Folge 3: Der Grenze entgegen

Folge 3: Im Gegenwind der Grenze entgegen

aufbruch

halb auf dem eise
halb im wasser
halt suchen wir umsonst
im aufbruch nur
erreichen wir das land

rudi kammer, gezeiten, p.123

Montag, 1. August 1949:

Früher Aufbruch.

Die erste Etappe geschafft. Und das erste Nachtlager auf französischem Boden, unter französischem Dach.
Rudi hat sich auf dem Heuboden hingestreckt, schläft schon oder tut nur so. Auch ziemlich müde, finde doch keinen Schlaf, möchte die Gedanken sammeln und den ersten Tag festhalten.

Wortlos sind wir gegen fünf gestartet. Hätten eigentlich heiter und froh gestimmt sein müssen, als wir das verschlafene Dorf verliessen. Statt dessen begleitet uns auf den ersten Kilometern eine bedrückte Stimmung, gemischte, schummrige Gefühle. Es sind nicht die dunklen Wolken, die eilig aufziehn, auch nicht der Gegenwind, der immer heftiger wird und das Gepäck auf den Hinterrädern umso schwerer macht.
In uns beiden steckt noch das Unbehagen über die Sorgen, die sie sich daheim während der ganzen Fahrt über uns machen werden und über die Ungewissheit, die uns da drüben, bei den „Erzfeinden“ von einst, wohl erwarten wird. Auch denen hatte das faschistische Deutschland so arg zugesetzt, so daß wir nicht annehmen können, mit offenen Armen empfangen zu werden, selbst nicht als Saarländer und vielleicht auch nicht in der Familie von Rudis Brieffreund in Nancy.
Mutter hatte mir noch ihre Kette mit dem Rubinkreuz um den Hals gelegt, als ich mein Fahrrad aus dem Schuppen holte und sie mir sorgenvoll nachschaute. Nun gut, es sind nicht mehr die materiellen Sorgen, die sie gegen unser Vorhaben ins Feld geführt hatte. Das im Krieg zerstörte Haus ist längst wieder hergerichtet, hat ein dichtes Dach, der Schuppen auch, und ein neuer Stall ist gebaut mit einem Dutzend Kaninchen, einem Schwein und einer Ziege drin. Vielmehr sind´ s dieverständlichen Bedenken gegenüber einer Fahrt ins Ungewisse, die es den Lieben so schwer gemacht hatte, uns schließlich doch ziehen zu lassen…

Trotz des Gegenwindes kommen wir auf der flachen, verkehrsarmen Fahrstraße zügig voran, sehen, wie die Nied in die Saar mündet, wie im Osten hinter Dillingen über den Hochöfen helle Lichtschimmer in die Morgendämmerung hinein gegen Himmel flackern, wohl der erste Stahlabstich an diesem frühen Morgen.
Saarlouis wird auf der Höhe von Lisdorf passiert. Von Adolf für zehn Jahre in „Saalautern“ umgetauft, wird das von Vauban erbaute und nach seinem Gründer, dem Sonnenkönig benannte „Sarrelouis“ auch in Zukunft nicht nur dem Namen nach die französischste aller deutschen Städte bleiben. Auch Saarbrücken, einst Römerkastell, später Grafensitz und jetzt Landeshauptstadt, wird ohne Aufenthalt durchfahren.
Hinter der Stadt drängt sich die Fahrstraße dicht an die Saar, die ab jetzt selbst die Grenze bilden wird. Erstmals werden wir uns so richtig bewusst:

Ab jetzt reisen wir als „Sarrois“. Und wir glauben, gut daran zu tun, diese neue, bislang ungewohnte und unausgesprochene politische Identität anzunehmen.

Um uns als „Sarrois“ auszuweisen, hatten wir mit eigener Sorgfalt das Wappen des neuen Saarstaates auf den Schutzblech unserer Hinterräder aufgemalt: das weiße Kreuz auf blauem und rotem Grund.SAAR

Eine erste Pause gönnen wir uns auf der Höhe des saarländischen Ortes Kleinblittersdorf. Wie eigenartig: Obwohl die alte deutsche Sprachgrenze noch ziemlich weit nach Westen ins Lothringische hinein ragt, verweist ein Verkehrsschild hin auf den gegenüberliegenden Ort, der nun nicht mehr Großblittersdorf heißt, sondern neufranzösisch >Grosbliederstroff<.
Während der Ortsdurchfahrt meint Rudi, dass es sich dabei gar nicht um eine neufranzösische Verballhornung des ehemals deutschen Ortsnamens handeln müsste; es kann sich eher um den Dialektausdruck der hier Ansässigen handeln, denn auch in unserm eigenen Dialekt hieße ja Brotdorf auch „Brottroff“.
Gilt das auch für >Sarreguemines<? Die Grenzstadt hat mit den lothringischen Erzminen nichts zu tun, heißt auf deutsch Saargemünd´, weil mitten im Zentrum die Blies von Norden her in die Saar einmündet.

