Folge 23: Nancy, Capitale de la Lorraine

Dienstag, der 16. August. Zu Gast bei den Mullers

Fünf in der Früh: Die Ruhe in dieser zugigen Bahnhofshalle hat nicht lange gewährt. So müde wir auch sind, die ständige Zugluft und der mit dem Morgengrauen anschwellende Lärm treiben uns schließlich auf. Halb erfroren, noch halb verschlafen und ausgetrocknet, nehmen wir in der Kneipe vor dem Bahnhof einen heißen Kaffee. Dann geht´s auf die Suche nach der Wohnung von Rudi´s Brieffreund Lucien Muller. Nach langem Herumfragen finden wir schließlich die Wohnung.

Die mit etwas Herzklopfen erwartete Begegnung beginnt mit einer Enttäuschung: Der Mann, der uns aufmacht, sagt, Lucien sei mit seiner Mutter ans Meer gefahren. Doch er, Luciens älterer Bruder und seine junge Frau würden sich freuen, uns aufs Allerherzlichste empfangen und aufnehmen zu dürfen.

Das Paar scheint erst kurz verheiratet zu sein, denn obwohl zwei fremde Jungen in der Wohnung sitzen und ihnen zuschauen, hören sie nicht auf, sich bei ihren Beschäftigungen immerfort zu necken und zu streicheln. Rudi und ich, wir schauen uns ab und zu an, und jeder denkt für sich: >C´est comme ca, la France!<

Das erste heiße Wannenbad sei langem, ein starker Kaffee und ein himmelweiches Bett; was will man mehr! Erst gegen 1 Uhr werden wir zum Mittagessen geweckt, und was da auf uns wartet ist so einmalig, daß ich nicht umhin kann, mir das Menue hinterher aufzuschreiben:

– ein ´Ambassadeur` als Apéritif,
– Charcuterie und Gurkensalat in Buttersauce,
– ein Bohnengemüse mit goldleuchtenden Pommes frites,
– Kalbsbraten mit Spaghetti auf Kräuteröl,
nach dem Hauptgericht
– eine Käseplatte mit sechs verschiedenen Sorten
– und zu allem reichlich Weißbrot und Rotwein.
– und dann zu guter letzt zweimal Dessert:
– zuerst `mousse au chocolat´ mit Keksen
– und danach noch eine handvoll süßer Trauben.

So also speist man in einem französischen Hause, obwohl doch kein Feiertag ist. Da kommt sogar Mutters Kochkunst aus der Vorkriegszeit nicht mit; ich kann mich nicht erinnern, jemals so köstlich gespeist zu haben.

Nach dem Essen zeigt uns Monsieur Muller seine Bibliothek, und durch eine Reihe von Fotos lernen wir die ganze Familie kennen. Er und sie stehen beide im Lehrerberuf.
Da heißt es in diesem vornehmen und gelehrigen Hause, sich zu konzentrieren, damit ein verständliches Französisch herauskommt. Aber das gelingt Rudi weitaus besser als mir. Was ich schon während unserer ganzen Fahrt bemerkt hatte: Rudi nimmt sich stets die Zeit, um jeden Satz gründlich zu überlegen, bevor er ihn ausspricht; ich dagegen neige dazu, eher so zu reden, wie es mir gerade in den Sinn kommt, wie mir der Schnabel gewachsen ist.

Nach einer längern Mittagspause, die auch die Mullers einhalten, führt uns das junge Paar aus und zeigt uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt, den weiten, wunderschönen Place de Stanislas, das Stadtmuseum, und zuletzt besuchen wir ausgangs der Stadt auf einem weiten flachen Gelände eine große Wirtschaftsmesse.

Auch das Abendessen bei den Mullers ist wieder opulent und köstlich, diesmal sogar mit einem Armangnac als zweites Dessert. Rudi lehnt dankend ab; ich aber bin neugierig, will wissen, ob dieser Branntwein sich mit Vaters Zwetschen oder Mirabellen messen kann. Und er übertrifft beide.
Zum Abschluß des Tages haben die jungen Mullers noch einen kulturellen Höhepunkt parat. Sie führen sie uns wieder aus, diesmal zu einem in Fassade und Innenausstattung prächtigen Kinopalast. Gezeigt wird ein amerikanischer Farbfilm über den spanischen Bürgerkrieg mit dem Titel: >Pour qui sonne le glas<, mit Garry Cooper und Ingrid Bergmann in den Hauptrollen.

In der größeren Pause, die, wie man uns sagt, in ganz Frankreich bei Filmvorführungen üblich ist, werden wir zu einem Trunk an der Großen Bar eingeladen. Dabei eröffnet und Monsieur Muller, der Film sei nach dem gleichnamigen Roman `Wem die Stunde schlagt´ von Ernest Hemmingway gedreht und käme dem Text sehr nahe.

