2, 10 – Durch die Traumstädte der Côte zur Grenze

Allmächtiger, ewiger Gott.
Erwecke in denen, die dich Vater nennen,
Hunger und Durst nach sozialer Gerechtigkeit,
nach Brüdersinn in Werk und Wahrheit.
Pius XII 10

26.7. Mittwoch – Nizza du Schöne, wir haben kaum Auge für dich!
Am Morgen sind wir vom Camp Le Dramont mit der Zuversicht gestartet, die wir gestern schon hegten, heute endlich die Grenze zu passieren. Die längere Rast in dieser paradiesischen Gegend an der Traumküste der roten Felsen des Esterel  hat uns gut getan. Und für unsere Stimmung, die nach dem Pech mit dem Platten wieder oben auf ist, ein Segensspruch:
 In jedem Pech steckt immer auch etwas Erfreuliches!

Heute früh in der Rezeption, als wir bei Jean Le Conte bezahlen und uns für seine Hilfsbereitschaft bedanken wollten, da winkte der wieder lässig ab. Es sei ihm eine Ehre, jungen, reiselustigen Leuten, von so weit kommend, hier beherbergen zu können.
Als ich auf das Foto an der Wand mit der alten Lok von der Kleinbahn zeigte und fragte, ob dies seine Lokomotive gewesen sei, erzählte er, das sei die ausrangierte Lok, die jetzt am Bahnhof von Saint Aygulf als Erinnerung an den Train de Pignes aufgestellt ist. Und dann noch eine Kuriosität:
Diese Bahn von Toulon bis Nizza, die in Cavalaire noch le Maracon hieß; hier nennt ihn der Volksmund deswegen Train de Pignes, weil die alte Dampflok mit Pinienzapfen befeuert wurde.

Die Räder wieder in Ordnung, und wir wieder in den Sätteln! Und was am Ende des so naturhaft leuchtenden Massivs des Esterel dann auf uns zu kommt, das ist das etwa 60 Kilometer lange Band der französischen Mittelmeerküste, das man die eigentliche, die mondäne Côte d´Azur nennt. Ab jetzt werden sich an der atemberaubenden Küstenstraße eine Touristenstadt nach der andern reihen, und das in einer Landschaft, so schön, daß Gott nach dem Sündenfall den Garten Eden wohl hierher verlegt und zu ihren Anwohnern gesagt hat:
„Von allen Früchten dürft ihr essen,… und machet euch diese Erde untertan!“

Als erstes wird Cannes passiert, seit letzten Sommer bei uns im Saarland auch als Stadt der Filmfestspiele bekannt. Wie ein idealer Halbkreis weit geschwungen der Golfe-Juan und mitten in dessen Rund die Stadt Antibes. Die durchgehend prominent städtische Bebauung wird bis zur Traumstadt Nizza kaum unterbrochen, erreicht aber hier ihren luxuriösen Höhepunkt.
Ein Blumenstrauß ist Nizza, für den wir kaum ein Auge haben!
Fast blendend leuchten in der noch hochstehenden Sonne die hellen Kalk- und Marmorfassaden der prächtigen Luxushotels, die sich an der kilometerlangen Strandpromenade wie die Perlen am Rosenkranz aneinander reihen.
War es Zufall, war es der Irrtum oder das Abenteuer, was uns ausgangs der Stadt ähnlich wie in Marseille von der Küstenstraße weg führte und, nur leicht abzweigend, auf eine herrliche Bergstraße  parallel zur Küste ableitete? Hinterher bin ich mir sicher: es war Sankt Christophorus, dessen Bild wir ja bei uns tragen, der Schutzpatron der Pilger und Reisenden: Er wollte uns  nicht nur sicher über diesen Berg führen, sondern uns damit etwas besonders Gutes tun.
Erst sanft, dann stärker ansteigend, die Sonne noch im Rücken, macht diese auch noch so schön ausgebaute Rampe nach ein Dutzend Kurven und Kehren doch ziemlich zu schaffen. Auf einer Plattform wird angehalten, auch der Aussicht wegen. Die geschätzte Höhendistanz von etwa 400 Metern kommt uns, so direkt senkrecht über dem Meer, wie ein Blick von einer Alpensteilwand vor. Es ist ein grandioser Blick, sicher schon auf tausend Ansichtskarten festgehalten, die mediterran  bewachsenen Steilhänge hinunter auf eine kaum beschreibbare Landschaft, über die Küstenstraße tief unten und die hellen Strände hinweg, auf das unendliche Meer und nach rechts auf das leuchtende und blinkende Nizza. So ganz gegen die jetzt tiefstehende Sonne: welch ein Glanz, welch ein Licht, welche Pracht überschwenglicher Farben.

