sei nahezu ausgestorben, da kein Erwerb mehr gegeben, die Jungen alle, meist Kommunisten, längst fortgezogen und er nur noch mit ein paar alten Leuten hier ausharren würde, bis ihre Tage gekommen seien oder der Herr ihnen bessere Zeiten sendet. Nicht einmal ein Junge zum Dienen der Messe sei ihm in letzter Zeit geblieben. Die wenigen Knaben im Ort seien Kommunistensöhne, die den Weg zur Kirche nicht mehr fänden.
Während der Einsame uns zum Schluß noch einen sehr harten, stark ausgetrockneten Käse serviert, der etwas krümelt, aber auf der Zunge überaus würzig schmeckt und hinterher noch einen Teller mit Apfelsinen, will er nicht wahr haben, daß wir heute noch weiter wollen.
Er bedaure dies umso mehr, als er bereits beim Pater noster gemerkt hätte, daß wir beide sicherlich Meßdiener gewesen seien. Wie gerne hätte er uns ein Nachtlager bereitet und uns gebeten, morgen früh ihm bei der Meßfeier zu assistieren! Doch da wir uns dann doch höflich erheben, legt der Abbé uns die Hand zum Segen auf und hindert uns nicht am raschen Aufbrechen.
Auf der Schwelle drückt er uns nach der brüderlichen Umarmung einen Brief in die Hand, der uns in Rom weiterhelfen soll. Auf der Rückseite ist seine Anschrift zu lesen: „Monsignore Giovanni Pizoccolo, Montalto di Castro.“
Und dann etwas schweren Herzens:
„A dieu,  Montalto di Castro, salute Monsignore!“

Am Stadttor halten wir noch einmal an und blicken ein letztes Mal zurück.

Gesättigt und erholt sieht auch die Welt von Montalto etwas anders aus, jetzt, in der tieferstehenden Sonne, in herrlich leuchtenden, südlich kräftigen Farben. Indes, wir haben einen Ort erlebt, aus dem die Jugend geflohen und Gott sich bis aufs ewige Lichtlein zurückgezogen hat. Ein Ort, wo die Hoffnung ins Gestern verweht ist und die Liebe des Lebens nur noch in ein paar armen Seelen glimmt.
Wir aber stürzen uns hinunter in die Ebene mit dem nahen Meer am Horizont, sagen einander nichts, wissen aber beide, es war wohl der liebe Gott, der uns zunächst zum alten Uhrmacher und schließlich hier hoch zu Monsignore geführt und mit seiner Gnade doppelt gesegnet  hat.

Ausgeruht und gestärkt kommen wir gut voran. Es muß auch sein; was sagten wir noch am Morgen: Heute muß die Glocke werden!
Mit voller Kraft voraus erreichen wir wieder die Meeresebene mit der frischen Seebrise. Die abgeschwächte Nachmittagssonne meint es auch gnädig mit uns. Wenn wir munter drauf los radeln, werden wir es bis in den tiefen Abend hinein noch vor die Tore Roms schaffen; sofern Gott weiter so gnädig mit uns ist, könnten wir vielleicht unter den Kollonaden übernachten.
Und wenn wir dann dort unter Gottes offenem Himmel liegen, werden wir uns noch einmal gewiß werden, welch gnädiger Tag er uns heute geschenkt hat. Er hat Willi mit einem Stäußchen zu mir geschickt, und auch den Uhrmacher von Ortebell ebenso wie den Abbé von Montalto, die hatte mir der Himmel zum Geburtstag geschickt.

Wunschgemäß geht es erst schnurstracks nach Süden; mehrere Ortschaften werden glatt durchfahren oder ganz umgangen. Bei der Stadt Civitavecchia sind wir wieder am Meer. Wir mögen gute fünf Stunden so drauf gehalten haben, die SS1 dreht jetzt nach Osten, direkt auf Rom zu. Aber es ist immer noch ein guter Lappen bis dorthin.
Schon längst hat es gedämmert, und wie wir dann hinter Castel di Guido wieder eine Rampe hoch müssen, da heißt es auf einmal: Rien ne va plus!

Roma, du mußt noch eine Nacht auf uns warten! Aber nach der Karte dürften wir ganz nahe am Ziel dran sein. Vielleicht nächtigen wir ja auf dem achten Hügel Roms?

Egal, morgen ist ein neuer Tag; so werden wir eben bereits in der Früh in Gottes Ewige Stadt einfahren!

Obwohl seit dieser Nacht unmittelbar vor Rom auf den Tag inzwischen 67 Jahre vergangen sind,  kann ich mich doch noch an so manche Einzelheit gut erinnern, was verständlicher Weise nicht alles ausführlich im Tagebuch festgehalten werden konnte. So erinnere ich mich sogar, daß ihr beide euch an jenem Abend auf dem Hügel vor Rom trotz Übermüdigkeit noch eine Weile über den tieferen Grund eurer Pilgerreise unterhalten hattet.
Willi gegenüber erwähntest du aus deinen Lebacher literarischen Studien, daß der Simplizissimus damals im dreißigjährigen Krieg ebenfalls eine Pilgerreise nach Rom angetreten hatte, wie es heißt, einzig und allein um, dem lieben Gott zu danken. Denn, nach jahrelangem Umherirren, nach mehreren Gefangenschaften, Verwundungen und Verletzungen, auch nach etlichen Schandtaten seinerseits, habe ihn der liebe Gott schließlich doch glücklich und gesund wieder „auf freien Fuß gestellt.“ (5. Buch, 21. Capitel)
Simplizissimus hatte seine Dankesreise damals per pedes und „in einem langen schwarzen Pilgerkleid“ angetreten, ihr aber auf einem schnellen Vehikel und sommerlich erleichtert in kurzer Hose und Polohemd.
Und als ihr euch bei derartigen Überlegungen auch jene Pilger vor Augen gehalten hattet, die sich für den langen Weg nach Rom ein schweres Kreuz aufgeladen hatten, da tauchte auch wieder die Frage auf, ob ihr euch denn tatsächlich „standesgemäß“ auf eure Pilgerfahrt oder doch viel eher auf eine abenteuerlichen Vergnügungsfahrt begeben hattet!

Kein Zweifel, bei aller Abenteuerlust und Erlebnisfreude wart auch ihr als vollwertige Pilger unterwegs, wenngleich auch nicht im Büßerkleid  oder mit dem Holzkreuz, so doch als Lob und Dank, dem lieben Gott gegenüber.
Trotz eurer noch kurzen Lebenserfahrung lagen damals für eine derartige Dankbarkeit bereits hinreichende Gründe vor: Allein schon das glückliche Überstehen aller Wirren, Entbehrungen und Gefahren des Krieges, der beiden Evakuierungen 39/40 und 44/45; der Neuanfang mit der Möglichkeit einer Ausbildung und Anstellung, der Aussicht auf größere Freiheit in einer demokratischen Lebensweise; dankbar schließlich ihr beide für den Segen, gesund und heil bis hierher geleitet worden zu sein.

 

 

 

Advertisements