2, 12 – An der Riviera di Levante nach Pisa

Allmächtiger, ewiger Gott.
Laß den Regenbogen der Befriedigung und Versöhnung
in ungetrübtem Glanze auch über dem Lande erstrahlen,
das einst durch das Leben und Leiden Deines Sohnes geheiligt ward.
Pius XII 12

Einen Regenbogen hat es auf unserer Fahrt
bei Gott noch nicht gegeben,
einmal kurz ein paar Tropfen;
dafür ist es die Sonne, die oft unbarmherzig
in ungetrübtem Glanz über dem Lande erstrahlt.

Freitag, 28.07 – Nach La Spezia erscheint die Geraldy
Am andern Morgen irgendwo hinter Genua.
Über die Stille der Landschaft hatte sich eine nächtliche  Kühle gelegt. So erholte sie unsere Muskeln und machte auch unsere Gemüter wieder ruhig. Noch schwirrten mir die letzten Eindrücke und  Genuas ruhmreiche Geschichte  durchs Hirn.
Und dann doch eingeschlafen, kaum eingeschlafen, träumt mir davon: Ich sehe mich als einen ritterlichen Knappen, den es über das holprige Pflaster in die Gemächer der Herzogin treibt…

Gestärkt und wieder guter Laune geht´s auf der guten alten Via Aurelia weiter. Wenn sie bis Rom so gut bleibt und kein holpriges Genuesenpflaster mehr folgt, wird die weitere Fahrt unsern Felgen und unsern Rücken nicht mehr schaden. Auch das Meer zur Rechten und die Berge zur Linken; sie  haben uns wieder.
Und dann, auf einmal ein ganz anderes Wetter: Wind und Wolken kommen auf, verdunkeln sich, während im Norden noch blauer Himmel ist. Schneller als wir reagieren, fängt es an zu gießen. Der kühle Regen kommt uns entgegen und peitscht ins Gesicht.
– Komisch, dä Reen loo!
– Wejsoù komisch; denn äas, wej jede Reen naaß, awer net komisch.
– Komisch äas, de Reen kemmt hei vun Osten, de Berrisch ronner; bei oas dahaam kemmt en emmer vu Westen!

Mit der Stadt Rapallo haben wir längst den großen appenninischen Bogen in seinem nördlichen Scheitel überfahren. Bisher ging es nach Nordost, so wendet sich der Bogen jetzt nach Südsüdost, bald die direkte Richtung gerade auf Rom zu. Mal radeln wir auf schmalem Streifen zwischen Gebirge und Meer auf Normalnull; mal lässt der Bergrücken keinen Platz mehr für die Straße. So müssen wir wieder aus dem Sattel, erst hoch, dann wieder runter.
Mal sind wir so dicht am Wasser, das wir meinen, darüber zu gleiten; mal wird´s so eng zwischen Felsen und Wasser, das wir  glauben von einer Mauer umgeben. Das ist es, was sie alle als die Riviera preisen: jede Kurve ein Stück Eden, jeder Ort ein Paradies.
Aber eines erscheint uns in dieser paradiesischen Landschaft als unangenehm störend. Es hat dies vor und hinter den französischen Städten auch schon gegeben, daß die Grünstreifen rechts und links der Verkehrsstraßen mit Rekameschildern verstellt oder daß ganze Giebelfassaden der ersten Häuser der Vorstädte  damit  bemalt waren; aber in der Häufigkeit wie hier in Italien ist es uns dort nicht aufgefallen. Auch hier, ausgangs Rapallo ein wahrer Schilderwald!

Die ersten Tropfen auf unserer Fahrt! Aber bereits hinter den Rapallozinnen ist nach einer halben Stunde der Regen längst wieder verflogen; die Sonne wieder unbarmherzig über uns. Es wird eine kleine Halbinsel landeinwärts überbrückt, deren Umrisse sich auf der Karte fast viereckig ausmachen. Der leichte Anstieg läßt rechter Hand eine kleine Bucht und an deren knappen Stränden zwei hell im fernen Grün weit leuchtende Orte erkennen.
Beim Abkürzen über den Vorsprung haben die beiden an diesem Fleck der Erde also ein weltbekanntes Stück Goldküste einfach „überbrückt“ und damit einen Ort „rechterhand liegen lassen“, der mit  Saint Tropez als das teuerste Fischerdörfchen der Welt gilt.
Zugegeben, nach diesem, vom engem Strand und fast erdrückenden Bergen eingekesselte Portofino, ist nicht einfach hinkommen. Aber nach eurem Sommer werden abertausende Deutsche und auch Saarländer den Weg zur Perle von Bella Italia immer wieder finden, glückliche Urlaubstage verbringen und ihr Leben lang davon träumen. Die Saarbrücker gehen heute noch in ihrem Burbacher„Portofino“ bei Spaghetti bolognese und einem Barbera d´Asti ihren Erinnerungen nach.

