Folge 24: Unsere letzte Etappe – un nommoa dahaam

lichtbahnen

kinder des lichts so früh
verloren seinem glanz
in kriegsgewirr und waldes
dunkelheiten dann und wann
von lichtungen umstellt
gehn wir den weg
auf unserer suche nach
dem sinn traum
wandlerisch durch licht
durchsiebtes dunkel
dahin zurück von wo wir kommen

Rudolf Kammer, gezeiten, p.173

Wir lassen uns um sieben in der Früh wecken, erhalten ein – verglichen an den Mittag- und Abendessen – geradezu karges Frühstück, und dann fällt uns der Abschied von diesen unerwartet gastlichen und überfreundlichen Menschen richtig schwer. Sie umarmen und küssen uns herzlich und laden uns ein, doch unbedingt wieder zu kommen, wenn Lucien wieder zu Hause ist…
Rudi findet die treffenden Worte zum Dank, zu einer Einladung von Lucien und auch seiner Familie zu uns ins Saarland.

Adieu Nancy!

Schon gegen Mittag erreichen wir Metz. Wir nehmen die Zeit zum Besuch der Kathedrale und für ein Foto vor ihren Mauern. Aber es drängt uns jetzt direkt nach Hause.
Der letzte Ort vor der Grenze ist Busendorf; nur noch Siersburg, Fremersdorf, Merzig, und wir sind wohlbehalten wieder daheim.

Was zu sagen wäre, ist schon gesagt, wenn nicht, so ist es in uns!

Wenn wir in ein paar Tagen wieder vom Alltag einholt werden, wenn am 1. September die Schule wieder beginnt und das Internatsleben in Lebach mich wieder einfangen wird, werde ich noch lange von diesen Frankreichtagen zehren.

Un der Germania haale mir zwejn noch e ledschd Moal un, dej ään Hand um Lenker, denn annern Ärm demm Freund em d´n Hals; geschwatt gefd neischd mej; mir wessen ed: – Dat loo moß haalen e Lewen lang!

Wej eich iwwer off der Stroaß off ed Zollhaus zoù weider foahren, bieschd de Jong vun der Blumestroaß, mäat dem eich ewei deechlang und nööhts Haut un Haut zesumme woar, em den Ecken off de Hausbacherstroaß äan, iwer de Brecker Baach äan d´n Enneschden Ecken, um Krejerdenkmoal un ´nem Kaiserhof vorbei, roff äan de Weiß Märk un däät dann um Ecken, woù ed Elternhaus vu meim Papp stääd, äan de Blumestroaß äabiejen, äan dej Stroaß, woù fier 18 Joahren em Rudi sein Schweschdern meich äam Käannerwoan spazieren gefoahr hun, woù sei döbei gedööhd hun, dat hier Brejderchin, dat döö schun ennerwees woar, och off de Nummen `Rudolf´ gedääfd gäan soll.

Dahaam um Zollhaus äas grööd mei Papp äam Goarden un hätt de Spööden faale geloss, wej henn meich seihd.
-„Oh goddöh; hänn äas nommoa zereck! Un de Hoar säa gewöös, un wej braun äas henn äam Gesicht.“
-„Joo, Papp, eich säan ed, mir säan nommoa döö!“
-„Eich deed dir roaden, bleiw hei debaußem stejhn, eich gejhn räan, der Mamm zoart Beschääd soan, sonschd fälld dej noch äan Ohnmacht, wenn se deich soù onverhoffd ze Gesicht grejhd; sei hätt all dej Deech äan hiere Sorjen de Hell dörrich gemaach!“

De Mamm seed zedrejschd goarneischd, awer ma seihd äan hieren Aaen ed Gleck, de Jong endlich gesond dahaam ze hun.

Wej eich hier de Halskett mäat demm Rubinkreiz nomma mäat ´nem Dankeskuß zereckgäan, kommen hier doch de Dreenen. Un dann fängt se och un ze schwätzen, reckt gleich mäat der Nachricht raus, dat ed Marianne seich vergangene Sonndisch mäat demm Bursch vun Herrgotten verlobt hätt.

Wenigschdens ää Grond, meich vum Alltag vu Lebach nommoa äafänken ze lossen!

Vom Weltgeist zurück! – Die Großen Ferien gehen zu Ende. Zu Hause scheint alles unverändert geblieben. Nur Mutter hat geweint, vor Freude natürlich. Vater ist wieder Turnwart, hat eine Jugendgruppe um sich geschart. Ich werde mit zur Turnstunde gehen, obwohl ich im Vergleich zu den Brotdorfer Jungs einige Defizite aufweisen werde.

Vielleicht noch ein Nachwort, heute wie damals

Der Aufbruch von damals hat uns ein gut´ Stück erfahren gemacht. Gestärkt, gekräftigt und so hoffnungsvoll auf die neu gewonnene Freiheit und das Leben vor uns, sind wir damals zurückgekehrt und haben den Sonntag drauf in der Germania bei ein paar Gläsern Saarfürst unsere Freundschaft auf Lebzeit besiegelt. Bald jedoch sollte ein jeder von uns seinen eigenen Weg gehen.

Rudi, mein Freund! Wenn wir uns im Laufe der Jahre hin und wieder trafen oder uns Briefe schrieben, dann sickerte zwischen den Worten und Zeilen gelegentlich durch, wie bedeutsam doch unsere gemeinsame Fahrt ins Erwachsenwerden gewesen ist.

Ich habe stets an dir bewundert, dass du trotz aller Unbilden des Schicksals dennoch nie aufgehört hattest, immer über den Horizont von Wissen und Welt hinaus zu blicken. Immer wieder hast du der Natur gelauscht; wolltest mit ihr eins sein. Immer wieder hast du nach dem Licht gesucht, und doch ist´s auch um dich allzu früh dunkel geworden.

Deine Poesie, so rigoros und dennoch zart, so traurig und dennoch aufmunternd, so weitblickend und dennoch von unendlicher Einsamkeit, sie wird mir ein Vermächtnis bleiben. Es war mir nicht mehr gelungen, dir dafür zu danken, dass du mir in einem letzten Brief noch folgende Verse zugeeignet hast:

wer sucht der findetWidmung r.k.

er findet anschluß abwechslung
den freund den partner für die zeit
erfindet lügen
findet sich im widerstreit
mit sich und mit der welt
findet lust am nichtstun und
am tätigsein
sich selbst unwiderstehlich
unausstehlich und allein
die welt beglückend und zum kotzen
findt lust am leiden trost im leid
den andern ab der nicht mehr bleibt
findt ab sich selber mit der zeit
die nicht verweilt
erfindet märchen findet sich
gereift durch reisen
findet alles – auch die letzte ruhe –
aber nicht den stein der weisen

unter Al-Iksir
in: Rudolf Kammer, gezeiten
Verlag Gollenstein, 2005, p 166

Wir danken Frau Dr. Magda Kammer und dem Gollenstein Verlag für die freundliche Genehmigung, die großartigen Gedichte von Rodolf Kammer hier veröffentlichen zu dürfen.

Rudolf Engel, 2016

 

 

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