Folge 18: Hinein in die Weltstadt

Sonnabend, unser zweiter Pariser Tag

tagtraum

ich fühlte dass sie mich
nicht wahrnahm
sie
so tagverträumt ihr blick
auf mich
für sie so unerreichbar
so wie sie für mich –
sie ging
sah nicht zurück
ging vor mir her
ganz leicht
mit schlankem schritt

Rudolf Kammer, gezeiten p. 24

Ein herrlicher Tag beginnt über Paris. Es ist noch früh an diesem sonnigen Morgen, und in der Herberge bleibt es noch eine ganze Weile still. Wir beide sind jedoch schon längst wach, haben nur knapp und halbwegs gefrühstückt, lassen die Räder zurück und spazieren zunächst vom Stadtteil Neuilly aus zu Fuß hinauf in Richtung Triumpfbogen, jeder unterwegs an einer meterlangen Ficelle knabbernd. Die hat uns die Boulangère statt einer Baguette empfohlen, in dem kleinen Laden neben der Jugendherberge, der erstaunlicherweise um diese Zeit schon offen hatte.

Die Ficelle, auf deutsch: das Seil, ist in diesem Falle ein französisches Weißbrot, genau so lang wie die Baguette, aber um die Hälfte dünner, hat daher viel mehr Kruste und ist somit derart knusprig, dass man sie ohne jegliche Beigabe mit Hochgenuß direkt so essen kann.

Wir hatten abends beim Essen schon hingehört, was uns unsere beiden französischen Tischnachbarn, zwei Kunststudenten, von der Stadt als sehenswert empfahlen. Rudi hatte sich sogar Notizen gemacht. Da Paris ursprünglich nicht auf unserer geplanten Route lag, hatten wir zu Hause auch nichts über Frankreichs Metropole vorbereitet, ja gar nicht auf der Rechnung. Es wäre allerdings ein Unding, und wir brauchten bestimmt acht Tage, um als das aufzusuchen, was die beiden „nach architektonischen, ästhetischen und historischen Gesichtspunkten“ als unbedingt sehenswert beurteilt hatten.
Wir gehen schnurstracks und forsch auf das Zentrum zu und werden uns einfach beeindrucken lassen! Um diese Stadt in vollen Zügen zu genießen, bedarf es der Zeit und eines prallen Geldbeutels. Zumindest das nötige Kleingeld fehlt uns dazu; unsere gemeinschaftliche Reisebörse ist schon so gut wie aufgebraucht. Deshalb müssen wir uns mit den ersten Impressionen begnügen, nur schauend und ahnend, sehend und staunend: Paris à première vue !

Es geht von Neuilly aus zurück zum großen Sternplatz, immer sanft bergan. Der Verkehr ist schon wieder voll im Gange. Aber heute morgen, da wir zu fuß unterwegs sind, stört er uns keineswegs, er gehört zum Flair dieser Stadt einfach dazu. Wie wir so an den Gebäuden rechts und links der Avenues hochschauen, da merken wir, Paris macht keineswegs den Eindruck als wäre jemals um diese Stadt mit schweren Geschützen, mit Bomben und Granaten gekämpft worden. Die alte ehrwürdige City erscheint völlig unversehrt und präsentiert sich uns wie eine Vorkriegsausgabe, in der seit Menschengedenken kein einziger Schuß gefallen ist. Wahrscheinlich wurde sie 1940 den Deutschen und 1944 den Amerikanern kampflos übergeben.

Wir wollten uns für unsern Marsch auf Paris die Zeit nehmen, möglichst viel zu Fuß zu machen; aber bald merken wir: Der Weg ins Zentrum ist doch zu weit, um ihn ganz per pedes zu bestreiten. Der Tag ist noch lang, und wir müssen noch Gehreserven aufsparen für die Besichtigungen. An einer der nächsten Stationen steigen wir hinunter in die Metro, das faszinierende Verkehrsgedärme im Bauch von Paris.
In der Mitte der Riesenröhre befinden sich die beiden gegenläufigen Schienenstränge. Seitlich davon sind die Bahnsteige, hüben wie drüben mit vielen wartenden Menschen gefüllt. Obwohl Sonnabend ist, sind noch viele Pariser auf dem Weg zur Arbeit unterwegs, wie es ihre Kleidung oder ihre Aktentaschen vermuten lassen.
Es fällt auf: Die Menschen der Metropole reden nicht miteinander. Fast ein jeder hat den Kopf in eine Zeitung gesteckt. Das Rundgewölbe über dem Ganzen ist mit kleinen cremefarbenen Kacheln belegt. Dazwischen sind riesige Freiflächen mit ebenso riesigen Werbeplakaten. Auf der Gegenseite kommt gerade ein Zug von links an, dringt wie ein Geschoß aus dem dunklen Tunnel hervor. Aussteigen-Einsteigen, alles geht ruck-zuck; in ein paar Sekunden ist der Zug schon wieder in der rechten Röhre verschwunden.

Schon ist auch unsere Metro da. Wir werden mit dem Menschenstrom, der sich hastig auf die sich selbst öffnenden Türen zu bewegt, ohne unser Zutun mit hinein gedrängt. Drinnen sitzt und steht man, zeitunglesend oder vor sich hin dösend. Nur eine kleine Gruppe Angestellter unterhält sich. Worüber wird der Franzose reden, wenn er nur halb ausgeschlafen zur Arbeit fährt? Wahrscheinlich spricht man über das Essen, das einen am Abend an diesem Wochenende zu Hause oder im Restaurant nebenan erwartet. Draußen sauen rechts und links ganz dicht neben den Festern der Bahn die gewölbten Wände des unendlichen Tunnels vorbei. Es ist erstaunlich, wie schnell diese Bahn nach dem kurzen Halt wieder volle Fahrt aufnimmt und mit welcher Geschwindigkeit sie von Station zu Station saust. Und so fahren auch wir hinein in den Trubel der Innenstadt.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 19

 

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