5,7 – Die Schreckensnacht von Bellinzona

Sonntag, den 13. August –  Auf grünen Matten 

„wo viel licht ist, ist auch viel schatten“;
wir lieben beides, besonders das licht
strecken uns hin, auf grünen matten
verschmähen auch den schatten nicht;
„doch mit des geschickes mächten
ist kein ew ´ger bund zu flechten“.

Wir mögen so wohl eine gute Weile in unserer tessiner Idylle selig durchgeschnarcht haben, als ich, erschreckt, ganz plötzlich in die Höhe fahre, durch einen mächtigen Knall geweckt. Es ist über uns und um uns herum so heftig dabei, in Strömen zu regnen, von uns Schnarchenden völlig unbemerkt.
Der Knall rührt zweifelsohne von einem Blitz, der mit einem mächtigen Donner, der hier zwischen den Gebirgsketten in diese tiefe Schlucht hernieder gefahren ist.
Dann ist alles um mich herum wieder so schwarz, als befände ich mich in einem Tintenfaß. Willi muß wohl noch müder gewesen sein als ich, denn, obwohl es nun schon schüttet wie aus Eimern, rührt er sich noch nicht. Was muß der erst müde gewesen sein, bei krachendem Donner, unter freiem Himmel und inzwischen durchnäßt, immer noch weiter zu schlafen.
Ich muß ihn regelrecht an den Schultern rütteln, um ihn wach zu bekommen. Aber bis wir innerhalb der nächsten drei Minuten das Zelt stehen haben, sieht es so aus, als sei es garnicht mehr nötig. Wir, unsere Körper, unsere Kleider am Leibe, auch die Plane, die Decke und alle unsere, am Vorabend ziemlich wahllos umher abgelagerten Sachen sind inzwischen triefend naß.

So sitzen wir, die begossenen Pudel, inzwischen  unterm Zeltdach, also zwar im Trocknen, aber vor unserer Nase gießt es ungehindert weiter; was können wir tun? Was tun, in solcher Situation, nachts um 2 Uhr?

Zunächst holen wir aus den Satteltaschen trockene Unterwäsche, wechseln Hosen, Hemden und Socken und hocken uns auf unsere Fersen, denn der Boden ist nicht nur naß, sondern gänzlich aufgeweicht. Um den ersten Ärger herunterzuschlucken, stimmen wir ein paar Lieder an und singen uns warm.
Dann aber steht Willi plötzlich auf. Der alte Waldläufer schnappt sich das Beil und eilt im strömenden Regen wieder in Richtung Tessin. Nach geraumer Zeit kehrt er mit einem Arm voll Reisig zurück, das am Rande des Flusses zwischen den großen Kieselsteinblöcken gestrandet war.
Bevor er wieder zum Tessin zurückeilt, streift er noch schnell die nasse Oberwäsche ab, eilt mit nacktem Oberkörper weiter und bringt nun ein größeres Stück von einem Baumstamm mit zurück.
-Wat wellschdau dann mäat dem naaßen Zeich loo ufänken, dat däät doch net brennen.
-Oobwoarten, mei Lejwer, dat wär net ed ejschd Moa, aus naaßem Holz e Feier ze maachen.

Während ich weiterhin bäuchlings im Zelt liege und ihm  durch den Schlitz gespannt zuschaue, bringt der Teufelskerl es tatsächlich fertig, mitten im Regen und mit nassem und durchweichten Holz ein Feuer zu machen.

Wie dann in dieser stürmischen Nacht das Teewasser im Kochtopf auf dem Feuer steht, erklärt Willi mir, daß er annahm, daß bei solch starken Gewittern, wie sie hier herrschen, nicht nur viel Reisig gestrandet ist, sondern auch Baumstämme in den Fluten des Tessin mitgerissen werden, deren Holz im Innern des Stammes noch trocken ist.
Und so hatte er es dann geschafft:
Mit dem Beil hackt er am Stamm die nassen Oberflächen ringsum soweit ab, bis er auf den trockenen inneren Kern kommt. Und daraus macht er kleine Spellerchen als Anfeuerholz. Mit diesen trockenen Spänen gelingt ihm dann nach einer Weile tatsächlich ein flackerndes Feuerchen. Inzwischen hat er den Rest des Stammes mehrfach gespaltet und dann die einzelnen Teile aufgelegt, sobald die Spellerchen und das dünne Reisig richtig Feuer gefangen haben.

