Folge 4: Straßburg und ein Hauch von Freiheit

Straßburg und ein Hauch von Freiheit

leben

seiltanz
über dem noch nicht
und dem nicht mehr

balanceakt
auf einem augenblick
im angesicht des nichts

geborgter traum
auf einem seil
im sog der tiefe

Rudolf Kammer, gezeiten, p

Dienstag, 2. August, nach erster Nacht im Rheingraben Richtung Straßburg

Zu unserm ersten französischen Frühstück sind zwar unsere Kleider wieder trocken, aber die Knochen und Muskel schmerzen. Mein erster Schlaf auf französischem Boden war fest und tief; Rudi dagegen meint, er habe kaum ein Auge zumachen können:
– „Dunkle Träume mit Blitz und Donner über einen verhängnisvollen Ausgang unserer Fahrt haben mich derart geplagt.“
– „Gott sei dank ist die Strecke für heute nicht so lang, das Gelände ziemlich flach, das werden wir heute spielend schaffen!“
Doch die Wetteraussichten sind noch nicht rosiger geworden, der Morgen recht kühl, der Himmel bedeckt, die Wolken niedrig. Trotzdem brechen wir nach gemeinsamem Frühstück mit unsern wortkargen, aber freundlichen Gastgebern rechtzeitig auf.
Und schon gleich hinter dem Ort erwischt uns die erste Schauer. Aber der Regen ist nicht so kalt wie gestern, hält auch nur kurz an. Wir wollen hart sein; durchfahren das hügelige Vorland des Rheingrabens und drehen dabei immer mehr in südliche Richtung. Es ist noch nicht die bekannte elsässische Weingegend; die üppigen Felder dokumentieren vielmehr eine reiche agrarische Mischkultur. Der Boden muß ziemlich ertragreich sein, mit der Sonne zusammen viel fruchtbarer als unser karger sandiger Ackerboden daheim.
Vor uns auf einem Hügel ragen eigenartige Aufbauten gen Himmel, aufgestellt auf einem riesigen Feldstück. Ich erkenne sogleich die hohen Masten als Hopfensstangen. Sie sind hier genau so hoch und auf die gleiche Weise angebracht wie die von Offenhausen in Mittelfranken, wo uns die zweite Evakuierung November 44 hin verschlagen hatte. Das ganze hohe Gestänge jetzt schon bis oben hin mit dunkelgrünem Hopfenlaub bewachsen. Aber erst im Herbst oder Winter wird, wie November 44 in Offenhausen, die Ernte und das gesellige Hopfenzupfen einsetzen.
Mit jedem Kilometer, mit dem wir dem ehrwürdigen Straßburg, nähern, bessert sich das Wetter zusehends. Der Regen hat längst aufgehört, die Sonne bricht durch, und wir kommen in dieser nur leicht gewellten Landschaft sehr zügig voran. Doch da fällt uns auf einmal auf, dass uns schon eine ganze Weile keine Kraftfahrzeuge mehr überholen oder entgegenkommen. Wir waren bei unserer flotten Fahrt und guten Stimmung derart in unser Gespräch vertieft, dass wir jetzt erst merken, wie wir etwa dreißig Kilometer vor der Stadt auf eine Nebenstraße abgeraten sind.
– „Mensch, Rudi, wir haben uns verfahren!“
– „Aber die Himmelsrichtung stimmt noch, vielleicht ist´s nur ein kleiner Umweg!“
In einem kleinen Bauerndorf ohne Ortsschild am Eingang fragen wir einen jungen, etwa gleichaltrigen Elsässer auf deutsch nach dem Wege. Er sitzt ganz lässig auf der Haustreppe und rührt sich zunächst nicht. Auf unsere erneute Anfrage hin, erhebt er sich träge, dreht sich lässig zum Türrahmen hin und ruft auf französisch seine Mutter heraus, die uns dann auf gutem Deutsch mit kräftigem alemannischem Akzent den Weg nach Straßburg erklärt.
Wir danken und, wieder >en route<, schauen wir uns fragend an:
– „Die Elsässer sind wie die Nordlothringer doch zweisprachig! Hat der Junge uns wirklich nicht verstanden, oder wollte er sich nicht mit uns Deutschen abgeben?“
– >Honni soit qui mal y pense!<…

Die Fahrtrichtung dreht immer mehr auf Süden: wir fahren jetzt sozusagen im Rechten Winkel zum Kamm der Vogesen und des Schwarzwaldes durch das liebliche Hügelland.
Schon recht früh erreichen wir Straßburg. Beim Einfahren in diese große, geschäftige Stadt haben wir noch kein Auge für Sehenswürdigkeiten; unsere Aufmerksamkeit gilt nur einer Adresse: >Auberge de la Jeunesse<.

