5,8 – Der Aufstieg zum San Gottardo

Sonntag, 13. August – 2. Tagesteil 

Den Weg will ich Euch nennen, merket wohl!
Ihr steigt hinauf, dem Strom der Reuss entgegen,
Die wildes Laufes von dem Berge stürzt
Fr. Schiller

Gestärkt und etwas ausgeruht, verlassen wir das liebliche Airolo, schauen uns unsere Räder nochmal genau an und steigen auf. Wir nehmen die Straße zum Paß; jedoch in der anderen Richtung als sie der Tellsdichter beschreibt.
Ausgangs des Ortes ist die Talstraße, die Strada di Valle noch ziemlich flach. Erst am Bahnhof vorbei, vorbei an dem Tunneleingang zur Gotthardbahn und gleich danach an einem schmal gezogenen See. Bei den letzten Häusern schließt sich die Talebene merklich; es beginnt der ernsthafte Aufstieg. Und gleich oberhalb der Dächer wartet auf uns die erste Haarnadelkurve.

So immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen
Des Gotthards, wo die Ewg’en Seen sind
Die von des Himmels Strömen selbst sich füllen
Dort nehmt Ihr Abschied von der deutschen Erde,
Und muntern Laufs führt Euch ein andrer Strom
Ins Land Italien hinab, Euch das gelobte
Fr. Schiller

So immer steigend, kommen wir nun, Kurve an Kurve, Schleife an Schleife, von der andern, der südlichen Seite immer weiter hinauf.
„San Gottardo 13 km“!

Bei diesem Kilometerstein steigen wir kurz ab und schauen über die Straßenkante hinunter, stellen erstaunlich fest, wie hoch wir schon gekommen sind. Wann werden wir aus den Sätteln müssen?
Die Sonne hat alle Flankenseiten der Gipfel ringsum leuchtend erfaßt, und auch die dunklen Schluchten entlang nach unten sieht alles so schön aus, so frisch und gesund: das ganze Tal, die Almen und Matten, das Städtchen, der Fluß. Es kommen Herden herauf, noch bevor wir sie sehen, ertönt ihr vielstimmiges Glockengeläut, in das sich nun auch die Klänge der weißen Kirche einmischen und künden es wieder: Heute ist Sonntag!

Das herrliche Tal wird immer enger; die mächtige Felswände ragen noch steiler in die Höhe. Der Tessin ist auch noch da; hier noch reißender als unten bei unserer nächtlichen Lagerstätte. Und von den senkrechten Felsenwänden stürzen sich tosende Gießbäche hinab. Einer von ihnen zieht unsere Aufmerksamkeit besonders an: Sein Lauf wird oben an einem Felsvorsprung jäh unterbrochen; sodaß er etwa 200 bis 300 Meter tief frei durch die Luft stürzt und unten auf eine mächtige, querliegende Felsplatte mit einem Getöse aufprallt, sodaß alles Wasser nach allen Seiten weggeschleudert wird.

Was die landwirtschaftliche Nutzung angeht, so sieht man hier nur noch wenig Almen; dafür sind die Hänge meist zu steil. Aber es hat Sägewerke, die sich die Kraft des Wassers zunutze machen.
Stets, wenn wir vor eine größere Kurve kommen, wiederholt sich der Anschein, das Tal würde an der Felswand aufhören und wir stünden plötzlich wie vor einer Mauer; doch wenn wir näher kommen, findet die Straße stets den weiterführenden Ausweg.

D´ou venez-vous, Messieurs?
Willi gibt mir ein Zeichen; wir müssen anhalten. Sein Sattel ist auf einmal locker geworden. Aber es ist nur eine Kleinigkeit, die sich mit einem Kopfschlüssel zur Hand gleich beheben läßt. Wir nützen die Gelegenheit für eine kleine Rast auf einer Bank am Straßenrand.
Da kommt ein Greis daher mit langem, längst ergrautem Bart und einer ebenso langen Pfeife, die zwischen den Barthaaren tief herunterhängt. Wie er uns bemerkt, hält er an, schiebt den alten Hut zurück, nimmt den irdenen Kopf der Pfeife in die Hand und betrachtet uns ganz neugierig. Nach einer Weile bietet er uns sein „Buon giorno!“ an, was wir inzwischen ganz leicht und akzentfrei auf italienisch erwidern können. Wie er dann aber munter in seinem ticinischen Italienisch weiter plabbert, sodaß wir nicht mehr imstande sind, weiter in seiner Sprache zu antworten, da fragt er in reinstem Französisch: „D´ou venez-vous, Messieurs?“
Nun können wir ihm schon besser Rede und Antwort stehen. Aber er hatte ja schon zuvor an uns gemerkt, daß wir auch keine Franzosen sind. Und so meint er schließlich:
„Noo, döös hätt joo long g´dauert, bes mir uns rächt verstann honn, nit woahr!“, steckt seine Pfeife wieder ein und geht weiter. Man kann nicht von jedem Schweizer erwarten, daß er alle seine Landessprachen spricht; aber dieser alter Mann mit dieser erstaunlich noch so jungen Stimme, der beherrscht sie alle.