Und es soll noch ein weiterer Höhepunkt dieses Höhenflugs folgen: das Örtchen Eze.
So kurz wie der Name, so klein auch das Dorf, nicht größer als unsers; aber um so großartiger seine stolze Lage, seine ganze Erscheinung. Von ringsherum gut sichtbar, auf lichter Höhe, einem Adlernest gleich, trohnt dieses Eze über allem majestätisch und hoch hinweg, just auf der Bergkuppe aufgesetzt, über die anderen Höhen hinweg.
Neugierig sind wir von der Hauptstraße weg, steigen zu Fuß hinauf in diesen Menschenhorst, der unsere Aufmerksamkeit anreizt.
Ein ständiges Rauf und Runter auf engstem Raum, auf engen Gassen, winkeligen Ecken über Treppen, Stufen und Stiegen, rechts und links hochragende Häuserfronten, durchweg schmucke, stattliche Häuser in mittelalterlicher Wohlhabenheit, mit Erkern, Bögen, Vorbauten, Veranden und Sonnenterrassen, wie aus einem Guß, ein architektonisch hochwertiges Gesamtwesen.
Verwunderlich, wie diese kleine Stadt mit der stattlichen Qualitativ hochwertiger Bauten, innerhalb solcher reizvollen, blumengeschmückten Winkeln und Stiegen zu solchem Wohlstand gekommen ist, all dies hier oben in felsiger Höhe zu errichten.
Jetzt haben wir doch hier am Mittelmeer schon so viele phantastische Landschaften und Orte gesehen; und hier nun, uns packt erneut die Überwältigung.  Wir sind immer noch nicht aufgestiegen, schlendern weiter, bleiben ständig stehen und…Willi sagt auch nichts, schaut auch nur und staunt.
Wie haben es die Menschen in den verflossenen Jahrhunderten nur fertig gebracht, hier oben ein solch romantisches Kleinod hin zu zaubern?

Von der Kuppe des Dorfes aus bleiben wir zunächst noch auf der Höhe, bis  es dann zu einer äußerst steil zum Meer hinunter stürzenden Abfahrt kommt. Und für das da unten, zu unseren Füßen liegende Fürstentum Monaco begnügen wir uns nach so viel Impressionen mit dem überwältigen Blick von oben und streben endlich der Grenze zu.
Was werden wir schon  in Monte Carlo versäumen? Außer dem Schloß fast nichts als Luxushotels und Prachtbauten. Und alles, was in vergangener Nacht viel Geld verspielt hat, wird sich jetzt am Vorabend schon zum Aperitif wieder in den Luxusbars treffen, sich den Mut zutrinken, auf ein neues Glück auf den Spieltischen. Doc h an jedem Ende wird es wieder heißen:
>Riens ne va plus!<

Wir aber haben für Derartiges kaum ein Auge.
Uns beschäftigen, so ganz in der Nähe zur Grenze eher eine Reihe von Fragen:
-Was wird uns vor und hinter dem Schlagbaum erwarten?
-Vor welcher Grenze stehen wir, welches Land werden wir im Italien 1950 betreten?
-Fünf Jahre nach dem Bruch der „Achse“, nach Hitlers Vergeltungsmaßnahmen am Badoglio-Italien?
-Ist es noch Verbündetenland, Feindesland, Freundesland, oder auch nur Pilger- und Touristenland?
-Wie werden wir uns in diesem Italien zurecht finden?
-Wird unser Meßdienerlatein ausreichen, um sich zu verständigen?
-Werden wir vielleicht mit Französisch weiter kommen?

