5,11 – Letzte Etappe: Straßburg – Brotdorf

Mittwoch,  der 16. August 1950  –   An den Fahnen Europas vorbei…

die Himmel rühmen
des Ewigen Ehre

Aus der Chronik vom 16. 08. 1950
Die Europaratsversammlung in Straßburg wählt Heinrich von Brentano und Hayiri Urgugplu zu Vizepräsidenten.
Just an diesem historischen Tag sind auch die beiden saarländischen Rompilger in Straßburg zugegen. Wie alle kriegsbelasteten Menschen blickten auch beide hoffnungsvoll auf das, was sich über jene Tagen von Straßburg hinaus mit Europa ereignen würde. Vieles ist in den folgenden Jahren in Richtung auf ein friedliches und vereinigtes Europa tatsächlich zustande gebracht worden.
68 Jahre danach scheint jedoch auch Vieles von dem Erreichten erneut wieder in Frage gestellt.

An den Fahnen Europas vorbei bis nach Hause
Es ist halb zehn; Willi und ich, wir sitzen einander gemütlich gegenüber. An unsern Augen  fliegen, rechts die Rheinauen und links die Weinberghügel der Landschaften im Nu vorbei, viel schneller vorbei als sonst. Unsere Räder ruhen zwischen Gepäcksäcken und Weinfässern und wir weiter vorne im Abteil des Bummelzugs, der durchs schöne Elsaß nach Straßburg führt.
Rückblende:
Als wir gestern noch recht spät in der Nacht ein sanftes Plätzchen gefunden hatten, da konnte uns der Ärger um das verpaßte Tagesziel und die Sorge um den folgenden Tag  nicht gleich einschlafen lassen. So redeten wir noch eine Weile und fanden, daß es uns morgen wohl kaum gelingen würde, daheim anzukommen.
-Wat määnschdau, schaffe ma ed muar bes haam?
-Eich säan dej Streck jo schu gefoahr, ed gefd knapp.
-Wat hääschd „knapp“; da foahre ma soù lang, bes ma döö säan.
-Joo schun, awer  wat äas, wemma äan der Nööhd dahaam ukommen?

Noch liegen etliche Kilometer vor uns. Ungewiß, ob wir es heute bis heim schaffen. Eine solch große Strecke in einer Etappe, das hatten wir vor Rom schon einmal geschafft, aber das nur mit letzter Kraft, fast mit Gewalt. Und jetzt, wenn wir ´s tatsächlich schaffen, dann wird es Nacht darüber werden. Wollen wir so daheim ankommen, so spät und so erschöpft?
Wir müßten unsere Leute aus den Betten jagen und würden sie mit unserem plötzlichen Erscheinen fürchterlich erschrecken!

Mit derartigen Bedenken waren wir schließlich eingeschlafen. Heute Morgen dann, da wurden wir früh geweckt und zwar durch den Pfiff einer Lokomotive. Ohne es bemerkt zu haben, hatten wir unser gestriges Nachtlager ziemlich dicht an der Eisenbahnlinie Straßburg-Basel aufgeschlagen.
Und wie wär ´s, wenn wir in Colmar den Zug nach Straßburg nehmen; wir könnten gut zwei Fahrstunden einsparen!
Gedacht, getan: Auf nach Colmar!

Aber wir brauchen garnicht bis Colmar zu fahren; gleich im nächsten Ort namens Herrlisheim kommen wir am Bahnhof vorbei und sehen, wie einige Fußgänger der Station zustreben. Wir folgen ihnen, steigen am Bahnhof sofort ab und eilen auf den Fahrkartenschalter zu.

Straßburg, 10,10 Uhr
Inzwischen haben wir Colmar durchs Fenster des Zugabteils längst passiert, auch unser Frühstück nachgeholt und erleben, wie der Bummelzug in die Vororte von Straßburg einläuft. Wenn mal bei uns daheim viel Gedränge herrscht, dann sagt man öfter den Spruch: „E Betrieb wej off  ´m Soarbrecker Bahnhof!“
Was aber hier auf dem Straßburger Hauptbahnhof los ist, übersteigt alles. Sämtliche Bahnsteige mit Menschen, Koffern und Gepäck überfüllt, auch in der mächtig großen Halle. Alles eilt, schubst und drängelt.

Straßburg ist eine attraktive in vielfacher Hinsicht bedeutsame Stadt, die besonders zur Zeit der Großen Ferien viele Touristen als Besucher anlockt. Aber zudem:
Straßburg ist die Stadt, auf die seit Beginn des Jahres ganz Europa schaut.
Das spürt man draußen auf dem riesigen Vorplatz besonders auffällig. Überall wehen an allen Masten bunte Fahnen, alles Nationalflaggen aus den verschiedenen Ländern Europas. Wir stehen recht andächtig davor und siehe da, unsere neue Saarländische Fahne ist auch dabei.