Wir steigen wieder auf, und er geht seinen Weg nach unten weiter, wohl noch ein weiter Weg, denn bis Airolo hinab, ist noch eine gute Strecke.
Von oben kommt uns ein Radfahrer entgegen, der das Wappen an den beiden Wimpeln an unsern Rädern, das Merziger Stadtwappen, zu erkennen scheint. Er hält  sofort an und spricht uns an:
-Ewei saan nur, ihr wäre Saalänner!
Ich denke, die Stimme, die kennst du doch von irgendwo her, und dann stellt mir Willi den Kerl auch schon vor:
-Dat äas doch, Gisbert, dä Kolleesch aus der Katholisch Jugend, denn dau och äam    Wallerfangener Zeltlager kenne gelierd hoschd.
-Rischdisch, Gisbert, dau beschd alsoù dä jonge Mann, denn döö och d´n  Zirkusdirektor gemaach hot.
-Genau, denn säan eich!

Gisbert ist wie wir Radpilger auf dem Weg nach Rom. Von uns bekommt er die Adresse des gastfreundlichen Monsignore von Montalto, steckt sie ein, und im Nu ist er auch schon wieder davon.

„Ospizio 10 km“.
Die Straße verliert immer mehr ihre feste Decke; aber sie gleicht mit ihren Windungen immer noch einer riesigen Schlange. Dicht daneben auf den grünen Streifen ist eine Herde bis zu dieser Höhe herauf gelangt; der Sennhirt grüßt freundlich herüber.

Aber diese Schlange, auf der wir uns inzwischen schweißtriefend in die Höhe winden, kann man nun schon nicht mehr Straße nennen; der Asphalt ist längst dem Bergschotter gewichen; Wasser fließt an manchen Stellen darüber und der Untergrund wird weich und morastig. Wasser gibt es ja hier mehr als genug. Immer rauschen in der Ferne wieder neue Gießbäche. Aber auch das Wetter schließt sich dem an; immer dichter werden jetzt die Wolken und schleichen sich um die Felswände. Drüben in einer Wand, eine Gedenkplatte: ein Unfall, geschehen im vorigen Jahr!

Es überrascht, hier in 1800 m Höhe noch eine einzelne Behausung zu finden. Ein Pfad führt nach rechts hinauf zu einer größeren Hütte, die Wände aus ganzen Fichtenstämmen gezimmert. Wie willkommen in unserm jetzigen Zustand!
Wir kehren ein und trinken einen großen Becher köstlich frischer Milch. Nicht nur die Milch, alles ist echt, auch das selbst gebackene Bauernbrot, sogar die grob gehauene Bank vor der Hütte, in der ich mir beim Sitzen eine Schleiter in die blanke Haut des Oberschenkels ziehe.
Auf dem Tisch liegt eine Zeitung, seit langem wieder eine deutschsprachige Zeitung! Auf der Titelseitet aufgemacht: Kübler, der Kletterer hat die Tour de France gewonnen und ist in die Schweiz zurückgekehrt. Aber der Krieg ist noch in Korea geblieben mit immer neuen Verlusten. Weit weg von dieser heilen Welt, weit weg auch von uns Glücklichen. Was immer dort drüben auf der andern Seites des Erdballs geschieht; es ist weit mehr als ein bloßer Bruderzwist, ist kein bloßer  Bürgerkrieg mehr, allein zwischen Koreanern und Koreanern.
Ansonsten scheint in Europa noch alles in Ordnung. Und direkt unter dem Koreaartikel heißt es darunter: Palmolive ist immer noch die beste Seife…

Wir fragen den Senner nach dem Stein, den wir vor der Hütte neben dem Pfad haben liegen sehen, ein mächtiger Kloß, rund und oval wie ein riesiges Osterei. Willi schätzt ihn mit eineinhalb Meter im Durchmesser, obenauf etwas abgeflacht.
Ganz kurz erhalten wir vom alten Senner die Antwort:
-„Der isch aus ´m Gletscherdopf.“ 

Auf dem Weg zurück zu den Rädern muß ich noch einmal an Willis Freund von der Katholischen Jugend denken. Ein durchaus mutiger Kerl, macht unsere Tour ganz allein. Der vitale Bursche war mir schon bei seiner Darbietung vor den Kindern im Wadgasser Jugendlager  aufgefallen.
Und wie ich Willi frage, wieso dieser Gisbert so allein und auch so spät seine Pilgerreise antrete, weil doch schon Ende des Monats die Großen Ferien zu Ende seien, da eröffnet mir Willi, sein Freund sei voriges Jahr ins Trierer Konvikt eingetreten, sei sich inzwischen aber nicht sicher, ob er durchhalte. So schwanke er noch zwischen dem Hochaltar und der Zirkusmanege. Vielleicht bringt ihm der Segen des Papstes die Erleuchtung!

