5, 10 – Über den Schweizer Jura zum rheinischen Dreiländereck

Aus der Chronik vom 15 August 1950:
Nachdem die im Auftrag der UNO kämpfenden Soldaten und die Truppen Südkoreas einigen Boden gutmachen konnten, beginnen die nordkoreanischen Streitkräfte eine Gegenoffensive.
Schauen wir aus heutiger Sicht einmal zurück: Als im Frühsommer 1950 die beiden Jungen Willi und Rudi voller Tatendrang und religiösen Eifer ihre Friedensfahrt nach Rom starteten, da war dieser neue Krieg, der nun zwischen den beiden Korea wütet, gerade erst ausgebrochen.
Und wenn es dann 1953, also drei Jahre später, zwischen Nord und Süd einen sogenannten Waffenstillstand gegeben hatte, so ist dieser Krieg offiziell bis auf den heutigen Tag noch nicht beendet.
Bei allen zaghaften Versuchen und zaghaften Sichtzeichen, das nunmehr schon sieben Jahrzehnte lang geteilte Land und Volk wieder zu vereinen, steigt gegenwärtig die akute Gefahr, daß sich der Konflikt zu einem dritten Weltkrieg ausweitet. 

Mariä Himmelfahrt, am Dienstag, den 15. August

Zu Mariä Himmelfahrt, morgens am Sempacher See im Schweizer Mittelland.
Wir erheben uns träge aus einem späten Erwachen und werfen einen ersten Blick mit  weiter Fernsicht hinüber zu den inzwischen schon entfernt am Horizont liegende Alpenkette. Nach dem anstrengenden gestrigen Tag rund um den Vierwaldstätter See haben wir in einer äußerst ruhigen Nacht etwas länger ausgeschlafen. Sicher war es die weiche Unterlage unter der Zeltplane und vor allem die Frische der Nacht, die sich hier auch noch in den Morgen hält. In Italien wären wir um diese Zeit im Zelt schon ins Schwitzen geraten.

Was steht an?    –    Nach den Apenninen und Alpen wartet nun die Überquerung des Schweizer Jura auf uns. Hier aber ist die Strecke noch flach und abwechselnd leicht wellig; so geht es mit frischer Kraft zügig voran.
Hinter dem Ort Sursee wird der Nordzipfel des Sees erreicht. Bald darauf kommt ein kurzer Bergrücken mit mäßiger Steigung, und gleich fährt es sich wieder leicht hinunter in einem leichten Bogen auf ein neues Tal zu, wo wir auf einen etwas größeren Bach stoßen, dem wir bis zu seiner Mündung in die Aare folgen. Die Straßen sind, wie alles hier in der Schweiz, in bestem Zustand. Es herrscht  auch hier ein reger Verkehr, der uns aber nicht behindert.
Der Aare-Fluß wird überquert und kurz danach beginnt schon der Aufstieg zum Jura, dessen quergestellten Höhenzug wir schon von weitem am nordwestlichen Horizont bemerkt hatten.  Obwohl der erste Anstieg gleich mit einer kräftigen Steigung beginnt, erweist sich das Gebirge nicht als Kulisse zackig steiler Felswände, eher als ein mäßig großer Buckel.
Die Geographie kennt ihn als einen mehr als wellig gefaltete Kalkrippen, die einer ganzen geologischen Ära ihren Namen gegeben haben. Nach dem ersten langgezogenen Anstieg, der trotz unseres guten Bergtrainings einiges an Luft verlangt, wird eine gewisse mittlere Höhe mit kurzen welligen Strecken erreicht, auf der, in einem schmalen, aber lang gezogenen Hochtal eingebettet, der charmante Ort Sissach ruht.

Leichter als wir es befürchtet hatten, kommen wir auf dieser mittleren Höhe über das jurassische Buckelland zügig weiter, bis es bald hinter Liestal, einem waldumgurteten Städtchen, schon wieder bergab geht. Nach einer  weiteren Fahrstunde tauchen vor uns die Zinnen von Basel auf.
Noch vor unserer Romfahrt wäre das alte Rumpfgebirge für uns noch eine ernsthafte Hürde gewesen; aber nachdem wir nun die Apenninen und die Alpen in den durchtrainierten Beinen haben, ist diese Juradurchquerung eine recht passable Aufgabe.

