Folge 16: Über Melun auf nach Paris

I fought the lion

I fougt the lion fought the tiger
their teeth und paws ripped off my flesh
but did not hurt my soul
and so I loved them and lived on
well knowing that they loved me, too
it was a galant fight – without within
but now it is the bugs that are about
to do me in

Rudolf Kammer, gezeiten, p.98

Die lange Nacht ist vorüber. Der Morgen graut in einsamer Stille. Draußen auf dem Hofe hat sich nichts verändert. Das Gewitter hat sich längst ausgeregnet, hat lediglich auf dem Lehmboden des Innenhofes ein paar Pfützen hinterlassen, in denen sich im Spiegellicht der ersten Sonnenstrahlen ein paar Spatzen baden und tränken. Rudi schläft noch, ungewöhnlich lange heute Morgen. Ich stehe oben an der Luke des Heuschobers und schaue in Gedanken verloren dem Treiben der Spatzen zu. Mir geht dabei noch einmal der Disput dieser Nacht durch den Kopf.
Das kam so:

Mitten in der Nacht bin ich auf einmal wach geworden.
Der Regen hat aufgehört, aber es ist recht finster hier oben. Denn am Himmel, zu dem ich durch die weit offen gelassene Dachluke hinauf schaue, zeigt keinen einzigen Stern. Mir ist unheimlich; ganz sachte strecke ich den Arm nach Rudi aus und merke, dass er noch neben mir liegt, in Seitenlage von mir abgewendet. Etwas beruhigt ich lege mich wieder leise zurück in die Strecklage. Doch es will mir nicht mehr gelingen, wieder einzuschlafen und merke, wie sich der neben mir liegende Freund ständig hin und her wälzt, jedes mal mit einem kurzen Stöhnen verbunden.
Ich strecke erneut meinen Arm nach ihm aus und rüttle ihn wach:
-„Hast wohl auch einen schlechten Traum gehabt; wenn es dich beruhigt, dann reden wir.“

Er aber reißt sich von mir los, richtet den Oberkörper heftig auf und brüllt:
-„Laß mich in Ruhe! Laß mich doch in Ruhe!“

Wieder liegen wir regungslos nebeneinander. Wir hätten nicht auf diesem verlassenen Heuschober bleiben sollen, wären besser weiter gefahren, selbst im strömenden Regen, zum nächsten, bewohnten Gehöft, wo Menschen und Tiere leben!
An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Um das Schweigen zu brechen, drehe ich mich halb zu ihm rüber, lege meine Hand auf seine Schulter und sage:
-„Wir hätten diesen unheimlichen Hof hier nicht anfahren sollen! – Aber wir stehen das durch, Rudi, morgen scheint wieder die Sonne, und dann fahren wir auf Paris.“
– „Ich weiß, ich weiß, hast ja Recht! Aber fragst du dich in dieser beschissenen Situation nicht auch, was uns nur dazu getrieben hat, von daheim, wo die andern jetzt im Schwimmbad liegen, in diese Ungewissheit, in diese verlassene Gegend ohne genug Geld zum Sattessen, ohne genug Klamotten zum Wechseln einfach abzuhauen?“
-„Du wolltest anfangs nur nach Nancy, um deinen Brieffreund aufzusuchen.“
-„Ja, richtig, und du hast mir dann die Pistole auf die Brust gesetzt; wolltest nur mitmachen, wenn wir bis zum Genfer See führen.“
-„Na und! Du hattest doch schließlich zugestimmt, Sonne und Wasser zu erleben, Land und Leute kennen zu lernen!“

