2, 13 – Ein Abend unterm Schiefen Turm

Die Beine übermüdet,
hungriger noch der Bauch,
in der Pilgerherberge
aber die Küche kalt
doch unser schöner Tag
ist noch nicht gelaufen.

28. Juli, abends – Zu Fuß durchs abendliche Pisa zum Domplatz
Hungrig wie ein Wolf, aber gelassen und frohen Mutes wie Simplizissimus verlassen wir ohne die sicher untergestellten Räder die pisaner Karawanserei und ihr buntes Treiben. Beim Rausgehen bekommen wir noch mit, wie unter den vielen Pilgern aus allen Ländern die Italiener  beginnen, leidenschaftlich zu singen und alle animieren, mit zu singen oder wenigstens mit zu summen.  Wir aber streben geraden Wegs einer Osteria und dann  dem berühmten Schiefen Turm von Pisa zu.
Oh, dieses Pisa,  so viel Gemäuer und doch auch so viel Grün! Und dann, nicht weit vom Zentrum und eh wir uns versehen, ist da auch schon der Domplatz. Mit einer gewissen Ehrfurcht betreten wir einen, mit gut gepflegtem Rasen bewachsenen freien Platz, die Piazza del Duomo.
Meist  sind in den alten Städten die Kathedralen, die Münster und die Dome rings herum in ein enges Gewirre von Häusern, Straßen und Gassen eingepfercht; hier aber ist es rings um die Domgebäude herum eine Freifläche von derartig immenser Größe, daß spielend gar vier oder fünf Sportplätze hineinpassen.
Und dennoch, da wir uns von Süden her diesem einmaligen Domplatz nähern, ist bei gerader Draufsicht auf den ersten Blick der weltberühmte Schiefe Turm noch nicht zu sehen, seine Sicht ist durch ein weiteres imposantes Gebäude verstellt.
Denn das erste, was wir direkt vor uns erblicken, ist ein alleinstehender riesiger Rundbau mit rotem Kuppeldach und einer spitzen Haube drauf. Ein Blick auf den Faltprospekt, den Willi  beim Empfang an der Rezeption eingesteckt hat, sagt uns: Es handelt sich um das Baptisterium“, was soviel wie Taufkapelle heißt, hier aber eine eigene Kirche darstellt. Also Pisa, diese einst so reiche Stadtrepublik des Hochmittelalters, sie konnte sich eine recht imposante Taufkirche leisten.
In einem Abstand von etwa zehn guten Metern direkt vor den Dom gestellt und ebenso wie dieser und ebenso wie der, wieder 10 Meter dahinter stehende Campanile, alle drei prächtige Bauwerke für sich und alle  zusammen aus nichts geringerem als gänzlich aus strahlend weißem Marmor, aus dem nahe gelegenen Marmor,  erbaut. Daß auch bei der äußeren Gestaltung der sakralen Monumente ebenfalls überhaupt nicht gespart werden brauchte, davon zeugt in allen drei Gebäuden eine von unten bis oben und  überall ringsherum überreichlich mit Säulen und Bögen, Figuren und Ornamenten durch und durch gegliederte Ausstattung.

Und dann, ein dutzend Schritte hinter der Taufkirche leuchtet uns also im selben hellen Marmorweiß in ihrer ganzen Breite die Südflanke des “Duomo“ entgegen. Wir stehen direkt vor der prächtigen Eingangsfassade und erblicken nunmehr dahinter auch das Objekt unseres anfänglichen Begehrens, den Schiefen Turm. Erstaunlich: Das ganze Ensemble von Taufkirche, Dom und Turm erscheint durch seine strahlende Helligkeit, seine gesamtbauliche Leichtigkeit als ein einzigartiges Gesamtwerk – aus der künstlerisch so überschwenglichen Zeit der Renaissance. Für diese Epoche als Bauzeit spricht auch – so haben wir es jedenfalls bei Papa Klein gelernt – die auffallende Dominante der Waagerechten, die ja auch bei Sakralbauten eine gewisse Bodenständigkeit und Diesseitsgewendetheit symbolisiert.
Aber ein weiterer Blick auf unsern Prospekt verweist uns auf etwas ganz anderes: Dieses einmalige Baukunstwerk ist  wesentlich älter als die Epoche der Renaissance, sogar noch älter als die Hochgotik. Nach den angegebenen Bauzeiten wurde der Dom bereits Anfang des 12. Jahrhunderts eingeweiht.
Hier handelt es sich also um eine Höchstleistung der Romanik des Hochmittelalters!

