Folge 17: Mit den Rädern über die Champs Élysées

monas

mensch in der landschaft
nur ein nichts
trotz seiner spuren
die er hinterlässt –
der nächste wind
wird sie verwehen

Rudolf Kammer, gezeiten, p. 124

Mit den Rädern über die Champs Élysées

Obwohl ein mörderischer Verkehr unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus: Paris ist wirklich eine einzigartige Weltstadt; ist mit ihren Vorstädten sicherlich so groß wie das Saarland, hat aber mehr als das Vierfache an Einwohnern.

Seit einigen Kilometern fahren wir nun schon durch großstädtisches Gebiet. Im Gegensatz zu Saarbrücken merkt man dieser Metropole die Spuren des Krieges und der deutschen Besatzung keineswegs äußerlich an. Keine Ruinen, kein übrig gebliebener Schutt, überall Wohlstand!

So viele Eindrücke strömen rechts und links der großen breiten Ausfallstraßen auf uns ein; wollen beachtet werden. Wir aber müssen unser Augenmerk ganz auf unsere Route legen. Denn es ist gar nicht so einfach, auf diesen zwar breiten, aber so sehr belebten Avenues und Boulevards mit unsern Drahteseln vom Lande unbeschadet durchzukommen. Und beinahe hätte es sogar einen Unfall gegeben. In einem einzigen Moment der Unaufmerksamkeit gerate ich mit dem Vorderrad in die Rille einer Straßenbahn, kann aber gerade noch einen Sturz abfangen, kann ausweichen und somit einen Zusammenstoß mit dem direkt hinter uns kommenden Lieferwagen vermeiden. Glück gehabt, nicht verletzt, und die Felge samt Bereifung scheint unversehrt. Schon ein neuer Schlauch, das haut ins Geld: und ein neuer Mantel oder gar eine ganze Felge, das hätte unserm schmalen Geldbeutel gerade noch gefehlt.

Obwohl es uns zunächst dazu drängt, möglichst schnell die Jugendherberge in Neuilly zu erreichen, können wir nicht umhin, ab und zu anzuhalten, mit den Rädern auf dem Bürgersteig zu gehen, und dem quirligen Treiben zuzusehen.

Unbeschreiblich, wir genießen zum ersten Mal das Flair einer Weltstadt!

Ein gewisses Rieseln, eine Art von Gänsehaut läuft mir über den Rücken, je mehr wir uns der Innenstadt nähern. Nicht so schnell wie die Rennfahrer der Tour de France, aber bestimmt ebenso glücklich fahren wir ins Zentrum der französischen Hauptstadt ein.

`Place de la Concorde´, natürlich halten wir an und steigen ab: für uns in diesem Augenblick der schönste Platz der Eintracht auf der Welt!

Und dann, vor uns die Champs Elysées, berühmte und bedeutendste Prachtstraße Europas!

Ein Gemisch von Benzin, Auspuffgas und Sommerdunst; wie atmen den Duft der großen weiten Welt!

Droben am leicht erhöhten Horizont, grüßt der `Arc de Triomphe´, von weitem etwas im zarten Nebel des gewaltigen Stadtverkehrs eingetaucht.

Und hier rechts und links, auf den beiden über und über ausgreifenden Fahrstraßen, auf den ebenfalls überbreiten Gehwegen und Trottoirs sind Himmel und Menschen unterwegs, fast jeder für sich und jeder in eine andere Richtung.
Ebenso viele Menschen sitzen wie gelangweilt, aber völlig entspannt vor unzähligen Cafés und Bistros, Menschen, die es sich trotz lärmendem Verkehr in der sommerwarmen Nachmittagssonne gut tun lassen. Bis zu zwanzig Stuhl- und Tischreihen sind hier am helllichten Tage von vorne bis hinten mit Gästen gefüllt, für die das Wochenende wohl schon begonnen hat.
Wer von uns beiden hätte sich das noch vor einer Woche erträumt: Wir radeln die prächtigste Avenue der Welt hinauf, überqueren wagemutig den riesigen Sternplatz, den Ètoile, finden die Richtung hinunter nach Neuilly, überqueren die Seine und finden nach langem Suchen und Irren endlich den `Foyer Braudy´, eine der Pariser Jugendherbergen.

Aber dies ist kein Foyer, gar kein heimischer Herd, vielmehr ein wahres Bienenhaus, in dem es ständig aus und ein geht.

Auf allen Etagen, auf allen Fluren, auf jeder Treppe, in allen Räumen, überall ein Gewirr von Menschen, jungen, heiteren, geschwätzigen und freundlichen Menschen.
Und ein prächtiges, großes Haus, unter dessen Dach wohl jeder machen kann, was er will.
Rudi lehnt sich am Geländer des Vestibüls an, lässt die Arme fallen und ruft:
-„liberté-ègalité-fraternité!“

Während uns also dieser erste Eindruck ziemlich bestürzt, uns, wir, die in Elternhaus, Schule, Kirche und Jungvolk nur Aufsicht, Befehl und Ordnung kannten, müssen ein paar Stunden später feststellen, dass es trotz des Fehlens jeglicher Aufsicht hier recht friedlich und zivilisiert zugeht.
Uns begeistert das sinfonisch klingende Stimmengewirr auf allen Fluren, Gängen, Treppen und Plätzen, ein wahrhaft babylonisches Kauderwelsch, was da durch alle Räume dröhnt: Franzosen, Italiener, Engländer, Dänen, Belgier, Holländer sprechen munter durcheinander; sogar einen Saarländer haben wir entdeckt, aber keine Jugendlichen „aus dem Reich“.

