5,2 – Der Apennin, neues Land, neues Glück!

Auf Wiedersehn, du schöne, alte Aurelia!
Es war großartig auf dir vorweg zu radeln.
Mögen auch viele Wege nach Rom führen,
du Aurelia brachtest uns direkt dorthin!

Mittwoch, den 9. August   – Erster Etappenteil  
Vom Lago Puccini über Italiens Rückgrat hinweg
Wir hatten uns also ein gutes Stück nördlich von Pisa wieder in diesem Naturpark im fast vollen Mondlicht niedergelegt. Die erste Nacht unterm freien Sternenhimmel seit langen Tagen, seit der Campingnacht am Esterel, wieder im Freien. Diesmal nicht am Meeresstrand, obwohl nicht allzuweit davon entfernt, sondern am schilfbesetzen Ufer eines riesigen  Binnensees, an dem wir auch auf der Hinfahrt; allerdings in großer Eile, vorbei radelten.

E goade Morjen, Rudi; goade Morjen Willi,
off e goaden Daach zesummen;
buon giormo  och fier Italia!

Komme soeben mit vier pannini vom Brötchenholen im nahen Ort zurück. Wie ich vorhin los ging, flogen plötzlich wie aufgeschreckt ein Dutzend Flugenten aus dem Röhricht an den Uferbüschen auf und schossen im geschlossenen Verband mit höchstem Tempo quer über den See hinaus, nur ganz dicht über dem Wasserspiegel. Was hier am Ufer sehr dicht steht, sind zweierlei Gewächse, einmal das normale Schilfrohr, wie wir es daheim auch kennen; dann dahinter etwas erhöht und viel höher im Gewächs auch dicht wachsend und sehr auffällig, der Bambus. Auffällig auch, wie schon vielfach unterwegs beobachtet, steht hier  ein bei uns unbekannter Baum, den man häufig  in den feuchteren Niederungen sieht, der aus Australien stammende Eukalyptus; auffällig seine langen schmalen, dunkelgrüne Blätter und sein graugrüner, etwas violett schimmernder Stamm mit glatter Rinde.

Auf den Pfosten im Uferwasser, an denen Boote festgemacht sind, sitzen Möwen, die bei meinem Herannahen erschreckt auffliegen und daraufhin zu schreien beginnen. Es klingt seltsam, wie von einer Kinderstimme. Sie schwingen sich in die Lüfte auf die Mitte des Sees zu. Im Flug sehn diese Meeresvögel viel größer aus durch die enorme Spannweite ihrer Flügel im Vergleich zu ihrem doch recht kurzen Korpus. Schon immer, wenn wir sie sonst am Strande spazieren gehen sahen, dann erschienen sie uns nicht viel größer als unsere Tauben daheim.
Und jetzt, während wir hier an ihrem Wasser frühstücken, sind sie wieder zurückgekommen und kreisen über uns, als ob sie mit uns spachteln wollten.
Willi hatte schon ungeduldig auf mich gewartet; ich hatte mich beim Bäcker von neugierigen und gesprächigen Kunden aufhalten lassen…
Demnach lagern wir gerade am Lago Puccini, welch kurioser Name!

Man hat im Laufe der Kulturgeschichte schon häufig einzelne Häuser, Straßen, Plätze und andere öffentliche Räume so gern nach berühmten Persönlichkeiten und historischen Ereignissen benannt. Unrühmlicherweise gibt es in unserm  Dorf seit 1935 und noch immer eine „Straße des 13 Januar“, ein „Geschenk des Führers“…
Und hier also, etwa zwischen den Städten Pisa und Lucca, da taufen die Italiener einfach einen riesengroßen See in Lago Puccini um, weil einer ihrer Musiker sich hier eine Hütte gebaut hatte. Ganz offiziell heißt der See Lago di Massaciuccol,  eine Süßwasserlagune im Zentrum eines riesigen Naturparks.

Der idyllische Ort hier am Westufer heißt Torre del Lago, also der „Turm am See“, und wie ich zwischen Bäcker und unserm Lager sehen konnte, gibt es auch an diesem Ort reichlich Pilger, auch etliche  Deutsche. Es sind jedoch Melomane, die hierher pilgern. Zu Puccinis charmant-romantischer Villa, neuerdings zum Museo Puccini umgestaltet. Das Anwesen liegt nur einen halben Steinwurf vom Ufer weg, rings dicht umgeben von mächtigem Gesträuch und großen Bäumen.
Was mich bei meinem flüchtigen Blick in den parkähnlichen Aufgang mit etwas Kopfschütteln erstaunte, war ein kleiner Olivenbaum, bei dessen Zustutzen der Gärtner wohl an eine Partitur des großen Meisters gedacht hatte.

Olivenpudel

Wie ich Willi beim Kaffeetrinken davon erzähle, meint er, der ja gerne mit einem eigenen Liedchen dabei ist:
Da säamma joo hei rischdisch;
de Italiener hun oas jo schun dixer dat Sprichwuard bewiss:
„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder,
böse Menschen haben keine Lieder!“

Bevor es wieder los geht, wird noch einmal besprochen, ob über die Riviera oder den Apennin; es bleibt beim Apennin.
Und so geht es ja noch ein letztes Mal an der Küste entlang, ein letztes Mal grüßen wir in einem gewissen Abstand drüben das geliebte Meer mit seinen sanften Wellen, und es bleibt ein leichter Salzgeschmack auf der Zunge…

Abschied vom Meer und der Via Aurelia
Im sichtbaren Abstand vom Strand wird wieder die mittelgroße Stadt Massa am Apenninenfuß umfahren. Wir erinnern uns an die Berge; sie sind hier dicht an die Ebene herangerückt; bauen sich nach Osten, zum Apenninkamm hin deutlich in zwei Stufen auf: erst im Mittelgrund bewaldete Höhen, dahinter das vegetationslose Felsengebirge, regelrechtes Hochgebirge. Kurz hinter Carrara, wo ich so gern noch die Marmorsteinbrüche besucht hätte, verlassen wir eine liebgewonnene Küstenlandschaft, verlassen die alte Aurelia, die Blumengeschmückte, und mit dem Küstenfluß, dem Rio Magra biegt jetzt auch unser neuer Weg fast im Rechten Winkel nach Nordosten ab.

