2, 14 – Pisa – Roma 360 km, ungeduldig das Ziel im Auge

Gott aller Tröstungen!
Tief ist unser Elend, schwer unsere Schuld,
zahllos unsere Nöte –
größer aber ist unser Vertrauen auf Dich.
Pius XII 14

Samstag, 29. Juli – Auf Grosseto zu, die prächtige Stadt der Maremma

Pisa, morgens sehr früh; in der Herberge rumort es bereits, wie wir unsere Glieder recken. Mal wieder unter einem Dach geschlafen, wenn auch in einer nicht ruhigen und gemütlichen Behausung. Immerhin die Herberge hat uns einen ersten Stempel auf das Begleitschreiben von Hanni verschafft; vielleicht ein zusätzlicher Ausweis, der uns in Rom weiterhelfen könnte. Wenigstens wissen wir beide nun, sofern noch nicht vorher, daß wir offizielle Pilger im Heiligen Jahr 1950 sind.

Willis ungewöhnlich freundlich betonte Frage, ob ich auch gut geschlafen habe, muß ich verneinen. Zu sehr gingen mir noch die unvergeßlichen Bilder des gestrigen Abends durch den Kopf. Und nun, nach dieser ungewöhnlich freundlichen Frage nach meinem ersten Schlaf unter einem italienischem Dach, hat Willi noch eine Überraschung. Er streckt mir ein niedliches Sträußchen entgegen:
– Eich gratulieren dir zoù deinem Gebuardsdaach!
– Un soù ebbes häschdau sugoar hei, soù weit vun dahaam, gedööhd!
– Soù ebbes moß ma seich doch och hei, äan der Frimm, äam Kopp behaalen.
Woran ich während unserer ganzen Fahrt und erst recht  im Trubel des gestrigen Abends nicht gedacht habe; er, der Freund, hat es sich bis hier her wohl behalten; es ist heute der 29. Juli und damit mein Geburtstag.
Willi beehrt mich mit weißen und roten Oleanderblüten, und ich bin immer noch erstaunt, daß er sich diesen Tag gemerkt hat; wo wir doch daheim in erster Linie den Namenstag feiern und den Geburtstag kaum eschdamieren.

An der Rezeption vorbei, die nette Signorina begrüßend, in den großen Saal. Ein wirres Gemisch von Stimmen, Gesurre, von wandelnden Füßen in hohen Räumen, Geschirrgeklirre, erfrischend und durchdringend ein starker Kaffegeruch.
Wir beide speisen inmitten von Geraldy´s Gruppe, eine lebhafte Truppe von der saarpfälzer Katholischen Jugend. Aber mein Klassenkamerad Bertold Oster ist nicht dabei; er wollte doch auch mit nach Rom!
Unser erstes italienisches Frühstück mit einem schön krustigen Weißbrot, das anders wie die französische Baguette, aber auch lecker schmeckt; scheint aber etwas zu wenig gesalzen.
Im Parkhof die letzten Worte mit Geraldy und ihren Jungs. Diese drängen zum Bus; sie wollen heute noch in Rom sein! Frau Geraldy steigt zuletzt ein, nicht ohne uns erneut nützliche Hinweise zu überlassen: In Rom angekommen, sich gleich im Pilgerbüro Vaticano anmelden; noch ein paar Tipps für den Romaufenthalt und die freundliche Einladung zu einem Besuch bei ihnen in der Zeltstadt in Ostia.

„Arrrivederci in Roma!“

Der Bus dampft zuerst ab; wir direkt hinterher.
Ausgangs der Stadt, wir überqueren den Arno, haben jetzt freie Fahrt und treten verstärkt in die Pedale. Rom im Blick; heute muß die Glocke werden!
Aber wir haben mal wieder nicht genau auf die Karte geschaut; was der Bus in einer Etappe schafft; dazu werden wir zwei oder gar drei brauchen.
Aber die Sonne ist wieder mit uns. Es wird wieder ein heißer Tag; trotzdem wollen wir so nahe wie möglich an Rom heran!

Livorno, eine große Stadt mit sehr großem Hafen wird  ohne Halt zügig durchfahren. Nach knapp zwei Stunden passieren wir die Mittelstadt Cecina. Was im Gegensatz zu Pisa hier auffällt, das sind die zahlreichen Spuren des letzten Weltkrieges. Viele Häuser sind noch  teilweise oder gar völlig zerstört.
Auf den nächsten Kilometern stellen wir fest; wir sind  von der Landschaft immer noch in der Toskana, aber die Gegend, die wir in diesen Stunden durchfahren, ist nicht mehr das Paradies der Riviera.
Auch ringsum in den kleineren Ortschaften heruntergekommene Mauern, Geländer, verlassene Gehöfte. Auch durch Italien hat dieser Krieg getobt. An manchen Mauerresten kleben noch die Fetzen  vergilbter, zerrissener Plakate des Faschismo, selbst das Konterfei von Mussolini ist erkennbar. In Deutschland wird man im Ganzen Land nicht ein einziges Plakat mehr mit dem Hitlerkopf entdecken können.
Und dann noch eine Auffälligkeit: Daß außer uns noch sehr viele Rompilger unterwegs sind, das ist uns beiden nicht erst in der pisaner Herberge aufgefallen, sondern auch schon im Straßenbild. Je näher wir nun  Rom zu streben, desto häufiger begegnen uns weitere Menschen, die offensichtlich auf Rom zustreben. Soeben haben wir eine ganze Zu-Fuß-Gruppe überholt, jeder mit einem Kreuz auf dem Buckel. Es ist wahrscheinlich eine Familie, denn dabei ist auch ein etwa zehnjähriger Knabe, ebenfalls kreuztragend.
Im gedämpften Vorüberfahren rufen wir ihnen zu: „Salute il Papa!“
Hinterher kommt mir in den Sinn, ob Christus es wirklich so wörtlich gemeint hatte, daß jeder, der ihm nachfolgen will, solch ein Kreuz auf sich nehmen soll!
Noch innerhalb des kleinen Ortes San Vincenzo wendet sich die Via Aurelia seit längerer Zeit mal wieder von der Küste ab. Es gilt eine vorspringende Halbinsel abzukürzen, an deren Südzipfel die Eisen- und Hafenstadt Piombino liegt.
Doch schon vor der Kleinstadt Follonica, inmitten der gleichnamigen Bucht, eröffnet sich der Blick dann wieder aufs weite Meer, an dessen westlichen Horizont sich die Insel Elba in ihrer ganzen Größe ausbreitet.

Der Anblick, der sich von weitem auf Elba bietet, ähnelt dem der Ile du Levant, allerdings wesentlich größer und auf ganz andere Weise historisch hoch bekannt. Denn nach seiner Niederlage im Rußlandfeldzug hatte man Napoleon hierher verbannt und ihm sogar noch eine gewisse Regentschaft über die Insel überlassen. Aber der Korse, der Inselgeborene, hat es noch kein ganzes Jahr drüben ausgehalten, um auf Europas Schlachtfeldern erneut berüchtigten Ruhm einzuheimsen.

Zu Kapitel 2,15: Waschtag in der Maremma

 

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