Sag einer  nur: Träume wären Schäume!
Basel, die wunderschöne Stadt am Rheinknie, die Schweiz im Rücken und Frankreich und Deutschland im Blick. Sie wäre schon aus mehreren Gründen einer eingehenden Besichtigung wert. Wir aber sparen sie uns, vielleicht für später einmal!
Das Ende unserer großen Fahrt im Gespür, steuern wir gleich die Grenze an. Noch bevor es ins Stadtzentrum geht, biegt unsere Straße direkt nach Norden ein und führt, ohne daß wir es richtig bemerkt haben, gerade aus über den Rhein und damit bereits zum Grenzübergang.
Erst sieht es so aus, als wollten sie uns auf der schweizer Seite ungehindert passieren lassen. Doch dann trifft nahezu das exakt ein, was mich in dem bösen Traum in der Nacht an der Reuß so bedrückt hatte.
Noch wundert es uns wenig, daß wir in unserer eigenartigen Aufmachung so stramm und neugierig inspiziert werden. Dann aber geht einer der Beamten entschlossen auf mich zu, bückt sich und beäugelt übergenau mein Fahrrad. Erst dann werden unsere Papiere verlangt. Unsere Reisepässe gelten zwar als in Ordnung; ich aber kann das Visum nicht finden, das wir uns auf dem Schweizer Konsulat in Mailand für die Durchfahrt haben beschaffen müssen.
Ich kann ´s doch nicht verloren, sondern nur verlegt haben?

Während ich ganz aufgeregt und übereifrig noch am Suchen bin, droht man mir sogar, mein französisches Fahrrad einzubehalten. Es bedarf einer Menge an Überredung; aber erst als die Beamten durch mein langes Wühlen in den Satteltaschen und Kleidersäcken  ungeduldig werden, lassen sie uns schließlich passieren.

Einreise in Deutschland    – unerwartet und nicht geplant
Kaum aufgestiegen, im guten Glauben auf dem richtigen Weg zu sein, kommt uns nach diesem Schrecken am nächsten Schlagbaum die nächste Überraschung entgegen. Eigentlich wollten wir ja linksrheinisch in Frankreich einreisen und über die kürzere Strecke durchs Elsaß heimfahren. Aber uns winkt hier am Schlagbaum nicht die blau-weiß-rote Flagge entgegen, sondern die schwarz-rot-goldene.
Wir stutzen einen Augenblick; können aber jetzt nicht mehr zurück; müssen also feststellen, zu früh in Basel abgebogen zu sein. Unerwartet stehen wir nun an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland.
Die deutschen Zollbeamten sind sehr freundlich; gespannt schaut man auf unsere nagelneue saarländischen Reisepässe, gibt uns anstandslos den Stempel und winkt uns zum Weiterfahren.

Damit kein Mißverständnis entsteht: Da mit dem Statut vom April des Jahres 1950 das Saarland sozusagen ein eigener Staat ist, haben Wilhelm Wagner, junior und Josef Rudolf Engel aus Brotdorf in diesem Augenblick mit dem Stempel dieses Staates im Reisepaß zum ersten Mal die offizielle bescheinigte Erlaubnis erhalten, den Boden der jungen Bundesrepublik Deutschland zu betreten.
Dabei hätten beide diese Grenzüberschreitung von Hause aus schon vorher und viel leichter haben können. Man ist schon in zwei Stunden zu Fuß über den Ruudeknopp durch den Kammerforst „drüben“ an der Grenze in Saarhölzbach und etwa in der selben Zeit auch „drüben“ am Schlagbaum in Britten.
Obwohl es uns am Anfang der Romfahrt garnicht bewußt war, so ist es dennoch bezeichnend, daß unser erster offizielle Übergang vom Saarland zur Bundesrepublik nicht auf dem bekannt kürzesten Weg direkt erfolgt, sondern über den langwierigen, weiten „Umweg“ über Frankreich, Italien und die Schweiz.
Und wenn wir jetzt bedenklich zögern, rechtsrheinisch weiter zu fahren, dann ist es lediglich, weil es über das Elsaß der kürzere und von mir schon bekannte Weg ist. Keineswegs spielen da etwa politische Gründe mit, als hätten wir uns für Frankreich und gegen Deutschland entschieden. Solches ist genauso wenig der Fall, als wären wir von vorne herein bereits mit der franzosenfreundlichen Tendenz der gegenwärtigen Saarpolitik und den von Adenauer ausgehenden bundesdeutschen Gegenkräften bedenkenlos einverstanden.
Wir haben diese Fahrt nicht nur aus dem frommen Wunsch auf uns genommen, in Sankt Peter einen vollkommenen Ablaß zu erlangen. Wir haben vor fünf Jahren die braune Uniform der Hitlerjugend in der späten Erkenntnis  abgelegt, die Länder Europas nicht als besiegte Nationen erkunden zu können, sondern im freiheitlichen Jugenddrang aus eigenem Antrieb aufzusuchen, uns den dortigen Menschen zuzuwenden.
Das war zwischen 1946 und 48 schon so bei unsern Radtouren durch Luxemburg zu unseren moselfränkischen Sprachverwandten.
Und das war´s erst recht im vergangenen Sommer so bei der Fahrt zu unsern französischen Nachbarn, bei der es  Rudi Kammer und mir in einigen Ansätzen gelungen ist, der einstigen „Erzfeindschaft“ erste Zeichen freundschaftlicher Begegnung entgegen zu setzen.