– Ob sie uns durchlassen?

– Du meinst die Uniformierten am Schlagbaum?

– Immerhin überschreiten wir Kriegsgrenze.

– Du meinst, wir überfahren sie.

– Überschreiten oder überfahren, wird´s leicht sein?

– Überwinden wird schwerer sein!

Mit etwas Bangen nähern wir uns dem Schlagbaum; doch die französischen Zollbeamten in den schwarzblauen Uniformen sind sehr freundlich, erkundigen sich mehr aus persönlichem Interesse nach unserm Vorhaben. Einer zieht sogar sein Schirmkäppi und ruft uns noch nach: >Bonne chance, les gars!<
Erleichterung erfaßt uns, wie der Schlagbaum vor unsern Rädern in die Höhe geht und wir die Grenze passieren. Dennoch bleibt ein Rest von Beklemmung, in ein fremdes Land einzufahren mit fremder Kultur und fremder Sprache, noch vor wenigen Jahren Feindesland. Und dazu kommt wieder der Gedanke, dass vor zehn Jahren deutsche Männer in unserm jetzigen Alter diese Grenzüberschreitung vollziehen mussten, nicht, weil sie ein spannendes Reiseabenteuer zu erwarten hatten…

1 Etappe 1 1Bedächtig durchfahren wir Saargemünd, gönnen uns nur einen kurzen Blick für das charmante Städtchen und bemerken, dass nunmehr die Verkehrsschilder auf französisch markiert sind: >Toutes Directions< und >Serrez à droite!<
Noch ausgangs der Stadt steigt die Straße steil an, die Schichtstufe hinauf auf die welligen Kalk- und Keuperhochflächen von Nordlothringen. Die Beine werden schon schwerer die Hänge hinauf, doch ohne abzusteigen, erreichen wir die Höhe. Dies ist jetzt unsere erste größere Steigung; noch 1000 Buckel und Wellen werden über das Hochplateau hinweg bis zum Abfall in die Rheinebene folgen. Uns erstaunt, das die nächste Ortschaft nur die deutsche Bezeichnung „Hambach“ trägt, also keine französische Übersetzung! Eigentlich sollten wir uns hier zur Belohnung für den Aufstieg eine Erholung gönnen. Aber der Ort ist so unscheinbar und nicht vergleichbar dem gleichnamigen pfälzischen, wo einst die liberalen Burschenschaftler und Turner ihren großen Auftritt hatten. So ziehen wir also weiter!

Lothringen, erste Begegnung mit den französischen Nachbarn

bei regen sie verblasst die bläue

du mein schönwetter-partner
sag, was soll´n wir tun
willst du mit mir zu bette
speisen oder bummeln geh´n
die wolken schieben
igel scheren tage stehlen
oder in die ferne seh´n

sag es
die tage uns geschenkt
sie sind gestundet
die erde dreht sich
wird sich weiter dreh´n
auch dann
wenn wir sie halten wollen
weil die sonne lacht
wir beide müssen mit uns dreh´n
uns wiegen in die nacht

rudi kammer, gezeiten, p 25

Hier oben auf der offenen, aus riesigen Rinderweiden bestehenden Hochfläche bläst uns jetzt ein scharfer Ostwind entgegen. Bis Saaralben, das heißt für die nächsten 15 Kilometer brauchen wir mehr als eine Stunde.

Rast am Straßenrand; die Kräfte sind erschöpft.

Die Äpfel, von denen die Straße besät ist, kann man schon essen. Sind Frühäpfel, Gehannsäppel, wie wir zu Hause dazu sagen, weil sie schon zu Johannis „zeidisch“ werden. So was käme bei uns nicht vor, Äpfel einfach auf dem Boden liegen und faulen zu lassen. Man könnte essen, so süß sie sind, könnte Marmelade draus machen oder sie im Faß sammeln, um Viez zu keltern. Das Städtchen Saaralben ist erreicht. >Sarralbe<, das heißt wohl: die weiße Saar, weil sie durch den hellen Muschelkalk fließt, im Gegensatz zum anderen Quellfluß, der Roten Saar, deren Wasser durch den Keuperboden eher rötlich schimmert. Wie klein sie inzwischen geworden ist, nur etwas breiter als der Seffersbach bei dessen Mündung in Merzig, längst nicht mehr schiffbar; längst müssen die saarländischen Kohlenkähne zum gleichnamigen Kanal gewechselt haben.

