Folge 6: Burgundische Pforte

Durch die Burgundische Pforte in das Tal des Doubs

das licht der frühe

das licht der frühe
weiß nichts
von der dunkelheit
aus der es kommt
in die es geht
und lächelt doch
all-wissend

Rudolf Kammer, gezeiten

Sie ist erstaunlich kalt diese Nacht, sodaß wir sie zur Hälfte im ungewohnten Zelt schlaflos verbringen. Habe noch im Liegen lange geschrieben.

Und doch sind wir schon sehr früh auf und wieder unterwegs. Die Laune ist nicht die beste; zu wenig Schlaf, und zudem, trotz des halbe Ruhetags von Colmar schmerzen auch die Hinterbacken. Keiner von uns beiden hat Lust, darüber zu sprechen. Auch über die heutige Etappe und ihr gestecktes Ziel verlieren wir ein Wort.
Es weht ein kühler Wind von den Vogesen herab, eine Art Fallwind, den wir rechts von der Seite mitbekommen. Aber schon nach den ersten Kilometern sind die Muskeln wieder warm. Ein Wegweiser zeigt eine Straßengabelung an: Auf dem Schild, das nach links weist, steht >Mulhouse, 19 km<.
– „Wollen wir nicht noch einen Abstecher nach Mühlhausen machen?“, fragt Rudi.

Mir will der Name nichts Besonderes besagen, und meine Zielvorstellung für heute lautet mindestens Belfort, das wir eigentlich gestern schon erreichen wollten.. Ich meine, dass noch der Städte vor uns so viele seien, trete feste in die Pedale und fahre, ohne Rudis Meinung abzuwarten, einfach geradeaus weiter.
Je mehr wir uns der Burgundischen Pforte nähern, desto weiter tritt der Abhang der Vogesen nach Westen zurück. Der Rheingraben wechselt in ein welliges Hügelland und damit haben wir auch das zweisprachige Gebiet des Elsaß verlassen. Und dann verengt sich auf einmal das Gelände wieder und steigt stetig aufwärts an: Wir passieren die Burgundische Pforte.
Rudi, der seit dem Halt an dem Wegweiser kein Wort mehr gesprochenen hat, meint:
_ „Nomen est omen!“
– „Was willst du damit sagen?“
– „Ja, was denkst du, wie viel Menschen, wie viele Volksstämme, wie viele Armeen im Laufe der Jahrhunderte diese Senke zwischen den Vogesen und dem Jura genutzt haben, um nach Süden, nach dem Kernland von Gallien und dann noch weiter nach dem sonnigen Süden vorzudringen!“
– „Die ersten waren also die Burgunder, die – wie die Nibelungensage meint- aus dem Dreikönigsland am Rhein von den Hunnen nach Süden vertrieben wurden, daher der Name?“
– „Vorher waren schon die Römer hier; vielleicht ist Cäsar durch diese Pforte in den Norden Galliens eingefallen!“
Das Gelände steigt weiter an, wir brauchen jetzt unsern Atem und unterbrechen die Geschichtslektion. Durch den frühen Aufbruch erreichen wir bereits gegen Mittag die Vororte der Feste Belfort.
Am Eingang der Stadt, in einem alten Hause, in dem die Mutter mit uns deutsch, der Sohn französisch, beide aber untereinander polnisch sprechen, überlässt man uns freundlich die Küche; zum ersten Mal auf dieser Fahrt kochen wir unser eigenes Mittagessen:
Kartoffelpüré mit Spiegeleiern.
`Wir´ ist nicht ganz exakt, denn das Kochen ist meine Aufgabe; Rudi, unser Klassenprimus, ist mehr für das Organisatorische und Kulturelle zuständig. Ich aber habe im Krieg, als Mutter im Reservelazarett ihren Dienst verrichtete, eine zeitlang bei der Berger-Oma gewohnt und mir dabei ein wenig von ihrer Kochkunst abgelugst.
-„Hast du aber gut hingekriegt; schmeckt köstlich, dein Menue, besonders die braune Kruste.“
-„Nur, zwischen den Kartoffeln und dem Spiegelei da fehlte noch eine Lage Froschschenkel, dann wär´s beinah wie dahaam.“

Logo FröscheIm Frühjahr Fröschefangen, das war in Brotdorf eine überkommene Sitte. Der Ort war deswegen in der ganzen Umgebung verschrien und wurde mit „Quakebach“ als Ortsnamen beschimpft. Zum Trotz haben jetzt die Brotdorfer den Frosch in ihr Ortslogo aufgenommen.
In den Jahren 1942 bis 44, als es Fleisch nur auf Lebensmittelkarten gab, war ich fleißig auch dabei, beim Freeschfänken in den Wiesengräben des Seffersbachtales: mit dem Haupenthal zwischen der Abels Mühle und dem Baachemer Schetzel, mit dem Kertels Louis zwischen der Brecker Baach und der Klenker Mill, und dann während der zweiten Evakuierung in Offenhausen, Frühjahr 45, mit dem Kewerkopp Horst.