Und dennoch, der renaissancehafte Gesamteindruck trifft besonders auf den, nicht nur wegen seiner Schiefe so einzigartigen Campanile zu. Trotz seiner schlank, hochragenden himmelwärts weisenden Gesamthöhe ist er als Rundbau in acht aufeinander geschichteten Grundsegmenten aufgebaut, die ihm eben diesen Charakter von  Erdverbundenheit verleihen.
Es würde uns reizen, im Innern des Torre aufzusteigen und in jedem der Schichtsegmente hinter dem stützenden Rundbögen- und Säulenkränzen in den umkreisenden Wandelgängen rundum zu flanieren, ihn dadurch in sich zu erfahren und zugleich den prächtigen Rundblick zu genießen, ringsum über die bereits in der Dämmerung liegende Stadt bis hinüber auf das allmählich in der Dunkelheit versinkenden Meer!

Eine liebenswerte Signorina und unsere erste Pizza

Aber mehr als dieser flüchtige, aber imposante Eindruck ist für uns beide an diesem langen Abend nicht mehr an Bewunderung drin. Unsere knurrenden Bäuche streben nach etwas anderem, und unsere Augen erspähen endlich, was die feinen Nasen schon längst registriert haben.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Domwiese, entlang der parallel verlaufenden Straße hat sich der Platz, der hier auch Piazza degli miracoli, Platz der Wunder, genannt wird, zu einer sommerlichen Liegewiese verwandelt. Auf dem inzwischen kühlen Rasen hat sich, so scheint es, halb Pisa nieder gelassen, um den Feierabend zu genießen.
Hier, am Rande dieser Liege- und Flanierwiese gibt es zudem eine Reihe kleiner Trink- und Imbißbuden, von wo aus unseren hungrigen Mägen ein verführerisch würziger  Duft entgegenströmt. Der kommt in der Hauptsache von einem ganz besonderen Stand, der instinktiv unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist eigentlich gar kein richtiger Stand, keine übliche Bude, sondern ein als  Bäcker- und Braterei umgebauter LKW. Im Hinterteil gibt es tatsächlich einen offenen Backofen mit rauchendem Schornstein. Und von unserm Standpunkt aus blicken wir nach innen auf das offene Ofenloch, den ausstrahlenden Feuerschein und die brasselnde Glut.
Der Bäcker ist gerade dabei, mit einem langstieligen Holzschieber eine Reihe frisch gebackerner, knuspriger Küchelchen aus der Glut herauszuziehen und auf einer Anrichte frisch und dampfend  für die Kundschaft auszulegen.
Wir treten näher. Auf hauchdünnem Brotteig, noch dünner als unsere Pfannenkuchen, ist eine tomatenrote Paste aufgetragen, in die reichlich Kräuter, Streifen von geschmolzenem Käse und dazischen etliche eingebackene Hartwurstscheiben verteilt sind.
-Watt loo ausleihd, dat seid awer goad aus!
-Ed rejschd noch vill besser; wat soll so e Steck wöll koschden?
-Äas doch egal; mäat ääm gäan eich soùwejsoù  net satt!

Wie wir noch zögernd dastehen, schaltet sich eine angenehm klingende Stimme hinter uns in fließendem deutsch ein:
-Na, meine jungen Freunde! Was zögert ihr noch. Die Pizza von Piedro, die könnt ihr getrost mal kosten!

Und noch bevor wir uns richtig umgesehen haben, bestellt die deutsch sprechende Dame für uns, für jeden gleich zwei von den kleinen Fladen, die sie soeben Pizza genannt hat. Ohne etwas dazu sagen zu können, kommt noch für jeden ein Glas Rotwein dazu und eine Schälchen mit Oliven. Die schwarzen Dinger schmecken etwas komisch, aber hier essen sie alle mit sichtbarem Genuß. Umso heißhungriger machen wir uns über die Küchelchen her.