Wäscheleine rund ums nächtliche Lagerfeuer
Aber das ist nur der erste Teil von Willis fachmännischer Rettungsaktion. Da wir ja am späten Abend nicht mit diesem Gewitter rechneten, hatten wir in unserer Erschöpfung all unsere Sachen, die Oberhemden die Socken einfach vor unserer Liegeplane auf dem Rasen verstreut liegen und sogar unsere Gepäcktaschen auf den Rädern offen gelassen.
Und da wir beide inzwischen wie die Heinzelmännchen von Kölle schon mehrmals wieder neues Holz beigebracht haben, lodert nun ein großes Lagerfeuer vor unserm Zelt. Rings herum sind im gebührenden Abstand einige Pfosten in den Boden gerammt. Diese Pfosten werden mit unserm langen Seil zu einem großen Kreis verbunden, und auf der Leine trocknet rund um die heiße Luft des Feuers unsere ganze Wäsche.
Ich bin überhaupt stolz auf Willi; es hätte keinen besseren Kumpanen als ihn für diese große Fahrt geben können. Wer hätte sonst ein solches Feuer aus nassem Schwemmholz erschaffen und nicht nur unsere Haut, sondern auch unsere Kleider wieder trocken bekommen können!

Jetzt stehen wir davor, uns zu entspannen, nur zu freuen; ein Feuer so groß, wie wir es an St. Martin in Lebach hatten. Und aus einiger Entfernung ist unser seltsames Lager unheimlich anzusehen; denn die lodernden Flammen werfen hinter die herunterhängenden Hemdsärmel und Hosenbeinen gewaltig lange, fast schauerliche Schatten…

Am nächsten Morgen, es sind ja nur paar Stunden, glimmt das Feuer noch rötlich in die Dämmerung hinein. Und wir haben keine Mühe, es für den Kaffee ein wenig größer werden zu lassen. Endlich hat der Regen aufgehört, und während wir frühstücken, wird die Flamme wieder zu einem prächtigen Lagerfeuer, daß in der Zwischenzeit unserer Wäsche die letzte Feutigkeits aus den Fasern saugt.
Während wir stehend unsern Kaffee schlucken, erblicken wir über die Bäume hinweg in der Ferne zwei schneebedeckte Gebirgsspitzen. Sie sind schon von den ersten Sonnenstrahlen erleuchtet, während hier im Tal erst der Tag beginnt. Der Sattel zwischen den beiden Gipfeln, das mag wohl der Gotthard-Paß sein. Da müssen wir rüber – 2114m hoch!

Obwohl wir längst nicht ausgeschlafen haben, stimmt Willi beim Einsammeln der Wäsche wieder Liedchen an. Wir singen jetzt öfters als auf der Hinreise unsere Lieder, sozusagen, als könnte uns jetzt nichts mehr erschüttern!

Hinter Bellinzona beginnt die Paßstraße
Es ist noch nicht alles restlos getrocknet, wie wir, noch etwas träge, aufbrechen. Wir starten wahrscheinlich zu unserer schwierigsten Etappe, hinauf zur höchsten Stelle bisher von uns erreichter Meereshöhe.
Schweigsam brechen wir auf, fahren talaufwärts weiter.

Nach dem geruhsamen Mahl hatten wir gestern also an diesem wohligen Abend noch eine Weile unter der Wirkung des Weines die wunderbare Abendstimmung genossen, nicht mehr ganz mediterran, schon ein bisschen alpin, aber dennoch südländisch und doch recht wohlig. Wir wollten sie noch einmal ganz in uns aufnehmen, sie einfach nur genießen; bevor es dann beim Morgengrauen heißen wird, das Tal des Ticino zu verlassen und zu den alpinen Höhen aufzusteigen.
Und als Willi sich noch in der Abendstimmung aufmachen wollte, das Geschirr im Tessiner Wasser zu waschen und die überall rum liegenden Sachen für die Nacht aufzuräumen, da hatte ich ihn an der Schulter wieder in die Strecklage zurückgedrückt.
Und als uns dann in der Nacht unerwartet das Chaos ereilte, da regte sich in mir das Gewissen, und ich fragte mich, ob ich in meiner seligen Sorglosigkeit den Wettergott herausgefordert und bis zu diesem Wolkenbruch erzürnt hatte.

Weiter geht ´s ! – Auf dem rechten Flußufer sehen wir bald gegenüber die Stadt Bellinzona liegen. Stattliche Häuser meist in zwei- bis dreistöckigen italienischen Hausformen. Hoch über einem lang gestreckten Bergrücken überragen mitten drin zwei mächtige mittelalterliche Burgen das ganze Tal. Schmuckes Städtchen, also auch hier stolze Häuser, freundliche Menschen und wie über all auch hier im Tessin eine wunderschöne Gegend, wohl passend dazu. Wir winken und grüßen und ziehen gleich weiter.
Bald hinter dem Ort biegt das Tal nach Nordwesten um, genau in unsere Heimwärtsrichtung. Das hier so genannte Valle Levantino engt sich mehr und mehr ein, und der Ticino wird wütender.

