Folge 19: Paris – zwischen zwei „Sternkreisen“

vor Arc de triomphe

Es sind nur ein paar Minuten bis zur Station `Étoile´, wo wir wieder auf aus der Unterwelt auftauchen, die große Rundstraße überqueren und jetzt auf exponierter Höhe stehen, unmittelbar vor diesem `Arc de Triomphe´. Unter dem mächtigen Bogenmonument befindet sich das Grab des Unbekannten Soldaten, eine eingefasste Messingplatte, im oberen Drittel reliefartig hervorgehoben ein Hochkreis, in dessen Mitte durch eine runde Öffnung eine ewige Flamme leuchtet.
Ob die gefallenen deutschen Soldaten hier auch mit geehrt werden sollen?
-„Jetzt hast du diesen Apparat schon die ganze Fahrt bei dir gehabt und noch kaum ein Bild geknipst. Mach das Ding endlich auf; ich frage den Monsieur hier, ob er ein Foto von uns beiden machen kann!“

Ich hatte vor lauter Staunen ganz vergessen, dass ich ja schon während des ganzen Morgens Vaters Vorkriegsapparat umhängen habe, eine 6×9-Agfa-Klappkamera. Bisher war ich in der Tat sehr sparsam mit dem Fotografieren umgegangen, hatte nur zwei Filme mitgenommen; aber jetzt hier in Paris da sollten wir ruhig drauf halten.
Jetzt schauen wir uns auf dem Sternplatz um und bestaunen das Spinnennetz von Straßensystem, das als Hauptschlagader von Paris um den Triumpfbogen herum angelegt ist. Eigentlich hat Paris zwei große Herzen, denn die Place de la Concorde, dort unten, das ist der andere, eben so große und verkehrsreiche Knotenpunkt.

Hier wie dort, auch an diesem Wochenend in den Ferien, ein unendlicher Kreisverkehr! Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden die vielen Autos unentwegt um das Monument herum sausen; in Wirklichkeit aber kommen sie auf einer der Sternstraßen hier oben an, drehen ein Stück im Uhrzeigersinn auf dem Kreisbogen herum und verschwinden, radial auf eine der anderen Ausfallstraßen ausscherend, wieder in einer anderen Richtung zurück in die Stadt. Und all dieses Motorgewirre, ohne dass ein Mensch den Verkehr es regeln muß.

Wir flanieren über 2 Kilometer die `Champs Elysées´ hinab, bis zum Platz der Eintracht.

Gestern sind wir hier ängstlich vorbeigesaust, hatten nur ein Auge für den Verkehr, fest auf unsere Fahrtrichtung und unsere Räder auf diesem Kopfsteinpflaster gerichtet. Und was für ein Blick bietet sich von hier oben aus dem verweilenden Betrachter!
Auch hier wiederum erfüllt uns ein großes Staunen, über eine Straßen-, Fußweg-, Park- und Häuseranlage, so wimmelig überfüllt und so emsig geschäftig wie kaum auf einer anderen Stelle in der Welt, auf der sich allerdings die vielen vielen Menschen hier offensichtlich wohl fühlen.
-„Weißt du, warum diese Champs Élysées auf einmal weiblich sind; es heißt doch >le champ< und nicht >la champ<?“
– „Gut gebrüllt, Löwe, diese grammatikalische Eigenheit ist mir noch gar nicht aufgefallen; wahrscheinlich sind die Champs Elysées deswegen weiblich, weil hier die stolzesten Frauen der Welt einhergehen.“

Während ich diese Bemerkung nur als Scherz anerkenne und weiterhin mit der französischen Grammatik hadere, will Rudi, der Kultur- und Politikbeflissene, das Weltgeschehen durch die Pariser Presse wahrnehmen und sich am Kiosk eine Tageszeitung kaufen.
Doch da ich für das Haushaltsgeld zuständig bin, lenke ich ihn ab:
-„Habe im Aufenthaltsraum der Jugendherberge einige Tageszeiten rumliegen sehen; die kannst du ja heute Abend als Nachtisch verspeisen!“

>Place de la Concorde<! Wer vom Etoile herunter kommt und jetzt hier steht, der muß es noch einmal bestätigen: Paris hat mindestens zwei Herzen und dazwischen zwei Hauptschlagadern, denn dieser zweite Platz hier ist ja noch riesiger, die Straßen scheinen noch breiter und der Verkehr ist hier noch belebter. Ein wahrer Knotenpunkt! Nein, kein Knotenpunkt, weder Knoten noch Punkt, ein riesiger, wie vom Himmel gefallener Sternkreis, um den die Autos wie Satelliten hinein- und umkreisen und gleich wieder in anderer Richtung ausstrahlen.

