Folge 22: La docteuresse von Vitry-Le-Francois

Statt eines richtigen Frühstücks verzehren wir an diesem Montagmorgen den Rest der gestrigen Abendsuppe und der übrig gebliebenen Baguettes. Wir halten uns in unserer Pferdeherberge nicht mehr als nötig auf und sind gleich wieder `en route´. Auf uns wartet Nancy und in dieser Stadt nach Rudis Auskunft ein besonderer Empfang.
-„Du hast mir kaum etwas von deinem Brieffreund erzählt; Wie ist er denn so? Was schreibt ihr Euch?“
-„Lucien, der scheint ganz in Ordnung; wirst schon sehen! Hat viele Interessen, macht auch viel Sport. Wir schreiben uns über alles Mögliche.“
-„Auch über Geschichte, über Politik?“
-„Haben wir bisher vermieden; doch ich hab den Eindruck, das, was zwischen unsern beiden Völkern war, das spielt für ihn und für unsere Brieffreundschaft keine Rolle.“
-„Du meinst, das gilt auch für seine Alten, die uns schließlich aufnehmen sollen?“
-„Da hab ich keine Ahnung; müssen uns überraschen lassen!“

Heute laufen unsere Räder längst nicht so gut wie am Vortag, an dem wir offensichtlich zu viel Strecke gemacht hatten. Heute sind die Oberschenkel schwer; hinzukommt das ständige Rauf und Runter in einer dem lothringischen Bergland ähnlichen Wellblechlandschaft. Je mehr wir aus dem engeren Pariser Becken hinauf zum Schüsselrand der Ile de France hinauffahren, desto welliger wird das Gelände. Auch macht uns der seit Paris anhaltende Nieselregen, gepaart mit einem heftigen Seitenwind, immer wieder zu schaffen.

Wir schaffen am Vormittag gerade mal 30 Kilometer. Immerhin haben wir damit bei dem Städtchen Sezanne die wesentlich flachere Landschaft der Champagne erreicht. Es hat auch der Wind stärker auf westliche Richtung gedreht und als Rückenwind plagt er uns nicht mehr so sehr.

Aber da soll heute noch etwas Besonderes passieren, das uns dennoch nicht mehr viel weiter voran kommen lassen wird:

Es geht wieder eine ganze Weile sanft bergan. Auf einer Anhöhe sehen wir voraus am Straßenrand einen liegen geblieben Pkw, ein kleiner mausgrauer Renault-4-CV, ein `Cremeschnittchen´ also, wie sie inzwischen auch im saarländischen Straßenbild häufiger zu sehen sind. Neben dem Wagen steht eine junge Frau, nach Hilfe Ausschau haltend.
Wir zwei Kavaliere halten selbstverständlich an.
Vor uns steht eine sehr attraktive Dame mit stattlicher Figur und intellektuellem Flair, schätzungsweise Mitte dreißig, brunette, schlank, auffallend gut gekleidet.
Rudi: ->On peut vous aider, Madame? <
Und ich: >Qu´est-ce qu´elle a, votre voiture?<

Madame deutet mit der Hand nach unten, und da sehen wir schon: Ihr Renault hat einen Platten.
Und dabei habe sie es doch so eilig, meint sie, denn trotz des Sonntags ist sie als Landärztin zu einem Patienten in einem der nächsten Orte gerufen worden, eine Art Notfall.
Wir beide, die wir so gut wie nichts vom Auto verstehen und noch nie einen Reifen, außer am Fahrrad, gewechselt haben, krempeln dennoch die Ärmel hoch.
->La roue de secour est là, dans le coffre!<

Rudi holt den Ersatzreifen heraus, während ich mich nach dem Wagenheber umschaue.
-„Was heißt noch Wagenheber auf französisch?“, rufe ich Rudi zu, natürlich auf deutsch.

