5, 9 – Quer durch die schöne, saubere deutsche Schweiz

„Die Franzosen mit den gelben Hosen,
die Italiener mit den grünen Finken,
die Welschen mit dem roten Zinken,
die Appenzell´ und Emmentaler
haben schwarze Sohlen,
die voll nach Käse stinken“ 

Montag, den 14. August – Die Füße im Vierwaldstätter See
Erwachen auf grüner Wiese, fast mit den Füßen im  Wasser, ringsherum die Berge und ganz oben noch Schnee!
Gut geschlafen die ganze, ungestörte und trockene Nacht hindurch, bis ich, aufgeschreckt, von einem seltsamen Traum erwache.
Mir träumt, Schweizer Beamte vor uns an der Grenze.

Ist ´s die Grenze hinter oder die noch vor uns? Sie wollen uns nicht durchlassen. In unsern Reisepässen seien zwar die Grenzpassagen vom Saarland über Frankreich und Italien eingestempelt, nicht aber die Einreise von Italien in den Vatikanstaat.
Mit einem traumhaften Selbstbewußtsein – wie ich es in Wirklichkeit nicht fertigbringe – trete ich den Beamten entgegen, reibe ihnen unsere Sendbriefe vom Hanni und dem Monsignore unter die Nase und dann auch noch die Zuweisung des Pilgerhotels in Rom-Vatikanstadt. Während die Beamten ihre Köpfe zusammen stecken, reiße ich dem einen unsere Papiere aus den Fingern und Willi und ich sind an den staunenden Eidgenossen vorbei, seitlich neben dem Schlagbaum einfach weiter gefahren.

Bin inzwischen erleichtert aufgestanden, während Willi noch weiter schläft. Schau mich um, wo wir gestern Abend nach dem rasanten Abstieg gelandet sind. Ich steh mit blanken Füßen auf sattem, leicht feuchtem Grün, nicht weit vom Ufer, keine zwei bis drei Meter über dem glatten Spiegel eines weiten, aber gebirgsumstellten Wasser. Wir lagern am Ufers des Sees von Wilhelm Tell, dem Vierwaldstätter See. Steil ragen die Felswände gleich hinter den Auen und kurzen Wiesenhängen ringsum hoch bis in die Wolken…

Wir waren also gestern im späten Nachmittag oben auf dem Gotthardpaß wieder auf die Räder gestiegen, hatten zuvor noch einmal die Luft und die Bremsen geprüft und haben uns in eilig rasanter Fahrt die schluchtartig eingekerbte Straße der Nordflanke  hinunter gestürzt.  Bei dem Tempo umwehte uns ein starker Fahrtwind, den wir bei dem warmem Sommerwetter als angenehme Kühle empfanden.
Auch hier auf der Nordseite des Gotthardmassivs ist die Landschaft überprächtig: stolze, zum Teil noch schneebedeckte Gipfel, leuchtende Firnfelder, links und rechts reißende Sturzbäche und immer neben uns die stürzenden und tosenden Wildwasser der Reuß.
Wo das sonst so enge Tal etwas flacher und breiter wird, reihen sich inmitten grüner Matten schmucke Bergdörfer in relativ kurzen Abständen hintereinander. Sie alle laden mit ihrem charmanten Aussehen direkt zum Verweilen ein; aber wir müssen weiter, müssen uns auf die Straße, ihre Kurven und Tücken konzentrieren, können im Vorbeisausen nur ein flüchtiges Auge nach rechts und links wagen. So wurden die bekannten Ortschaften Andermatt und Göschenen  ohne Halt passiert.
Doch dann, weiter unten, in dem niedlichen Dorf Silenen, am Hang des rechten Ufers gelegen, halten wir erstmals an; wollen frisches Wasser auftanken und Reifen, Luft und Bremsen nachprüfen.  –  Unsere treuen Räder, schon ein paar Mal hatten sie unterwegs gestreikt; aber hier bei dieser großen Belastung, da haben sie gehalten.

Wir schauen uns ein wenig um.

