Folge 8: Wendepunkt nach Westen

Der Wendepunkt und Berthold, ein deutscher Kriegsfranzose

 liebe – die realste utopie

der erde nur verhaftet
greifen wir vergeblich nach den sternen
sie scheinen fern und sind uns doch so nah:
der schimmer ihres lichts wird eins mit uns
wir werden hell wir fühlen uns durchdrungen
von einer kraft die alles seiende durchwirkt
und dich und mich den sternen ähnlich macht:
wir glühen und verglühen tag und nacht –
sofern wir lieben

rudlof kammer, gezeiten, p 46

Sechster Tag, ein Sonnabend

Der Aufbruch ins Burgunderland erfolgt an diesem Morgen etwas später als sonst. Es ist schon früh recht warm, und die Sonne brennt schon auf unseren Gesichtern. Das schlechte Wetter und die bedrückte Stimmung des gestrigen Vormittags sind verflogen. Wir folgen weiter dem Unterlauf des Doubs flussabwärts; aber nur noch einige Kilometer bis zu dem ausgemachten Wendepunkt, von dem aus es dann nach Westen gehen wird, auf Paris zu.
Da es ständig leicht bergab geht, erreichen wir schneller als gedacht den Südrand des Juramassivs. Vor uns weitet sich das bisher schluchtartige Doubstal nun merklich aus. Von der Höhe aus bietet sich ein großartiger Ausblick. Wir steigen an der Schichtkante ab und schauen vor uns hinab in eine noch viel weitere Flussebene, in die vor unsern Füßen das Tal des Doubs einmündet.
– „Das muß schon der Saône-Graben sein!“

Während wir so da stehen und staunen, da sehen wir wie hoch über uns noch einer den grandiosen Ausblick genießt. Mit allerbester Flugtechnik den thermischen Aufwind über diesem hohen Abhang ausnutzend, zieht ein Adler erhaben und gemächlich, lange und ausgedehnt, ohne einen einzigen Flügelschlag, seine spiralenförmig aufwärts steigenden Kreise. Zuerst meinen wir, es sei ein Bussard, wie sie auch bei uns zu Hause über Hoarscht manchmal kreisen. Aber dieser Vogel über uns hat eine größere Spannweite und beherrscht seinen Sport noch vollkommener als unsere heimischen Bussarde; es muß ein Adler sein. Könnte man es doch dem König der Lüfte gleich tun! Dieser Traum ist so alt wie die Menschheit, noch älter wohl als Dädalos und Ikaros; wir beide aber, immer noch der Erde verhaftet, müssen wieder auf unsere Stahlrosse steigen und weiterfahren.

Bereits nach zwei Stunden Fahrt erreichen wir das Städtchen Dôle, unsern gestern ausgemachten Wendepunkt. Noch etwas auf der Höhe, am Ortseingang steigen wir ein zweites Mal ab, um das Panorama und die besonders geschützte Lage der anmutig wirkenden Stadt am Südhang der Berge zu bestaunen.

Dôle gehört zwar noch zum Departement Jura, zugleich aber auch zum nördlichen Rand einer alten Kulturlandschaft, der Franche-Comté. Im ersten Eindruck scheint dieser Ort heutzutage ein recht verträumtes Nest zu sein. Kaum Verkehr auf den teils noch holprig gepflasterten Straßen, die wenigen Leute gemächlich, als wären mit den alten Häusern auch sie aus dem Mittelalter übrig geblieben. Wir schieben die Räder neben uns her, schlendern durch die Gassen, finden am Ufer des Doubs ein idyllisches Plätzchen mit einem rauschendem Wasserfall. Obwohl auf der heutigen Halbetappe noch nicht allzu sehr gefordert, beschließen wir an diesem paradiesischen Plätzchen eine längere Rast einzulegen, um etwas zu uns zu nehmen und anschließend eine gute Weile ausgestreckt im Gras zu liegen.

Bei der Suche nach einer Epicerie und Boulangerie gelangen wir in ein äußerst belebtes Viertel: Auf dem Platz vor der spätgotischen Kirche scheinen alle Menschen der Stadt und auch der näheren Umgebung versammelt zu sein, ein buntes Treiben, ein Stimmen- und Lautgewirr wie im Orchestergraben einer Oper: Hier in diesem zentralen Ort ist heute Markttag!
Kaum mehr ein Durchkommen! Alles drängt sich auf diesem Platz dicht beisammen, die langen Reihen mit den Verkaufsständen, dahinter die Bauersleute als Verkäufer, die ihre Ware anpreisen und dazwischen die Leute, die einkaufen oder auch nur neugierig durch die Reihen flanieren. Eine ganze Sinfonie von Rufen, Lachen und Markgeschrei!
Am Ende des Platzes unter einer schattigen Platanenreihe parken die Pferde- und Kuhgespanne und einige kleinere Lastwagen, welche die Landprodukte angeliefert hatten. Wir mischen uns in das bunte Treiben, in das lärmige Getümmel. Hier halten die Bauersleute noch lebende Hühner, Enten und sogar Kaninchen feil, dort sind Käse- und Gemüsestände mit reichhaltigen Angeboten. Aber es gibt auch exotisch anmutende Stände mit Südfrüchten und allerlei Gewürzen, von denen sich eine ganze Wolke seltsamer Gerüche und Düfte ausbreitet. Bei einem solchen Frucht- und Gewürzstand muß ich anhalten: Hier werden Südfrüchte feil geboten. Es gibt dort auf einen Haufen aufgetürmt frische glänzende Datteln. Bei denen muß ich anhalten, an denen kann ich nicht vorüber gehen.