In der Mitte wieder ein riesiges Monument, ein übergroßer kunstvoll gebauter und verzierter Springbrunnen mit zahlreichen wasserspeienden Figuren. Mich fasziniert noch mehr dieser weit über Baumhöhe hinausragende Obelisk, jenes Beutestück, das, nach Auskunft der beiden Kunststudenten aus der Jugendherberge, Napoleon mit einem riesigen Aufwand von Ägypten nach Frankreich hat schleppen und hier aufrichten lassen.
Dieser mächtige Stein, der, den hohen Türmen unserer gotischen Kathedralen gleich, wie ein gigantischer Fingerzeig gen Himmel ragt, ist ein einmaliges Kunstwerk. Er erscheint in einer Frische und Unversehrtheit, als wäre er gerade erst fertig geworden und ist dabei doch schon mehr als dreitausend Jahre alt. Auch die wunderschönen überall eingekerbten Schriftreliefs der altägyptischen Bildersprache heben sich gestochen scharf von der übrigen Sandsteinoberfläche ab.Tuillerien

Hinüber zum Schlosshof der Tuillerien, an deren Ende schon von weitem die mächtigen Aufbauten des Louvre zu sehen sind. Während wir etwas zaghaft in dien riesigen Lustpark eintreten, fragt mich Rudi, ob ich weiß, was Tuillieries eigentlich heißt.
-„Ich weiß nur, dass `la tuile´ der Ziegelstein bedeutet; folglich müssten hier ehemals Ziegeleien gestanden haben!“
-„Gut kombiniert, Holmes!“

Wie großzügig die Altstadt von Paris doch schon seit Jahrhunderten angelegt ist; auch hier wieder, dieser riesige Park. Wo einst Ziegeleien standen, breitet sich ein immens breiter Lustgarten aus, ein harmonisch zusammengefügtes Ensemble von Bäumen, Büschen, Blumenbeeten, Teichen, Springbrunnen und Skulpturen, von lustwandelnden Menschen, von glücklichen Eltern auf den vielen Bänken und von spielenden Kindern, die ihre kleinen Segelboote auf den Wassern aussetzen und hoffen, dass der Wind sie wieder zu ihnen zurücktreibt.
Auf halbem Wege zum Louvre dann ein zweiter Triumpfbogen, der `Arc de Triomphe de Carrousel´. Dieser bedeutend kleinere Triumpfbau ist auffallend stark mit zahlreichen Außenreliefs versehen. Sie künden nicht wie der Obelisk von göttlichen Pharaonen, sondern von Napoleons kriegerischer Herrlichkeit.
Wir sprechen eine Passantin an, und sie freut sich, von uns beiden ein Foto zu machen, mit dem napoleonischen Triumpfbogen im Hintergrund.

Auf der anderen Seite des Schloßgartens sehen wir ein weiteres wunderschönes Prachtgebäude: Kompakt in der Bauweise und doch reich gegliedert und sehr harmonisch im Gesamteindruck. Es scheint älter als der Louvre, in unserer Einschätzung: schönstes frühes Renaissance!
-„ Jeu de Paume!, as für ein eigenartiger Name für ein Palais, was heißt eigentlich `Paume´?„
-„So viel ich weiß heißt `paume´ auf deutsch `der Handballen´, also der Innenballen der Hand!“
-„Dann wäre also Jeu de Paume´ das Spiel mit dem Handballen oder das Handballenspiel!“

