5,4 – Den Osthang entlang und über den Po

Donnerstag, den 10. August        

Kratz dich doch am Po

Ewei och noch nöö Padua,
nöö Parma oder Piacenza,
wä well schun un de Adria
zereck  sään mir vum dejfden Süden
un wär´n och hei döömäat zefrieden
wenn  de Sonn net deed  soù drecken,
net häannen, net vier un nirgendwo
brauschd  deich  nur nöö vier ze Becken
sei zefridden un kratz dich doch um Po

Unser erster Blick am viel zu früh erwachten Morgen im Gegenlicht der bereits anstehenden Sonne bestätigt es: Wir sind also gestern noch in finsterer Nacht ganz unten, am Fuße des Apenningebirges angekommen. Und befinden uns jetzt an der Ostflanke des italienischen Rückgrades. Direkt hinter uns noch die Gipfel und vor uns die große, so unendlich weite Ebene des großen, langen Stromes, des Po, inmitten in der weit gedehnten Landschaft der Emilia Romana.
Habe in kurzer, recht kühler Nacht traumfrei geschlafen; erst in der Morgendämmerung war es an den frei liegenden Füßen etwas frisch geworden. Wir hatten in später Nacht nicht mehr das Zelt aufgebaut und nur die Plane ausgelegt, uns ziemlich erschöpft bloß noch die Decke übergezogen.
Und jetzt, wo das Wasser des Taro zu uns herüber plätschert, da weht hier unten am Fuße des Gebirges ein frischer Bergwind von der Paßhöhe herunter.
Ein kurzes Frühstück mit Resten, und wir packen zügig zusammen. Doch es gilt, uns Zeit zu nehmen, müssen nicht so früh weg, uns erwartet ja eine recht flache Strecke.

Nach den ersten Kilometern gleich eine Gabelung: rechts geht´s nach Parma, links nach Piacenza, beides bedeutende Städte. Wir halten kurz an zum Überlegen: Zu Parma fallen mir drei Dinge ein: Kartause, Käse und Schinken. Aber es wäre ein Umweg, den wir uns schenken; zumal es noch zu früh ist, um Mittag zu machen. Also nach links, nach Norden, auf Piacenza zu.
Kaum in die große Ebene eingebogen, empfinden wir sogleich einen Wetterwechsel: Die Sonne steht noch nicht sehr hoch und dennoch spüren wir, daß es heute wieder heiß werden wird; nichts mehr von der frischen Kühle der Gebirgsregion!

Auf guter, breiter Straße, inmitten lebhaftem Verkehr, geht es schnurgerade in nord-westlicher Richtung direkt auf Piacenza zu.
Kurz vor Mittag fahren wir in die große Stadt ein, an der alten Stadtmauer vorbei, direkt auf das Zentrum zu, und stoßen in dessen Mitte direkt auf den imposanten Domkomplex. Man wird sogleich an das Dreigestirn von Pisa erinnert: der stattliche Dom, das mächtige, hier achteckige Baptisterium und der schlanke, sehr hohe  aber hier kerzengerade Kampanile. Und alles wieder in Marmor, hell, aber nicht so einhellig weiß; wahrscheinlich nicht aus Carrara; der Transport wäre zu weit gewesen von jenseits des Gebirges herüber. Auch das räumliche Ganze erreicht nicht die Leichtigkeit der Pisaner Formgebung; das Dreierensemble erscheint kompakter, in der räumlichen Ausdehnung gedrungener, nicht so weitläufig wie das immense Domgelände von Pisa.
Wollten hier Mittag machen; aber alles drum herum wirkt so gedrängt, geschäftig, weniger einladend.

Also treibt es uns wieder weiter! Auch an einem ebenfalls imposanten Bauwerk vorbei, genannt Palazzo Gotico. Äußerlich auffallend: unten hell leuchtender Kalkstein und darüber karminrot schimmernder Sandstein. `Palazzo Gotico´; wir erinnern uns: Norditalien war lange Zeit Gotenland.
Und dann doch wieder hinaus aus den alten Toren: Hier auf der Nordseite wird die Stadt direkt von den Wassern des Po begrenzt. Wir verlassen Piacenza und überqueren mit Bedacht den langen Strom mit dem kurzen Namen.
Und bald steht´s fest: Wir hätten im Schatten der Stadt rasten sollen, denn auch hier drückt wieder die Hitze des Südens.