Doch der zuckt auch mit den Schultern und meint:
-„Frag sie doch mit der Zeichensprache; sie wird ihn dir schon zeigen!“

Doch genau in diesem Augenblick geschieht etwas gänzlich Unerwartetes. Die Dame streckt die Arme aus und schreit plötzlich auf:
->Foutez-moi le camp, vous deux! Tout de suite, allez-vous en!<

Was hat sie denn auf einmal? Was ist geschehen? Was haben wir angestellt, dass sie uns auf der Stelle davon jagt?

Die Frau, die noch vor einem Moment so freundlich drein blickte und sichtlich erfreut war, Hilfe bekommen zu haben, ist auf einmal wie verwandelt. Sie hat ihre Arme weit weggestreckt und schaut uns mit einem fürchterlichen Blick ganz böse an. Von ihrem Aufschrei wie hypnotisiert, in dem sie uns unmissverständlich auffordert, sofort abzuhauen, schleunigst zu verschwinden, gehen wir auf unsere Räder zu und holen sie aus dem Graben hervor.

Doch Rudi ist es, der sich ein Herz faßt, das Rad wieder fallen lässt und auf die Dame zugeht.
->Mais, excusez. chère Madame, je vous en prie, qu´est-ce que nous avons fait de mal, nous deux? Pourquoi vous êtes si en rage?<
->Je n´ai pas envie de vous le dire; mais violà: Parceque vous êtes allemands; je ne veux rien avoir avec vous!<

Sie ist so abweisend und will mit uns nichts zu tun haben, bloß weil wir Deutsche sind. Ich halte immer noch mein Rad abfahrbereit in den Händen; aber Rudi ist inzwischen mit freundlicher Miene ein paar Schritte näher auf die junge Frau zugegangen und bittet sie noch einmal:
->Mais pourquoi, Madame? Regardez…<
>Vous êtes allemands, ca suffit!<
>Mais Madame,…<
>Cela suffit, je vous prie de partir! Ce sont les allemands qui ont tué mes deux frères à Buchenwald en 1944! – Laissez-moi tranquille; je veux que vous partez, tout-de-suite!<

Rudi und ich, die wir alles wohl verstanden haben, schauen uns ratlos an. Die Feindseligkeit dieser Französin rührt daher, dass die Nazis ihre beiden Brüder im KZ Buchenwald vergast haben. Wieder ist es Rudi, der nach einer Weile sich erneut ihr zuwendet:
>Excusez-moi, Madame, s´il vous plaît! Nous regrettons ce que les Nazis ont fait avec vos frères; je sens si bien avec vous, mais laissez-moi expliquer, laissez-moi dire un seul mot, s´il vous plait!<

Rudi bittet also inständig darum, wenigstes ein Wort mit ihr über das Schicksal ihrer beiden Brüder wechseln zu dürfen, das wir mit ihr bedauern.
Derweil habe ich Anstalten gemacht, aufs Rad zu steigen; Rudi aber bleibt beharrlich und wiederholt beherzt seine Bitte um ein Wort darüber.
->Madame, en 1944, nous deux, nous étions encore petits garcons,… j´avais douze ans et mon ami treize. – Nous comprenons bien votre douleur, le destin irréparable de votre famille,… votre haine inoubliable; mais voulez-vous… transproter la responsabilité pour tout cela sur les épaules de deux jeunes gens… innocents?<

Inzwischen sind einige wenige Autos vorbeigefahren; aber keiner der Fahrer sieht sich veranlasst, anzuhalten, da sie ja sehen, dass schon Hilfe da ist.

Ich muß über Rudis Beherrschtheit staunen und über seine wahrhaft fortgeschrittenen Französischkenntnisse, wie er ihr zu verstehen gibt, dass wir ihre Trauer, ihren Schmerz sehr wohl verstehen und das nicht mehr gut zu machende Verbrechen an ihrer Familie einzuschätzen vermögen. Doch, so bittet er die Frau, zu bedenken, dass wir beide damals Jungen von 12 und 13 Jahren waren, wohl kaum für dieses schändliche Untat verantwortlich.

