5,3 Unsere Tour wird zum Giro …

 …und verlangt letzte Reserven

Chi va piano, va sano!

Mittwoch, den 9. August   – Etappenteil 2
Hinter dem Städtchen Pontremoli führt unsere Straße gleich vom Fluß ab. Der Verkehr hat inzwischen fast ganz nachgelassen, und schon wird es deutlich steiler. Unser neuer, unbekannter Weg wird nun zur Paßstraße.
Bis hier her konnten wir noch gut miteinander quatschen, uns staunend fragen, was doch der Apennin für ein Gebirge ist, der sich über ganz Italien erstreckt, dem Ganzen sozusagen sein überlanges Rückgrat verleiht. Sein höchster Gipfel, das ist mit knapp 3000 m der Gran Sasso.

Vater schrieb im Januar 45 als Infanterist der Deutschen Wehrmacht, er sei jetzt an den Gran Sasso abkommandiert zum Freischaufeln der Paßstraße bei einer Schneehöhe von 6 Metern.

Schnee werden wir hier auf dem Weg zur Paßhöhe um diese Jahreszeit noch keinen erwarten; aber vielleicht wohl eine derartige Strapaze wie sie die Rennfahrer des Giro d´Italia erleben, wenn sie hier hochsteigen. Jedenfalls hat für uns jetzt das „Fahren“ ein Ende; jetzt beginnt das „Klettern“. Von Kurve zu Kurve engt sich das Tal zusehends ein, das Flüsschen ist längst zum Bach geschrumpft, ist schließlich zum Bächlein geworden mit vielen kleinen Tümpeln hinter leise  rieselnden Kaskaden.  Immer wieder eröffnen sich in dem späten, tieffarbenem Abendlicht grandiose Ausblicke über steile Hänge in die tiefen Täler des toskanischen Apennin.
Inzwischen neigt sich der Abend von den Höhen herab. Auch auf unserer Paßstraße ist so was wie Feierabend eingekehrt; der Verkehr hat sich längst zur Ruhe gelegt. An einer weit ausgefahrenen Kurve eröffnet sich noch einmal ein wunderbarer Ausblick, der uns spontan zum Anhalten lockt. Während ich nach kurzem Verschnaufen gleich weiter will, ist Willi ganz anderer Meinung. Bevor wir wieder so anstrengend weiter „klettern“, sollten wir erst mal etwas Kräftiges zu uns nehmen.  Dieser schöne, ruhige Platz hier würde sich auch als Nachtlager eignen; den Paß könnten wir ja morgen früh mit ausgeruhten Muskeln schaffen.
Gesagt, getan; und also bereitet Willi hier auf lichter Höhe, seit Längerem mal wieder, eine komplette warme Mahlzeit. Der versierte Hausmann aus dem enneschden Ecken hatte ja bisher schon einige Male auf unserer Fahrt richtig warm gekocht; und nun schnürt er also auch wieder den Kochtopf, der schon längst außen herum vom offenen Feuer pechschwarz geworden ist, vom Gepäckträger und meint:
-Wat määnschde, eich kennd joo moa nommoa wej äa Südfrankreich oas e Pannekoochen maachen!
-Aber Will, de Pannekoochen, dat dauert ewei hei uawen doch vill ze lang, wemma haut noch weider komme wellen!“

Doch der haushaltserfahrene Koch läßt sich von mir nicht beirren; im farbigen Schein der Abenddämmerung schafft er diesmal ein weitgehend selbst erfundenes Menü:
Zuerst eine dicke Suppe mit viel, teils unbekanntem Gemüse, von uns selbst aus den angrenzenden Feldern aus der Gegend weiter unten frisch geerntet. Dazu schneidet er den Rest der noch übrig gebliebenen Montecucco-Dauerwurst in Scheiben und bröckel zwei hart gewordenen Paninischeiben dazu.
Und dann macht der Kerl trotz meiner Gegenrede tatsächlich noch für jeden zwei Pfannenkuchen, nicht wie zu Hause gefüllt mit Apfelscheiben und Rosinen, sondern mit Trauben und Pfirsichen.
Es ist ein Mahl, daß  uns ein Weiterfahren um so schwerer macht. Lieber doch zum Entspannen lang ausgestreckt im Gras liegen bleiben und die angenehme Kühle des Abends genießen!