Dennoch erinnert die Landschaft, hier unmittelbar in der Reichweite des Stromes, schon mehr an unsere Heimat als an die südlichen Regionen Europas. Die Vegetation steht viel besser in einem frischen Grün; der Boden ist fruchtbar, dunkles Schwemmland, die reinste Agrarlandschaft. Wie bei uns die Kartoffeläcker so dominieren hier die Melonenfelder. In den feuchten Niederungen zwischen den Kanälen und Gräben glauben wir sogar Reisfelder zu entdecken. Aber auch sattgrüne Wiesenflächen liegen dazwischen und lang gestreckte Pappelhaine. Die zahlreichen Bäche und Kanäle, meist künstlich angelegt, lassen uns sogleich an die grünen Wiesentäler der unteren Saar denken. Und dabei fühlen wir uns der Heimat ein Stück näher?
Allein, die hochstehende Sonne ist wieder unbarmherzig; wir müssen in den kühlem Schatten, müssen schnell unter kommen!

Die abweisende Begegnung bei Piacenza

Die Tür bleibt zu
De Dier bleiwd zoù,
kään Dronk un och kää n Meddesschmaus
sei stell un maach dir doch neischd draus;
un kratz deich lejwer doch um Po

Mit dem Satz: „Wir müssen unter kommen!“ endet also der Bericht über jenen Donnerstag vom 10. August 1950 ganz unvermittelt. Auch in der Beschreibung der nächst folgenden Etappen wird im Originaltext des Tagebuchs  über den noch fehlenden Halbtag kein weiteres Wort mehr erwähnt, und es fehlt auch vor allem das, was sich an jenem verbleibenden frühen Nachmittag noch zugetragen hatte.
Wenn ich heute über den Grund für diese „Lücke“ nachdenke, so mag der in jener eigenartigen Begegnung zu suchen sein, die im Gemüte der beiden frommen Rompilger eine bittere Enttäuschung, eine anhaltende Frustration, wenn nicht viellecht sogar einen tiefen Zweifel an Gottes Barmherzigkeit ausgelöst hatte.

Vorab sei bemerkt: Es könnten aus der heutigen, immer noch lebendigen Erinnerung heraus schier zu jeder einzelnen Etappe der ganzen Romfahrt noch manche, weitere, im Tagebuch nicht erwähnte Ereignisse, Eindrücke und erwähnenswerte Begegnungen heraufgeholt werden,  für deren Niederschrift es dem jungen Schreiber von damals vielleicht an Zeit und Energie mangelte; aber diese hier in Frage stehende Begegnung sollte doch unbedingt nachgeholt erwähnt werden, weil das betreffende Ereignis nicht aus äußerlichen Gründen, sondern aus persönlicher Bedrücktheit und Ratlosigkeit erlebt und wahrscheinlich deswegen auch nicht aufgeschrieben wurde.
Ohne dessen Erwähnung wäre auch der Gesamtcharakter dieses auf Abenteuerlichkeit einerseits und Glaubensfestigkeit andererseits basierende Unternehmen „Anno Santo“ nicht vollständig wiedergegeben.
Beschrieben ist demnach diese Begegnung jenes heißen und einsamen Mittags des 10. August 1950 hier aus der Erinnerung heraus, die bis heute immer noch so lebendig geblieben ist:
Es ist wieder sehr heiß geworden. Wir wollen in die Kühle und schauen uns für die Mittagszeit nach einem Rastplatz um. Fahren also in eine Ortschaft im Nordosten von Piacenza ein, nicht viel größer als Brotdorf. Es herrscht hier Siesta; überall diese Stille, auch auf dem zentralen Platz vor der Dorfkirche. Und zudem, ein schattiges Plätzchen fehlt.
Am Pfarrhaus nebenan klopfen wir an die Tür in der Hoffnung, vielleicht von einem gnädigen Monsignore wie dem unsrigen von Montalto empfangen zu werden.
Es rührt sich nichts. Wir warten – wir klopfen noch einmal an.
Nach einer Weile wird geöffnet. Vor uns steht ein übergroßer Herr in schwarzem Talar. Unser Anliegen, von Hochwürden zu einer kurzen Mittagspause aufgenommen zu werden, wird vom Pfarrer barsch abgewiesen. Obgleich wir unsere Send- und Empfehlungsschreiben vorweisen; die Tür wird vor unseren Augen sofort geschlossen und fällt schnappend ins Schloß.

Zu Kapitel 5,3 – Mailand im August

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