Folge 14: Die Mädchen von der Goldenen Rippe

Die Mädchen von der Goldenen Rippe

Mittwoch, der 10. Tag:

treibgut

was kommt muß gehen
sei gefasst
es ist dein weg im fluß
im fluß der tage
in das dunkel
talwärts kreisend
in den strudeln
stürzend über katarakte
atemholend an der furt
die niemand quert
versunken
träumend dich ans ufer
punkt des stillstands
deiner zeit
auf den du wartest
schweigend
strandgut nah der strömung

Rudolf Kammer, gezeiten, p. 116Yonne

Am nächsten Morgen sind wir wieder allein auf Fahrt in Richtung Auxerre. Raimondo, unser Italiener, wollte noch nicht so früh in die Pedale treten. Wir legen ihm einen Wunschzettel unter den Becher und brechen ohne ihn auf.
Kaum haben wir in dieser Früh das Hochtal mit dem Burgunder Kanal verlassen, beginnt auch schon wieder das Wellblechfahren. Aber das beunruhigt uns inzwischen nicht mehr. Sind nun schon über eine Woche unterwegs, sind trainiert und wieder mit uns ins Reine gekommen. Das Wetter spielt auch wieder mit, und nachdem wir geprüft haben, ob nicht ein Teil von unseren kärglichen Sachen in der Nacht den Besitzer gewechselt hat, sind wir kurz nach der l´aube losgezogen.
Weiter welliger Geländes, kommen jedoch zügig voran.
Obwohl wir auf Rudis Geheiß öfter kurze oder auch längere Pausen einlegen, meist an erhöhten Standorten mit gutem und schönem Ausblick oder in ruhigen Talauen, ist das Tagespensum zwar an Kilometern nicht mehr so hoch, dafür aber umso ausgefüllter.

Ein permanenter, inzwischen immer größer werdender Begleiter ist der Appetit; eigentlich haben wir ständig Hunger. Gegen zehn kaufen wir -sozusagen außer der Reihe – eine besonders große Baguette, Ausgabe `Restaurant´ und ein Kilo Tomaten. Beides kostet hier in Frankreich am wenigsten von allen Lebensmitteln. Beides wird auf einmal verzehrt; doch es wird nicht sehr lange anhalten.
Über eine längere Zeit, etwa 70 Kilometer lang geht es durch ein auffallend dünn besiedeltes Gebiet. Auch auf der Straße ist es erstaunlich ruhig. Der Verkehr nimmt erst wieder merklich zu, wie wir gegen Mittag auf einer Bergkante in ein weiteres Hochtal gelangen und dort ein interessantes Städtchen erreichen. Avallon hat wohl nichts mit dem mythischen Avalon der Kelten zu tun, ist aber in seinem Kern schon ziemlich alt. Das fällt uns besonders an dem romanischen Kirchbau auf.

Die Sonne meint´s mal wieder gut mit uns, allzu gut an diesem Tag. Dennoch satteln wir nach unserm Rundgang durch die Stadt wieder auf. Die Straße bleibt auf der Höhe und folgt der Traufkante des Bergrückens, während links unten sich das Flußtal weiter nach Nordwesten schlängelt. Nach ein paar Kilometern senkt sich dann die Straße in das Tal hinab, in dem laut Landkarte das Flüsschen Cure sein Bett hat. Auch hier geht die Fahrt trotz der Hitze des frühen Nachmittags zügig voran; aber nur zunächst, denn in dieser lieblichen Landschaft soll bald eine unerwartete Sache eintreten, die auch heute wieder das Erreichen von Auxerre als Etappenziel in Frage stellt.

Wie schon so häufig, müssen wir mal wieder für einen kurzen notwendigen Halt absteigen. Da wieder kaum Verkehr ist, gehen wir zum Pinkeln nicht allzu tief ins Gebüsch, sondern sind nur ein wenig an den buschigen Straßenrand zurückgetreten. Ausgerechnet in diesem Moment fährt eine ganze Schar radelnder, johlender und gestikulierender Mädchen vorbei. Sie haben uns natürlich entdeckt und setzen sofort an, sich über uns lustig zu machen. Eines der Mädchen ist sogar für eine Sekunde abgestiegen und hat ganz laut durch die Finger gepfiffen.