Suchen zur nächsten Rast eine Art Strand am Fluß und trauen unsern Augen nicht, dort drei Mädchen beim Baden anzutreffen, und was noch erstaunlicher ist, darunter ein Mädchen aus der Heimat: Lisbeth, die Schwester von Ernst Buchholz. Das Brotdorfer Mädchen ist hier bei ihren lothringischen Brieffreundinnen, welche sie für ein paar Ferientage eingeladen haben. A la bonheur, dieses Mädchen hat sich also schon vor uns getraut, Grenzen zu überschreiten.

Wir wollen nicht prüde sein und nehmen etwas weiter oberhalb auch ein kurzes Bad, wo es in einer Schleife eine Art Tümpel gibt in der hier noch recht seichten Saar. Die Mädchen scheinen nichts dagegen zu haben, sie schauen verschmitzt und lächeln freundlich zu uns herüber.

Eine reizvolle Situation, so ganz in Gottes freier Natur zu baden, solch hübschen Mädchen in ihren heiteren Bewegungen zuzusehen. Die jungen Französinnen tragen recht moderne, sehr eng an der schlanken Figur anliegende Badeanzüge.

Rudi meint, wir sollten jetzt Etappe machen, könnten gleich hier unser Zelt aufschlagen. Mich reizt die Situation ebenfalls. Haben nette Menschen getroffen, doch allzu viel Strecke haben wir noch nicht gemacht, und es winken noch viele fremde Landschaften; daher dränge ich schließlich zum Aufbruch:

-„Aber es war doch abgemacht: Als erstes Etappenziel hatten wir Straßburg geplant; wenn wir schon am ersten Tag bummeln, werden wir den Genfer See nie erreichen!“

Rudi zögert immer noch, doch plötzlich sammeln sich Wolken über uns schnell und verdichten sich. Kaum haben wir uns abgetrocknet und die Kleider wieder am Leib, fängt es auch schon an zu regnen. Nach einem hastigen Abschied von der deutsch-französischen Mädchengruppe setzen wir unsere Route fort. Der Himmel verdunkelt sich mehr und mehr, und bald schüttet und gießt es in Strömen. Im Schuppen eines Bauernhofes warten wir das Ende des Regens ab.

Die Bauersleute, gerade vom Feld gekommen, sind vorm Regen weggelaufen und so außer Atem, daß sie nicht gleich ins Haus gehen, sondern sich zunächst auch neben uns unterstellen, um erst einmal zu verschnaufen. Wir lächeln ihnen zu, trauen uns jedoch nicht, sie anzusprechen. Aber sie sind sehr freundlich und sprechen uns ihrerseits an. Und obwohl sie schon an unserm Äußern merken, daß wir Deutsche sind, verläuft die ganze Unterhaltung von beiden Seiten aus in einem schwerfälligen Französisch. Die lothringischen Bauersleute bitten uns schließlich, mit hineinzugehen und bieten uns einen guten, heißen Kaffee an.

Die Alte ist besonders gesprächig; sie hat inzwischen ihr Französisch aufgegeben und erzählt uns auf lothringisch-deutsch vor allem von ihrem Dorf Keskastel, dem letzten Ort vor der Grenze zwischen Lothringen und dem Elsaß. Ihre Stimme wird etwas rauer und ihr Blick verfinstert sich, wie sie auch von der deutschen Besatzung erzählt, die während des Krieges hier gewütet hätte bis die Amerikaner kamen. Wir beide nicken nur verständnisvoll; was sollten wir schon dazu sagen wollen!

Das Wetter bessert sich, die Schauer ist vorüber, und wir brechen wieder auf. Über eine längere Entfernung bleibt die Strecke ziemlich flach. Da auch der Wind nachgelassen hat, können wir uns während der Fahrt über das soeben Erlebte weiter unterhalten: Also, der erste Schritt zur Begegnung mit unsern Nachbarn in Frankreich ist getan und ohne unser Zutun wie von selbst gelungen.

– Bisher ist´s gut gegangen mit den Franzosen, erst die hübschen Mädchen und jetzt die Bauersleute!

– Ja, auch die waren recht freundlich; aber die deutsche Besatzung, die werden sie so schnell nicht vergessen!

Aus dem gesteckten Etappenziel Straßburg wird heute nichts mehr; wir nehmen uns vor, wenigstens noch Zabern zu erreichen. Doch wir hätten besser bei den freundlichen Bauern bleiben und dort übernachten sollen. Denn in regelmäßigen Abständen werden wir von neuen Regengüssen heimgesucht und kommen nur noch nur mühsam voran.