Gar nicht so leicht, die Jugendherberge zu finden, liegt etwas außerhalb. Wir schauen am Ende eines größeren, baumbestandenen Vorhofes auf ein älteres, zweistöckiges Gebäude: Außen fehlt an den Wänden und Fensterrahmen ewas Farbe; das Ganze erscheint aber insgesamt noch gut erhalten.
Uns empfängt ein bunter Betrieb wie auf dem Saarbrücker Bahnhof, ein Raus und Rein, ein Hin und Her, ein Getümmel und Gesumme wie in einem Bienenhaus.
Der Herbergsvater spricht elsässer-deutsch, ist sehr knapp in seinen Anweisungen, aber freundlich und gelassen. Wir erhalten unser Nachtlager zugewiesen, machen uns frisch, essen etwas und haben es eilig, zu Fuß zurück in die Stadt zu drängen. Wir haben den ganzen Nachmittag und den Abend, Zeit genug und doch zu wenig, um in gebührender Muße die geschichtsträchtige und wunderschöne Hauptstadt des Elsaß mit ihren ehrwürdig alten, im typisch alemannischen Stil erbauten öffentlichen Bauten und Bürgerhäusern aufzusuchen. Aber für das berühmte Straßburger Münster, da wollen wir uns wirklich Zeit lassen.

Wir stehen vor eine in den Himmel ragenden wundervoll relieffierten Fassade, voller Staunen und Bewunderung vor derartiger Baukunst und Bildhauerei. Senkrecht hinauf und doch in mehreren Zwischenetagen gestaffelt, so zahlreiche Steinfiguren, alle zwischen tausend Türmchen auf feinst gemeißelten kleinen Säulen. Alles noch unversehrt, wie kurz nach dem Richtfest; einige kleinere Lücken; doch insgesamt unversehrt durch alle überstandenen Stürme und Wirren der Jahrhunderte, selbst des letzten Weltkrieges.
Inzwischen lacht die Sonne wieder hell und sommerlich warm. Es hat mächtig aufgeklart, sodaß wir von der Plattform des Turmes, ohne wie der junge Goethe damals schwindlig zu werden, eine herrliche Aussicht genießen. Der Blick führt zurück zu den Vogesen, ringsum über die blinkenden Wasser der Ill und die Rheinebene hinweg, hinüber zum angrenzenden Schwarzwald und wieder hinunter auf die Stadt, die uns zu Füßen liegt.

Zurück in die Gassen der Altstadt! Überall Geschäftigkeit, überall freundliche Leute, zahlreiche einladende Gasthäuser und Speiselokale, stolze alte Patrizierhäuser mit buntem Fachwerkgemäuer, kleinen Fenstern aus Bunsenscheiben und Blumen auf den Simsen. Ein besonderes Restaurant lenkt unsere Aufmerksamkeit auf sich. Vor dem Eingang steht eine mächtige Schiefertafel, auf der mit Kreide das Tagesmenue geschrieben ist:
>Tête de Veau et Choucroute à l´Alsacienne<!
Einen Kalbskopf mit Kartoffelpurée und Sauerkraut, das wär´s doch; aber der Heißhunger muß noch bis zum selbst gebastelten Abendessen in der Jugendherberge ausharren. Wir müssen unsere paar Franken besonders jetzt, noch am Anfang der Tour, gut zusammenhalten.
Aber ein elsässer Bier vom Faß, von der Brasserie Mutzig, das genehmigen wir uns zu solch einem Tag.

Wir sitzen draußen, schauen über´s alte Pflaster hinweg den Passanten zu. Welch geschäftiges Leben in einer Stadt, die anscheinend keine Spuren des Krieges kennt, Menschen hier, Menschen da, auf den Plätzen und Trottoirs, meist gut gekleidet, viele Touristen auch! Man hat mitten in der Woche den Eindruck, es sei Sonntag. Beim frisch gezapften Bier schreiben wir die erste Ansichtskarte. Die daheim werden schon drauf warten.