Es ist klar, das wir uns mit unserm Geschäft beeilen, um schleunigst auf die Räder zu kommen und den Gören nachzufahren. Doch wie wir gerade ansetzen, sie einzuholen, biegt die kleine Schar nach rechts auf einen Feldweg ab, der direkt zum Fluß führt. Wie abgesprochen, uns nur kurz anblickend, folgen wir der Gruppe nach, bleiben jedoch in gebührendem Abstand. Aber die Mädchen haben uns schon entdeckt, während sie sich an einer strandartigen Ausbuchtung der Uferzone niederlassen. Wir sind inzwischen abgestiegen, schlagen uns zu Fuß nach rechts flussaufwärts durch und halten hinter einem dichten Buschwerk unter einer Baumgruppe von Erlenbestand.

Als hätten wir nicht selbst drauf kommen können:
Ein Bad im kühlen Flusswasser dürfte auch unsern Körpern gut tun, seit wir von Hause losgefahren sind, haben wir erst zweimal kurz im Freien gebadet.

Während wir uns umziehen schauen wir durch die Büsche herüber zu den jungen Französinnen. Die Mädchen haben inzwischen auch ihre Badeanzüge angelegt und sich zum Wasser begeben. An ihrer Badestelle hat der Fluß eine flache Talsenke weit ausgeräumt, sodaß das Wasser zumindest in der breiteren Uferzone ziemlich seicht ist. Die Mädchen halten sich auch nur in diesem Bereich auf und schwimmen dort, wo das Wasser nur brusthoch reicht. Aus ihrem ganzen Gebaren, ihren etwas eckigen Bewegungen geht hervor, dass sie keine geübten Schwimmer sind. Die meisten führen während der ganzen Schwimmphase den Kopf stark im Nacken zurück, rühren viel zu schnell mit den Armen, ohne sie ganz durchzustrecken, und mit den Beinen führen sie keine Grätsche, sondern eine Schere aus. Das Ganze lässt auf gehörige Unsicherheit, geringe Erfahrung in der Wassergewöhnung und auch auf eine gewisse Scheu schließen, mit dem Gesicht ins Wasser zu geraten.
-„Was meinst du, Rudi, denen könnten wir doch das Schwimmen beibringen!“

Rudi aber wehrt ziemlich kühl ab:
-„Mußt du denn bei jeder unpassenden Gelegenheit den künftigen Pädagogen raus hängen lassen! Die warten gerade drauf, von dir eine Lektion zu erteilt zu bekommen!“

Ab und zu schaut die eine oder andere kurz nach dort herüber, wo wir uns jetzt hinter einem Erlenbusch verdeckt aufhalten. Es hat den Anschein, als ob sie heimlich auf uns warten würden. Wir haben unsere Räder und Sachen hinter einem Strauch verstaut und schwimmen hinaus, bis in die Strommitte des Flusses. Von dort können wir die Mädchen noch besser beobachten. Dann schwimmen wir zu andern Ufer herüber und lassen uns beim Zurückschwimmen von der Strömung näher zu den Mädchen hinunter treiben, bis wir auch Boden unter den Füßen haben.
Geziemende Distanz, erste kurze Blickkontakte, der Austausch eines freundlichen Lächelns, später dann, erste Zurufe; aber alles noch in gebührendem Abstand. Ein Mädchen ergreift die Initiative und kommt von sich aus im Wasser etwas näher auf uns zu. Sie beginnt, mit der Hand ins Wasser zu schlagen und nach uns zu spritzen. Rudi erwidert sofort die Geste. Das neckische Spiel macht auch den andern Mädchen Mut, sich uns zu nähern. Es beginnt eine lustige Spritzeschlacht, bei der wir einander ziemlich nahe kommen.

Die Mädchen sind weniger schüchtern als wir; sie laden sie uns ein, mit zu ihrem Lagerplatz zu kommen, wo sie sich auf ihre Badedecken zurückziehen und einen Kreis im Gras bilden. Das Mädchen, das sich uns im Wasser als erste genähert hatte, ist besonders schön. Sie gibt zu erkennen, dass sie Rudi besonders sympathisch findet, nimmt ihre Decke, die dicht neben denen der anderen Mädchen gelegen hatte, setzt sich aus dem Kreis heraus und rückt von ihrer Gruppe ab zu uns herüber.
– >Il y a encore de la place sur ma serviette, étrange jeune homme!<

Sie fordert also meinen Freund ganz keck und direkt auf, sich zu ihr zu setzen, was dieser dann auch tut.
Eines der anderen Mädchen aus dem Kreis, auch nicht gerade hässlich, schaut mich freundlich an, der ich immer noch unschlüssig dastehe. Mit einer Handbewegung lädt sie mich ein, doch in der frei gewordenen Kreislücke der Restgruppe Platz zu nehmen. Ich zögere, will aber nicht prüde sein, setze ich mich also zu der Mädchengruppe hin ins Gras.