Willi hatte sich nach einem Blick auf die Karte ausgedacht,  daß wir  am Vormittag noch La Spezia erreichen und dort Mittag machen könnten. Da aber nach schon einer guten Stunde die SS1 uns immer mehr von der, zugegeben recht steilen, Küste und damit vom Meer weg ins Gebirge führte, warteten wir ab, bis sich in dieser Gegend was Passendes für die große Pause finden wird.
Zuerst geht es noch zwei weitere gute Fahrstunden in direkt östlicher Richtung land- und bergeinwärts bis wir mitten im bewaldeten Bergland des ligurischen Apennin bei dem kleinen Ort Brugnato in ein Tal mit einem wasserführenden Flüsschen stoßen. Das Flüßchen ja, aber der Ort sagt uns nicht zu, und da es zwischen buschigen kühlen Wäldchen entlang des Wasserlaufes weiter abwärts geht, schaffen wir es noch bis zu einer Stelle, wo der Fluß in einen etwas größeren einmündet.

Es war gut, bis hier her durchzuhalten; denn dieser Anblick  ist uns auf einmal so vertraut, weil er an eine ähnlich empfunden Stelle daheim erinnert, dort, wo die Nied vor Fremersdorf in die Saar einmündet.
Die hiesige Saar heißt hier Magra; keine Frage, wir haben genug zu Essen, genug Wasser zum Trinken, daß wir hier lagern!
Denn noch etwas ist in diesem Tal mit dem Saartal vergleichbar: auffallend hier das viele Grün auf dem Boden und in den hoch aufragenden dichten Laubbäumen; garnicht das Flair des Mediterrannée.

Kurz gerastet und genügend ausgeruht  öffnet sich das Magratal zu einer weiten, aber in sich geschlossenen Ebene, in deren Mittelpunkt die Zinnen einer Stadt zu uns herüber leuchten, die sich schon bei unserer Einfahrt als ein kulturhistorisches Kleinod erweist.
Das Städtchen Sarzana liegt auf geographischer Höhe mit la Spezia aber eben ein paar Kilometer landeinwärts.  Herausragend sind zwei imposante Auffälligkeiten die alten sehr gut erhaltenen Festungsmauern  und  der große zentrale Marktplatz in der historischen Altstadt. Prächtige Häuser, auch hier hell leuchtende ockerne Farben, nette kleine Läden und Cafés.
Menschen aber sieht man zu dieser Zeit, so kurz nach Mittag, kaum; auch der Stadtverkehr scheint größtenteils noch bei der Siesta zu sein.
Wir genehmigen uns ein Zapfbier und erfahren unter den Arkanden Hochinteressantes über den Namen der Stadt, der an einen großen Einfall der Sarazenen zur Zeit Ottos I erinnert und an die mächtige Festungsumwallung, deren Bauauftrag daraufhin der deutsche Kaiser angeordnet hatte. Otto I war ja zugleich König von Italien.