Obwohl ich nicht jeden Satz in französischer Sprache in seinem vollen Sinn mitbekomme, es fasziniert nicht nur die hehre Gestalt des amerikanischen Schauspielers Garry Cooper, nicht nur das bezaubernde, so ausdrucksvolle Gesicht und der kurz geschorene Blondschopf von Ingrid Bergmann, es fasziniert vor allem die großartige schauspielerische Leistung der beiden und die überzeugende Darstellung darüber, dass die Freiheit des Menschen ein höheres Gut ist, unvergleichlich mit einem Leben in Diktatur und Terror.

Der Film hat uns alle derart tief beeindruckt, dass wir ziemlich schweigsam sind auf dem Heimweg.

Eingehüllt in französische Gastfreundschaft

Mittwoch, der 17. August: Tagebuch Nacy

Am nächsten Morgen besuchen wir die stattliche Kirche, die direkt gegenüber der Wohnung unserer Freunde steht. Luciens Vater, Monsieur Muller senior, ist nun auch hinzugekommen und stellt sich uns vor: ein stattlicher, freundlicher Mann, der eine Metzgerei besitzt und zugleich Beamter bei der Eisenbahn ist.

Alle drei, Vater, Sohn und Schwiegertochter, sind eifrig bemüht, uns eine angenehme Unterhaltung zu bieten. Zum Aperitif bleiben wir wieder in der Bibliothek. Luciens Vater schaltet das Radio ein, und wir hören Klänge aus der Heimat, ein Sinfoniekonzert, gespielt vom großen Orchester des Saarländischen Rundfunks. Und was das folgende Mittagessen betrifft, so soll es noch das gestrige übertreffen, denn es besteht aus nicht weniger als acht Gängen und nimmt über zwei Stunden in Anspruch.

Und am späteren Nachmittag ist wieder ein Stadtbesuch angesagt. Erneut steigen wir in den schicken PKW, ein schwarzer Citroen, genannt `La traction´, den man ab und zu jetzt auch schon in den Straßen von Merzig und Saarlouis sehen kann.

Wir beide sitzen hinten, fühlen uns wie die Könige und die wieder dem Zentrum entgegen chauffieren, zunächst über das Flüsschen `La Meurthe´, dann durch ein prächtiges altes Stadttor mit zwei spitzen Türmen, parken auf einem großen Platz und stehen vor dem `Musée de L´Ecole de Nancy´. Bereits auf den Stufen erfahren wir von Muller junior, was es damit auf sich hat. In diesem stolzen Gebäude ist nicht etwa ein Schulmuseum beheimatet, sondern die sogenannte `Nancyer Schule´ der `Art Nouveau´, die um die Jahrhundertwende herum eine eigene Richtung des Jugendstils geschaffen hat. Herrliche Architektur, elegante Möbel, erfrischende Glaskunst und Keramik.

Während eines munteren Spaziergangs überqueren wir einen riesigen mit mächtigen Bäumen bestandenen Park auf dessen dichtem Rasen sich überall kleinere Gruppen von Menschen zum Ausruhen, Plaudern und Erholen nieder gelassen haben. Und als sich der Magen bemerkbar macht, finden wir uns schließlich in einem stattlichen Restaurant wieder. Und wieder verkraften wir ein ausgezeichnetes Essen, dessen opulente Prozedur sich in den späten Nachmittag hinein zieht.

Auf der Rückfahrt kommt mir der Gedanke:
– Ob es Gott in seinem irdischen Leben hier in Frankreich je so gut gegangen ist wie uns in diesen Tagen?

Am Abend wird nur noch ein kurzes, kaltes Gericht serviert. Dabei ist uns noch im Magen erstmals, als könnten wir nach derartigem Mittagessen gut darauf verzichten.
->Messieurs, vous aimez le cidre bouché?<

Ich denke mir dabei:
-Wie sollen wir lieben, was wir nicht kennen!

Dann hat Monsieur von einer Art Sektflasche den Verschlussdraht gelöst, behutsam den Korken abgezogen und schenkt ein. Goldgelb sprudelte es in die Gläser.
->Le cidre, c´est une sorte de vin de pommes!<

Also eine Art Apfelwein. Das Gesöff schmeckt auch wie unser Viez, nur dass es heftiger sprudelt und schäumt und etwas milder, sogar etwas süßlich ist im Geschmack.
Zum Ausklang des Abends zieht sich die Gesellschaft, in deren Mittelpunkt wir nun schon zwei Tage stehen, wieder in die Bibliothek zurück.

Bei einem Digestif sprechen wir über philosophische Ansichten, physikalische Erkenntnisse, über Friedensvisionen in der weiteren Zukunft. Vor allem Rudi steht den viel fragenden Franzosen Rede und Antwort. Und zu guter letzt geraten wir in allerbester freundschaftlicher Laune ins deutsch-französische Liedersingen.

Vor dem Einschlafen in den sanften Daunenbetten geht mir die Heiterkeit des Abends noch mal durch den Kopf. Bin etwas neidisch auf Rudi´s ausgefeiltes Französisch, werde mich, wieder in Lebach zurück, besonders anstrengen, vor allem wegen der Aussichten, eine Lektorenstelle in Frankreich zu bekommen.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 24

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