Datteln sind, seit sie bei uns über Frankreich aus den nordafrikanischen Kolonien kurz nach dem Kriege auf den Markt kamen, zu meiner Lieblingsfrucht geworden, so kräftig in der glänzend rotbraunen Farbe, so nahrhaft und so eigenartig süß im zarten, weißgrau glasigen Fleisch, das man nicht hastig zerkaut, sondern genüßlich wie ein Bonbon noch lange lutschen kann. Auch den länglichen, längs gefurchten Kern spuckt man nicht sofort aus, sondern behält ihn noch etwas länger im Mund, wie die Amis den Kaugummi.
Die junge Verkäuferin nimmt mit einer kleinen Schaufel zwei Datteln vom großen Haufen auf und reicht sie uns zur Probe.
– „Na, nimm schon ein viertel Pfund oder gar ein halbes Pfund“, sagt Rudi, „die können wir uns doch noch nebenher leisten!“
– „Meinetwegen lieber ein ganzes als ein halbes!“

Während also die junge Verkäuferin die Tüte mit den Datteln rüberreicht, da höre ich hinter mir eine kräftige Stimme, die uns auf fließend deutsch anspricht:
– „Na ihr beiden, was verschlägt euch denn in diese Gegend?“

Obwohl der uns ansprechende junge Mann typisch französische Bauernkleider trägt, erkennen wir in seinem akzentfreien Deutsch sofort einen Landsmann, der uns gleich nach der Begrüßung in das gegenüberliegende Bistro zum „Aperitif“ einlädt.
Er heißt Berthold, ist etwa zwei, drei Jahre älter als wir und arbeitet seit Frühjahr 45 hier in der Nähe auf einem Bauernhof, als Knecht, sozusagen. Er zeigt sich in heiterer Wochenendlaune, ist besonders freigiebig, hat er doch an diesem Samstagmorgen zu einem guten Preis drei Kälber verkauft.

Aus Berthod´s fast unglaublicher Lebensgeschichte geht hervor, dass er auch im Herbst 44 wie ich als Schanzer eingesetzt war, ich damals daheim auf den Fluren von Brotdorf, er ganz in der Nähe zwischen Perl und Diedenhofen. Und dann haben sie ihm zum Schluß noch eine Soldatenuniform angepasst und ihn mit sechszehn direkt an die Front geschickt, wo er schließlich in amerikanische Gefangenschaft geriet. Die Amis haben ihn wie zahlreiche andere deutsche Soldaten den Franzosen übergeben. Zuerst wurde er mit all den anderen Kriegsgefangenen in ein muffiges Lager gepfercht, und weil er noch so jung war, wurde er dann doch bald darauf in eine Großschreinerei abgestellt. Als dort eines Tages ein Bauer einen alten Küchenschrank zum Reparieren hinbrachte und den jungen kräftigen Burschen sah, da hatte er dem Chef der Schreinerei den Jungen abgeschwatzt, und Berthold wurde daraufhin, sozusagen per Handschlag zu einem Bauernhof in der Nähe von Dôle abkommandiert, wo es ihm von dem Tag an endlich besser ging. Als Berthold dann im Juni 46 seine Entlassungspapiere bekam, da sagte der Bauer zu ihm:
-„Mon cher Berthold, bist mir von Anfang an mehr als bloß ein Knecht gewesen!“

Und dann machte der alte französische Bauer dem jungen Deutschen das Angebot, doch zu bleiben, um später den Hof zu übernehmen. Sein einziger Sohn war nämlich im Krieg gefallen.
-„Ja, so spielt das Schicksal einem mit!“, sagt uns schließlich Berthold, hebt sein Glas, stößt noch einmal mit uns an und fügt ganz stolz hinzu:
– „Pfingsten habe ich mich mit der Tochter verlobt. Und wenn wir im nächsten Jahr heiraten, dann wird der Alte uns den Hof überschreiben!“

Berthold winkt den Kellner herbei, zahlt die Zeche, klopft uns kräftig auf die Schulter und drängt sich durch das Marktgewirr hindurch zu seinem Gespann. Wir schauen ihm betroffen nach wie er aus der Stadt hinaus fährt seinem künftigen Besitz entgegen.
Eine eigenartige Geschichte! Wir sind verunsichert – hatte der Krieg hat auch sein Gutes? Wir denken nicht lange darüber nach; außer den drei Aperitifs haben wir noch nichts im Magen. Uns drängt es zurück, an einen der Käse- und Milchstände, an dem die Marktfrau sich gerade anschickt, ihre Ware einzupacken.

