Folge 15: Eine Flaschenpost voraus nach Paris

wir waren eins

wir waren eins
auf einer schaukel schwingend
schwerelos
im wasser uns berührend
scheu
umarmend uns im laub
vor lust
vergehend fast an einem kuß

wir sind ein paar
getrennt
um einen stern rotierende
kometen
suchend nicht und fliehend nicht
einander
ausersehen im verglüh´n
den sinn der rotation
zu ahnen
Rudolf Kammer, gezeiten, p 29

 

Eine Flaschenpost voraus nach Paris

Donnerstag, 11. Tag: Auxerre/Yonne

Es war eine streckenweise unruhige Nacht, provoziert von nur halb gefülltem Magen und einem Kopf voller Gedanken. Mittendrin merkte ich, daß Rudi nicht mehr neben mir lag. Als ich zum Zelt hinausschaute, erkannte ich im schwachen Mondlicht die dunklen Umrisse seiner Gestalt, direkt am Ufer stehend. Ich ging zwar nicht zu ihm, blieb aber wach, bis ich merkte, dass er sich wieder hingelegt hatte.

Bei unserm kargen Frühstück heute morgen, bei dem wir nur Reste verzehren, frage ich ihn, was er in der Nacht am Wasser gemacht habe.
Nach anfänglichem Zögern, sagte er dann, er habe in dieser schlafarmen Nacht das Grübeln los werden wollen. Deswegen war er wieder aufgestanden, hatte einen Zettel beschrieben und in die leere Saftflache aus dem Abfall gesteckt.
– „Was hast du damit vor?“
-„Da ich nicht schlafen konnte, musste ich noch was tun, irgend etwas tun. Obwohl die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass die Botschaft irgendwo empfangen wird, wollte ich schon mal eine Flaschenpost nach Paris vorausschicken!“

Mir wird klar, Rudi wollte seinen Kopf frei machen; vielleicht von dem, was ihn seit dem Kuß der Schönen bewegt, wieder frei für unser nächstes großes Ziel: die Weltstadt Paris.

Ein leerer Proviantbeutel und ein unbändiger Hunger drängen zum frühen und schnellen Aufbruch. Im ersten Dorf hat die Kneipe noch zu; aber im übernächsten Ort werden wir uns wir uns trotz der eng bemessenen Finanzen ein richtiges französisches Frühstück genehmigen. Ausgangs des Ortes, neben der Tankstelle bestellen wir in dem bereits vom blauen Dunst der Gauloises verrauchten Bistro, wo auch ein paar Fernfahrer frühstücken, einen `Café au lait´ und für jeden zwei, nein drei croissants.
Der Milchkaffee wird in einer ziemlich großen Bol serviert. Er ist sehr heiß und hat, da die Franzosen den Kaffee sehr schwarz brennen und viel Milch beimischen, keine goldbraune Farbe, sondern schimmert gräulich. Die croissants sind eine Götterspeise. Dieses Buttergebäck zergeht auf der Zunge, ist aber für unsern Riesenhunger nicht mehr als nur ein Häppchen, viel zu wenig. Wir bestellen, jeder noch une tartine au beurre hinzu.
Der Garcon fragt, ob wir noch etwas Kaffee dazu haben möchten. Wir beide schauen uns zweifelnd an; doch der Garcon deutet unsere Blicke schon richtig:
– >Le rabe est gratuit, bien sur, Messieurs!<, womit er uns zu verstehen gibt, dass der Nachschlag an Kaffee natürlich gratis sei.

Nach gut zwei Stunden Weiterfahrt liegt vor uns Auxerre, die Stadt, die der umliegenden Landschaft und den dort reifenden Reben, dem Auxerrois, ihren Namen gab.
In der Vorstadt suchen wir den ersten Bäckerladen auf, kaufen eine große `Boule´, ein rundes knuspriges Landbrot und eine große Tafel Schokolade für die Mittagspause. Unten am kleinen Hafen an der Yonne rasten wir und essen Brot und Süßigkeit als zweites Frühstück völlig auf.

Auxerre, die Weinstadt, macht einen heiteren Eindruck, mittelgroß, etwa wie Saarlouis. Mit dem Rad neben uns, schlendern wir durch einige Gassen, bewundern die alten Häuser und schmucken Renaissancebauten, besuchen die Kathedrale, schlendern noch ein wenig am Kai der Yonne; dann aber steigen wir wieder auf und fahren unserer Flaschenpost nach…

Wenn man in Betracht zieht, was wir bisher an Landschaften und deren Sehenswürdigkeiten unserer bisherigen Fahrt sehen konnten, so fällt als erstes auf, wie wenig Spuren der Krieg in diesem Teil von Frankreich hinterlassen hat. Vielleicht gibt es eine Erklärung:
Im ersten Kriegsabschnitt 39/40 war Paris schon früh gefallen, sodaß hier im östlichen Frankreich nicht mehr gekämpft wurde, und 1944 bei der Invasion haben die deutschen Truppen in diesem Abschnitt den Alliierten wohl ebenfalls nicht mehr so heftig Widerstand leisten können. Das Bild der Landschaft und Siedlungen weist kaum Kriegsspuren auf. Da und dort mal ein zerstörtes und nicht mehr wieder aufgebautes Gehöft und in den Städten mit ihrem altem Baukern: fast überall schmucke Häuser mit gepflegten Fassaden im leuchtenden Graugelb des Jurakalksteins.
Erst im augenscheinlichen Vergleich mit daheim wird deutlich, wie anders doch die Häuserfronten bei uns noch aussehen: die Einschlaglöcher der Granaten und Bomben, mit den Bausteinen aus den Ruinen notdürftig zugemauert; noch ohne Verputz an den ausgebesserten Mauern und Wänden. Kaum mal ein neuer Anstrich; dafür umso mehr die skuril aussehenden Streumuster von Einschlägen aus den Bordkanonen der Jabos und vielfach noch schwarzgraue Schimmelflecken, Moder und Bewuchs…