Die auf Stein gebackene Pizza, ursprünglich ein trockener Fladen aus Mehl, Wasser und Salz, ist bereits bei den Etruskern  um 800 v. Chr unter dem Namen „Pita“, belegt. Mit der Ausbreitung des Imperium Romanum geht aber noch nicht der globale Siegeszug der Pizza einher. Sie fristet weiterhin im ihrem Urland ein Schattendasein als einfache Speise der verarmten Landbevölkerung. Als Anfang des 16. Jahrhunderts die ersten Tomaten aus Südamerika nach Italien kamen, begannen die verarmten Bauern in der Gegend um Neapel  aus der Not heraus, ihre bis zu diesem Zeitpunkt trockenen Teigfladen mit der Tomate zu belegen; die  Geburtsstunde der eigentlichen Pizza. Als König Umberto  1889 mit seiner Frau Margharitha zu Besuch in Neapel weilt, beauftragt er den Pizzabecker Raffaele Esposito, eine Pizza in den Palast zu liefern. Dieser belegt die Pizza in den italienischen Nationalfarben mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum und gibt ihr den Namen „Margharitha“. Das Arme-Leute-Essen wird  damit  salonfähig. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tragen dann die italienischen Immigranten das Rezept der Pizza nach Europa und in die USA. Ihr kulinarischer Siegeszug beginnt, global zu werden. Unsern  beiden Rompilgern aus dem Saarland war sie jedoch noch bis zum anno santo 1950, wie den meisten Deutschen noch gänzlich unbekannt.

Die Dame, die so behilflich zu uns ist, stellt sich jetzt näher zu uns. Sie ist so überfreundlich, als hätte sie seit langer Zeit wieder alte Freunde ihrer Muttersprache getroffen. Sie will alles wissen, kennt Deutschland, besonders München, hat dort zwei Semester Germanistik absolviert. Aber sie fragt mehr über uns als sie von sich erzählt.
-„Das ist wohl eure erste Pizza überhaupt, seid wohl zum ersten mal in Italien; und was ist das für ein Dialekt, das ihr sprecht; hab ja kaum was verstanden?“

Willi hat zuerst den Mund leer. Ich lasse ihn reden; ich will die attraktive Erscheinung dieser jungen Frau bewundern und ihre charmante Gestik still genießen.
Geboren in Wien, hatte sie auf einer Studienreise hier in Pisa einen jungen italienischen Architekturstudenten kennen gelernt. Uns ist dann, verliebt, verlobt verheiratet, hier geblieben, in der Stadt, in der ihr Gatte heute stolze Gebäude, neumodische Häuser und vornehme Villen baut.
Die Signora zeigt rüber zum Schiefen Turm und erzählt weiter: Ihr Mann sei auch in dem Bausstab der Stadt, der sich um den Erhalt der Domanlage kümmere und insbesondere um die ständige Überprüfung der Standsicherheit des Torre.
Ich frage ich höflich nach, ob sie über ihren Mann auch Näheres über das Zustandekommen der heutigen Schieflage des Turmes wisse. Mit einem bezaubernden Lächeln wendet sie ihr Gesicht mir näher zu und erklärt:
Der Bau des Turmes wurde, auch wie der Duomo, schon im 12. Jahrhundert begonnen. Bald nach dem ersten Bauabschnitt, es waren erst drei Stockwerke fertig, gab dann der sandige Boden unter dem Fundament nach. Der Bau wurde dann mehrfach unterbrochen. Um die schiefe Lage auszugleichen wurden die nächsten vier Stockwerke etwa schräg gebaut. Erst ganze 200 Jahre später konnte der Bau endlich abgeschlossen werden.

