5,5 – Mailand in der Nacht

Freitag, den 11. August

Denk ich an Mailand  in jener Nacht,…

Denk ich an Mailand  in jener Nacht,
wo er verschwand ganz ohne Bedacht.

Denk ich an Mailand  in jener Nacht,
die uns beide so einsam gemacht,

Denk ich an Mailand  in jener Nacht,
die mich um den Verstand gebracht.

Aus der Chronik vom 11. August 1950
Angesichts des Koreakrieges fordert vor der Beratenden Versammlung des Europarats in Straßburg der britische Konservative Winston Churchill die Errichtung einer westeuropäischen Armee mit bundesdeutscher Beteiligung.
Die Initiative wurde von Bundeskanzler Konrad Adenauer begrüßt.

Wenn Rudis Tagebuchbericht vom 11. August des Heiligen Jahres 1950 mit dem betroffenen Ausdruck der Enttäuschung beginnt, so kann sich dies nicht (noch nicht zu diesem Zeitpunkt) auf die aktuelle Tagesmeldung über die recht bedrohliche Weltlage beziehen, angesichts der sich mit Churchill auch Adenauer aufgefordert fühlt, eine westeuropäische Armee mit bundesdeutscher Beteiligung zu fordern.
Vielmehr haben die beiden Rompilger die am Mittag erduldete Frustration an der Schwelle des Gottesmannes immer noch nicht verkraften können. Und das, was ihnen daraufhin in der Nacht von Mailand widerfahren wird, sollte sie noch viel weniger zu ihrer sonst so gewohnten positiven Grundstimmung wieder zurückführen.

Enttäuscht, bedrückt, in unserm Glauben irritiert und hungrig im Magen, so sind wir gestern vom Hause des geweihten Diener Gottes von dannen geradelt, von Süden her direkt auf Mailand zu, in der immerhin verbleibenden Hoffnung, im dortigen Pilgerheim freundlich empfangen und gut unterzukommen.
Bei leerem Magen sind die Gedanken erfüllt von der Vorstellung, wieder in der städtischen Herberge die Räder für zwei Nächte und einen ganzen fahrfreien Tag beiseite zu stellen, ein kräftiges Abendmahl bereitet zu bekommen und  hinterher in weiche Federn zu fallen.

Aber auch das  sollte alles anders kommen.

Ohne weitere Pause hatten wir also mächtig in die Pedale getreten, um uns den Frust aus den Beinen zu strampeln. Die Ortschaft, die für uns kein Brotdorf und  auch kein Montalto war, hatten wir so eilig hinter uns gelassen, daß wir uns nicht einmal ihren Namen am Ausgangsschild merken konnten oder gar auch nicht merken wollten.
Am späteren Nachmittag erreichen wir die Vorstädte Mailands, der Metropole des italienischen Nordens, an deren historischen Bedeutung auch deutsche Geschichte nicht immer zu ihrem Ruhme mitgespielt hat. Schon vorher, vorbei an den Reklamewäldern rechts und links der Straße, wie sie uns von den größeren Städten Italiens längst bekannt sind, da merken wir, bald beginnt Mailands Bannmeile. Schon an ihrem Rande wird klar: Hier steht der rege Straßenverkehr dem Roms, der ewigen Stadt, beileibe nicht nach.

Die Straßenlichter gehen schon an, wie wir das Zentrum erreichen. Nur flüchtig können wir im Vorbeifahren die prächtigen Bauten, die stolzen  Paläste und pompösen Geschäftshäuser wahrnehmen.
Bei der Suche nach der Herberge geht es uns wie Maria und Josef in Bethlehem: Nach längerem Irren endlich gefunden, ist alles im Haus schon voll besetzt, die Pilgersäle überfüllt. Und was nun? Mitten in dieser fremden, quirligen Großstadt, um die herum es inzwischen schon längst dunkel geworden ist. Für uns gibt ´s nur eins: In Richtung Norden so schnell wie möglich hinaus aus der Stadt ins freie Gelände!

