Folge 5: Colmar

10.Aug 4Colmar, ein Kunstgenuß in Stadt und Münster

Am nächsten Morgen lacht wieder der Himmel; es ist Mittwoch, der 4. August und unser Tagesziel die Burgundische Pforte mit der Feste Belfort.
Die Sonne steht noch tief, knapp über der Kammlinie des Schwarzwaldes und strahlt uns freundlich an von einem wolkenlosen Himmel.
Auf Straßburgs Ausfallstraßen herrscht bereits reger Verkehr. Überhaupt erscheint hier im Rheintal auf dieser bedeutenden Nord-Süd-Achse der Autoverkehr wesentlich dichter als auf unsern saarländischen Straßen. Anfangs störte es uns, wenn wir von den großen Lastwagen überholt wurden; doch jetzt haben wir uns schon daran gewöhnt. Im Vergleich zum ständigen Auf und Ab im buckligen Lothringen geht es auf dieser flachen und gut ausgebauten Nationalstraße schnell vorwärts, schnurstracks nach Süden.

Kein Gegenwind, auch keine Regenschauer, et le moral est bon!

Wir kommen also flott voran, hier am Fußsaum des elsässischen Reblandes. Wir durchqueren schmucke Dörfer, umfahren die kuppigen Weinhügel, halb versteckt zwischen den voll im Laub und gutem Fruchtstand befindlichen Rebsstöcken. Gen Westen wird das Weinland ziemlich scharf abgegrenzt vom bewaldeten Saum der Vogesen, die hier sogleich schroff ansteigen. Von manch hoher und steiler Bergkuppe grüßt eine stolze Burg aus alten Zeiten herunter. Ihre Namen wissen wir nicht; bei unsern Vorbereitungen auf die Fahrt war dies Kapitel ausgeblieben.
Alles ist relativ, selbst die Geographie: Den Franzosen nach befinden wir uns im `Departement Bas Rhin“, also schon am Unterrhein; der deutschen Geographie nach sind wir im südlichen Teil des Oberrheins.
Unterwegs treffen wir zwei weitere Radtouristen, Franzosen, dem Akzent nach Lothringer. Sie kommen von Hagenau herüber und wollen auch zum Genfer See. Wahrscheinlich werden wir uns in den folgenden Tagen noch häufiger begegnen.
Obernai wird passiert und dann auch Selestat, zu deutsch Schlettstatt, beide schön gelegen, gut gebaut. In Schlettstatt rasten wir und schauen uns um: Alte ehrwürdige Bauten, viele stolze Häuser, deren Erbauung meist bis ins hohe Mittelalter zurückgeht. Stattlich auch die Kirchen, die eine, einer Kathedrale gleichend, leuchtet wie das Straßburger Münster ebenfalls im roten Sandstein. Eine weitere Sehenswürdigkeit erinnert an Saarlouis, die gut erhaltenen Befestigungsanlagen, sicherlich auch von Vauban erbaut!

Dann geht´s auf Colmar zu. Ein Wegweiser zeigt nach rechts in die Weinhügel hinein nach Ribeauvillé, den Weinort, von dem die Flasche Gewürztraminer, demi-sec, herkam, die wir uns an Sylvester in der Germania geleistet hatten. Ribeauvillé, ist sicher auch ein schöner Ort; aber wir wollen ja heute noch bis Belfort. Radeln munter weiter, plaudern dabei und sind guter Laune, führen ein Vorgespräch über Colmar. Rudi, der Kunstbeflissene, plädiert auf einen längeren Besuch und setzt sich durch. Demnach wird doch nicht Belfort, sondern Colmar unser heutiges Etappenziel sein.
– Du bekämst es fertig und würdest am Isenheimer Altar vorbeifahren, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen!
Habe wohl davon gehört, doch sage nichts mehr darauf; mich drängt es halt mehr nach dem Süden, zur Sonne, zum Wasser des großen Sees. Aber sicherlich hat der Vernünftigere unter uns ja Recht: Verweilen tut gut, und Kultur muß auch sein. Sind jetzt schon vier Tage im Sattel, und unser Sitzfleisch kann eine erholende Entlastung gebrauchen.

Noch recht frisch erreichen wir die Stadt schon am frühen Nachmittag. Bei der vergeblichen Suche nach der Jugendherberge lernen wir einen älteren Abbé kennen, in dessen Haus wir die Räder abstellen dürfen.
Während wir durch die Gassen zur Mitte schlendern wird Rudi recht aufgemuntert:
– Naa, spürst du´s nicht auch, wie´s gut tut dem Körper, den Füßen und auch deinem Hintern!
– Hast recht, ich spür´s vor allem im Schritt, trotz unseres Trainings zu Hause, so lange im Sattel sein, ist doch ´was anderes.
Lässig schlendern wir weiter und nehmen die anmutige Altstadt in uns auf; finden das Münster und besuchen auch das Museum, bestaunen über allem zwei einmalige Kunstwerke: das Gemälde „Maria im Rosengarten“ von Gronauer und den noch berühmteren Isenheimer Altar, das Triptichon des Mathias Grünewald.

