Folge 21: Abschied im Sommerregen

Ein Sommerregen, der Paris einen besonderen Charme verleiht

pendel sein

in schwingung seinsoldat inconnu
auf deinem weg
nicht mehr den atem spüren
neben dir
fort nur fort
von hier
zu finden dich
den dir bemeß´nen raum
allein
nicht mehr verweilen
unterwegs nur sein
am ende wie am anfang
schwingend
in die leere
um wieder unterwegs zu sein
im wachen wie im traum

Rudolf Kammer, gezeiten, p.120

Leichter Regen nieselt über Paris als der neue Tag beginnt und die Stadt mausgrau aussehen läßt. Das macht uns den Abschied leichter. Wie gern wären wir noch geblieben, aber dieses erste Schnuppern am Duft der weiten Welt hat uns, obwohl spartanisch gelebt, mehr gekostet als bisher die übrige Fahrt, womit unsere finanziellen Reserven nahezu aufgebraucht sind.

Während ich die Sachen packe und die Räder kontrolliere, bleibt Rudi noch ein Weilchen im Frühstücksraum. Er hat doch noch eine Zeitung erwischt und will wissen, was inzwischen in der übrigen Welt passiert ist. Wie er zu den Rädern kommt, steigt er wortkarg auf und meint auf mein Anfragen:
-„Wir können los, die restliche Welt ist auch noch in Ordnung!“

Heute, am frühen Sonntagmorgen ist selbst in Paris deutlich weniger Verkehr als sonst. Es hat merklich abgekühlt; trotz des Regens kommen wir einigermaßen überall gut durch. Noch einmal erreichen wir auf der Anhöhe die Place de l´Étoile und blicken noch einmal die große Prachtstraße hinab. Verschwunden ist das Lichtermeer der Nacht und aller Glanz, der sich darin gespiegelt hatte. Und dennoch, das plötzlich eingesetzte Regenwetter, die grauen Wolken, die Nässe auf den Straßen, die sich auf dem blanken Chrom der Autos und in den Schaufenstern der großen Geschäfte widerspiegelt, verleiht Paris einen besonderen, wenngleich etwas traurigen Charme.

Noch ein letztes Mal halten wir kurz am Etoile, werfen einen letzten Blick hinüber zum Grab des Unbekannten Soldaten, fahren aber nicht mehr gerade aus die Champs Élysées hinunter, sondern in etwas östlicher Richtung über den Boulevard Haussmann hinweg, dem Stadtrand entgegen.
In der Nähe der Gare de l´Est erwischt es dann meinen Drahtesel doch noch mit einem Platten. Ich hatte, wie es bei Rudi der Fall war, schon viel früher damit gerechnet, weil die Bereifung unserer Räder nicht die neueste ist.
Einige Passanten schauen erstaunt, wie wir im nächst besten Bistro zunächst einen café au lait in kauf nehmen, um uns eine größere Spülschüssel mit Wasser geben zu lassen und dann unter dem Regenschutz der vor dem Café ausgefahrenen Jalousie den defekten Schlauch zu flicken.

Und kaum, dass es wieder weiter geht, haben wir uns in einem der ausgedehnten östlichen Pariser Faubourgs auch schon verfahren. Das Hinweisschild kam mal wieder zu spät oder wurde von uns übersehen. An einer sehr belebten Kreuzung fahren wir in unserer Not an den in der Mitte stehenden Verkehrspolizisten heran und fragen ihn, wie wir wieder auf unsern vorgesehenen Weg kommen. Der junge Mann in dunkelblauer Uniform mit hellweißem Koppelzeug und dem ebenfalls geweißtem Gummiknüppel versteht sein Handwerk: Er schafft es, uns genauestens Auskunft zu erteilen, ohne dabei sein eigentliches Geschäft, die Regelung des Kreisverkehrs, zu vernachlässigen, mit der eingeübten Zeichensprache und der damit verbundenen, festgesetzten Körpersymbolik.
Diese besteht in der Hauptsache darin, zunächst einen schrillen Pfiff aus der Trillerpfeife abzugeben und dabei gleichzeitig den rechten Arm senkrecht in die Höhe zu strecken, um damit den Autofluß der einen Kreuzungsstraße in beiden Fahrtrichtungen zu stoppen. Dann vollzieht unser Flic ganzkörperlich eine viertel Drehung und streckt dabei beide Arme in Schulterhöhe, also waagerecht aus, womit er den Fahrzeugen der anderen Kreuzungsstraße nach beiden Richtungen freie Fahrt erteilt. Wenn während dieser Phase der Verkehr nach seiner Meinung zu sehr ins Stocken gerät, dann bedient sich der emsige Polizist wieder ganz heftig seiner Trillerpfeife und lässt dabei seinen weit leuchtenden Gummiknüppel wie einen Propeller mittels der Lederschlaufe heftig um sein Handgelenk kreisen, womit er die zögernden Fahrzeuge entschieden auffordert, schleunigst die Kreuzung frei zu machen.