Mailand ist riesig, auch in seiner flächenmäßigen Ausdehnung. Bald müssen wir einsehen, um wieder aus dem Straßen- und Fahrzeuggewirre heraus aufs offene Feld zu gelangen, dafür ist die Strecke zu weit und der Aufwand zu mühsam. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu hoffen, noch innerhalb der Stadt einen passenden Platz, vielleicht ein grünes Fleckchen zu finden. Aber da wir keinen Stadtplan haben und alles außerhalb der Lichtkegel der Häuser- und Straßenbeleuchtung im Dunkeln liegt, wollen wir einfach nichts derartiges finden.
Dann schließlich stoßen wir auf einen riesigen Kreisverkehr, fast so groß wie der Etoile in Paris, um den herum auch hier noch munter die Autos sausen. Wir drehen zur besseren Einsicht noch einmal die ganze Runde und entdecken eine große und leere Fläche obenauf im abgedunkelten Innenraum, die mit dichtem Rasen besetzt ist. Kurz entschlossen schaffen wir unsere Räder dort oben hin.

Im Gegensatz zu dem quirligen Leben ringsherum ist es hier, auf dem zur Mitte hin erhöhten Kreise fast völlig dunkel, sodaß wir auch nicht befürchten müssen, von der Polizei entdeckt und wieder verjagt zu werden.
Wir stellen die Räder gegeneinander, breiten die Plane aus, nur die Plane, nicht das Zelt, denn es ist noch warm und ziemlich schwül in der Abendluft des Großstadtklimas.
Wie wir, nunmehr völlig entspannt, in unser Wurstbrot hineinbeißen, bemerkt Willi als erster, daß wir vergessen haben, Wasser mitzubringen. Er erwähnt, ganz in der Nähe, kurz vor unserm Halt beim Vorbeifahren eine Wasserstelle gesehen zu haben.
Also schnappt er sich die beiden Feldflaschen und geht stillschweigend weg. Ich stelle in der Zwischenzeit das Futtern ein; denn, würde ich weiter essen, könnte es leicht geschehen, daß für Willi nichts mehr übrig bleibt, wenn er zurückkommt.

Die Schreckensnacht von Mailand

Eich kannet laachen
eich kannet laachen
eich kannet greichen
dau beschd net döö, net loo un  och net hei
eich kann vun hei kää Foaßbrääd  maachen
wej soll eich vun der Stell hei weichen
mäat all oase Saachen, un  de Reeder debei
un woù sollt eich deich  dann schu sejchen
loo  oder hei, un häanner de siwen Bejchen
eich kannet greichen
un och net laachen

„De siwen Bejchen“, die `Sieben Buchen´, ist ein Distrikt im Schwarzwälder Hochwald zwischen Britten, Brotdorf und Mettlach, in dessen Zentrum zu meiner Knabenzeit noch eine mächtige Baumgruppe stand, aus deren einzigem Wurzelstock sieben kräftige Buchen hochgewachsen waren. Dieses Naturwunder diente den Menschen der Gegend beim Durchschreiten des weit ausgedehnten Forstes als Orientierungspunkt.

Jetzt, endlich untergekommen!  Den frustrierenden und beirrenden Tagesablauf hinter mich lassend, erfaßt mich ein recht wohliges Gefühl der Zufriedenheit, völlig locker hier zu lagern und ausgespannt, auf Willi´s erfrischendes Wasser wartend, dem geschäftigen Verkehr zuzuschauen, der sich vor meinen Augen, wie ein Hamster im Laufrad, immer nur um sich selbst herum im Kreis zu drehen scheint.
Aber wo bleibt Willi? Das Zurückkommen von der Wasserstelle „so ganz in der Nähe“ (wie er meinte) will auf sich warten lassen: erst 10 Minuten, dann 20, dann vierzig!
Ich warte also weiter, und langsam beginne ich, mir Sorgen zu machen. Das Brot mit der Hartwurst, dem letzten Rest aus Castell Gandolfo, liegt noch vor mir, doch die Lust am Essen ist mir vergangen.