Am frühen Nachmittag besichtigen wir die Festungsanlagen, die Kirche und einen Ausschnitt der übrigen Stadt, kein Vergleich zu Colmar oder gar zu Straßburg! Belfort, wie es der Name schon sagt, das Dominante dieser Stadt sind ihre Forts.
Hoch über der Stadt auf einem steilen Hügel herrscht la Forteresse, mit hohen Mauern umringt und mächtig vorgelagerten Kasematten. Schon imposant; es fragt sich aber, ob diese Art martialischer Architektur auch so überzeugend schön ist, der ganzen Stadt den namen zu geben? Schön ihr Anblick vielleicht in den Augen derer, die sie erbaut hatten, um die Burgundische Pforte vor den Einfällen aus dem Norden zu schützen! Schön vielleicht auch für diejenigen, welche die Macht und das Mächtige bewundern!
Unser Weg allerdings führt sobald wieder weiter, fort in Richtung Besancon. Wir gelangen an den Oberlauf des Doubs, dessen Quelle einem riesigen Karsttopf entspringt. Ab hier wechselt der Landschaftscharakter gänzlich. Nach jeder Windung des jungen, leicht abfallenden Flußlaufes ragen die Felskanten an den Steilstufen des Jura immer höher hinauf. Mit jedem Kilometer weiter abwärts wird das Tal immer schluchtiger.
Quälte uns am Anfang der Tour der naßkalte Regen und am heutigen frühen Morgen noch die Kühle des Bergwindes, so ist es an diesem Nachmittag die drückende Hitze, die uns sogar nötigt, den Oberkörper zu entblößen. Ist das schon der Einfluß eines südlicheren Klimas?
Wie schön doch dieses Doubstal ist, wie saftig das Grün seiner Talauen, auf denen größere Herden kräftiger Kühe mit mächtigen Eutern weiden. Wie schön anzusehen und zugleich einladend erst recht das klare, fast olivgrüne Kalkwasser dieses nunmehr schon träge dahin fließenden Flusses. Hier erscheint er uns etwas kleiner als die Mosel, aber doch schon größer als die Saar. Am Ausgang eines Dorfes, dort, wo ein künstliches Wehr das Wasser aufstaut und bremst, tummeln sich die Dorfkinder darin. Wir halten an und stürzen uns auch in die kühlen Fluten.
Das ausgiebige Bad im klaren Wasser und inmitten jauchzender und planschender Kinder hat uns gut getan. Wie wir uns wieder ankleiden und zu den Rädern gehen, werden wir von einer ganzen Schar dieser kleinen Franzosenkinder umringt. Neugierig betrachten sie unsere Ausrüstung, fassen und fühlen die Wimpel mit dem Merziger Stadtwappen an unsern Rädern an und vor allem meine Lederhose.
Alle reden laut und fragen durcheinander. Sie wollen wissen, wo wir herkommen und wo wir hin fahren, und wo es solche Hosen gibt. Ein Mädchen mit dunklen Augen und pechschwarzen Haaren kommt auf uns zu und reicht jedem einen Apfel.
Rudi würde am liebsten hier bleiben, hier für die Nacht unser Zelt aufschlagen. Wir hätten heute mit unsern schmerzenden Arschbacken und den harten Waden mal wieder genug Strecke gemacht. Auch mir fällt der Aufbruch schwer; aber es ist noch früh am Nachmittag. – „Schau mal, – sag ich zu Rudi, „wir sind jetzt doch wieder erfrischt und die Sonne ist nicht mehr so heiß. Jetzt laß uns doch noch ein Stück weiter fahren!“
– „ D´accord, ein kleine Strecke noch!“