Inzwischen ist Rudi drüben schon feste mit dem schönen Mädchen ins Plaudern geraten und auch deutlich näher an sie herangerückt. Im Gegensatz zu mir scheint er sich in seiner Lage wohl zu fühlen. Während dieses forsche Mädchen sich Rudi´s Bewunderungen sichtbar wohl gefallen lässt, gebärdet sich meine Mädchengruppe ziemlich unsicher und holprig. Einige haben sich sogar mit ihren Handtüchern bedecket und scheinen sich über mein holpriges Französisch mit dem fremdartigen Akzent zu amüsieren, während ich mich in meiner Lage immer noch nicht zurechtfinde. Da kommt mir die Idee zu Hilfe, zu unsern Rädern zu laufen und die Tüte mit den frischen Datteln zu holen. Wie meine Tüte die Runde macht, greifen die Mädchen freudig zu, und die Situation beginnt sich zu lockern. Und während sie ihre Köpfe nach hinten drehen, um die Kerne auszuspucken, lächeln sie mir dankbar zu. Auch das Mädchen, das sich zu Rudi herüber gesetzt hatte, kommt und nimmt für sich und Rudi je eine Dattel aus der Tüte…

Die Schatten einer sich aufquellenden Haufenwolke am bisher blauen Himmel gleiten über die Badestätte und über unsere Körper. Wieder einmal droht ein Gewitter aufzuziehen, und die Mädchen im Kreis werden merklich unruhig. Einige beginnen schon damit, ihre Sachen zusammen zu tun und sich anzukleiden. Der Himmel hat etwas gegen unser unerwartetes Glück!
Es dauert nicht lange, und alles ist in hektischer Aktion. Rudi zögert noch eine Weile; aber wir schaffen am Ende doch noch rechtzeitig den Aufbruch ohne größere Szenen des Abschieds. Nur wie wir aufsteigen und mit den Rädern in den Feldweg einbiegen, laufen die Holden uns ein gutes Stück hinterher und winken uns noch eine Weile nach.

Weiter geht´s, und der dunkle Schatten der Gewitterwolke folgt unserer eiligen Fahrt. Eine Zeit lang fällt kein Wort; das unerwartete Erlebnis und sein allzu schneller Abbruch beschäftigt jeden auf seine Weise. Doch auf einmal sagt Rudi laut, aber mehr zu sich selbst:
-„Ich hätte mir von der schönen Brunette doch ihre Adresse geben lassen sollen!“
-„Sollen wir umdrehen! Wenn wir uns sofort entscheiden, werden wir sie noch einholen, bevor sie ihr Dorf erreicht haben!“
-„Ach Quatsch! Wenn Fortuna sich schon verabschiedet hat, soll man ihr nicht mehr hinterher laufen!“

Am frühen Abend wird das Städtchen Vermonton passiert, wo unser Flüßchen in die Yonne mündet, die ihrerseits später von der Seine aufgenommen wird. Auch hier an der Yonne ist die Landschaft des Auxerrois offener, agrarischer, und auch hier reifen auf den sanft zum Fluß hin geneigten Flächen die bereits farblich erkennbaren Reben des roten und des weißen Weins. Es ist noch lange nicht Herbst, die Weinlese, die vendange, steht noch nicht an; aber einzelne Blätter, beginnen schon, mitten in dem dichten Grün des Weinlaubs und der noch kleinen Reben ihre rotgolden leuchtende Farbe anzunehmen.

An diesem wortkargen Abend sind wir auch nicht mehr wählerisch, was den Zeltplatz betrifft. Sobald sich eine geeignete Stelle geboten hat, lassen wir uns dort stillschweigend nieder. Obwohl die Fahrt und das unvorhergesehene Bad unseren stets vorhandenen Appetit noch gesteigert haben, denken wir nicht daran, noch etwas zu kochen. Wir verzehren die Proviantreste vom Tage und legen uns stillschweigend hin. Die Gedanken verweilen immer noch bei der Begegnung vom Nachmittag am klaren Fluß, bei den lustigen Mädchen von der Goldenen Küste.

© Rudolf Engel, 2015

Zu Folge 15

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