Weil am Rhein
eile mit Weile
weil nicht nach Weil
so eil ohne Weil
über den Rhein

Wilhelmus et Rodolfus trans Rhenum navigantWeil am Rhein
Um auf die  schweiz-französische Rheinseite zu kommen, müßten wir wieder nach Basel umkehren.
Da wir keinenfalls wieder zurück wollen, erst recht an den schwierigen schweizer Grenzleuten vorbei, wenden wir uns an die deutschen Grenzbeamten und erfahren von ihnen zu unserm Glück, daß die alte Brücke noch zerstört, aber es hier in Weil eine Rheinfähre gibt, mit der wir auf die elsässer Seite überwechseln könnten.
Wie wir „Fähre“ hören, springen wir sofort auf die Räder. Der Weg ist beschrieben, nur um ein paar Straßenecken herum in Richtung Rhein, und flugs erreichen wir die Fähre, gerade im Moment, da sie übersetzen will.
Die Franzosen nennen eine Fähre „ le bac“; hier ist le bac ein umgebautes Dampfschiff mit der Aufschrift „Obernai“. Das Unternehmen wird in französischer Regie geführt und ist sogar kostenfrei.
In erträglichem Motorgekluckere gleitet die „Obernai“ sanft hinüber.  Unsere Räder sind an die Reling angelehnt, wir entspannt und beruhigt daneben. So in unmittelbarer Nähe mit dem Wasser erkennt man, wie breit der noch junge Strom hier schon geworden ist. Soeben haben wir die Mitte überfahren; sind, wenn auch noch auf Wasser, wieder in Frankreich.
So also ist es doppelt besser; drüben auf der deutschen Seite hätten wir noch sehr weit fahren müssen, bis zu einer intakten Rheinbrücke, die nicht von der Wehrmacht 44/45 gesprengt wurde, bei dem letzten Versuch, die Alliierten daran zu hindern, jemals den Fuß auf den Boden des Großdeutschen Reiches  zu setzen.

In Hunnigen,  frz. Hunigue gehen wir an Land und betreten süd-älsässischen Boden.
Nach einer guten Stunde flotter Fahrt geht es auf der Höhe von Mulhouse/Mühlhausen über einen Kanal.
Beim Lesen seines Namens auf dem Schild erinnere ich mich an jene Frage von Geraldy bei der Erdkundeprüfung: Wie kann man von Düsseldorf über Land per Schiff nach Marseille gelangen?
Ich stutzte und mußte etwas nachdenken, hatte es dann doch gewußt. Demnach haben Willi und ich soeben den Rhein-Rhône-Kanal überquert, der hier vom Rhein abzweigt, durchs Elsaß und Burgund  führt und bei Dôle die Verbindung schafft zur Saône und mit ihr zur Rhône und dem Meer bei Marseille.

Der Vorstadtcharakter der ersten Orte wechselt bald wieder ins Ländliche; schmucke Dörfer mit alt-älsässischen Hausformen, ein wenig auch an die des gegenüberliegenden Schwarzwaldes erinnernd, die man von Ansichtskarten her kennt. Nach einigen Kilometern führt die Straße vom nahen  Rheinufer ab zu den sanft gewellten Vogesenweinhügeln.
Der Abend ist inzwischen längst hereingebrochen; die Sonne sendet noch einen schwachen Schein ihres heutigen Tagesglanzes über den Kamm der Berge herüber und verschafft zwischen schwarzen Schattenflächen den abgedunkelten Reben neben ersten welken Rebstockblättern, kaum sichtbar den  Hauch eines goldenen Schimmers.
Währenddessen erinnern unsere müden Strampelbeine daran, über ein passendes Nachtlager nachzudenken. Es ist zwar nicht mehr weit bis Colmar.  – Wird es noch bis zur Jugendherberge reichen, bevor diese um zehn ihre Pforten schließt? Es wird knapp, denn auf Grund des Grenzaufenthalts an den Zollstationen am Dreiländereck haben wir ohnehin an geplanter Zeit verloren.
Ein halbherziger Mond leuchtet voraus, die Landstraße leer und ein zartes Lüftchen, zwischen lau und frisch, das unsere Kräfte neu erweckt. Wollen es also bis zu der schönen Stadt mit dem Isenheimer Altar unbedingt noch schaffen.
Und dann ist es doch anders gekommen. Wir werden die Herberge nicht mehr erreichen. Also lagern wir hier im freien Gelände zwischen den schon gülden gewordenen Rebstöcken. Und dabei erinnern wir uns daran, schon zu Anfang unserer Fahrt einmal unter Lunas silbernem Schein in einem Weinberg geschlafen zu haben.

Zu Kapitel 5,11: Letzte Etappe: Straßburg – Brotdorf

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