Ein Meilenstein am Straßengraben zeigt an: noch 132 km bis Paris! In dem Städtchen Joigny rasten wir und kochen einen Reisbrei. Gleich hinter dem Ort verengt sich das Tal. Besonders am rechten Flussufer, an dem auch unsere Fahrstraße liegt, drücken sich die Berge dicht an die Yonne heran.
Am späteren Nachmittag wird dann Sens passiert, eine lebhafte, pittoreske Stadt mit schmucken Patrizierhäusern und einer markanten gotischen Kathedrale, in der uns die Glasfenster besonders beeindrucken.

Gegen Abend verdichten sich die Wolken. Sie türmen sich zu einem Gebirge auf und bekommen schwarze Säcke. Blitze zucken schon am westlichen Horizont; es droht mal wieder ein Gewitter! Das nähert sich so rasch, als sollten wir heute nicht mehr zelten können. Also schauen wir uns während der Weiterfahrt nach einer Bleibe um; aber die Höfe sind entweder so weit abgelegen oder sie sind so verschlossen, als wollte uns niemand beherbergen.
Der Himmel schon dunkel, und der Wind, der von der Seite dem Gewitter einhergeht, wird stärker. Gerade in dem Moment, da er uns einen mächtigen Guß ins Gesicht jagt und uns zum Anhalten zwingt, entdecken wir etwas abseits der Fahrstraße ein großes, frei in der Landschaft stehendes Gehöft.
Duplizität der Ereignisse: Wiederum ist das Tor zum Innenhof nur angelehnt; wiederum ist keine Menschenseele zu sehen. Es scheint, als seien auch hier die Leute noch auf dem Felde, wenngleich das Gewitter sie inzwischen schon nach Hause getrieben haben müßte. Das Wirtschaftsgebäude, die Stallungen und auch die Scheunen sind alle offen zugänglich. Aber kein einziger Mensch weit und breit, kein Hund, der auf dem Hofe Wache hält, kein Vieh in den Stallungen! Mit ein wenig Grausen im Magen stellen wir fest: Der ganze Hof scheint wiederum unbewohnt.
-Wie ist denn so etwas möglich, überhaupt denkbar? Wie kann man nur ein derartig großes Anwesen einfach aufgeben, alles so unvermittelt im Stich und unbewirtschaftet lassen? Das ist ja jetzt schon das zweite von uns so vorgefundene, gänzlich verlassene Gehöft!

Der Regen prasselt mit Getöse auf die weit herunter gezogenen Dächer und spritzt heftig auf den lehmigen Boden des großen Innenhofes. Rudi und ich, wir beide, wir sind zu müde, um uns über den trostlosen Tatbestand dieses traurigen Ambiente und seiner Beweggründe noch weiter Gedanken zu machen. Wir sind inzwischen vollkommen durchnässt und wissen, dass wir hier ein trockenes Nachtlager gefunden haben.
Ohne weiteres Zögern schieben wir diesmal die Räder in eine der leer stehenden Scheunen, wechseln die Hemden und schaffen es gerade noch, den Rest des kalten Reisbreis und den letzten Riegel Schokolade zu verspeisen. Gleich darauf nehmen wir unsere Satteltaschen mit auf den höher gelegenen Schober der Scheune. Oben ziehen wir die Leiter zu uns hoch und schieben drei große Strohballen quer davor.
-„Wenn uns jemand diese Nacht aufsuchen will, werden wir es rechtzeitig merken.“

In einer Ecke machen wir das Heu etwas flach zu einem Lager, strecken uns darauf aus und decken uns mit der Zeltplane zu.
Wir haben die Ladeluke des Heuschobers weit offen gelassen, um nicht das Gefühl zu haben, völlig eingesperrt zu sein. Draußen tobt das Gewitter unentwegt weiter. Niemand ist inzwischen mehr hier vorbei gekommen. Nur Blitze zucken ab und zu in die verlassene Stille hinein, die für den Bruchteil einer Sekunde in dieser einsamen Dunkelheit die Konturen von Wohnhaus, Scheunen und Stallungen ringsum den leeren Innenhof herum mit grellem Licht und schwarzen Schlagschatten belegen. Das Gewitter ist jetzt genau über uns, denn der krachende Donner folgt unmittelbar nach dem grellen und krachenden Blitz, der ihn ausgelöst hat.

Obwohl die Atmosphäre noch unheimlicher ist als auf dem ersten verlassenen Hof, scheint diesmal unsere Ängstlichkeit nicht mehr so groß und das Gefühl der Beklemmung etwas herabgemindert. Als die Kühle in den Muskeln und auf der Haut unter der wärmenden Zeltdecke geschwunden war, mag ich dann wohl unter dem gleichmäßigen Getrommel des Sommerregens recht bald eingeschlafen sein.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 16

 

 

 

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