Obwohl man in dieser Bitte einen leichten Vorwurf erkennen könnte, hat Rudi es doch verstanden, seine Worte in einen milden Ton zu kleiden, wenngleich er mehrfach absetzen musste, um den passenden Ausdruck zu finden. Da hätte ich zu Rudis überzeugenden Worten so gern noch hinzu gefügt, dass wir beide, wären wir damals im gleichen Alter wie ihre Brüder gewesen, wer weiß, nicht auch in diesem erbärmlich dreckigen Krieg verwundet oder gar getötet worden wären. Doch mir wollen die Worte dazu auf französisch nicht einfallen.

Die junge Ärztin mustert uns beide nun etwas gründlicher, und ich merke, wie sie innehält und nachdenkt. Sie hat inzwischen den Wagenheber hervorgeholt und will sich selber daran machen, den platten Reifen auszuwechseln. Aber sie muß doch aufmerksam zugehört haben, als Rudi ihr klar zu machen versuchte, dass wir beide wohl kaum für den bedauernswerten und unverzeihlichen Tod ihrer Brüder verantwortlich gemacht werden können.
Da wendet sie sich wieder uns zu, schaut uns beide von oben bis unten an und reicht uns schließlich, ohne ein weiteres Wort, den Wagenheber.

Nach einer guten Viertelstunde haben wir, trotz einiger Ungeschicklichkeiten, den Reifen gewechselt und den Wagen wieder flott. Bevor unsere Landärztin losfährt, reicht sie uns ihre Hand und meint, sie müsse sich beeilen. Aber, wenn wir Lust hätten, würde sie in Sommesous, im übernächsten Ort, nach ihrem Patientenbesuch auf uns warten und uns zu einem Umtrunk ins Bistro am Kirchplatz einladen. Steigt eilig ein, winkt noch einmal aus dem Fenster und fährt los.
Keine Frage, dass wir uns nur ganz kurz anschauen, sofort auf die Räder schwingen und uns beeilen, ihr so schnell wie möglich nachzufahren. Wir durchqueren ohne jegliche Umsicht den nächsten Ort mit dem appetitlichen Namen `Bains de Brie´. Doch, obwohl wir es eilig haben und beide noch in Gedanken der seltsamen Begegnung mit der jungen attraktiven Frau nachhängen, kann Rudi sich beim Lesen dieses Ortsnamens jedoch nicht die abschweifende Bemerkung verkneifen:
-„Bains de Brie! Hier wird also der Brie gemacht, und bevor er neuerdings auch ins Saarland exportiert wird, wird er hier im `bain de Brie´ erst gebadet! „

Da kann ich auch nicht umhin, über den von Madame angekündigten nächsten Ort zu frotzeln:
-„Sommesous, der Ort vor uns, hat auch ein kleines Wortspiel im Namen. Nimmt man es auseinander: Somme Sous, also eine Summe Sous, dann frage ich, wie viel Sous die Madame in Sommesous wohl springen lassen wird, beim Versöhnungstrunk?“
-„Gut gekontert; aber du bist albern und prosaisch; wie kannst du an so was denken, wo es doch nur darauf ankommt, dass sie sich mit uns versöhnen will!“

Nach noch ein paar Kilometern, steigt auf einmal die Straße aus einem flachen Tal heraus wieder zu einer sanften Anhöhe an, auf deren Kamm die Silhouette von Sommesous auftaucht. Aber vor der Kneipe, die Madame für unsern Treffpunkt ausgemacht hatte, ist kein hellgrauer Renault zu sehen.
-„Hat es sich doch anders überlegt, Madame la docteuresse.“
-„Oder ihr Ernstfall ist doch schwerer als gedacht, und sie ist noch dort.“

