Folge 9: Die Côte d’Or

Vor uns die Côte d´Or und in der Ferne Paris

bergseiten

wenn wir den berg erst überschritten haben
versinken sterne uns jenseits des grats
doch andere sterne tauchen auf
und blinken uns auf unserm weg zu tal

Rudolf Kammer, gezeiten, p.155

Hinaus aus der Stadt, durchqueren wir weiter die breite und flache Flussebene. Das rechte Ufer der Saône wird erreicht. Hier an ihrem Oberlauf ist sie noch nicht breiter als die Saar bei Merzig. Noch ist die Strecke flach; doch schon bald wird uns eine lange Steigung erwarten! Auf der Soanebrücke von Saint Jean de Losne halten wir an und schauen auf die langsam dahinstrebenden Fluten. Ihnen werden wir nunmehr nicht wie vorgesehen nach Süden folgen. In Lyon werden sie sich mit denen der Rhône verbinden, die vom Genfer See her kommt…hélas!

Statt dessen haben wir gemäß unserer neuen Vereinbarung genau auf dieser Brücke den südlichsten Punkt unserer Tour erreicht. Ab hier geht die Fahrt in nordwestlicher Richtung zunächst noch ein Stück weiter im Tal, dann hinauf auf die >Côte d´Or< und danach schnurstracks auf Paris zu.
So folgen wir eine geraume Zeit dem >Canal de Bourgogne<, der hier, in der Nähe des Ortes Saint Jean in die Saône mündet. In der recht flachen Flussebene kommen unsere Räder wieder etwas flotter ins Rollen. Wir sind also sicher, heute noch Dijon und die dortige Jugendherberge zu erreichen. Straßburg ist schon weit; unsere Knochen sehnen sich mal wieder nach einem richtigen Bett.

Fast hätten wir Dijon, die Hauptstadt von Burgund auch erreicht; doch es sollte mal wieder ganz anders kommen: Sobald die Straße am Ende des Tales zur Côte hin anhaltend langgezogen ansteigt, müssen wir merklich langsamer treten. Und zudem hat sich wieder einmal der Himmel zugezogen. Es setzt ganz plötzlich und heftig der Sommerregen ein. Im Nu sind wir durchnässt, es kühlt merklich ab. Wir steigen ab. Wegen des immer stärker werdenden Regens können wir kein Zelt mehr aufschlagen, sondern suchen unsere Zuflucht beim nächst besten Bauernhof.

Der Bauer steht mit einem Knecht an der Stalltür; sie haben gerade das Vieh gefüttert. Er schaut etwas mürrisch drein und weiß nicht recht, ob er uns zum Übernachten in die Scheune lassen soll. Dann aber kommt die Bäuerin mit frischen Eiern aus dem Hühnerstall. Sie lächelt uns beide, die wir so triefend und fragend vor ihr stehen, recht freundlich an:
– Mais naturellement y-a-t-il de la place pour vous! Marie, montre au jeunes gens le coin pour coucher dans la granche!<

Ein etwa 12jähriges Mädchen, offensichtlich die Tochter weist uns einen Platz in der Scheune ein. Sie hat den Auftrag, uns auszurichten, doch später in die Stube zu kommen, um unsere Oberkleider zu trocknen.
Es ist ein stattlicher Hof und zudem auch schön gebaut. Mit den tief herabhängenden und etwas weit überstehenden Dächern der Stallungen, der großen Scheune und des Wohnhauses ähnelt er fast den bayrischen Hofformen.
Nachdem wir die Räder unter Dach gestellt, die nassen Kleider abgelegt und unsere Plane in der Scheune auf ein paar Ballen Stroh ausgebreitet haben, trauen wir uns, hinüber zum Wohnhaus zu gehen, etwas zögerlich in die geräumige Stube einzutreten, um unsere nassen Kleider dort zum Trocknen aufzuhängen. Der Bauer ist mit seinem Knecht in den Stallungen geblieben; nur die Bäuerin und die kleine Tochter sind da. Daher fällt es uns auch leichter nachzufragen, ob wir auf dem Herd unsere Suppe kochen könnten. Doch zum Selberkochen sollte es gar nicht kommen.

Die Bäuerin hat mir sogleich unsern mitgebrachten Kochtopf aus der Hand genommen und auf die Bank neben dem offenen Kamin abgestellt.
– Je vous en prie, mes jeunes gens, vous êtes invités; vous mangez naturellement avec nous!

Was für ein Tag! Das Glück bleibt uns auch noch am Abend hold. Ohne näher nachzufragen, wer wir sind, woher wir kommen, bietet die Dame uns einen Stuhl an; wir sind willkommen, wir sind sogar eingeladen, mit der Familie Abend zu essen. Inzwischen haben an dem großen runden Tisch, der fast die ganze Stube ausfüllt, schon alle Platz genommen, die Bauersleute, die Tochter, die uns eingewiesen hatte, noch eine zweite, etwas jüngere Tochter, eine Magd und noch zwei Knechte. Mit uns sind das neun Personen. Lediglich ein altes Mütterchen ist noch nicht am Tisch. In ihrer trachtenähnlichen Bekleidung, einem dunklem Faltenkleid, das bis zum Boden reicht, einer reichlich verzierten Schürze und einem weißen Häubchen auf dem Kopf steht sie im Türrahmen zwischen Stube und Küche, so als ob sie fragen wollte, dass sie jetzt auftischen könne.
Wie wir uns der großen Tafelrunde nähern, fällt uns auf, dass da noch zwei weitere Teller aufgedeckt sind, extra für uns! Rudi dreht den Kopf und flüstert mir zu:
– Der liebe Gott in Frankreich meint es aber heute besonders gut mit uns!