Spülen wie ein Zauberer

Oh ,wej hunn  eich schlechd gespejld
un hunn noch net  moal drecke poliert
grejn eich ed gleich vum Koch gefejhld
der schennt un grommelt ongenierd
neegschd moal geffd ed sauberer
dann spejlen eich wej en Zauberer

 Aufbruch zum Passo Cisa mit unerwarteter Hilfe
Willi hatte also tatsächlich auf dieser Höhe zu dieser fortgeschrittenen Stunde warm gekocht; und wir mit vollem Magen fanden nicht mehr große Lust, noch weiter aufzusteigen.
Doch gerade wie wir unsere Sachen vom Lager wieder auf die Räder aufschnallen, kommt seit längerer Zeit mal wieder ein Transportwagen von unten herauf. Er hat so viel geladen, daß er nur langsam vorwärts kommt. Und wie er auf unserer Höhe ist, macht uns der Beifahrer ein Zeichen, uns an ihrem Wagen hinten anzuhängen. Dies kommt wegen der fortgeschrittenen Tageszeit, wie gerufen; also steigen wir schleunigst auf unsere Räder und hängen uns an, Willi rechts und ich links.
Von Zeit zu Zeit müssen wir die Seiten wechseln, denn der Zugarm ermüdet schnell. Zudem ist die Straße an manchen Stellen immer noch steil und gefährlich gekurvt. Die beiden Italiener vorne im Führerhaus winken uns ab und zu freundlich zu und lassen uns hinten gewähren.

Unser Vorteil: daß der ziemlich beladene Wagen auch nicht so schnell hier hoch kommt. So können wir hintenan ganz gut mithalten. Es mag dann auf einmal wohl der Motor, der bestimmt nicht der jüngste ist, etwas heiß geworden sein; jedenfalls hält der Wagen an einer etwas flacheren Stelle. Die beiden Fahrer steigen aus und setzen sich zu einer kurzen Rast, an eine Felskante gelehnt. Und auf ihren Wink hin, gesellen wir uns dazu. Es kommt zu etwas schwierigen, aber durchaus freundlichen Kontakten, bei denen die beiden versuchen, uns verstehen zu geben, wie stolz wir doch sein sollten, solch ein abenteuerliches und zugleich frommes Vorhaben wie diese große Fahrt zu unternehmen. Der eine, wohl der Beifahrer, der sich mit Gabriele vorstellt, will uns noch etwas für die Weiterfahrt erklären. Aus den vielen Gesten und Worten ist herauszulesen, daß wir hinter dem Paß mit unsern Rädern ja schneller werden als ihr Wagen; aber wir sollten bei der Abfahrt im Dunkeln sehr vorsichtig sein …
Der Motor springt etwas träge wieder an, und weiter geht´s! Wir hängen uns noch einmal hinten an; lassen uns für das letzte Stück hinaufziehen. Der Aufstieg wird jetzt wieder etwas flacher. Im Lichtkegel des Autoscheinwerfers ist auf einem Schild der Name und die Höhe des Passes zu lesen.

Und gleich hinter den nächsten zwei Kurven ist der höchste Punkt erreicht; vom Meeresniveau bis hier her haben wir also erstmals über 1000 Höhenmeter überwunden!

 

 

Im Dunkeln den Osthang des Apennin hinab, der Poebene entgegen.

Chi
va piano,
va sempre sano
va sano e lontano;

ma
chi va troppo forte
va contro morte

Jetzt können wir wieder loslassen, den Abstieg schaffen wir ohne motorische Hilfe. In dem Moment, in dem wir unsern Halt am Wagen loslassen, hält dieser bei laufendem Motor noch einmal an. Gabriele, der Beifahrer, steigt aus, reicht jedem von uns die Hand und erinnert nochmal daran, bei der Abfahrt vorsichtig zu sein. Und dazu drückt er uns  ein Zettelchen in die Hand, auf das er ein italienisches Sprichwort für uns aufgeschrieben hat:

Was für nette  Leute!  Mitten in der Nacht halten sie also noch einmal an, nicht, um unseren Dank zu erwarten, sondern, um uns freundlich addio zu grüßen, uns noch mal vor der Abfahrt zu warnen. Mehr mit Gesten und Zeichen als mit Worten will Herr Gabriele uns klar machen, erst recht in der Dunkelheit langsam zu fahren, die Kurven vorsichtig zu nehmen, besonders im oberen Teil. Und in der Zwischenzeit ist auch der Fahrer wieder ausgestiegen und hinzugekommen. Wir lehnen unsere Räder an den Wagen, und, bevor wir getrennt losfahren, umarmen sich vier Menschen, für kurze Zeit vier Freunde, die sich danach wohl nie mehr wieder sehn.
Chi va piano, va sempre sano,
Wer langansam geht, bleibt stets heil
è va lontano;
und kommt weit;
Ma chi va forte, va contro morte
Wer aber zu kräftig geht, kommt zu Tode.

Die Dunkelheit ist völlig hereingebrochen, wie wir uns zur Abfahrt klarmachen. Es folgt zunächst ein flacheres Stück, auf dem wir schneller sind als das Auto. Mit einem freundlich dankenden Gruß überholen wir unsere italienischen Fahrer und radeln dem Osthang des Apennin zu. Schon bald hinter der ersten Kurve geht es dann jäh hinunter. Trotz Vorwarnung; es ist schon eine gefährliche Sache, wie wir uns, mitten in tiefster Nacht, auf unbekannter Strecke die abschüssigen Flanken und Kurven hinunter stürzen. Aber wir sind ja durchtrainiert, inzwischen wie Radrennfahrer, und zudem gibt es die weißen Randsteine am Straßengraben, die uns den Abhang markieren; doch nur ein, zwei Meter dahinter beginnt sofort der gähnende Abgrund.

Ein Glück, daß die Straße unbefahren ist, so können wir uns stärker zur Mitte der Fahrbahn hin orientieren.
So schnell wir auch zu sein glauben; die Abfahrt dauert doch länger als angenommen. Wir beginnen uns jetzt Sorgen um unsere Bremsen zu machen, ob sie wohl halten! Doch dann merken wir, wie die Hänge rechts und links flacher werden, die Kurven weiter und sanfter. Wir atmen völlig auf, wie die Straße in gerader Linie in das Bodental lang gestreckt übergeht. Glück auch, daß bald die ersten Häuser am Wegrand stehen und nach einigen Kilometern eine Ortschaft aus dem Dunkel auftaucht.
Glück auch, daß hier alles hell erleuchtet ist und die Menschen sich noch nicht schlafen gelegt, sondern lebhaft schwatzend auf ihren Türtreppen oder in den Cafés sitzen. Und dreimal Glück für uns, denn die Läden sind in der Nacht sogar noch geöffnet.
Wir bekommen Brot, Butter und eine Melone gratis dazu. Man sagt uns, wir sind hier in Fornovo di Taro, also am Fluß des Taro, der vom Apenninenkamm herunter in Richtung Po fließt.

Ausgangs des Ortes, noch bevor unsere Gebirgsstraße auf die Hauptstrecke Firenze-Milano stößt, legen wir uns am Ufer des Taro ins weiche Gras, das hier nicht wie in der Gegend von Rom von der Sonne verbrannt und verdorrt, sondern dicht bewachsen und grün ist. Überhaupt scheint hier am Gebirge doch ein anderes Klima zu herrschen; nicht nur die Gräser voll grün, hinter unserm Nachtlager am Waldrand stehn ausgewachsene Farnsträucher, ähnlich den unsrigen daheim, oben am Waldrand von Hoarschd.
Für den Rest der Nacht stört uns kein vorbeirauschender Verkehr. Totmüde lassen wir uns hinfallen. Willi ist im nächsten Augenblick schon weg. Mir geht das Abenteuer noch nach, hab Mühe, einzuschlafen, nehme die Taschenlampe und mein Büchlein.
Willi dreht sich dann doch noch mal um und meint:

bluuß noch dösen
besch dau noch äam Stann
ewei och noch ze lesen
wat eich nur noch kann,
äas bluuß noch ze dösen.

Zu Kapitel 5,4: Den Osthang entlang und über den Po

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