Und auf einmal ertappen wir uns in dieser unheimlichen Nacht dabei, wie wir uns darüber Klarheit verschaffen wollen, warum wir diese Fahrt überhaupt unternommen haben: Wollten wir doch einfach ausreißen aus dem Alltagstrott, ich von meiner „Internatskaserne Lebach“, Rudi von seinen „blöden Paukern auf der Penne“ und beide von den langweiligen Ferien daheim, von der mühseligen Haus- und Feldarbeit: auf den Wiesen die Maulwurfshaufen flach rescheln, in der Hitze auf dem Flur ins Korn gehen und dann die jungen Kartoffeln aufhacken, vom Unkraut befreien, samstags den Hofraum kehren, die Kaninchenkästen säubern, den Hühnerstall ausmisten…und…und, wie Rudi noch hinzufügte:
-„Und dich abends vom Alten schikanieren lassen.“
-„Also wollten wir doch beide in die Freiheit, wollten den Kram der Kriegszeit vergessen, unser Erleben selbst bestimmen, wollten bedeutende Städte sehen und freundlichen Menschen begegnen – denk doch nur an die freundlichen Bauersleute, die uns jedes Mal herzlich aufnahmen, den an Straßburg, an den Schäfer vom Doubs oder jetzt an Dijon.“
– „Du hast die hübschen Mädchen vergessen, vor denen wir Feiglinge Reisaus gemacht haben“
-„ Ja und? Wollten wir das denn nicht auch, den Reiz des Abenteuers vor dem Unbekannten, dem Unerwarteten?“
-„Und jetzt haben wir es, das richtige Abenteuer, mehr als erwartet und gewünscht, und die Freiheit, von der du immer faselst dazu..“

Längeres Schweigen…
-„Gut, wir hätten in den Ferien auch zu Hause bleiben können, hätten beim Klewer Schorsch schuften können, hätten in den acht Stunden am Tag doppelt so viel verdient, wie wir jetzt täglich ausgeben müssen!“
-„War doch letzten Sommer auch ein Hauch von Freiheit; freiwillig in der Sommerhitze den Speißspatz auf dem nackten Buckel die Leiter rauf schleppen, die Mauersteine hochhiefen, dir die dreckigen Witze von den Maurern anhören, dich von dem Arschloch von Polier ständig ankotzen zu lassen…..alles nur für diese verdammte Fahrt…“
-„Komm schon, lass uns nur mal in Paris sein, laß uns diese Fahrt hier nur mal zu Ende bringen; was glaubst du, was uns das hinterher noch bringen wird!“
-„Ist ja gut, ist ja gut. Laß uns endlich wieder schlafen!“

Heute Morgen also:
Wie ich merke, dass Rudi aufwacht, gehe ich zu ihm rüber.
Drunten rührt sich außer dem Geschrei der Spatzen immer noch nichts. Nach der frischen Morgenwäsche am Brunnen nehmen wir uns die Zeit, auf der offenen Feuerstelle im hinteren Teil des Hofes Kaffee zu kochen und die Weile vor dem Aufbruch, den klaren sonnigen Morgen zu genießen.

Wie wir das Tor hinter uns beiziehen, bleibt der Hof wieder so verlassen, so einsam, leer und ungenutzt, wie wir ihn vorgefunden hatten. Wir können es immer noch nicht fassen.
-„Einen solch stolzen Hof einfach aufgeben, mir will das nicht in den Sinn.“
-„Wenn man bedenkt, wie sie bei uns daheim vor nicht allzu langer Zeit aus den Trümmern der Ruinen mühsam die noch erhalten gebliebenen Bausteine ausbuddelten, um die zerstörten Behausungen einigermaßen wieder herzurichten.“
-„Und hier en France, da lassen sie Hab und Gut einfach stehen und liegen und hauen ab! Unglaublich, wirklich, und das jetzt schon ein zweites Mal auf dieser relativ kurzen Strecke!“

Weiter geht´s! Im nächsten Dorf kaufen wir frisches Brot. Die adrette oulangère ist sehr gesprächig, ist neugierig und will vieles wissen. Wir geben brav Antwort auf ihre Fragen…Bei der Gelegenheit erzählen wir auch, wo wir die letzte Nacht verbracht haben.
-„Ja, ja, der Hof der Le Bruns“, sagt uns die Bäckerin, „der steht jetzt schon mehr als ein halbes Jahr leer da. Als die Alten gestorben sind, da wollte der Sohn nicht mehr.“