Nach kühler Gurgel und dem kleinen Plausch wieder unterwegs. Inzwischen beginnt sich auch das italienische Straßenbild wieder zu beleben.
Immer wieder entdecken wir dieses schnuckelige Motorfahrzeug mit den kleinen Ballonreifen und dieser ästhetisch ansprechenden Blechverkleidung. Seitdem vor dem Café, zwei Exemplare dieses neuartigen Fahrzeuges parkten, wissen wir jetzt auch wie die Dinger mit den rundlichen Formen heißen. Auf jedem steht oben links auf der breiten Knieschutzverkleidung  das Wort Vespa“, was auf deutsch so viel wie Wespe heißt.
Auch Willi hat sich in dieses Fahrzeug auf den ersten Blick verliebt und findet den Namen sehr treffend. Mir schwebt in meinem Schwärmen sogar vor, am Ende unserer Tour auf einem solchen Ding in Brotdorf einzufahren und „unsere Vespa“ auf dem Platz vorm Kaiserhof zum Parken abzustellen.
Aber dennoch, das  auffälligste Zweirad ist auch hier in Italien immer noch das Fahrrad. Obwohl der Giro d´Italia schon seit drei Wochen vorbei ist, sind auch hier am frühen Nachmittag  etliche Rennradler im Straßenbild. Und schließlich ist darunter noch ein ganz eigenartiges Vehikel, eine Art Dreirad-Lkw kleinsten Formats, der Mercedes unter den Kleinlieferanten der Gemüsehändler und Eisverkäufer. Auffallend außer seinem oft individuell gestalteten Äußeren, ist, unüberhörbar auch la sua musica, die gemeinsam mit den stinkenden, schwarzen Wolken aus dem knatterndem Auspuff dröhnt.
Aus Sarzana sind unsere Gedanken und dazu gleich zwei Postkarten nach Hause gegangen. Willi hat auch die an Theo mit unterschrieben. Beide kennen sich ja gut, spätestens, seitdem wir Theo beim Merchinger Hammelstanz besucht hatten.

Kennschdau dat Land, woù dej Zitroùnen blejhn,
äam donklen Laaf de Goldorangen glejhn,
en zoad Leftschi vum Himmel dääd wehn,
de Myrten stell un hejch de Lorbeer stejhn?
Kennschdau ed wöll? Dööhin!
Dööhin deed eich mäat dir,
o mei Lejwen, zejhn.

Kennschd dau dat Land
Woù de Zitroùnen blejhn
Woù se vu Weißmell pannini un spaghetti backen
Woù zum Äaßen dej schwotz Oliven schmacken
Wou de Weech aus ´m  Fenschder hängt
Woù käänen botzt un u kään Ordnung denkt

Kennschd dau dat Land
Woù Wespen off der Stroaß rem foahren
Statt wej bei oas off Bloomen ze summen
Kennschdau e glecklicher Land vun allegoaren
Woù jede sengt, Mann, Fraa un och zesummen

Kennschdau dat Land, woù alles Vespa fiahrd
Vespas, dej off ´m Recksetz e Meedschin ziert
Ed äas dat Land, woù se de Pizza backen
un de Oliven dezoù och goad schmacken
E Land, woù ma kann blööen Himmel sejhn
Un woù och de Möwen hiere Runden zejhn
Un wenn dir de Sonn brennt äam Nacken
Äas Bööden äam Meer  duaweld soù schejn

Oh, lejwe Gott,
Äan soù ´nem Land kennd ma glecklich säan
Döö, woù de Zitronen blehn un zeidisch gäan
Woù se off der Stroaß de amore treiwen
domm äas, wenn hei  net well bleiwen
woù äas ed sonschd soù herrlich u schejn,
döö well eich nirjendswoù sonschd higejhn

Und dann erscheint uns die Geraldy
Zwei Stunden später: die Aurelia hat den Lauf der Magra, die dem Meer zu strebt, inzwischen verlassen und führt uns landeinwärts parallel zur Küste weiter nach Süden.
Kurz vor der größeren Ortschaft Massa zweigt eine Straße im Rechten Winkel in die Berge aus; auf dem Verkehrsschild ist angegeben Carrara 15 Km. Der Ort ist mir aus dem Kunstunterricht von Papa Klein bekannt: Aus  den Carrarasteinbrüchen hat schon Michelangelo seinen weißen Marmor bezogen.
Und dann, zwischen Massa und Viareggio eine unerwartet freudige Begegnung!
Wir winken ganz heftig einem Bus hinterher mit saarländischem Kennzeichen und St. Ingberter Aufschrift. Man hat offenbar unser heftiges Winken verstanden; der Bus hält an, und aussteigt meine Lebacher Klassenlehrerin Geraldy. Auch sie ist mit einer Jugendgruppe auf Pilgerfahrt nach Rom. Na, so was, die Geraldy, aktiv und quirlig wie immer; sie hat mich sogar umarmt!