Und als wir unsere Räder abgestellt hatten, unsere Betten bezogen und die verschwitzten Klamotten abgelegt, da haben wir als erstes den unwiderstehlichen Drang, die Duschen in Anspruch zu nehmen. Und wie das Wasser den Seifenschaum vom Körper herunter spült, da fühlen wir uns beide auf einmal derart erleichtert, dass wir unwillkürlich anfangen, zu singen und ungewöhnlich laut miteinander zu sprechen.
Neben uns duscht eine Gruppe junger Holländer. An ihrem Getuschel und sonstigen Gebaren merken wir, dass sie scheinbar an unserer deutschen Sprache Anstoß nehmen. Sie schauen uns mit derart zornigen Blicken an, als wollten sie Krach mit uns anfangen und damit deutlich machen, daß sie nicht gewillt sind, mit Deutschen unter einem Dach zu sein.
Wie wir kurze Zeit später in den Kochraum wollen, stellen sich uns drei der Holländer in den Weg. Obwohl Rudi meint, die Situation dränge darauf, ausdiskutiert zu werden, fehlt uns an diesem späten Abend die Kraft dazu. Wir sind zu müde von der mörderischen Etappe durch die verkehrsreiche Ile de France, durch die Vororte und Straßen von Paris.
-„Ewei gefft nur noch platt geschwatt, sollen se doch määnen, mir wären Letzeburger!“

Um den drohenden Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, unterhalten Rudi und ich uns von jetzt an betont nur noch auf „Brotdroffer Platt“, dem moselfränkischen Dialekt unserer Heimat, der mit dem Luxemburgischen sehr verwandt ist. Und von dem Moment an, in dem wir uns sprachlich als „Letzeburger“ ausgeben, hakt man nicht mehr weiter nach und läßt uns in Ruhe.

Ich bin ja wie Rudi auch der Meinung, dass man Auseinandersetzungen, welche die Düsternis von Europas jüngster Vergangenheit betreffen, nicht aus dem Wege gehen soll; aber für Handgreiflichkeiten wollen wir uns nicht hergeben und für Konversation haben wir an diesem späten Abend einfach keine Spucke mehr. Nach der Suppe fallen wir in die Matratzen der Stahlrohbetten.
Auch an diesem Abend fällt das Einschlafen schwer. Die Aufregungen der vergangenen Nacht und die Strapazen unserer letzten Etappe von dem einen Ende der Weltstadt zum andern, haben unsere Körper erschlafft. Ich spüre jeden Knochen, jeden Muskel. Und zu allem Übel knarren die Stahlfederauflagen in diesen eisernen Bettgestellen jedes Mal, wenn sich einer hier im Saal auf seiner dünnen Matratze umdreht.
Meine Gedanken eilen dem morgigen Tag voraus: Was die Besichtigung der Stadt betrifft, so werden wir uns bei diesem ersten Mal nur auf einen allgemeinen Eindruck beschränken können, werden nur die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten besuchen und alles andere für einen weiteren Besuch zu einem späteren Zeitpunk mit vielleicht mehr Geld und Zeit aufheben müssen.

Vielleicht habe ich ja Glück und werde nach dem Staatsexamen eine Lektorenstelle hier in Frankreich bekommen. Die Aussichten stehen günstig: Kultusminister Strauß war noch kurz vor den Ferien zu uns ins Seminar gekommen. Wir hatten eine Beschwerdeschrift verfasst und in Saarbrücken vorgetragen, wegen des miserablen, immer schlechter werdenden Essens im Internat. Strauß hatte sich an diesem Mittag unter uns in den Speisesaal gesetzt und mit uns die Mahlzeit eingenommen. Natürlich war an diesem Tag das Essen besser als je zuvor. Weswegen ich mich aber dessen jetzt erinnere, das war die besondere Nachricht, die der Minister uns übermittelte, bevor er Lebach wieder verließ:
-„Wer im Abschlußzeugnis in Deutsch und Französisch 18 Punkte erringt, kann auf Antrag ein Jahr lang auf Kosten des französischen Staates als Lektor auf ein französisches Gymnasium!“

In Deutsch bei Schinhofen wird es kein Problem sein die 18 Punkte zu erreichen, stehe ich doch schon im letzten Zeugnis auf 17. Wo ich mich besonders anstrengen muß, ist in Französisch. Meine letzten Klausuren schwanken zwischen 13 und 15 Punkten.
Von Rudi weiß ich, dass er nach dem Abitur vor hat Romanistik zu studieren; dann muß er auch ein Jahrespraktikum in Frankreich machen und wird dabei sicherlich auch reichlich Gelegenheit haben, Paris zu besuchen…

© Rudolf Engel, 2015

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