Die Einheimischen gehen nach dem Sonntag jetzt wieder ihrem Tagwerk nach. Sie halten im Vorübergehn kurz an, grüßen, winken uns freundlich zu, aber etwas verhalten.
Weniger schüchtern zeigen sich drei Schuljungen. Sie kommen spontan auf uns zu, zeigen sich äußerst  neugierig und sprechen uns dreist an. In ihren  kräftigen Stimmen hören wir zu unserm ersten Mal das schwyzer Dütsch, das helvetische Deutsch. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch, sind erstaunt und erfreut über ihr kerniges Kauderwelsch, bei dem wir zuerst kaum ein Wort verstehen, obgleich es im Klang  unserm Brottroffer Platt irgendwie etwas ähnelt.
Die Jungs haben unser Stutzen gemerkt und wechseln direkt auf ein sauberes Hochdeutsch über und stellen sich prompt mit ihren urischen Vornamen vor, als Urs, Lutz und  Zeti.
Wie sie erfahren, daß wir vom Tessin herüber kommen, winkt der Urs mit einer lässigen Handbewegung ab und sagt: „Ach ihr wart drüben bei denen mit den grünen Finken!“
Im Weiteren erfahren wir, daß sie die Tessiner nicht mögen, weil sie Singvögel verspeisen. Und dann bekommen auch ihre französisch sprechenden Landsleute aus dem Welschland, der Romandie also, ihren Senf weg. Und wie wir uns so interessiert zeigen, da machen sich mit folgendem Singvers schließlich über alle Schweizer lustig, die nicht aus dem Kanton Uri sind:

„Die Franzosen mit den gelben Hosen,
die Italiener mit den grünen Finken,
die Welschen mit den roten Nasen,
Appenzell´ und Emmentaler
mit den schwarzen Sohlen,
die voll nach Käse stinken“

In dem Schmunzeln, das den Gesang der Jungen begleitet, merken wir: Sie nehmen ihre Landsleute mit derbem Humor und Heiterkeit auf die Schippe; aber die dreisprachige Kulturgemeinschaft der Schweiz scheint damit nicht infrage gestellt. Was sie so gekonnt und sicher vortragen, ist keine tiefgreifende Feindschaft, eher eine gesunde Rivalität, historisch gewachsen, aber keineswegs derart blutig, wie sie Jahrhunderte zwischen Franzosen und Deutschen herrschte.
Hier ist es nur der Stier von Uri, der diesen Schelmen im Nacken sitzt.
Wie wir uns verabschieden und wieder aufsteigen, laufen die lustigen Drei noch ein Stück neben uns her, bleiben dann stehen und winken uns kräftig nach…
Wieder weiter, wieder talwärts!

Das Gefälle wurde zunehmend flacher, und bald erreichten wir Altdorf. Auf dem Ortsschild ist zu lesen: Altdorf/UR – 458 m ü. M. Wir sind erstaunt, in relativ kurzer Zeit haben wir vom Gotthardpaß bis hier her mehr als 1600 Höhenmeter hinter uns gelegt.
Altdorf, ein schmuckes Städtchen mit breiten, sauberen Straßen, mit stattlichen, meist mehrstöckigen Bürgerhäusern, schon alt, in dicken Mauern, aber alle bestens in Schuß, viele in mattem Grün oder hellem Ocker gestrichen.
Unser Eindruck ist auch hier in dieser größeren Ortschaft wieder bestätigt worden: Wir sind in der proppernen Schweiz, in der stolzen Civitas Helvetiae. Hier ist alles in Ordnung, den Leuten geht es gut; die Schweiz hat den Krieg nicht gesehen!
-Wat fier e sauwer Ländschin.
-E Land wat kään Krejsch gekannt hott.
-Awer emmer dövun finanziell profitiert hätt.
-Fier wat maache mir ed äan Deitschland net genau soù
-Dat moschdau d´n  Adenauer fröen; un bei oas dahaam de JoHo un sein CVP.

Ausgangs des Ortes sind wir dann von der Hauptstraße abgezweigt, wollten auf dem rechten Ufer der Reuß bleiben, denn wir hatten schon das Seewasser gerochen…

Und jetzt, hier an unserm Lagerplatzr direkt neben der Reuß ist es inzwischen längst hell geworden. Eine starke Helligkeit, obwohl die Sonne noch nicht da ist, aber schon ihren hellen Schein über die Berggipfel im Osten herüber ins Tal sendet. Wenn bald ihre ersten Strahlen herabfallen, wird auch der zarte Silberschleier, der noch überm See schwebt, sich im Nichts auflösen.
Willi ist auch aufgestiegen; wir haben kräftig gefrühstückt und genehmigen uns vor der Weiterfahrt einen kurzen Spaziergang durch die ausgeweiteten Mündungsauen der Reuß, hier am Südzipfel des Vierwaldstätter Sees.
Dabei stoßen wir auf einmal an einen weiteren Mündungsarm, an dem wir dann nicht mehr weiter kommen. Die Reuß hat also hier ein richtiges, großes Delta gebildet.