Während wir so plaudern und dabei munter weiter knabbern, kommt ein etwas älterer Mann vorbei, schiebt sich zwischen Willi und mich, umarmt die Dame, küßt sie dreimal auf die Wange, auf italienisch halt, was ihr aber sichtlich peinlich ist.
Er postiert sich vor der Signora, macht sich breit und plaudert, nur zu ihr gewandt, munter drauf los, uns beide kaum wahrnehmend. Wir haben das Gefühl, wir jungen Schnösel sind abgemeldet; aber unsere Dame antwortet ihm immer nur kurz auf seine Fragen; sie wendet sich immer wieder uns zu.
Ein Glück, daß nach einer viel zu langen Weile ein weiterer Bekannter vorbeischaut und endlich den lästigen Aufdringling mit sich nimmt. Unsere liebe Frau aus Wien entschuldigt sich bei uns. Sie arbeite zur Zeit an einem Essai über den Minnegesang in der höfischen Epoche. Dafür sei sie zwei-, dreimal die Woche in der Stadtbibliothek, wo ihr dieser Herr von vorhin, als Angestellter der Stadt, die Quellenbücher und Manuskripte heraussuche. Dabei habe er sich von Anfang an in sie verliebt und versuche seitdem, stets mit überschwenglichem, aber vergeblichen Bemühen, von ihr erhört zu werden.
Ich würde ihr gerne sagen, wie sehr ich diesen modernen Troubadur von Pisa in seinem Werben um die hehre Gunst einer solch schönen Frau wohl verstehen kann, verkneife es mir aber.

Wie wir endlich am Verkaufsstand bei Piedro bezahlen wollen, winkt die Dame ab und bittet uns, ihr Gast zu sein.
Sie!
Wie kann eine so schöne Frau nur so uneigennützig gastfreundlich zu uns beiden grünen Jünglingen sein.
Sie hatte anfangs geäußert, wie sehr erfreut sie sei, endlich mal wieder die deutsche Sprache so frisch und unverbraucht, wenn auch in einem schwer verständlichen Dialekt, hier in ihrem Exil zu vernehmen!
Und jetzt, in diesem Augenblick bietet sie uns sogar an, noch etwas zu bleiben. Sie habe ihren Wagen drüben auf der anderen Straßenseite stehen und lädt uns ein, mit zu kommen und bei ihr zu übernachten.
Nach einer solch schweren Etappe, könne sie nicht zulassen, daß wir den ganzen Weg wieder zu Fuß in die bestimmt noch lärmende Herberge machen wollten. Wir könnten bei ihnen in der Villa  außerhalb unserer Pilgerfahrt mal so richtig entspannen.
Sie würde uns ihrem Mann vorstellen, der uns noch mehr über die Prachtbauten von Pisa erzählen kann. Und sie würde uns nach einem echt toscanischen Frühstück morgen rechtzeitig zur Herberge und zu unseren Rädern bringen…
Während sie uns so einladend zuspricht, schaue ich ihr bewundernd zu, hätte auch sogleich zugesagt, aber Willi sträubt sich und ist energisch dagegen.

Aber dann möchte sie uns wenigstens zum Nachtisch in eine nah gelegene Gelateria einladen. Ich wäre gerne dabei, möchte noch eine Weile länger in der Aura dieser faszinierenden Signora verweilen; aber Willi lehnt auch diese Einladung höflich ab, wahrscheinlich weil das des Guten doch zu viel wäre. So also bedanken wir uns noch auf dem Domplatz sehr freundlich bei ihr.
So bleibt es zum Abschied bei einer herzhaften Umarmung und den typisch italienischen drei Küßchen auf den Wangen. Willi ist auffallend schinant dabei, ziert sich unbeholfen, während ich die Umarmung still genieße. Während sie noch stehen bleibt und uns nachschaut, drehn wir uns noch einmal winkend um und rufen ihr zu, in Sankt Peter für sie zu beten!

Zurück in der Herberge; ein ereignisreicher Tag geht zu Ende.  –   Willi ist gleich eingeschlafen, doch ich komme in der ungewohnten Herbergsatmosphäre und wegen der letzten Bilder vom Domplatz nur schwer zur Ruhe. Und dann noch dieser nächtliche Traum: Da die Piazza dei Miracoli, dort du im strittigen Zwiegespräch mit Willi zwischen Dom und Turm, er spricht vom dem Massentransport von Marmor aus dem nahen Carrara, ich von der bezaubernden Dame, von dem fürchterlichen Kerl im Hintergrund, der ihr etwas ins Ohr flüstert, was wie amore klingt. Sie legt ihm die Hand auf den Mund und schreit ganz laut: „Ich bin doch verheiratet!“

Zu Kapitel 2, 14: Pisa – Roma 360 km, ungeduldig das Ziel im Auge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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