Folge 7: Besancon

Besancon: Der Weg ist das Ziel.

zielbahnhof abendstern

hab dir mal eine reise
angeboten
eine lange reise ungebucht

und du bist ausgestiegen
mittendrin
an einem bahnhof woweißwer

ich blieb im zug
zielbahnhof abendstern
dein platz war leer

rudolf kammer, gezeiten, p 26

Am frühen Morgen steht der Schäfer vor unserm Zelt und lädt uns zum Frühstück ein. Wir akzeptieren, bestehen aber darauf, wenigstens unsere Milch mit einzubringen.

Fast gemeinsam brechen wir auf; wir weiter gen Süden, er wieder flußaufwärts zu den Brachweiden am Doubs. Nur Nurmi steht noch eine Weile unentschlossen da. Erst als wir um die erste Kurve biegen, dreht er ab und saust seinem Herrn und der Herde hinterher. Während der Weiterfahrt ist Rudi auffallend still. Obwohl die herrliche Landschaft zum Schauen, zum Staunen und zum Mitteilen animiert. Auf den ersten Kilometern wird kein einziges Wort zwischen uns gesprochen. Er ist wohl wie ich von dieser freundschaftlichen Begegnung noch sehr beeindruckt?

Doch dann spüre ich, daß meinen Freund etwas bedrückt. Erst als ich nachfrage, rückt Rudi zögerlich mit seinem Anliegen heraus:
– „Müssen wir denn partout bis zu deinem Lac Leman?“
– „Warum nun auf einmal nicht?“

Es entwickelt sich im Weiterfahren ein ernsthafter Disput, indem Rudi nicht nur meine bisherige „übereilige“ Fahrweise kritisiert, sondern auch das Ziel Genfer See in Frage stellt. Er erinnert daran, dass er anfangs nur bis zu seinem Brieffreund nach Nancy wollte und ich ihn auf diese große Tour bis hin zur Schweiz, zum großen See und seinen Alpenriesen im Hintergrund gedrängt hatte.

Fürs erste bin ich über sein Lamentieren derart bestürzt, dass ich anhalte und das Rad in den Graben werfe.
– „Jetzt schon aufgeben und unser Ziel verfehlen, da werde ich auf keinen Fall mitmachen!“

Ein Wort gibt das andere. Wir steigern uns in gegenseitige Vorwürfe und Anschuldigungen, derart in einen hitzigen Streit hinein, dass es fast zur Rauferei gekommen wäre. Wir liegen nebeneinander im Straßengraben und wissen nicht mehr weiter…
Nach einer Weile steige ich aufs Rad und rufe zu ihm zurück:
– „Kehr du doch um; dann fahre ich eben allein weiter!“

Rudi und ich. Wir sind in manchen Dingen anderer Meinung und haben stets dem andern gegenüber daraus kein Hehl gemacht; aber noch nie ist es zwischen uns zu einem ernsthaften Streit gekommen, seit wir uns kennen. Unsere Freundschaft ist nicht nur eine gewöhnliche Jungenfreundschaft und Klassenkameradschaft, unsere Freundschaft ist schon von Geburt an vorbestimmt gewesen. Das kam so:

Kurz nach ihrer Heirat bezogen meine Eltern eine kleine Wohnung in der damals schon sehr kinderreichen Blumenstraße. In dieser Straße wohnte auch die Familie Kammer, deren halbwüchsige Töchter einen Eifer darin entwickelten, mich, den gerade Neugeborenen im Kinderwagen täglich spazieren zu fahren. Und da ihre Mutter just zu dieser Zeit wieder schwanger war, drangen sie darauf, dass der ein halbes Jahr später geborene Bruder auch auf den Namen Rudolf getauft wurde.

Inzwischen bin ich nur zögerlich weiter gefahren und trete nur langsam vorwärts, schaue zurück und sehe, er ist auch wieder aufgestiegen. Wortlos fahren wir wieder nebeneinander, treffen noch vor Mittag in Besancon ein.
Keiner will einen Blick für die neuen Eindrücke haben, für die Schönheiten dieser Stadt, die sich uns rechts und links der Fahrstraße bieten. Zur vorgesehenen Stadtbesichtigung sollte es dann gar nicht kommen. Aber ein Casse-croute und ein Bier in einem Straßenbistro ist genehmigt.
Rudi hebt sein Glas und prostet mir zu.
Ich atme erleichtert auf, beginne, mich zu besinnen und mache mir Vorwürfe. Habe wohl die ganze Zeit immer nur auf die Tube gedrückt, „wie die Radrennern der Tour de France“ (Rudi), ohne zu merken, worauf´s ankommt:

Der Weg ist das Ziel!