Wir wagen nicht, nachzufragen, warum der junge Mann den Hof nicht übernehmen wollte und wo er inzwischen geblieben wäre. Aber die hübsche Bäckerin, bei der wir immer noch an diesem hellen Vormittag die einzigen Kunden sind, liest uns unsere Fragen vom Gesicht ab und erzählt munter weiter:
-„Der junge Le Brun, der hatte noch nie Lust am Bauern gehabt. Er war der einzige Sohn, das einzige Kind überhaupt, und die Eltern hatten ihn zu sehr verwöhnt. Immer trieb er sich in Auxerre und den andern Weinnestern herum und hat das Geld ausgegeben, das seine Leute mit ihrer Hände Arbeit erwirtschaftet hatten.“
-„Mai, où est-il resté maintenant, Madame?, fragt Rudi neugierig nach.
-„Le Brun, il est parti pour Paris, la Capitale!“

Da sie merkt, dass wir es nicht eilig haben; uns vielmehr an dem Fall interessiert zeigen, und da sie immer noch ohne keine Kundschaft ist, erzählt sie munter weiter. Der verlorene Sohn, wie sie sich ausdrückte, wäre gleich nach der Beerdigung der Eltern verschwunden. Man munkelte, er sei nach Paris, in die Hauptstadt gegangen. Der Bürgermeister ihres Ortes, der in Paris zu tun gehabt hatte, habe ihn in einem Bistro getroffen und dem habe Le Brun erzählt, er habe Hof, Vieh und Land zum Verkauf angeboten. Und was den Verkauf des Anwesens betrifft, da habe sich auch inzwischen schon etwas getan. Aber die Bauern hier aus der Nachbarschaft, die waren nur erpischt auf das Land und das Vieh, die wollten nicht auch das alte Gehöft dazu.
-„Vielleicht kommt ja der junge Le Brun ja eines Tages wieder zurück, wenn ihm in Paris das Geld ausgegangen ist!“

Auch wir wollen nach Paris, vielleicht noch heute und reichen der guten Frau zum Abschied die Hand. Sie erwidert den Händedruck mit einem freundlichen Lächeln und reicht jedem von uns noch ein Gebäck, eine Köstlichkeit, die wir bisher noch nicht kennen. Rudi, der stets galante, kommt mir zuvor:
->Oh, mille fois merci, Madame, mais qu´est-ce que c´est ca?<

Er bedankt sich also in unser beider Namen und fragt zugleich, was dies denn für ein Gebäck sei, dass sie uns da geschenkt habe. Darauf meint sie:
->Mes jeunes gens, ce sont des petit-pains-au-chocolat, vous ne les connaissez pas?<

Wir kommen nicht umhin, draußen bei unsern Rädern, bevor wir wieder aufsteigen, in diese kleinen eingerollten Brötchen aus lockerem Butterblätterteig mit dem eingebackenen Riegel Schokolade kräftig und gierig hineinzubeißen. Unsern nicht verwöhnten Mägen vermitteln nach den Croissants vom Bistro nun auch diese petits pains der boulangère einen nicht gekannten Hochgenuß und unsern Rädern einen kräftigen Anschub hinaus ins sonnendurchflutete freie Gelände, weiter auf Paris zu.

Je niedriger die Kilometerzahl auf den Meilensteinen wird, welche die Distanz zur Weltstadt anzeigt, desto höher steigt unsere Trittfrequenz in die Pedale. Auch Rudi, den sonst so Bedächtigen, scheint eine vorfreudige Ungeduld erfasst zu haben. Trotzdem ist in der Stadt Melun ein längerer Aufenthalt angesagt. Hier treten wir durch die Altstadt die gehärteten Beine aus, bewundern die frühgotische Kirche und stärken uns am Kirchplatz für den Rest der Etappe. Paris winkt!

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 17

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