Gegenwärtig tagt hier der Europarat, das erst im Mai neu gegründete politische Gremium. Deswegen erscheinen überall die Flaggen der europäischen Mitgliedsländer; deswegen hat sich die ganze Stadt mit den hoffnungsvollen Symbolen eines neuen Friedens festlich geschmückt. Aus insgesamt 47 europäische Nationen, sind die Delegierten als ständige Vertreter ihres Landes hier zusammen kommen. Auch das Saarland ist als eigenes Mitglied in den Europarat aufgenommen worden und hat hier in Straßburg, neben der Bundesrepublik eine ständige Vertretung, wenngleich zum Ärger von Adenauer.
Aber die Verantwortlichen unseres kleinen Landes scheinen über die Aufnahme in den Europarat sehr stolz zu sein; man hat eigens eine Sondermarke heraus gebracht.

 

 

Sondermarke: Das Saarland im Europarat

Wir würden so gerne das Europagebäude aufsuchen, in dem die Sitzungen des Europarates stattfinden, möchten einmal hineinstibitzen, wenn Vertreter von ganz Europa sich hier um Gemeinsamkeit und Frieden bemühen.
Doch eine andere Kraft drängt uns weiter, wollen heim, wenngleich wir nicht in Eile sind. Einen kleinen Abstecher in die Stadt erlauben wir uns dennoch. Der Hauptbahnhof, der sich >Gare Centrale< nennt, liegt wirklich zentral; so ist es bis zum Münster nur ein Katzensprung, und so stehn wir, nach nur paar Minuten also, vor einer der großartigsten Fassaden, die je in Stein gemeißelt wurden, das berühmte Straßburger Münster.
Im Innern wird auf einem Nebenaltar gerade eine stille Messe gefeiert. Wir stellen uns für ein paar Momente zu den Gläubigen, ein würdiger Ort, Gott zu danken, für alles seit Rom, wollen nun noch bitten für die glatte Rückfahrt.

Zabern, gegen 13 Uhr
Bevor es hinauf in die Vogesen geht, gönnen wir uns in dem netten Ort  Saverne  eine kurze Verschnaufpause, schauen nach den Reifen, den Bremsen und der Schaltung und atmen noch einmal tief durch, bevor wir, inzwischen bergerprobt, die letzte größere Rampe unserer Rückfahrt angehen. Die Zaberner Steige ist in der Richtung von Ost nach West nochmals ein recht mühsamer Anstieg; vergangenes Jahr ging´s in anderer Richtung nur steil abwärts hinunter, das aber in einem mächtigen Wolkenbruch. Heute lacht auf der ganzen Strecke die Sonne und bringt uns hier noch einmal ins Schwitzen.
Oben angekommen, machen wir auf der Hochfläche wieder einen kurzen Halt für eine kleine Mittagspause; verzehren unsern letzten Proviant und brechen sogleich wieder auf. Die offene freie Fläche scheint öfter zum Anhalten benutzt zu werden; ist auch als Rastplatz etwas zurecht gemacht. Es gibt sogar ein Schild: >Aux quatres vents<. Die Bezeichnung scheint gut getroffen, denn hier oben hinter der Steilkante kann der Wind von allen vier Himmelsrichtungen ungehindert frei umher blasen.

`Zu den vier Winden´, das gilt symbolisch auch für uns; kehren wir doch heute von einer Fahrt zurück, die uns rund um die Windrose geführt hat.

Wir sind noch einmal westwärts im Sattel. Uns kommt hier im lothringischen Hügelland das erste saarländische Auto entgegen: Ein Cremeschnittchen fährt an uns vorbei; sogar eins aus Merzig mit Kennzeichen OE 2.

Cremschnittchen, das war damals der saarländische Schmunzelname für den Renault-4CV, der gleich nach dem Krieg von den Franzosen im Saarland als günstig angeboten wird und dort auf dem besten Wege ist, den deutschen Volkswagen zu verdrängen.
In der Verordnung der Saar-Regierung vom 10. Februar 1949 findet sich kein Hinweis über die Bedeutung von OE als offizielles Autokennzeichen unseres neuen Landes.
Im Volksmund wurde viel drumherum gedeutet. Jahre später startete die Saarbrücker Zeitung eine Leserumfrage und erhielt zahlreiche Deutungen, was OE denn nun bedeuten soll. Aber alle eingesandten Vermutungen sollten nicht stimmen.
Fakt ist, damals erfolgte die Kfz-Kennzeichnung in Frankreich nach den einzelnen Départements des Landes, und zwar mit Hilfe eines Doppelbuchstaben. Und diese Kennzeichnung, gewollt oder nicht, wurde für das Saarland einfach übernommen. Nahe lag, was in mancher Hinsicht (etwa im Sport) auch so war: Das Saarland nichts anderes als ein französisches Département?