Während wir auf das Gebäude zu gehen, erinnern wir uns daran, wie wir vor paar Jahren auf der Penne in den Großen Pausen selbst so eine Art Handballenspiel mit dem zusammen geknäuelten Butterbrotpapier gespielt hatten.
Zwei standen sich gegenüber und spielten sich das Papierbällchen mit dem Innenballen der Hand ständig zu. Zuerst lag der Spielwitz lediglich darin, den Ball möglichst lange in der Luft, also das Spiel im Fluß zu halten; allmählich entwickelte sich dann ein regelrechtes Wettkampfspiel daraus: Man musste das Bällchen so zuspielen, dass der Gegner es gerade noch für den Gegenschlag erreichen konnte. Ein „Tiefschlag“ – wie wir es nannten – war ungültig und brachte einen Minuspunkt ein, ebenso, wenn das Bällchen zu Boden viel. Ob die alten Pariser der Renaissance ein solches Handballenspiel in diesem Palast gespielt hatten?

Von den vielen Museen in der Weltstadt können wir uns wegen unseres knappen, schon arg geschrumpften Reisegeldes nur das wichtigste leisten, den Louvre.
Was muß das für eine Heerschar von Höflingen, Grafen, Comtessen, Maitressen und andern Bediensteten gewesen sein, die in diesen unendlichen Aufgängen, Fluren. Sälen, Gemächern und Nebenräumen umher lebten, wenn der Sonnenkönig hier und nicht in Versailles Hof hielt! Der Louvre, heute das größte Museum, ein riesiger Prachtbau mit mehreren Haupt- und Nebenflügeln! Hier halten in diesen Sommertagen, in Scharen durch die Hallen strömend, die Touristen Hof, Touristen aus aller Welt mit der Kunst aus aller Welt.

Wie soll man da Ruhe und Muße finden, all die wunderbaren Werke zu betrachten. Am meisten tummeln sich die neugierigen Menschen um die zwei berühmtesten Frauen des Louvre: um die Venus von Milo und die geheimnisvoll lächelnde Mona Lisa. Sie umschwärmen die beiden Grazien wie die Bienen ihre Königin.
Was mich wundert, wie konzentriert bei all diesem Rummel die jungen Leute, wahrscheinlich Studierende der Kunstakademien, hier vor den alten Meistern sitzen, um sie in akurater Genauigkeit zu kopieren. Ich frage mich aber, ob von derartigem Kopieren die eigene Fantasie in der Tat profitieren, das eigene Kunstschaffen über das Technische hinaus wirklich etwas Kreatives lernen kann?
Wir verlassen den Louvre aus dem Nordflügel heraus und gelangen auf die bekannte Rue de Rivoli mit den prächtigen Stadthäusern, Hotels und teuren Geschäften. Wenn man sich die Auslagen in diesen vornehmen Kaufhäusern anschaut, dann wollte man gar nicht glauben, dass es in Paris jemals Krieg und Not gegeben hätte.
Nach einem guten Gehstück folgt seitlich ein deutlich älteres Viertel, in dem die hohen Wohnhäuser zumindest äußerlich einen weniger gepflegten Eindruck machen. Und ohne es vorher zu wissen, stoßen wir dabei auf >Les Halles<, diese riesigen gusseisernen Markthallen, die den Bauch von Paris bedeuten.
Es geht schon gegen Mittag, der Großmarkt ist längst vorbei, und daher stehen nur noch einige wenige, mit Gemüse und andern Lebensmitteln beladene Karren und Lieferautos davor, deren Kutscher und Chauffeure in einem der angrenzenden Bistros noch gemeinsam einen `Coup´ heben und vielleicht noch einen zweiten, bevor sie ihre Ware ausliefern fahren.

Nach unserm Stadtplan brauchen wir nur der Mittagssonne zu folgen, um zur Seine und damit zur berühmtesten Dame von Paris, zu ´Notre Dame´, zu kommen. Welch imponierender Gesamtbau dieses Gotteshaus mit der markanten Turmfassade! Das Ganze, eine wunderbare Einheit erhabener Architektur und Bildhauerkunst. Aus dem dunkleren Innern dringt Orgelmusik uns entgegen. Drinnen erscheint mir besonders faszinierend, der buntfarbene Lichterglanz der riesigen Rosette und bei dem Rundgang außen herum, die elegante Schlankheit der vielen seitlichen Strebepfeiler.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 20

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