Gegen Abend verengt sich wieder das Tal; die hell leuchtenden, fast marmorfarbenen Jurafelsen treten noch steiler und dichter an das Flußbett heran. Jede Mäanderschleife, in die wir hineinfahren, erinnert mit ihrem mächtigen Prall- und sanfteren Gleithang an unsere Saarschleife. Dort hat sich das Wasser auf ähnliche Weise im Laufe von Jahrmillionen in die Gesteinsmassen eingeschnitten, während sich das harte Quarzitgebirge gleichzeitig anhob.
Eine wunderschöne, von jeglicher Industrie gänzlich unberührte Gegend; Clerval ein kleines schmuckes Städtchen verdient erwähnt zu werden. Etwas südlicher finden wir in der Nähe eines idyllisch gelegenen Dorfes direkt am Flußufer unsern Rastplatz für die Nacht in einem Wiesengrund.
Neugierige kommen vorbei und zeigen sich wie die Kinder äußerst interessiert, sowohl an unserer Ausrüstung als auch an unseren Zielen. Auf einmal, als wir gerade dabei sind, das Zelt aufzuschlagen, kommt ein mittelgroßer Hund, eine Art Schäferhund, direkt auf uns zugelaufen. Er macht keinen bedrohlichen Eindruck, nähert sich uns jedoch ziemlich entschieden, kommt dicht heran, bleibt auf ein paar Meter Distanz vor unserm Lager stehen und schnuppert uns an, so als wollte er fragen:
– „Was habt ihr denn hier zu suchen?“

Bei unserer Ankunft und dem ersten Rundblick über die unmittelbare Umgebung unseres Lagerplatzes hatten wir zunächst nicht bemerkt, dass da ganz in der Nähe eine größere Wiesenfläche umzäumt ist. Jetzt sehen wir, dass innerhalb der Umzäunung die Grasfläche ziemlich abgegrast ist und überall schwarze Kothäufelchen umherliegen. Wir erahnen, dass es sich um ein Pferch für Schafe handelt. Just in diesem Augenblick werden wir auch schon Augenzeuge eines äußerst friedlich, ländlichen Geschehens: Es nähert sich in aller Gemächlichkeit und mit einem anheimelndem Glockengeläut eine riesige Schafherde.
Unser Hund ist inzwischen zu der Herde zurückgeeilt und hat wie noch zwei weitere Genossen seiner Rasse wieder mit sichtlichem Eifer seine Aufgabe als Treiber übernommen.

Wir sind von dieser redseligen Ankunft der bimmelnden Geschöpfe sehr beeindruckt. In dieser landschaftlichen Idylle klingt ihr sinfonisches Geläute, als wollten sie in den hereinbrechenden Abend den Angelus verkünden. Wir unterbrechen unsere Vorbereitungen für die Nacht, gehen auch herüber und schauen zu, wie sich die Schafe, eines nach dem andern, geduldig und ohne größeres Gedränge durch das Tor zur Nachtruhe in den Pferch treiben lassen. Und mit stoischer Gelassenheit steht da der Schäfer auf seinen Hirtenstab gestützt und schaut mit erhabener Selbstsicherheit dem allabendlichen Treiben seiner Tiere zu.
Ein stattlicher Mann, der Hirte, knapp um die Vierzig, breitschultrig, langhaarig, mit einem kantig geschnittenen Gesicht, das Profil eines Falken, aus dem zwei dunkle, freundlich anmutende Augen aufleuchten. Er schaut nur mit einem kurzen Lächeln zu uns herüber. Wie alle Schafe unter sind, pfeift er seine Hunde zusammen und begibt sich mit ihnen an den kleinen Hirtenwohnwagen, den wir anfangs ebenfalls nicht bemerkt hatten. Vor dieser fahrbaren Hütte bekommen nun die Hunde ihr Fressen, bevor der Schäfer in der Hütte verschwindet.

Wir sind inzwischen zurückgekehrt, um unsern Zeltaufbau zu beenden und das Abendessen vorzubereiten. Zuvor hatten wir im Dorf Milch für den Reisbrei und ein knuspriges Brot, für das morgige Frühstück gekauft. Als ich mich entfernen will, um am Ufer des Flusses trockenes Treibholz zu suchen, meint Rudi:
– „Willst du wirklich noch Holz suchen gehen, um Feuer zu machen, wollen wir nicht auf den Reis verzichten, die Milch einfach kalt trinken und unser frisches Baguette dazu essen und morgen früh ein neues kaufen?“

Ich wollte gar nicht auf ihn hören und mich weiter auf die Suche machen, da entdecke ich kräftigen Rauch aus der Schäferhütte aufsteigen. Und sogleich kommt mir der Gedanke, beim Schäfer anzuklopfen und zu fragen, ob wir unsern Brei auf seiner Flamme kochen könnten. Der Schafhirte aber will nichts von meinem Vorschlag wissen; vielmehr fordert er uns freundlich auf, heute Abend sein Gast zu sein.
Eine knappe halbe Stunde später sitzen wir bei ihm draußen vor der Hütte und löffeln zunächst eine kräftige Gemüsessuppe, eine richtige potage, zu der er jedem einen handfesten Keil von seinem großen runden Bauernbrot herunter geschnitten hat.