Peter und Paul von Biasca

Unsere Beine merken es schon: Es geht stetig bergauf, die Fahrt wird langsamer, mehr Zeit zum Umschauen, wunderschöne Landschaft, satte Wiesen, schmucke Dörfer, hohe Wälder und dahinter alpine Gipfel.
Nach einigen Kilometern weitet sich das Tal wieder in eine flache hellgrün leuchtende Niederung, in deren Mitte wir den ebenfalls schönen Ort Biasca durchfahren. Etwas oberhalb sehn wir Einheimische, in dunklen trachtenartigen Kleidern, einem stolzen, Kirchengebäude zustreben.
Wir erinnern uns, daß heute ja wieder Sonntag ist. Und da wir wegen der tosenden Nacht noch etwas mit dem lieben Gott zu erledigen haben, folgen wir den frommen Leuten die Anhöhe hinauf, wo auf einem langgestreckten, kantigen Felsenrücken eine alte, ehrwürdige Kirche, in hellem Kalkstein leuchtend, das Tal überstrahlt. Wir stellen die Räder ab, treten ein und feiern mit den Tessinern das Hochamt.

Die stolze romanische chiesa mit dem auffallend hohen und überschlanken Turm stammt wahrscheinlich aus dem Hochmittelalter und ist den beiden Aposteln Petrus und Paulus geweiht. Vor Sankt Petrus wollen wir unsern Groll der Nacht ablegen und einen Dank, doch noch gut davon gekommen zu sein.
Hinter Biasca schnürt sich die breite Talaue erneut stärker ein, die felsigen Hänge der Alpen rücken beidseitig wieder näher zusammen. Wir steigen weiter  sanft aber stetig an. Mittag ist schon überschritten, die Sonne hoch, die Schatten kurz, und wir schon wieder am Schwitzen. Und dann, nach einer weiteren kurzen Steilstufe öffnet sich das Tal wird flacher und wieder weiter. Und in dieser breiteren Ebene, flach und grün wie auf einer Art ausgedehnter Talterrasse liegt dann friedlich und unerwartet  das Städtchen Airolo.

Auf dem Marktplatz stehen einige, immer noch schlaftrunkene Sommerfrischler vor dem Hotel, um ihren Wagen klar zu machen. Wir fassen frisches Wasser aus dem Marktbrunnens; eine Uhr schlägt 13. Auch mitten im Ort ein einladendes Restaurant,  wo die Gäste  zum Speisen draußen unter Sonnenschirmen sitzen.
Mit einem kurzen Blick sind wir uns einig:
Es ist ja heute Sonntag und verdient haben wir ´s auch: Also kehren wir ein. Es hat dort ein kühles Zapfbier fürs erste, und dann gönnen wir uns ein „gekauftes“ Mittagessen; nach dieser anstrengenden Nacht und angesichts des bevorstehenden Aufstiegs ist´s allemal angebracht.

Kulturell und kulinarisch sind wir noch in Italien. Ein Blick auf die Speisekarte bestätigt es. Es hat zwar keinen Pizzaofen; aber für unsern Geldbeutel erschwinglich gibt es eine Pasta aciutta, Spaghetti mit einer dicken Hackfleischsoße, und dazu, im Preis inbegriffen, für jeden ein Glas Rotwein.
Die meisten Gäste nehmen anschließend einen cafè espresso;  wir dagegen, ziehen eine Portion gelato vor.
Für eine Siesta im satten Gras  unter kühlendem Schatten bleibt keine Zeit mehr. Aber wir sitzen bequem in breiten Sesseln mit gefütterter Lehne, strecken die Beine aus, lehnen uns entspannt zurück und genießen auf dieser Fahrt unser erstes Eis.

„Airolo“
An dieser Stelle ist aus der heutigen Erinnerung vielleicht zu vermerken, daß Anfang September 1950 in der Merziger Volkszeitung ein Reisebericht unter dem Titel „Airolo“ erschien, in dem die Geschehnisse von der Sturmnacht am Tessin, den heiteren Sonntag im Ort und den anschließenden Aufstieg zum Gotthardpaß eingehend geschildert wurde.
Ein Belegexemplar dieses Artikels ist heute ebenso wenig auffindbar wie ein jeglicher Abzug von einer ganzen Reihe von Fotos, die während der Fahrt gemacht wurden. Selbst Helga, die Ehefrau von Willi Wagner, der ich für ihre Mithilfe besonders dankbar bin, kann in dessen Nachlaß auch nicht mehr Aufnahmen wiederfinden, als die, welche in dieser Dokumentation beigegeben sind.

Zu Kapitel 5,8:

 

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