Avanti! Die kleine Verschnaufpause hat gut getan. Zurück zu den Rädern. Der Verkehr wird hier oben zusehends belebter, meist Personenwagen, etliche Motorräder, nur wenige Fahrräder. Uns fällt auf: Radfahrer grüßen nicht nur Radfahrer, Kraftfahrer grüßen nicht nur unter sich. Sobald man um die nächste Kurve kommt und wieder jemandem begegnet, so hört man aus dem Auto oder vom Motorrad ein „Hallo!“ oder sieht sonst ein freundliches Zeichen. Hier oben, zwischen Felsen und Wolken begegnen sich nur Freunde, Freunde unter Freunden, Freunde der Berge, Freunde der Welt!

„Ospizio 5 km“.
Nur noch vier Kilometersteine!
Die Kräfte sind trotz der Pause fast verzehrt; an steileren Stufen schämen wir uns nicht, wieder abzusteigen und ein Stück zu Fuß zu gehen. Das tut gut und lenkt den Blick mehr auf die Gegend. Es kann auf einer solchen Schlangenstraße vorkommen, daß man zwei dieser hellen Kilometersteine zugleich sehen kann, der eine direkt vor uns, der andere 100 Meter über oder rückblickend unter uns.
Beim Gehen verspüren wir auch auf der Haut: Es ist merklich kühler geworden, sodaß wir etwas über das dünne Hemd ziehen müssen.
Die letzten zwei Kilometer; die Steigung läßt nach; wir steigen wieder auf, denn der Passo soll radelnd erreicht werden.

Der 2000er – geschafft!

Auf dem Dach Europas, dem Winter ganz nahe

Und dann haben wir es wirklich geschafft. Die südliche Paßstraße zum Gotthard, hier Tremola genannt, liegt hinter uns.
Diese fantastische Schlangenstraße ist also nach dem Tremolatal benannt, auf dessen steilen Hängen sie von Meisterhand gebaut ist, eine Straße, die von unten bis ganz nach oben nur aus Serpentinen besteht. Wir haben sie nicht extra gezählt, aber es müssen gut zwei Dutzend Kehren sein.
Und der Gotthardpaß liegt noch gute 400m höher als der Passo di Cisa; doch der war auch kein Honigschlecken; ist durchaus vergleichbar, denn wir waren ja dort von Meereshöhe an aufgestiegen.

Hier oben liegt ja noch Schnee! Die Straße ist platzartig verbreitert, und es stehen einige Häuser da, große ausgewachsene Häuser. Vor dem einen ist reger Betrieb; es ist die Post.
Dort rechts ist eine Art Stauwerk und davor ein kleiner See. Wir setzen uns hin, uns umzuschauen, auszuschnauben, um  mal mit den warmen Händen in den kalten Schnee zu greifen.
Rudi glääw mir, dej Roùh loo, dej hummir oas wej kään anneren mej als reedlisch verdejnd!
-Ma dat seeschde rischdisch; es äas och en dankboar Gefejhl debei, ed geschaffd ze hun!

San Gottardo Ospizio

Bei unserm selbsterfüllenden Gespräch haben wir  einander in die Augen geschaut. Dabei stellte ich an Willis Gesicht fest, wie sehr die Anstrengung auch ihn, besonders ihn gepackt hat. Er wird unsere volle Entspannung noch mehr nötig haben als ich; hat er doch darauf bestanden, die ganze Strecke mit seinem deutschen Stahlroß zu bestreiten, das ohne Gepäck allein schon schwer wiegt.
Eine weite Aussicht bietet sich hier auf der Paßhöhe nicht an. Man schaut mehr in die Waagerechte als in die Senkrechte; so ragen die Spitzen der Berge nur am Horizont hervor, die Täler verschwinden dazwischen.

Hm, das Seewasser scheint kälter als der Schnee!

Ah, wir sollen etwas zur Seite; die Engländer wollen ein Foto machen. „Oh, yes, please!“

Willi fotografiert für uns auch. Es wird auch ein Gruß geschrieben und abgeschickt in die Heimat; eine Ansichtskarte mit dem Poststempel vom Passo San Gottardo. Sie werden staunen daheim und stolz sein über unsere Leistung. Hoffentlich kommen die Karten noch vor uns an!
Müde genug wären wir um hier im Hospiz über Nacht zu bleiben. Ich mache Willi den Vorschlag; der aber hat sich wieder erholt und meint, der weitere Weg führe doch nur bergab, und weiter unten ist es für die Nacht sicher viel wärmer als hier oben im Höhenwinter.
Der erfahrene Wald- und Wettermann hat schon wieder recht; zudem, es ist ja noch eine ganze Weile hell am Himmel. Also steigen wir wieder auf und werden weiter unten etwas suchen, wie es Willi vorgeschlagen hat, werden es finden, wie Gott es will.

Zu Kapitel 5, 9: Quer durch die schöne, saubere deutsche Schweiz

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