Solange unsere neue Straße dem Flußbett der Magra folgt, ist die Steigung noch kaum spürbar. Auffällig, im Gegensatz zur Aurelia, ist diese Straße weniger befahren, auch deutlich schmaler, aber in gutem Zustand.
Man fühlt sich unmittelbarer mit der Landschaft verbunden als an der doch ziemlich belebten Autostrada der Küste. Im flachen Flußtal gleich rechts und links anschließend auf die Bergflanken zu, da breiten sich wieder grüne Matten aus, keine gelb verdorrten oder gar verbrannten Grasflächen, wie vielfach sonst überall an der Küstenebene. Es fehlen zwar die rosarot und weiß blühenden Oleandersträuche, wie sie uns an der SS1 zwischen Genua und Rom begleiteten; aber viele kleine niedrig wachsende Blumen leuchten am Wegrand, hauptsächlich in gelb und auffallend auch in violett.
Und  ganz in der Nähe, an den fruchtbaren Hängen wird uns die „Nahrungssuche“ viel leichter fallen. Schwarzblau leuchten jetzt die Weintrauben in der grellen Sonne; die dicken Pfirsiche fallen schon ab wie bei uns zu Hause die überreifen Äpfel. Mit zunehmender Höhe spüren wir; es herrscht hier mit dem milderen Klima auch ein ganz anderes Licht, viel blasser als das vollfarbige Licht der Küste.
Uns  fällt auch die Veränderung in den Hausformen der Ortschaften auf. Bereits in dem Städtchen Aulla sind die Haupthäuser sehr massiv, nicht so schmalhäusig, sondern mehr in die Breite ausgebaut; scheinbar der gebirgigen Umgebung angepaßt.

Wir sind immer noch an diesem Fluß, dem wir nun schon den ganzen Vormittag folgen. An einer wunderschönen alten, elegant geschwungenen Brücke ist auch wieder Rio Magra notiert, was man mit `magerem Fluß´ übersetzen könnte. In der Tat ist sein Wasserlauf schon stellenweise spärlich, was wohl auf die lange Sommertrockenheit zurückzuführen ist.
Und wiederum dem Tod begegnet
Wir gelangen zu eine Ort, dessen Name wir uns am Ortsschild nicht gemerkt haben. Und mitten drin, wir sind soeben um eine Straßenecke auf eine lange Gerade eingebogen, an deren äußersten Ende ein schwarzer Fleck zu sehen ist, der langsam, träge wie eine Walze uns entgegen zu schieben scheint. Dann können wir an der schwermütigen Leier, den tragenden, tristen Tönen und den stampfenden Takten einer weinenden Blechmusik erkennen, daß da ein Trauerzug auf uns zu kommt. Wir hatten uns, da ja noch nicht Zeit der Siesta ist, schon eingangs der Ortschaft gefragt, warum die Straße so ausgestorben erscheint.
Wir bremsen, nehmen das Tempo zurück und steigen schließlich ab.
Zwei vorangehende Polizisten winken uns, wie den inzwischen hinter uns angekommenen LKW in eine Nebenstraße hinein. Einer der beiden Schutzmänner gibt durch eine kreisende Bewegung seines ausgestreckten Armes zu verstehen, daß wir am Dorfende wie bei einer Umleitung wieder auf unsere Route gelangen können.
So also halten wir uns aus Ehrerbietung nicht länger in direkter Sichtweise auf, sondern biegen sogleich in diese Nebenstraße ein.
Doch das, was wir von der Szene noch wahrnehmen können, das vermittelt den Eindruck, daß diese italienische Beerdigungsprozession sich im wesentlichen kaum von einer bei uns zu Hause unterscheidet.
Voran der Meßdiener mit dem Kreuz, die Kinder, dann die Fahnenträger, die übrigen Ministranten und der Pastor, der Leichenwagen, dahinter der Kirchenchor bzw. die Kapelle des Musikvereins und schließlich die betende Trauergemeinde.
Bei uns zu Hause ist der Kirchenchor ständig dabei; der Musikverein nicht immer, meist nur bei der Beerdigung eines Vereinsmitglieds oder eines Verwandten, Freundes bzw. einer höheren Persönlichkeit.
In meiner Meßdienerzeit habe ich es stets gern gehabt, wenn auch der Musikverein mitwirkte. Die Bläser unseres Musikvereins sind zwar keine Professionelle; sie spielen aber ihre Stücke durchgehend sauber; jedenfalls nicht so fehlerhaft schräg wie diese italienischen Dorfmusiker hier.
An einem anderen Ort, bei anderer Gelegenheit würde man sich vor dem steinerweichenden Gebläse vielleicht die Ohren zu halten; doch in dieser besonderen Situation scheinen es gerade die zahlreichen Mißtöne innerhalb der Sinfonie der ganzen Begleitmusik zu sein, die dem Ganzen der inbrünstig vorgetragenen Trauerweisen erst jenen schwerwiegenden, ja wehmütig rührenden Charakter verleihen.
Nachdenklich gestimmt, geht es für uns aber weiter, wieder aufwärts, immer noch nur leicht ansteigend. Solange es so bleibt, treten wir guten Mutes munter drein. Aber bald wird das Tal schon enger, und der Verkehr nimmt deutlich ab.

 

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