Der Tag verrinnt; wir flanieren weiter durch die Stadt unserm Nachtlager zu. So, viele Autos und Fuhrwerke auf den Ausfallstraßen! Inzwischen ist es dunkel geworden; doch wir finden die Herberge auf Anhieb.
Dort herrscht inzwischen ein noch muntereres Treiben als heute Mittag, ein babylonisches Sprachengewirr von internationalem Charakter, und über allem weht ein zuvor nicht gekanntes Flair von Freiheit!
In der Küche fragt mich einer etwas auf Englisch, im Flur spricht uns ein Franzose an; es gibt auch Belgier und Schweizer; es sind sogar einige Saarländer dabei, unter ihnen ein Schulkamerad aus Rudis Volksschulzeit in Siersburg. Nicht nur uns beide hat es also hinausgedrängt, zu Land und Leuten unter der Tricolore. Rudi macht mich darauf aufmerksam, dass unter all dem Völkergewirr keine Mädchen zu sehen sind, wenigstens keine, die allein unterwegs sind; nur zwei verliebte Pärchen gesehen, die hier vielleicht eine preiswerte Unterkunft auf ihrer Verlobungsreise suchen.

Bevor wir uns hinlegen, drängt es uns noch einmal hinaus, statt der bunt gemischten Küchengerüche etwas frische Luft zu schnappen und im Dunkel der hereinbrechenden Nacht hinüber zum Lichterschein der Stadt zu schauen. Auf dem großen Vorhof, etwas zur Seite in der Nähe einer riesigen Trauerweide sitzt eine Gruppe Pfadfinder um ein Lagerfeuer, und sie winken uns beide dazu.
Einer spielt Klampfe, und die Gruppe singt ihre Wander- und Lagerlieder, teils auf englisch, teils auf französisch. Es ist schon weit nach zehn, als der Herbergsvater hinzukommt, auf seine Armbanduhr weist und mahnt, Schluß zu machen. Das Feuer ist bereits am Verglimmen. Da stimmt der Gitarrist noch ein letztes Lied an, und alle singen die eindringliche Melodie ganz leise mit:

>Lorsque le feu se meurt

plus profonde est la nuit

le calme et la douceur

ont remplacé le bruit

la paix emplit les coeurs

lorsque le feu se meurt,

lorswue le feu se meurt…<

„Wenn das Feuer langsam erlischt

fällt tiefer die Nacht ein

das Sanfte und die Stille

haben den Lärm verdrängt,

der Friede erfüllt die Herzen

wenn das Feuer erlischt,

wenn das Feuer langsam erlischt…“

Während die Gruppe die Melodie noch einmal stumm nachsummt, packt der Gitarrist seine Klampfe ein, und wir gehen zusammen hinein. Rudi spricht ihn an. Er erzählt uns, dies sei ein kanadisches Lied, ein Lied der Holzfäller aus dem französischsprachigen Quebec, das ihr Gruppenführer von einer Jamboree von drüben mitgebracht habe.

Auch drinnen ist es stiller geworden. In den Betten liegen Rudi und ich im Halbdunkel des Schlafsaales uns gegenüber. Wir sind beide geradezu fasziniert von dieser Eintracht, dieser friedlichen Stimmung im Gewirr junger, sich von überall hier begegnenden Menschen. Da reden wir beide noch darüber, was es doch für ein großartiger Entschluß gewesen ist, dieses internationale Jugendherbergswerk ins Leben zu rufen, das allen jungen Menschen auch finanziell ermöglicht, nicht nur ein sicheres Nachtlager zu haben, sondern dabei auch freundschaftliche Bekanntschaften zu machen.
– „Ich glaube es war ein Deutscher, ein Volksschullehrer, der schon lange vor dem Krieg während einer Klassenfahrt die Idee dazu hatte und dann die erste Jugendherberge irgendwo im Sauerland gegründet hatte!“
– „Es ist beruhigend zu wissen, dass von uns Deutschen auch Gutes in die Welt getragen wurde!“
Die Betten in alten Stahlrahmen sind hart und quietschen bei jeder Bewegung; doch wir schlafen die Nacht durch, wie die dünnen Strohsäcke dieser Feldbetten, auf denen wir liegen.

zu Folge 5

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