Rudi findet dieses dreiteilige Altargemälde so beeindruckend, dass er mich überredet, von unserm knappen Geld aus der gemeinsamen Kasse ein paar Franken locker zu machen, uns ein Büchlein mit farbigen Abbildungen bester Qualität über den Colmarer Kunstschatz zu genehmigen.
Und ein elsässer Bier auf dem Vorplatz ist auch noch drin. Während ich die Ansichtskarte mit dem Grünewalder Triptichon an die Eltern schreibe, das Gemälde in dem gut gelungenen Abdruck noch einmal bewundere, kommt mir in den Sinn:
Ob die Soldaten der deutschen Wehrmacht, als sie vor zehn Jahren in diese Stadt eingefallen sind, mit dem ebenso erhabenen Gefühl der Ehrfurcht und des Staunens vor solch vollendetem Menschenwerk gestanden sind wie wir? Müßte angesichts solch einmaliger Eindrücke nicht der Beweggrund fürs Töten und Zerstören ganz abhanden kommen?

Weg vom schönen Anblick und den düsteren Gedanken, hinaus aus der Stadt! Die Sonne ist längst hinter Colmars alten Dächern und den Vogesenkämmen verschwunden. Die Jugendherberge, wir haben sie nicht mehr weiter gesucht. Etwa 16 Kilometer südlich, in der Nähe von Rouffach, schlagen wir an einem von Bäumen bewachsenen Bache zum ersten Mal unser Zelt auf.

Diese niedrige Zeltplane aus der Deutschen Wehrmacht einstigem Bestand, ich hatte sie nach der Rückkehr aus der Evakuierung 45 in einem Westwallbunker gefunden, ein kleines Dreieckszelt noch komplett erhalten, aber ganz verdreckt und von Schutt halb verdeckt. Jetzt aber ist es gereinigt und wieder gut in Schuß. Wie auch die Gummidichtung fürs Fahrrad, wenigstens etwas aus dem Kriege, das heute noch nützlich sein kann. Doch bis wir an diesem Abend endlich hineinkriechen können, vergeht eine Weile; denn wir haben noch wenig Erfahrung, und zu Hause fanden wir es nicht für nötig, das Zeltbauen zu proben.

Obwohl hundsmüde, will ich noch keinen Schlaf finden. Rudi ist auch unruhig, dreht sich ein paar mal von einer nach der andern Seite. Die Wege und die Eindrücke, die einen sind heute so weit und die andern so tief gewesen. Rudi kramt in seinen Sachen rum, knipst die Taschenlampe an, holt das neue Büchlein hervor und liest.
-„Wenn du schon Licht machst und liest, dann will ich auch ´was davon haben, und lies mir laut vor!“
-„Wenn du so artig bittest: Die Stadt heißt auf elsässisch Colmer, kommt vom Lateinischen Columbarium, heißt also Taubenhaus. Ach, der Schongauer ist hier geboren.“
-„Das ist der mit den Rosen auf dem Madonnenbild!“
-„Exakt! Aber etwas haben wir garnicht bemerkt: Die Holzschnitzereien, die wunderschönen Heiligenfiguren auf der Hinterseite des Isenheimer Altars, die sind gar nicht von Mathias Grünewald, sondern von einem Niclas von Hagenau.“
-„Mich hätte es auch gewundert, ein so begnadeter Maler auch noch ein gleich genialer Bildhauer!“
-„Hier steht, dieser Niclas von Hagenau, der hat auch den Grünewald aus der Gegend von Würzburg hier herüber geholt, um die Vorderseite zu malen.“
-„Was gibt´s noch über Colmar selbst; haben wir etwas auf unserm Rundgang übersehen?“
-„Die Altstadt muß wunderschön gewesen sein; Anfang 45 haben die Deutschen sich mit den Aliierten hier noch eine heftige Schlacht geliefert. Eigentlich beginnt Colmars neuere Geschichte schon mit dem Sonnenkönig. Auch der 14. Louis hatte das Elsaß besetzt und die Stadt für sein Frankreich erobert.“
-„Und zur gleichen Zeit hatte er bei uns Wallerfangen geschleift und dafür gegenüber sein Saarlouis gebaut.“
-„Nach der Niederlage im Krieg 1870/71 mußten die Franzosen dann Lothringen und das Elsaß wieder abtreten, und Colmar wurde wieder deutsch, und nach dem I. Weltkrieg wieder französisch, 1945 wieder deutsch, und jetzt ist es halt wieder französisch.“
-„Eine recht wechselvolle Geschichte, so wie unsere.“
-„Nur mit dem Unterschied: Elsaß-Lothringen wird wohl definitiv bei Frankreich bleiben. Was mit uns passiert, ist noch offen.“
-„Jetzt sind wir mal gerade ein Jahr ein sogenannt eigenes Staatsgebilde, mit eigener Flagge, aber mit den Farben der Tricolore. Und die weht stark nach Westen.“
-„Der Dicke, mit der absoluten Mehrheit seiner CVP und dem MRS im Rücken, der wird es schon schaffen, uns ganz rüber zu holen.“
-„Und wenn schon; aber sollen wir uns hier und in dieser späten Stunde den Kopf der Politiker zerbrechen; ich dreh mich jetzt rum und sag: Gut Nacht!“

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