Mich wundert ´s in zweifacher Weise, denn bei Binnenseen sind größere Deltas selten. Man kennt sie nur bei den großen Meeresflüssen, wie beim Po und bei der Donau, die ja fast 3000 km lang ist und ein halbes Dutzend Länder durchfließt. Aber das Delta, auf dem wir hier stehen, das ist ein Binnendelta und wird zudem nur von einem kleineren Fluß, bis hierher mit recht kurzem Lauf gespeißt. Aber, wenn man bedenkt, was dieser wilde, tosende, stürzende Hochgebirgsfluß auf seiner recht kurzen Strecke mit einer Steilheit und einem Gefälle von fast 1500m Höhenunterschied seit tausenden von Jahren in seinem reißenden und eng gedrängten Strom das Jahr über, besonders zur Schneeschmelze, hier vom Gotthardmassiv bis zum See hinunter transportiert, dann ist dies wohl verständlich.
Ob die Geraldy davon etwas weiß? Sie wird so was wohl wissen. Ich grüße sie von hier; sie wird mit ihren Jungs schon längst in Blieskastel sein.

„Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.“
Wir kehren zu den Rädern zurück, brechen sobald auf, gelangen bald wieder zur Hauptstraße. Dort, wo sie auf das Seeufer stößt, gabelt sie sich. Die westliche führt über Stans nach Luzern, die östliche über Küssnacht nach Luzern. Kurzer Blick auf die Karte, kurze Überlegung unter uns, und wir folgen nach rechts der Route am östlichen Ufer, denn schon bei Schiller heißt es:
„Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.“

Nur ein paar Umdrehungen, und schon ist da der nächste Ort, ein Dorf mit Namen Flüelen, nicht größer als Brotdorf; aber äußerlich wohl viel schicker, nicht nur, weil völlig unversehrt. Noch vor dem Ort Sisikon liegt dann an steilem Ufer die sogenannte Tellsplatte.
Es soll ein heftiger Sturm gewütet haben, als Wilhelm Tell mit einem mächtigen Satz vom Boot ans Ufer springt und dabei mit einem kräftigen Ruck das Boot mitsamt dem Burgvogt Gessler wieder auf den See zurückstößt.
Nur wenige Meter weiter neben der Stelle, da hat man die Tellskapelle errichtet, eine kleine, aber stolz und stattliche Erinnerungsstätte im neogotischen Stil, mit historischen Fresken phantastisch heroisierend verziert; eine davon stellt den rettenden Sprung  Wilhelm Tells dar.

Wir aber wollen und müssen weiter und verlassen die historische Stätte, an der die nationale Identiät des Vielvölkerstaates Schweiz zu kleben scheint.  –  Ab und zu müssen wir Tunnels durchqueren, weil das Seeufer kein Platz für die Straße hat.
Oh, hätte man nur das ganze Leben, um diese schöne, freie Welt zu schaun!
Und wieder ist es so: In den letzten Tagen unserer Rückfahrt bleibt oft nicht mehr als ein flüchtiger Blick, ein erster Eindruck, und schon müssen wir wieder weiter. Doch haben wir bei aller Zügigkeit unsern Tagesfahrplan; wo es uns gefällt, da rasten, da weilen wir. So auch jetzt in Brunnen, jener schmucke, recht touristisch anschauende Ort, zu dem auch jene Hohle Gasse hinführt, auf der  Helvetiens Nationalheld dem Landvogt aufgelauert und ihn schließlich mit dem Pfeil erlegt hatte.