-Wo bleibt er nur, dieser Tölpel?
Hat sich verlaufen?  Findet bestimmt keine Leute, die ihm den Weg zurück zeigen!
Kann doch nicht sein. War doch nur „um die Ecke“ wie er selber sagte.
Inzwischen ist der Verkehr drumherum schon deutlich weniger und ruhiger geworden. Von einem Turm schlägt eine Uhrglocke die nächste volle Stunde.
-Was mache ich bloß?
Ich gehe ein paar Schritte erst hin und her, gehe dann etwas weiter in die Richtung, in der er verschwunden ist.
-Müßte ihn suchen gehen; kann aber nicht weg; die Räder, die Sachen alles liegt offen und frei zugänglich. Wo doch in Italien so viel geklaut wird.

Ich warte eine Stunde, zwei und noch weiter.

Es hat ja auch keinen Zweck, Räder, Zelt und Gepäck, hier alles stehen zu lassen, nach ihm zu schauen; wo sollte ich denn in diesem Riesenmoloch der grellen Lichter und dunklen Schlagschatten auch nach ihm suchen!
Ich warte weiter, unfähig, etwas zu tun; lediglich die Schnaken und Stechmücken und vielleicht auch Moskitos muß ich ständig von der schweißigen Haut verjagen. Willi´s Vorschuß, der uns solange gegen das nächtliche Ungeziefer so gute Dienste geleistet hat, ist längst aufgebraucht.

Inzwischen schlägt es Mitternacht!

-Was ist geschehen?
-Ist ihm was passiert, ist er verletzt, oder hat er sich doch nur verirrt?
-Was macht er nur? Was wird er machen, wenn wir uns nicht mehr finden! Er ist ohne Geld, ohne Proviant und gänzlich ohne Papiere weg.
Inzwischen werden mir die Augen so schwer, daß ich sie kaum noch offen halten kann.
Was soll ich nur tun; bei Avignon waren wir schon einmal getrennt, aber auf ein und demselben Weg und nicht für so lange und nicht so weit von einander weg. Dort hatte ich die Möglichkeit, ihn zu suchen und gleich zu finden.
Aber jetzt? Ich kann nichts tun!

Willi in der Mailandnacht verloren und Rudi verzweifelt

An was soll ich nur denken, denke nichts anderes, nur an Willi, an unser Wiedersehen, an unser Weiterkommen, und dann an die daheim!
Jetzt haben wir es doch schon so weit gebracht!
Mutter würde verzweifeln, wenn sie jetzt unsere Misere sehen könnte!
Muß ich mir doch Vorwürfe machen, hätte ich Willi nicht abhalten sollen, in dieser Fremde in dieser Nacht noch fort zu gehen! Warum sind wir überhaupt nach Rom und hierher gefahren!
Was ist, wenn ich ohne Willi heim komme. Ich hätte auf Mutter hören und brav daheim bleiben sollen?
Dann gerate ich wieder in eine Wut auf den Kerl.
-Willi, du Holzhacker du, kennst dich in dunklen Wäldern aus; weist, wie man riesige Bäume genau dorthin fällt, wo sie hinfallen sollen; und hier, in diesem erleuchteten Straßenwald, da findest du nicht wieder zurück!
Ich kann meine Gedanken nicht mehr in Zaum halten, sie schwirren alle durcheinander, kreuz und quer in meinem Kopf.
Drehe mich hin, drehe mich her, von der einen auf die andere Seite. Feucht ist der Boden, kalt ist die Plane; dann sitze ich wieder, stehe auf, gehe drei Schritte vor, vier zurück; die Augen ganz offen, schwirrende Lichter, wechselnde Scheinwerfer, tosende Geräusche, die Augen, ganz offen inmitten dieser unbarmherzigen Großstadt, die nicht zu Ruhe kommt, die Augen, sie starren hinein in das Gewimmer und Geflimmer .
Dann nehme ich mich zusammen, übe mich darin, mich selbst zu beruhigen. Von den zwei Möglichkeiten, entweder verunglückt oder verirrt zu sein, nehme ich zu Willi´s Gunsten die letztere an.
-Wenn er sich in der Dunkelheit verirrt hat, so kannst du ihm doch nicht helfen; er wird, wenn es hell geworden ist, schon wieder auftauchen!
In solchen Gedankenübungen versunken, schlafe ich schließlich ein.

Zu Kapitel 5,6: Hinter Mailand strahlen die Alpen