Wir wollten eigentlich nur eine Flasche Milch und ein wenig Streichkäse, der billig ist und für eine Menge Brotschnitten ausreicht. Die freundliche Verkäuferin aber, die sich besonders auffällig meine Lederhose anschaut, meint es gut mit uns Landstreichern, reicht uns vorm Weggehen noch einen kräftigen Knuppen Hartkäse und meint:
>Il faut absolument gouter notre fromage; celui de la Franche-Comté est un des meilleurs de toute la France!<

Und wie recht sie hatte! Auf unsern zuvor ausgesuchten idyllischen Rastplatz am rauschenden Wasser mit einem schier unbändigen Hunger zurückgekehrt, erweist sich das großzügige Geschenk als der beste Käse, den wir jemals gekostet haben. Wer hätte gedacht, dass wir überall so gastfreundliche Menschen treffen würden. In der heiteren Stimmung, in der uns dieser Markttag versetzt hat, sind unsere anfänglichen Sorgen über den uns erwartenden Empfang durch die Franzosen gänzlich verflogen. Bisher sind wir nur dem Glück begegnet. Ich drehe mich vergnügt zur Seite, wende mich Rudi zu und sage:
– „ Zum Dessert ein paar Datteln gefällig!“

Der aber ist stumm, ganz in sich gekehrt und in Gedanken versunken; ich merke, Rudi macht sich aus dieser Wüstenfrucht nicht so viel wie ich. Woran aber mag er wohl denken? Ist es nicht ganz nach seine Reisesinn her in dieser herrlichen Gegend verweilt zu haben und nun vergnügt im Gras zu liegen, hinauf zu dem wolkenlosen blauen Himmel aufzuschauen! Ich genieße dies und lasse ich mir meine Datteln zart auf der Zunge vergehen.Warum bin ich eigentlich so scharf auf Datteln? An dieser Frucht hängt eine besondere Erinnerung:

Es war vor drei Jahren, Frühjahr 1946; ich hatte gerade in Saarlouis die Aufnahmeprüfung ins Staatliche Lehrerseminar bestanden und wollte mir am Alten Markt für die paar Franken in meiner Tasche aus dem gegebenen Anlaß etwas Besonderes gönnen. Um einen Markstand herum hatte sich eine regelrechte Menschentraube gebildet. Die Menschen in den hinteren Reihen reckten die dürren Hälse hoch, schauten den Vorderleuten über die Schulter und sahen, wie zwei Männer aus schmuddeligen Jutesäcken einen mir bis dahin unbekannten Inhalt, ein schmieriges, glänzendes rotbraunes Etwas ausschütteten. Nachgefragt, was das sei, erhielt ich die Antwort:
– „Das sind Reste von algerischen Datteln, von Südfrüchten aus den französischen Kolonien!“

Hätte ich vorher schon einmal das Glück gehabt, Datteln gesehen oder gar gegessen zu haben, dann hätte ich vielleicht an den typischen geformten Kernen, die durch weiß Gott was für Transportattacken aus dem Fruchtfleisch gequetscht waren und nun neben Kokoshaaren und sonstigen exotischen Abfällen mit in die braune Süßmasse verklebt waren, erkennen können, um welches Nahrungs- oder Genußmittel es sich hier, genannt „Dattelreste aus Algerien“, handeln würde.
Man musste die zerquetschten Datteln erst vom Unrat säubern, sie putzen und waschen, um sie mit Appetit genießen zu können. Aber damals war man nicht wählerisch, nicht „glott“, wie wir daheim sagen. Ich hatte mir ein halbes Pfund davon erstanden, am Marktbrunnen gewaschen und gesäubert, mit Hochgenuß gegessen. Und die Dattel gehört von dem Tag an zu meinen Lieblingsfrüchten.
Einige unter den Leuten am Saarlouiser Mark vermuteten damals, daß man die Datteln mit Absicht so zertreten, vermischt, vermatscht und durch den Schmutz gezogen hätte, ehe man sie gönnerhaft den Besiegten ohne Vorlage von Lebensmittelmarken feilbot. Doch ich vermute, dass es einfach nur der Kehricht der Verladeplätze zwischen Oran, Marseille, Paris und Saarlouis gewesen ist, mit dem man bei den Ausgehungerten auch noch ein Geschäft machen konnte.

Aber ich bin denen, die uns damals die Frucht als Abfall verkauften, eher dankbar. Und so, wie wir es heute erlebt haben, ist mit der besseren Qualität importierter Kolonialwaren auch die Beziehung zwischen Franzosen und Saarländern wesentlich besser geworden.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 9

 

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