Oberhalb Brunnen, wo der Seesstrand eine grüne Wiese ist, drängt es uns zum Baden. Das Wasser des Sees ist so rein, so glasklar; aber auch ebenso so kalt. Man muß wissen, daß der Vierwaldstätter das ganze Jahr über, also auch im Sommer von den Gletschern ringsherum gespeist wird. Die Sonne scheint zwar kräftig; aber wir schwimmen in Gletscherwasser; eine sehr weite Strecke hinaus auf den See schaffen wir nicht.
Hinter Brunnen steht wieder eine Entscheidungsfrage an. Einheimische empfehlen uns die bequemere Route vom See weg in nordöstlicher Richtung über Schwyz zu nehmen; wir aber bleiben am See, wollen die wunderschöne Landschaft weiter genießen, wollen auch von den Nordufern aus über ihn hinweg auf die Alpenkette und ihre leuchtenden Gletscher im Süden schauen.
Über die ziemlich dichte Besiedlung auch in dieser Gegend braucht man sich nicht zu wundern. Wer möchte nicht auch hier wohnen bleiben. Und so reihen sich die schmucken Orte wie an einer edlen Perlenkette auf dem schmalen Uferstreifen an einander: Auf dem Weg nach Küssnacht und Luzern zählen nur noch die Ortsschilder: Gersau – Vitznau – Weggis – Greppe – Meggen.

In Küsnacht gibt´s ein `Hotel Engel´, ein uraltes Haus mit wunderschönem Fachwerk und bunten Wandmalereien. Da kann man sich wohl denken, daß es Goethe als Gast auch dort gefallen hat.
Die Straße ist wieder flach und folgt dem Uferlauf. Ein Dampfer legt an und bringt Ausflügler zurück. Sie haben´s gut;  winken und werden bald zu Hause sein.
Bald zu Hause sein!

Und wir, wir sind nun schon über vier Wochen unterwegs. Fast täglich waren es 150  Kilometer und ein paar mal noch mehr. Die ganze Fahrt ist schließlich von zwei Zielen bestimmt: auf der Hinfahrt von Rom und jetzt,  am Ende auf der Rückfahrt, mehr und mehr auch von dem Gedanken an daheim. Und so schön auch diese Landschaften auch sein mögen, heute ist es besonders spürbar: Bald werden auch wir zu Hause sein.
Erst nach einer großen Anstrengung weiß man, was die Rast bedeutet; erst in der Fremde weiß man, was Heimat ist.

Es dämmert schon, wie wir Luzern erreichen, die große Stadt, in der wir die Reuß wieder treffen, dort, wo sie den Vierwaldstätter See verläßt und durch das schweizer Mittelland der Aare und mit ihr dem Rhein zustrebt. Über den hier schon breit angeschwollenen Alpenfluß führt mitten in der Stadt eine lang gestreckte Brücke, die in der Welt bekannt und berühmt ist. Sie heißt Kapellbrücke ist eine bis ins Mittelalter zurückgehende überdachte Holzbrücke. Mit ihrem imponierenden, Jahrhunderte alten Gebälk gilt seit dem als das Wahrzeichen von Luzern. Die wunderschöne Stadt ist auch die Hauptstadt des gleichnamigen Kantons, stattliche alte Bürgerhäuser, einige mit edlem und kunstvollem Fachwerk.

Ausgangs der Stadt erwartet uns, jetzt in deutlich westlicher Richtung eine gehörige Steigung, die uns obenauf hinter dem Kamm zu einer kurzen Rast nötigt.
Wie erwartet bietet die vor uns liegende Landschaft ein völlig verändertes Bild. Die hochragenden Gipfel, die schmucken Alpentäler, die rauschenden Sturzbäche, die blinkenden Spiegel der Gletscherzungenseen haben wir hinter uns gelassen; wir geraten in ein hügeliges Bergland mittlerer Höhen, dem unsrigen daheim ziemlich ähnlich.

Gleich hinter dem Städtchen Sempach geraten wir an das süd-östliche Ende eines kleineren Sees, der nach dem Ort benannt ist. Grüne Wälder an den Rändern, weite Obsthänge, satte Wiesen und Äcker und dort auch inmitten ein lauschiges Plätzchen, unser Nachtlager.
Das raschelige Buchenlaub, das sind unsere Bettfedern; bald steht das Zelt, das Feuer lodert, und es gibt wieder Bratkartoffeln!
Das Feuer ist am Erlöschen; der Mond kommt hinter den Bäumen hervor, und ach, wir haben die Bank belagert, auf die sich ganz in der Nähe ein Liebespärchen gefreut hätte. Wir räumen unsere Sachen, machen die Bank frei und schlüpfen in unser Zelt. Hoffentlich wird unser Schnarschen ihre Zärtlichkeit nicht stören!

 

 

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