Ich kann mich gut erinnern, daß wir damals in Lebach an einem fröhlichen Bierabend darüber wetterten, als ein französisches Département gekennzeichnet zu werden und daß wir daraufhin, als zarten Protest, auf unser Saarland als „Oasis Européenne“ angestoßen hatten.

Saarunion, 16, 30 Uhr
Immer mehr saarländische Fahrzeuge begegnen uns; automatisch erhöhen auch wir die Drehzahl. Denn keiner soll sagen, wir kämen dahaam erst an, wenn die Alten längst im Bett sind!
Beim Städtchen Saaralben überqueren wir erstmals die Saar, just an der Stelle, wo ich und Kammer Rudi letztes Jahr mit den drei Mädchen, eine aus Brotdorf, gebadet hatten.
An der Grenze in Saargemünd keine Passierprobleme, aber eine kleine Pause. Auf der rechten Saarseite weiter; nur noch 15 km bis zur Landeshauptstadt.
Unser Beine geben, was sie können; die Nähe der Heimat treibt weiter an.

18,40 Uhr,  Saarbrücken
Auf der Höhe von Sankt Arnual Fußgänger auf dem alten Treidelpfad entlang der Saar. Sie kehren langsam heim vom Spaziergang. Auch wir werden bald daheim sein. Die freundlichen Leute schauen uns nach; sehen wir doch anders aus als diese Tagesausflügler: tiefbraun verbrannt, verstaubt und schmutzig, Schweiß auf den Wangen, und ein langes Haar vom Wind durchweht.

Ich habe meinen Schopf nun schon seit Wochen nicht mehr schneiden lassen; man könnte mich für ein Mädchen halten, wenn nicht auf den Backen auch etliche schwarze Stoppeln stünden. Was werden die daheim zu unserm Äußeren sagen, was werden sie überhaupt sagen, wenn sie uns so plötzlich vor sich sehen?

Rechts der Saar weiter: Völklingen – Dillingen – Beckingen – gegenüber Rehlingen und Fremersdorf.

21.10  Uhr  Merzig
Am V&B-Tor vorbei, wo wir vor vier Wochen, auch an einem Mittwoch, auf den Lastwagen via Châlons-sur-Saône gestiegen sind. Wir schwenken ins Seffersbachtal ein. Hier ist die Sonne schon untergegangen, aber oben auf dem Gipsberg scheint sie noch.

Am  Schenner  begegnen uns die ersten Bekannten, die uns zurufen; ein Brotdorfer Auto überholt uns.

Die letzten vier Kilometer!

An den Schienen der Kleinbahn entlang, drüben die Klinker Mühle; dann für unsere treuen Räder nur noch der letzte kurze Stich bis zum Ortsschild;
links das erste Haus der Provinzialstraße, an deren andern Ende das Zollhaus wartet.
Oben, den Berg hoch, die Annaburg, gleich am Schleie Weh, unsere Rodelstrecke im Winter, mit der  Brunnestuff.
Auf der andern Seite:
Vor seiner Hauswand sitzt der Schneider Fränz mit seinen Leuten; sie haben die Stühle raus gestellt und genießen den Feierabend. De Fränz sieht uns kommen, steht extra auf und winkt uns zu.
Zwei Häuser weiter, da kommt de Kertels Lui gerade aus der Scheune mit einem Arm voll Heu.

21.20 Uhr   dahaam
Auf der Kante, oberhalb von Tant´ Bebbis Haus, steigen wir ab.  Wir stehen da und sagen nichts. Es überwiegt die Freude. Wir haben es geschafft!

Nur ein kurzer Halt, ein tiefes Einatmen, welch ein Anblick! – Drüben der Bahnhof, der Seffersbach mäat der Brecker Baach, die Kirche, den enneschden Ecken, der Kirchberg und unser ganzes, geliebtes Brotdorf!

Und auf einmal, bevor wir ein letztes mal wieder aufsteigen, hebt Willi plötzlich an zu singen:

„ Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,
Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.
Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere,
Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort.“

© Rudolf Engel, anno 2018