Dabei hatte ich mich so auf unser Fernziel eingestellt, auf dieses große Binnenmeer zwischen Jura und Alpen, möchte in seinen Wellen schwimmen, an seinen Stränden in der Sonne liegen, durch Lausanne und Genf und deren Strandpromenaden flanieren und erstmal in meinem Leben über die weite Fläche des Sees hinüber zur gewaltigen Kette der Bergriesen schauen! Doch in dieser Situation sehe ich ein, dass man nichts erzwingen, dass man Gemeinsamkeit nicht übers Knie brechen kann. Aber gleich umkehren, das möchte ich nun auch wiederum nicht. Ich bin heil froh, dass Rudi auf einmal von sich aus wieder auf unser Problem zu sprechen kommt:
– „Wenn du schon nicht umkehren willst, dann laß uns doch die Route wenigsten abkürzen!“

Ich muß eingestehen, dass ich ohne es so recht zu merken, mehr auf eine Art Wettfahrt aus war, aufs Kilometermachen, auf Tour de France oder so, wie Rudi bemerkte, „das soll nicht unsere Sache sein! Und etwas länger Verweilen beim Aufsuchen der Städte und interessanten Ortschaften. Schließlich sind wir auf einer Erlebnistour!“
Also: Rudi wünscht eine geruhsamere Fahrweise, möchte auch öfters Pause machen, mehr Rast an schönen Aussichten, mehr Muße.
Und ein ganzer Ruhetag wäre schon längst fällig. Am Ende sind wir uns einig: Ab sofort wird gemächlicher gefahren, der ursprüngliche Routenplan geändert: Die Fahrt soll noch etwas weiter nach Süden, aber nur noch bis Dôle fortgesetzt werden. Von dort aus wird zwar nicht umgekehrt; vielmehr werden wir nach Westen abdrehen, auf Dijon zu, um über Paris nach Nancy und von dort nach Hause zu fahren. Rudi meint noch hinterher:
– „Wasser und Sonne, die haben wir auch im Merziger Schwimmbad, und die vorgesehenen acht Tage vom Strand des Genfer Sees, die können wir doch gut auf die Besichtigung so schöner Städte wie Dijon, Paris und Nancy verteilen!“

Innerlich stimme ich ihm zwar nicht zu, sage aber nichts darauf, bin doch froh, dass ihn der Mut wieder gepackt hat. Eigentlich könnten wir für den Rest des Tages hier verweilen; aber ich spüre, dass es wichtig ist, wieder aufs Rad zu steigen, und wenn es nur für ein paar Kilometer von hier weg ist.
Südlich der Stadt hätten wir nach unserer erst ausgemachten Route das Doubstal verlassen und auf Lons-Le-Saunier zufahren müssen; aber es ist ja Dijon als Nächstes abgemacht. Also bleiben wir weiter am Flusslauf in Richtung Dôle. Da es immer noch talabwärts geht und wir das Tempo seit Besancon gedrosselt haben, kann ich mich den Gedanken hingeben, die sich nach unserer Auseinandersetzung unwillkürlich aufgedrängt haben:

Auf der Penne in Merzig bekamen wir im Frühjahr 1942 einen Neuen. Er fiel schon auf durch seine äußere Gestalt auf, hatte ebenfalls pechschwarzes Haar, war aber größer und kräftiger als ich. Ich kannte ihn schon vom Sehen, denn seine Leute waren kurz zuvor in Brotdorf in der Blumenstraße direkt neben meiner Tante Anna eingezogen, nachdem sein Vater vorher Zollbeamter irgendwo an der deutsch-französischen Grenze gewesen ist. Genauer gesagt: Sie sind dort wieder eingezogen, denn die Kammers hatten, wie schon erwähnt, bereits zu meiner Geburt ein paar Jahre in der Blumenstraße gewohnt.
In der Erscheinung des Neuen war etwas Ungewisses, eine Art frühreifer Stolz, eine Art geistiger Überlegenheit. Aber, Rudi Kammer kam für uns, die Gruppe der Schüler vom Land wie gerufen. Obwohl er durchaus städtisches Gebaren zeigte, schlug er sich auf unsere Seite, denn er war klug und suchte Freundschaft, auch für die freie Zeit nach der Schule, und das war nicht in der Stadt, sondern bei uns im Dorf. Und diese Freundschaft entwickelte sich dann hauptsächlich zwischen uns beiden.
Am Ende des so entscheidenden Tages: Viel weiter sind wir nicht mehr gekommen. Es ist noch einmal heiß geworden; die Sommerwärme hält in einer trägen, schwül gewordenen Luft noch lange an. So suchen wir für diese Nacht keinen Hof mehr auf zur Unterkunft, kein Dach; wollen nicht einmal unser Zelt aufschlagen, sondern breiten die Plane nur unter uns als Lagerlaken aus.

Lässig, lang ausgestreckt liegen wir stumm nebeneinander, kaum zugedeckt, nur das leuchtende Firmament über uns. Kaum ein Wort; spüren, wie mit der Stille auch unsere Eintracht schweigend wieder zurückkehrt.

stummes lied

du hälst zu dem
der zu dir hält
der stumm dir
zu verstehen gibt
dass er dich mag
durch gesten
blicke ungesagte
die du entzifferst
in der art wie er
ein kissen glättet
das du zerwühlt
im schlaf

rudolf kammer, gezeiten, p 54

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