Gegen 18 Uhr durchfahren wir das historisch anmutende Städtchen Phalsbourg. Hinter den letzten Häusern steigt das Gelände zunächst leicht an; dann geht es aber bald hinab in eine der vielen Senken und dann gleich wieder den nächsten Anstieg hinauf, ganz typisch für diesen Teil des lothringischen Stufenlandes. Wir quälen uns über jeden Buckel und gleich wieder aus der nächsten Senke heraus.

Auf der Kante des nächsten Buckels ankommen, erblicken wir durch tief hängende Wolken hindurch ganz am Ende des Horizonts eine von Süd nach Nord lang gezogene Bergkette, die sich kaum von der Wolkendecke abhebt: die schwarzblau schimmernde Silhouette der Vogesen. Das Gebirge macht sich in unserm Anblick ziemlich klein aus, denn es liegt noch in weiter Ferne. Doch diesen dunklen Streifen am Horizont vor Augen schöpfen wir wieder neue Kraft zum Weiterfahren. Wir wissen, unmittelbar hinter dieser Bergkette liegt unser erstes Tagesziel: das schmucke elsässische Städtchen Zabern oder >Saverne<, wie die Franzosen es nennen. Kaum, dass wir von dieser Gewissheit ermutigt etwas kräftiger in die Pedale treten, ereilt uns dann das Furchtbare: Ehe wir uns umsehen, geraten wir in einen ausgesprochen heftigen Wolkenbruch.

Kein Dorf, kein Gehöft nirgends. Im Nu sind die umgehängten Zeltplanen durchnäßt, und der prasselnde Regen dringt durchs Hemd bis auf die Haut. Wir fürchten, daß auch das Gepäck durch und durch naß ist.

Dann doch noch ein Ort. Rudi will beim nächsten Haus anhalten; ich aber meine:

– Unterstellen lohnt sich nicht mehr, wir sind eh tripse naß!

So fahren wir also im strömenden Regen weiter und erreichen die obere Kante der Zaberner Steige, ein vier Kilometer langer steiler Abstieg aus den Vogesen in die Rheinebene hinunter mit vielen S-Kurven auf regenüberfluteter Straße. Die Steilheit, die uns gefährlich wird, ist geologisch bedingt, durch den mächtigen Grabenbruch, der sich ja von Basel bis Bingen mit einer Breite von mehr als 30 Kilometern zwischen Vogesen und Schwarzwald und weiter nördlich zwischen Haardt und Odenwald erstreckt. Ein Wunder, daß wir uns überhaupt auf den Rädern halten können, denn wie in Bächen rauscht das Wasser den Berg hinunter; man könnte die Straße für ein Flußbett halten.

In einer der Kurven hat´s einen schweren Unfall gegeben, ein Auto im Straßengraben, zertrümmert, der Fahrer schwer verletzt. Wir halten an, fahren aber bald weiter, denn es ist schon Hilfe da.

In unsern Schuhen quatscht das Wasser, die Füße schlafen ein; auch in den Händen verliert sich das Gefühl. Durch die Nässe greifen kaum noch die Bremsen. Nun heißt es: Nerven behalten und Sinne beisammen! Ohne Sturz erreichen wir Zabern; doch die Jugendherberge ist im prasselnden Regen nicht zu finden. Schon ist der Ortsausgang passiert, und wir müssen weiter bis zum nächsten Ort. Gleich hinter dem Ortsschild >Marmoutier< ein Bauernhof, wo wir völlig durchnässt und unterkühlt eine Unterkunft finden.

Die Leute lassen uns nur zögernd herein, sind kaum gesprächig, kein Wunder; schleppen wir doch wahre Wasserpfützen mit in die Diele. Doch wir dürfen die Unterwäsche wechseln, erhalten warmes Wasser und brauen uns auf ihrem Herd einen Kaffee. Während wir in der Stube zum Kaffe unser Brot essen; sitzen unsere Gastgeber dabei und lächeln uns zu, währen die Oberkleider in der Küche trocknen.

Es ist ein wohliges Gefühl, trotz erschlaffender Müdigkeit, sich wieder getrocknet und gestärkt auf einen Strohballen zu setzten, die Lust und die Kraft noch zu haben, im Schein der Taschenlampe die Revue des ersten Tages nieder zu schreiben. Unsere Bedenken vor der Abreise, dass gerade die Lothringer und Elsässer uns wegen unserer Nationalität unfreundlich, vielleicht sogar feindlich begegnen würden, haben sich durch die Begegnungen am Tag und durch die spontane Aufnahmebereitschaft unserer Gastgeber in dieser Nacht ein weites Stück zerstreut. Gleich werde ich zu Rudi ins Heu kriechen und mit ihm um die Wette schlafen, vor Erschöpfung sicherlich so tief wie ein Murmeltier. (Das heißt auf französisch übrigens Marmotte, ähnlich wie dieser Ort Marmoutier).

zu Folge 4

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