>Pain de Campagne<, meint er, >goûtez-bien, c´est vraiment bon!<

Anschließend holt er einen Rotwein hervor, Landwein in einer Zweiliterflasche. Und dazu gibt’s saftige, mit Landbutter bestrichene Schinkenbrote.
Während die Tiere sich schon zur Ruhe begeben haben, kommen wir bei dem guten Tropfen schnell ins Plaudern, über das Hirtendasein und über uns, über Gott und die Welt in Frankreich und anderswo. Die Dämmerung hat längst eingesetzt, und es ist still um uns herum geworden. Nur ab und zu hört man inmitten der Schafe, die sich alle dicht nebeneinander zur Ruhe gelegt haben, ein kurzes Glockengebimmel. Dann reckt unser Oberwachhund, – der Schäfer hat ihn `Nurmi´ genannt, wegen seiner Ausdauer – kurz seinen Kopf in die Höhe und schaut zur Herde herüber, um ihn dann sogleich wieder entspannt auf dem Boden zur Seite zu legen.

Sein Herr fragt nach, wie wir den Krieg erlebt, ob wir in der Hitlerjugen gewesen wären, ob wir uns jetzt freier fühlten und ob es den Leuten an der Saar wieder besser ginge.
Er selbst habe den Krieg, wie er sagt, >à ma propre manière<, auf seine Weise mitgemacht,         – >J´étais membre de la résistance!<
Er war also in der französischen Widerstandbewegung aktiv gewesen, zunächst weiter südöstlich von hier im Hochland des Vercors, später in Hochsavoyen, oberhalb von Annecy, wo seine Einheit dann von den Deutschen aufgestöbert wurde und er einen Schuß in den linken Fuß bekam. Er konnte aber noch von den flüchtenden Kameraden mitgenommen werden. Sie haben ihn dann über den Jura zur Schweiz herüber geschafft, wo er bei einem Landwirt unterkam und wo er, als der Fuß einigermaßen genesen war, die Schafe hütete, was dann nach 45 zu seinem Beruf hier in seiner alten Heimat am Doubs geworden ist.
->Santé, mes amis!<

Er ermuntert uns, erneut anzustoßen und fragt wieder nach, wie es uns denn im Krieg ergangen sei. Wir erzählen von der zweimaligen Evakuierung und davon, dass wir vier Jahre lange im Jungvolk der Hitlerjugend gewesen sind. Zunächst reagiert er darauf mit einem längeren Schweigen. Dann aber hebt er noch einmal sein Glas, legt mir mit dem freien Arm die Hand auf die Schulter und meint, wir wären ja noch Kinder gewesen; hätten ja noch nicht wissen können…
Inzwischen ist die gesprächige Nacht fortgeschritten und der Kopf schwer geworden. Es gibt einen kurzen, aber herzhaften Abschied und ein Dankeschön für die unerwartete Gastfreundschaft. Wir gehen noch einmal ein Stück den Doubs entlang, bevor wir das Zelt hinter uns zuknöpfen.
Des Schäfers Hund, der Nurmi, der noch einmal wachsam geworden war, als wir aufstanden und uns von seinem Herrn verabschiedeten, hat uns auf dem kleinen Spaziergang und wieder zurück ans Zelt begleitet. Nachdem er von uns beiden noch einen zarten Streichler bekommen hatte, ist er wieder gemächlich zur schlafenden Herde zurückgetrottet.

Welch erfüllter Tag! Welch gelungener Abend, was für ein prächtiger Kerl, der friedliche Hirte, der nur kämpfen musste, weil man ihm die Freiheit raubte!

Während wir die Abende davor, wenn wir uns zur Ruhe legten, immer noch ein wenig miteinander plauderten, den Tag noch einmal gedanklich abwickelten, habe ich jetzt dazu keinen Atem mehr; auch Rudi bleibt diesmal stumm: er bekommt nicht einmal mehr als ein knappes „Gute Nacht!“ heraus.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 7

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