Die Großmutter bringt zuerst die >Potage<, eine dicke, sämige Gemüsesuppe auf Karotten- und Kartoffelbasis mit viel Suppengrün, gedünsteten Zwiebeln darin und viel Gewürz. Dazu wird selbst gebackenes Bauernweißbrot gereicht. So köstlich, wie diese Suppe schmeckt und so reichlich, wie uns auch ein zweites Mal nachgeschenkt wird; wäre das eigentlich schon eine volle Mahlzeit gewesen. Aber wir sind ja in Frankreich, wo das Essen, selbst in einem Bauernhaus, aus mehreren Gängen besteht.
Während von den beiden Töchtern die Suppenteller eingesammelt werden, kommt schon die Großmutter mit neuen viel breiteren Speisetellern, und die Bäuerin bringt den nächsten Gang: eine mit Pilzen gefüllte und mit Kräutern garnierte Ommelette, dazu einen >gratin<, das ist eine Art überbackener Bratkartoffeln, ähnlich unsern `Gebunschelten´, jedoch mit viel Rahm dazwischen und einer knusprigen braunen Rahmkruste darüber. Und dazu gibt es noch einen frischen grünen Salat.

Zu jedem Gedeck sind auch zwei Gläser aufgetischt, ein Wasser- und ein Weinglas. Und während die Frauen auftischen, ist der Hausherr aufgestanden und schenkt einem jeden, auch den beiden Mädchen aus einer Art Korbflasche dunklen Rotwein ein. Dann bleibt er vor seinem Platz stehen, nimmt sein Glas in die Hand und hebt es in die Höh´.
Er hat bislang noch kein Wort gesprochen, aber längst seine anfänglich mürrische Mine abgelegt, ist auf einmal auffallend freundlich und heiter, neigt seinen Kopf ein wenig uns beiden zu und sagt:
– Bon appetit et soyez nos bien-venus; bien à votre Santé, jeunes gens!

Während ich noch ganz eingeschüchtert da sitze, ergreift Rudi die Initiative, erhebt sich auch von seinem Sitz, hebt sein Glas und prostet zuerst dem Bauern, dann allen in der Runde zu. Rudi, der Wortgewandtere mit dem besseren Französisch findet auch die passenden Worte. Und siehe da, auf einmal sind wir alle aufgestanden und prosten uns geradezu feierlich zu.
Nun bricht in der Runde, wahrscheinlich wie bei jedem Abendmahl gewöhnt, ein munteres Geplaudere aus, alle beteiligen sich, auch die Mädchen. Was ich brockenhaft mitbekommen, sind es die Dinge, die Verrichtungen des Tages, was geschafft wurde und was noch liegen blieb. Etwas muß beim Vieh nicht in Ordnung gewesen sein.

Dann aber erhebt die Bäurin, die bisher geschwiegen hat, die Stimme stellt uns die erwarteten Fragen, und wie alle aufmerksam zuhören, breiten wir, so gut es unser Französisch zulässt, unsere Träume vor ihnen aus.
Zum Schluß wird ein großer Holzteller herumgereicht mit verschiedenen Sorten Käse beladen und zu allem reichlich Weißbrot, Wasser und Wein serviert.
Es wird viel gegessen, getrunken und viel geplaudert. Alle sind überaus freundlich zu uns, sodass wir uns rundum wohl fühlen können.

Hinterher, während die Frauen abräumen und sich in der Küche zu schaffen machen, bittet der Bauer uns, noch ein wenig sitzen zu bleiben. Er hat sich eine Pfeife gestopft hat und bietet uns sogar einen Schnaps an. Erneut stoßen wir mit ihm und den beiden Knechten auf die Freundschaft an.
Rudi und ich, wir schauen uns einen kurzen Augenblick lang verwundert an über so viel Entgegenkommen, wo er anfangs doch so abweisend und mürrisch war. Auch er gehört schließlich zu den guten Menschen hier im Burgunderland. Obwohl uns beiden schon die Augenlider und die Zunge schwer werden, müssen wir noch eine ganze Weile Rede und Antwort stehen.
Doch wie wir uns endlich zum Schlafen legen, ist auch auf dem Bauernhofe wie überall in der ganzen Gegend die nächtliche Stille eingekehrt.

erläuterung en braille

du brauchst nicht hinzusehen
wenn du nicht sehen kannst
nicht glaubst
dass man sie sehen kann
die stille

du kannst sie fühlen
leiden an dem stummen
untergang der kreatur
die leben wollt´
ein kurzes leben lang

der du nicht sehen kannst
ertaste sie die stille

Rudolf Kammer, gezeiten, p.128

zu Folge 10

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