Beim Einstieg in den Bus ruft sie noch nach:
„Wir sehn uns heut Abend in Pisa, in der Pilgerherberge!“

Was glaubst du, was wir da die nächsten Kilometer hinter denen her gesaust sind! Trotz der immer noch warmen Sonne munter drauf los! Südlich Viareggio dann noch ein Novum. Unsere Via Aurelia führt eine gute Strecke an einem ziemlich großen Binnensee entlang. „Lago Puccini“ ist angegeben. Es scheint, die melomanen Italiener lieben ihre Musiker so sehr, daß sie sogar Landschschaften und Seen nach ihnen benennen!
Mit dieser Annahme liegt ihr beide gar nicht falsch. Hier hatte Puccini tatsächlich seine Villa und einen Teil seines Lebens verbracht. Wie es dann zu dem Namen gekommen ist, und wie der See vor Puccini geheißen hat, hab ich noch nicht herausbekommen.

Auf einer lichten Anhöhe erleben wir gerade noch den Sonnenuntergang über einem silbrig flimmernden Meer. Und gleich unter uns das Ziel unseres Tages, das Tal des Arno. Ebenfalls silbrig glitzernd ist der Fluß vor unsern direkten Augen gerade dabei, nach einigen mächtigen Mäandern sich in das Stadtgewirr von Pisa zu schlängeln. Ein Anblick, ein Gefühl, über das, was wir da erspähen; so was wie historisch: dieser Fleck Erde, mit den Hügeln und Tälern herrlich toskanischer Landschaft, mit den Zinnen, Toren und Türmen dieser berühmten toskanischen Stadt!
Der flüchtige Eindruck, den wir dann auf der Fahrt zum Pilgerheim von der Stadt gewinnen, gleicht einem bunten Bild aus dem Geschichtsbuch über Mittelalter und Renaissance. Aber damit sollte ein ereignisreicher Tag noch nicht zu Ende sein.

In der Pilgerherberge von Pisa
Der erste Eindruck! Ein weites halb geöffnetes Tor führt in einen großen Innenhof, ein einziger Parkplatz: Busse und PKWs aus allen Ländern, aber auch etliche Motor- und erstaunlich viele Fahrräder.
Drinnen, am Empfang geben wir einer hüschen und freundlichen jungen Dame nur unser offizielles Begleitschreiben von Hanni, unserm Pastor, ab. Die Signorina macht einen Stempel drauf; etwa wie anno santo, schaut noch einmal auf den Brief, sucht wahrscheinlich  drauf unsere Namen und reicht uns daraufhin einen Zettel:
„Hallo Seminarist Herr Rudolf Engel und Pilgerfreund! Willi Wagner!
Wir sind mit unserm Bus nach dem Essen noch zu einer Stadtrundfahrt gestartet und werden uns sicher am späten Abend noch sprechen.
Guten Aufenthalt,
Ihre Geraldy“

Wir danken für den freundlichen Empfang und schaffen uns durch zum Speisesaal.
Das Ganze ein ehrwürdiges Gemäuer und ein riesiger, uralter Saal mit mehreren langen Reihen von Tischen, meterlang und meterbreit, darauf Hunderte von  leeren Schüsseln, Tellern, Flaschen und Bechern.Wir merken schon: Die Pilger Willi Wagner und Rudolf Engel sind zu spät gekommen; die Suppe ist schon ausgegeben.
Eine unübersehbare Menge gesättigter Menschen ist gerade dabei, einen emsigem Betrieb zu entwickeln: ein Gedränge, Geschiebe, Gejohle und Gekröhle, in allen Sprachen durcheinander, ein Pfeifen und Singen. Noch bunter und heftiger „wej off´m Soarbrecker Bahnhof“,
Wie willst du dein eigenes Wort verstehen?
Dennoch, wir beide, wiewohl recht müde, mit leerem Magen und so voll der heutigen Tageseindrücke, fühlen uns auf einmal sauwohl in dem Gefühl, als Pilger unter Pilgern angekommen und mitten drin zu sein.
Willi kommt aus der Küche zurück; will dort noch selbst was zu essen machen. Ich halte ihn strikte davon ab und schlage vor, zu Fuß in die Stadt zu laufen und dort noch was Saftiges für den Magen zu finden,
-Wat määnschd dau, äan der Kich kamma selwer kochen?
-Dau wellschd doch haut Oowend nemmej ufänken ze brutscheln! Loß oas äan de Stadt gejhn, ebbes kläänes kenne mir oas schu genehmigen.
-Ze Foaß dööhin oder mäat de Reedern?
-Ma secher ze Foaß, ed säan doch nur e poar Schritt un dej dejn oas, woù mir de ganzen Daach äam Saddel woaren, doch goat.

Zu Kapitel 2, 13: Ein Abend unterm Schiefen Turm

 

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