„Salute il Papa!“

Von der fanzösischen zur italienischen Riviera
Noch bevor wir am späten Abend die letzte französische Stadt Mentone passieren, erfassen mich Bedenken, die Grenze zu überschreiten und frage Willi, doch noch einmal auf französischem Boden zu übernachten. Ich erinnere mich, letztes Jahr vor Saargemünd  hatte ich ebenfalls gezögert, in fremdes Land zu schreiten.  –  Willi setzt sich mit der Meinung durch, wir hätten nun schon dreimal einen Anlauf genommen; es sei noch eine ganze Weile nicht dunkel, und jetzt müßte „die Glocke werden“.
Und dann stehn wir tatsächlich vor der Schranke.
Die Zöllner auf der italienischen Seite stutzen zunächst, mustern uns von oben bis unten:
-Dove venite?
Klingt wie Latein: ich antworte:
-Germania!
-Ah, Germania, bravo.

Wie  wir umständlich erklären, auf Pilgerfahrt nach Rom zu sein, da leuchten ihre Augen freudig auf. Einer beeilt sich, uns den Stempel in den Reisepaß zu drücken, und alle rufen uns beim Hochziehen des Schlagbaumes zu:
-Buon viaggio, ragazzi e salute il Papa!

Nun sind wir also in Italien.; alles glatt gegangen, und der erste Kontakt gelungen!
Der Tag neigt sich, es wird Zeit, nieder zu kommen. Kurz hinter der Grenze gleich die erste italienische Stadt Ventimiglia. Auch außerhalb bleibt es nicht so einfach, in dieser dicht besiedelten Touristengegend, hier zwischen Berghang, Straße und Meer einen ruhigen Nachtplatz zu finden. Selbst direkt hinter der Stadt auf dem engen Streifen zwischen den Bergen und dem Wasser und im Dunkeln immer noch keine Chance.
Müdigkeit stellt sich ein.
Dann endlich ein größerer freien Platz, allerdings nicht auf Rasen, sondern auf einer großen blanken Betonplatte. Also, auf einer einsamen, etwa 25 m hohen Plattform, auf Pfeilern ins Meer gebaut, breiten wir – nolens volens –  Zeltplane und Decke aus und unsere müden Knochen dazu.
Doch wir können keine Ruhe finden. Von der betonierten Unterlage strahlt noch ungebremst die gespeicherte Tageshitze wie eine Wärmeplatte in die laue Luft des späten Abends. Sie läßt unsere Muskeln nicht entspannen und kühlt unsern Kopf nicht ab. Aber damit nicht genug; zudem plagen uns erstmals in diesen südlichen Nächten die widerlichen Schnaken. Oder sind es Moskitos?
Ich will schon anfangen auf Italien zu fluchen, da drückt Willi mir seine Hand auf den Mund, geht zu seinem Rucksack und kommt mit einer Flasche Vorschuß zurück, mit dem wir uns in Gesicht, Armen und Beinen einreiben.
Beim Vorschuß handelt es sich um das erste Geläuf, dem Vorlauf beim Schnapsbrennen. Er galt in den 50er Jahren bei uns daheim als noch kostbarer als der Schjnaps selbst. Es war in jedem Haushalt eine hervorragende Medizin zum Einreiben bei Gelenkschmerzen, äußeren Verletzungen, und eben auch mit seinem überstrengen Geruch als Hautschutzmittel bei Insektenplagen.
Trotz Vorschuß und Ruhe vor den Mücken komme ich noch nicht  gleich zum Einschlafen. Mich ärgert erst, warum ich nicht selbst auf solch wichtige Dinge wie den Vorschuß beim Einpacken gedacht hatte.
Und über diese Vorschußidee von Willi gehen dann die Gedanken heim, erst ins Zollhaus und auch rüber ins Dorf.
Was machen die daheim? Vater hätte mir doch auch den Tip mit dem Vorschuß geben können; zumal er etliche Flaschen davon aus seiner Zwetschen-, Mirabellen- und Hondseeschenbrennerei im Keller gebunkert hat.
Und wie ist es Mutter zumute? Ich kann nur über die Sterne vom Großen Wagen, direkt hier über uns, mit ihr telefonieren.
Was hatte sie sich schwer getan, mich ziehen zu lassen! Wird sie wenigstens in dieser Nacht  gut schlafen können? Inzwischen ist Willi eingeschlafen. Hat sich wohl auch solche Gedanken gemacht? Sein erster Eindruck von den ersten Stunden in diesem unbekannten Land Italien war auch nicht überschwenglich.
Hätten wir uns auf dieses Abenteuer überhaupt einlassen dürfen?

Zu Kapitel 2,11: Auch wir in „Arkadien“: Roma Aeterna, wir kommen!

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