Unser charmanter Gendarm findet dabei noch die Zeit, unsern Dank für die prompte Auskunft entgegen zu nehmen, indem er die linke freie Hand zackig an den Schirmrand seiner dunkelblauen `Casque´ führt und gleich darauf den Unterarm explosionsartig nach vorne schnellen lässt…

Wir aber ziehen, trotz des Nieselregens, endlich auf dem rechten Weg, munter weiter. Durch diese beiden Verzögerungen sind wir erst gegen Mittag, also reichlich verspätet dem inzwischen wieder lebhaft gewordenen Großtadtverkehr entronnen.

Adieu Paris! Auf Wiedersehn Weltstadt! Du hast uns solch großartige Eindrücke beschert. Wir werden wiederkommen!

Und während wir immer noch wortlos und nachdenklich vor uns hinfahren, fällt mir plötzlich ein, dass wir etwas Wichtiges zurückgelassen haben. Ich halte sofort an und sage zu Rudi:
-„Ich habe unser Beil in der Jugendherberge liegen lassen. Ich hatte es dort zuletzt in der Küche gebraucht, um das Anfeuerholz zu kleinen Spellerchen zu zerhacken.“
-„Jetzt sind wir schon zu weit weg, um umzukehren. Hoffen wir, dass wir das Beil für den Rest der Heimfahrt nicht brauchen. Beim Weiterfahren wende ich mich noch einmal vorwurfsvoll an meinen Freund, der sich auf der ganzen Fahrt so wenig um die alltäglichen Dinge zu kümmern brauchte.
-„Du hättest heute Morgen auch mal nachprüfen können, ob wir alles zusammen haben, statt die Zeitung zu lesen!“
-„Das hat nun auch mal sein müssen!“
-„Stand denn was Wichtiges drin?“
Rudi gibt mir darauf keine Antwort und fährt munter weiter.

Jetzt, da wir das westliche Ziel, das zuvor auf unserer Reise gar nicht vorgesehen war, hinter uns gelassen haben und es nur noch nach Osten, also Richtung Heimat weitergeht, wird uns so recht klar, dass wir nun auf der Heimreise sind. Rudi muß es seit wir die Banlieu verlassen haben, ganz besonders gemerkt haben. Denn er hat auffallend seine Fahrweise geändert. Wie das Pferd, das schon beginnt, den Stall zu riechen, legt er, sobald wir wieder auf der Landstraße sind, einen Zahn zu.

Mir soll´s recht sein. Die flache, ohnehin sehr dicht besiedelte Region von Petit Paris bietet uns keinen besonderen Anreiz, zumal auch hier der Nieselregen weiter anhält. Und während wir wieder im freieren Gelände eine ganze Weile stumm nebeneinander herradeln, weichen meine Blicke von der nassgrauen, eintönigen Landschaft ab. Ich denke zurück und auch wieder nach vorne, an das was vor noch uns liegt:
-Jetzt sind wir schon zwei volle Wochen unterwegs. Heute ist Sonntag. Zu Hause werden die Kameraden im Dorf um diese Zeit nach dem Hochamt beim Hirschen oder in der Germania beim Frühschoppen sitzen. Und heute Nachmittag werden sie das Handballspiel gegen Griesborn, Köllerbach oder Saarlouis bestreiten. Ob Marianne auch unter den Zuschauern sein wird, wenn ich mal nicht mitspiele?

Wir passieren Orte wie Toteney und Esterney und schaffen an diesem Tage noch 130 km aus der Ile de France in die Champagne hinein. ..

Bei dem nassen Wetter ist nicht ans Zelten zu denken. Aber ein Unterkommen sollte hier nicht so leicht fallen wie etwa in der Gegend der Côte d´Or. Erst bei der vierten Nachfrage erhalten wir die Erlaubnis, in der Küche eines Gehöfts zu kochen und unser Nachtlager im Pferdestall aufzuschlagen. Der Stall ist uns gerade recht, denn es wird ziemlich frisch in dieser Nacht.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 22

Advertisements