Wir halten nur ganz kurz an, um noch einen suchenden Blick über den jetzt am frühen Mittag ziemlich belebten Kirchplatz zu werfen; aber ihr Wagen ist tatsächlich nicht da.
-„Die hat uns versetzt; warum sollte sie sich auch noch weiter mit uns deutschen Burschen abgeben?“
-„Schade, ich hätte geschworen, die wollte uns noch einen ausgeben!“

Gerade als wir wieder aufsteigen, kommt uns mit flottem Schritt aus dem Bistro ein etwas korpulenter Herr mit weißer, fast bis zum Boden reichender Schürze um den Bauch entgegen und stellt sich uns breitbeinig in den Weg.
-„Vous-êtes bien les deux jeunes cyclistes allemands; voilà un message de la part de Madame, la Docteuresse.“

In der Zwischenzeit sind einige Männer aus der Bar herausgekommen und wollen uns mit allerlei Fragen überfallen. Aber der Kellner setzt sich energisch durch und verkündet uns mit sichtbarem Stolz die Botschaft von Frau Doktor:
Sie sei durch ihre Autopanne zu spät zu dem Notfall gekommen. Ein Verwandter des Patienten habe schon vorher hier von der Bar aus die Urgence von Vitry angerufen, weil es dem Monsieur inzwischen sehr schlecht gegangen sei. Der Krankenwagen habe ihn dann hier abgeholt und zur Notaufnahme ins Krankenhaus von Vitry-le-Francois gefahren. Madame la Doctoresse sei dann hinterhergefahren, um wenigstens den Krankenbericht dort abzugeben und zu sehen, wie es dem Patienten inzwischen ginge. Und was nun uns beträfe, so würde sie jedenfalls nach ihrer Mission im Hospital noch eine gute Stunde im >Souvenir de l´Avenier< in Vitry auf uns warten. Das Restaurant wäre zwar klein, aber nicht zu übersehen und leicht zu finden. Das `Souvenir´ läge, vom Ortsschild an gerechnet nach der dritten Kreuzung von unserer Fahrtrichtung aus gesehen auf der linken Seite.

Der freundliche Mann will noch ein Bier spendieren; wir aber haben jetzt keine Zeit zu verlieren, sollten sich unsere Wege nach Gottes Wille noch einmal mit denen von Frau Doktor kreuzen. Wir bedanken uns beim freundlichen Kellner und wollen sofort weiter. Er aber ist schon wieder aus der Bar mit zwei Glas Bier zurück und meint:
– „Mais quand même, jeunes gens, un demie à la pression, en passant, ca fait du bien!“

Da hat er recht, so ein frisch Gezapftes im Stehen, das tut wirklich gut. Dann aber steigen wir in Eile auf und treten mit voller Kraft in die Pedale.
Vor uns Vitry-le-Francois! Wir achten beim Einfahren in die Stadt auf nichts anderes als auf den fernmündlich verabredeten Treffpunkt.
Es ist die vierte, nicht die dritte Kreuzung. Schon bevor wir sie passieren, sehen wir auf der gegenüberliegenden Seite den hellen 4-CV vor dem angegebenen Lokal in der Sonne leuchten.
Was für ein seltsamer Name für ein Restaurant: >Le souvenir de l´Avenir<, die Erinnerung an die Zukunft!

Und unsere Docteuresse hat tatsächlich Wort gehalten und auf uns gewartet. Sie empfängt uns mit freundlichem Lächeln und herzlichem Händedruck.
Das Warten hier draußen in der Sonne habe ihr, so sagt sie, bei diesem Sommerwetter gar nichts ausgemacht. Und so sitzen wir drei nun draußen entspannt in der Mittagssonne, sie bei einem Martini, wir bei dem, womit wir in Sommesous schon angefangen hatten, einer bière à la pression.
Am heutigen Montag ist hier draußen nur ein Teil der ausgestellten Tische mit Speisegästen besetzt. Aber was wir schon in Dijon bewunderten: Es ist eine Augenweide, den Franzosen zuzusehen, wie sie es auch am helllichten Werktag geradezu zelebrieren, mittags auszugehen und ausgiebig zu speisen.

Wir stoßen an, und Madame meint dazu:
– „Ich bin froh, dass wir uns trotz der misslichen Umstände dennoch getroffen haben; denn ich wollte nicht, dass wir so ohne ein letztes Wort auseinander gingen. Ich möchte mich bei ihnen, meine jungen Männer, in dieser Form entschuldigen für das, was zu Beginn unserer Begegnung vorgefallen war. Als ich so unvermittelt ihre deutsche Sprache sprechen hörte, da hatte ich in meinem Schmerz um meine Brüder einfach die Contenance verloren, pardonnez-moi!“
Wir erheben unsere Gläser zum Zeichen unseres Verständnisses und prosten der jungen Dame zu.

Mittag ist inzwischen längst vorüber, und nach dem frischen Zapfbier knurren unsere Mägen umso mehr. Sie muß es bemerkt haben; jedenfalls meint sie, der Patron führe eine cuisine excellente. Und mehr als Aufforderung denn als Frage fügt sie hinzu:
-„Darf ich Sie, Messieurs, dazu einladen!“

Wir beide schauen uns fragend an und zögern mit einer Antwort, da ruft sie schon den Kellner herbei. Rudi fühlt sich aus purer Höflichkeit gedrängt, lediglich einzuwenden:
-„Aber nur eine simple Plat du jour, s´il vous plait, Madame!“

Aus dem einen Bier werden zwei und drei, und es hat kaum eine Plat du jour gegeben, die uns in solch versöhnlicher Atmosphäre jemals so ausgezeichnet geschmeckt hätte, obwohl die erste, die wir in unserm Leben, nämlich in Dijon genossen hatten, auch nicht von schlechten Eltern, oder besser gesagt von geizigen Köchen gewesen ist.
Unsere Gastgeberin erfreut es offensichtlich, zuzusehen, mit welchem Appetit wir zuschlagen. Rudi möchte sich auf seine typische Weise dankbar zeigen:
-„Ein wirklich zutreffender Name, >Le Souvenir de l´Avenir<. Es schmeckt hier so gut, dass man sich noch lange dran erinnern wird, und vielleicht kommen wir ja mal wieder!“

Wir sitzen noch ein Weilchen zusammen. Madame zeigt sich sehr interessiert an unserer Fahrt, unserem Schülerdasein und unserer Zukunft. Sie fragt sogar nach unseren eigenen Kriegserlebnissen. Über den Vorfall am Straßenrand von heute Vormittag möchte sie nicht mehr viele Worte machen, meint aber, unsere Begegnung habe ihr gut getan und würde ihr weiterhelfen. Es müsste ja ein Ende haben mit aller Feindschaft!
Wie sie nach bezahlter Zeche in ihr Cremeschnittchen steigt und losfährt, stehen wir noch eine Weile in der prallen Nachmittagssonne zwischen den kleinen Tischen und Stühlen dieses Bistros und schauen ihr nach, bis ihr Wagen hinter der dritten Kreuzung des Ortes ganz verschwunden ist.
Mit Schwung wollen wir weiter; aber nach ein paar Umdrehungen merken wir, das Bier hat uns doch müder gemacht als wir wahrhaben wollten. Also legen wir uns unter einem großen Laubbaum in den Schatten zum Ausruhen und schlafen sogar für eine geraume Weile ein.

Die Rast dauerte doch länger als ausgemacht; aber wir fühlen uns jetzt so gut ausgeruht und so guter Dinge, dass wir wieder zügig vorankommen. Nach geraumer Zeit, in der es schon in den Abend geht, meint Rudi, Nancy sei schon zu spüren. Er fühle sich fit, und so entschließen wir uns, in die Nacht hinein durchzufahren.

Inzwischen ist es dunkel und auch kalt geworden. Es wird der Trainingsanzug übergezogen, ein Paar Socken als Handschuhe übergestülpt und weiter geht´s. Der Mond ist aufgegangen, ein willkommener Begleiter und Wegweiser. Und er leuchtet so hell, daß wir den Dynamo an der Radfelge ausschalten und somit leichter fahren können. Die großen Steigungen hinauf lassen wir uns von langsam fahrenden Lastwagen hinaufziehen. Die Fahrer haben nichts dagegen; mit einen flüchtigen Wink animieren sie uns gerade dazu. Das nächtliche, schlafende Toul wird durchfahren, das Tal der Meuse überquert.

Wir sind still geworden; uns beschäftigt beide noch das Ereignis des Tages, vielleicht das bedeutsamste der ganzen Fahrt. Wir wissen aber auch, dass wir uns hier in der Region der großen Schlachtfelder aus den beiden großen Kriegen, den grausamsten der Weltgeschichte, befinden. Nur einige Kilometer flussabwärts liegen die Stadt und das Schlachtfeld Verdun.
Wie viele Ängste, wie viel Hungern, Verkümmern und Leiden, in kalten, nassen Schützengräben! `Auf, auf marsch, marsch!´ Welch körperlich überfordernder letzter Einsatz heraus aus den Gräben, durch den Drahtverhau hindurch in Schlamm und Morast, mit gestreckter Brust dem Feuerhagel entgegen.

Und am Ende: Wie viele liegen da, auf beiden Seiten, tausende, abertausende von verwundeten und zermetzelten jungen Körpern. Wie viel Schmerz, wie viel Wehgeschrei und schließlich wie viele Tote, tausende, abertausende von sinnlos geopferten Söhnen und Vätern, aber auch von Frauen und Kindern!
Es ist vor allem die Sinnlosigkeit, die nachdenklich und stumm macht. Wie lange, wie heftig wurde um eine einzige Anhöhe, die wir jetzt in wenigen Minuten erklimmen, auf Leben und Tod gekämpft, unter unsagbaren Opfern erstürmt, wieder aufgegeben, rückerobert und wieder dem Feind überlassen. Wie sinnlos, allein schon der von den militärischen Strategen dafür erfundene Begriff: „Stellungskrieg“.

Wie unmenschlich paradox erscheint uns im sanften Mondlicht dieser Nacht jene immense Todesmaschinerie, die in diesem erst zur Hälfte vergangenen Jahrhundert hier mehrfach über Land und Leute hinweg gewütet hat.
Es ist gar nicht groß genug einzuschätzen, wie frei und ungeniert es uns in diesen Tagen und Nächten ermöglicht ist, durch diese Lande, Städte und Dörfer zu ziehen, sich zu freuen, sich zu öffnen, einander die Hand zu reichen, ein Lächeln geschenkt zu bekommen und der Freundschaft wegen ein Bier und ein Plat du Jour anzunehmen.

Ohne viele Worte darüber zu verlieren, ein Blick in die vom Mondschein erhellten Augen des Gefährten neben mir genügt, um zu wissen was nicht nur in dieser Nacht, nicht nur für diese Fahrt, sondern für alle Zeit zu gelten hat: Annäherung, Versöhnung, Freundschaft, Freiheit!

Gegen drei Uhr erreichen wir noch vor dem Morgengrauen die Banlieu von Nancy. Die Beine sind schwer wie Blei und wollen gar nicht richtig auf dem Pflaster auftreten. Wir sind totmüde, aber heil froh, durchgefahren zu sein. Rudi hatte Recht, denn auch eine solche Nachtfahrt will erlebt sein. In der großen Halle des Hauptbahnhofs legen wir uns irgendwohin und pennen.

© Rudolf Engel, 2015

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