Folge 13: Im Auxerrois

Im Auxerrois, ein Italiener und zwei lebende Forellen

Dienstag, der 9. Tourtag

Kaum ausgeruht, kaum gestärkt und doch reichlich spät unterwegs. Die Muskeln wollen sich gar nicht warm treten lassen. Die Sonne steht hoch und der Hof bereits weit hinter uns.

Welch eine Nacht!

Mir gehen immer noch unsere Lieder durch den Kopf, mit denen wir unsere Angst verscheuchten. Nicht nur die Lieder, mehr noch die widrigen Umstände dieser unheimlichen Atmosphäre. Dann haben den aufgelassenen Hof so einsam verlassen wie wir ihn vorgefunden hatten. Mir will immer noch nicht in den Sinn, dass es dergleichen überhaupt gibt, ohne dass sich jemand darum kümmert.
Dadurch dass wir so schwer in den Schlaf gekommen waren und den Rest der Nacht unruhig verbrachten, sind wir in der Früh erst richtig eingedöst und viel zu spät wach geworden. Es war die Sonne mit ihren hellen Strahlen, die sie auf einmal durch die große Luke des Heuschobers direkt auf unsere Köpfe warf. Und als wir am Brunnen wortlos die Morgentoilette machten, da hatte sie bereits den ganzen Innenhof ausgeleuchtet.
Ich blinzelte in diese freundliche Sonne hinein und freute mich, dass wir überlebten, daß sich wenigstens das Wetter wieder auf unserer Seite geschlagen hatte. Wir waren uns noch beim Waschen einig, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen.

Jetzt, da wir schon wieder eine zeitlang unterwegs sind, haben wir sie im Rücken, die Sonne und mit ihr einen leichten Wind auf, der er ebenfalls von Osten her weht und dafür sorgt, dass wir zügig vorankommen. Der Straßenbelag ist in Ordnung und der Autoverkehr hält sich in dieser ländlichen Gegend in Grenzen.
Mich stört nur, dass wir wieder so wortlos nebeneinander her radeln. Rudi ist sicherlich auch noch in seinen Gedanken verloren über diesen verdammten Hof und diese fürchterliche Nacht, aus der uns erst die längst aufgegangene Sonne erlöst hatte.
-„Was heißt eigentlich Sonnenaufgang auf französisch!“, frage ich, um das Schweigen zu brechen.
-„l´aube, natürlich; aber warum willst du das wissen?
-„Hm, nur so, habe gerade an das denken müssen, was wir heute Morgen nach dieser fürchterlichen Nacht versäumt haben.“
-„Übrigens, der Begriff `Sonnenaufgang´ ist garnicht korrekt.“
-„Wie meinst du das; worauf willst du hinaus?“
-„Die Sonne geht weder auf noch unter. Es ist die Erde, die sich um sie bewegt.“
-„Mensch bist du schlau; das wissen wir spätestens seit Galilei; aber sollen wir es der astrologischen Korrektheit wegen künftig umbenennen?“
-„Iwo, mein Lieber, aber die Franzosen, die vermeiden mit dem Wort aube diese sprachliche Unkorrektheit.“

Ich will, dass wir weiter reden, wechsele das Thema und frage:
-„An welches Etappeziel hast du denn gedacht?“
-„Die nächst größere Stadt, die auch zu besichtigen wäre, ist Auxerre; aber, wenn wir heute noch dort hin wollen, müssten wir noch einen Zahn zulegen.“

Mich wundert´s, dass ausgerechnet er auf einmal für einen schnellere Fahrt sein will. Und um nicht wieder Hektik aufkommen zu lassen, meine ich:
-„Lassen wir es doch einfach drauf ankommen!“

Ein Lastwagen kommt hinter uns näher und zwingt uns, hintereinander zu fahren. Als er vorüber ist, wird der Blick wieder frei für die Landschaft um uns.
Hier in dieser Gegend der Côte d´Or, der Region mit den goldenen Hängen, ist der Charakter der Landschaft nicht mehr so wild wie im felsigen, kantigen Jura und dem tief eingeschnittenen Tal des blaugrünen Doubs. Burgund erscheint auch hier oben auf der Hochfläche als eine fruchtbare Gegend mit riesigen Lappen von Weizenfeldern. Und in den Senken befinden sich um einzelne Baumgruppen herum ausgedehnte Kuhweiden. Das ganze Land hier oben ist äußerst dünn besiedelt. Nur ab und zu treffen wir nach längerer Strecke hier und da einen Einzelhof oder einen Weiler.

Am Ende eines länger gezogenen Anstiegs halten wir an. Die Anhöhe gewährt einen weiten Rundblick. Und der Blick auf die Landkarte bestätigt unsere Vermutung: Wir halten gerade an einem geographisch bedeutenden Punkt. Just an dieser Stelle befindet sich die Wasserscheide zwischen Rhône und Seine. Und die Karte verrät auch, dass etwas weiter östlich von hier der Canal de Bourgogne verläuft, der die beiden Hauptflüsse Frankreichs miteinander verbindet. So ist also nicht nur Paris mit Lyon und Marseille auf dem Wasserwege verbunden ist, sondern auch der Atlantik mit dem Mittelmeer.

Nach einigen Kilometern geht die Fahrt hinab in ein lang gezogenes Tal, durch das sich neben der Straße ein kleiner, im weiteren Verlauf allmählich immer breiter werdender Bach mit glasklarem, sprudelnden Wasser hinabschlängelt. Beim Anblick dieses munter sprudelnden Bachwassers beginnt sich mein alter Jagdttrieb zu melden:
-„In solch wunderschönen Wasser müsste es auch Forellen geben; hätte mal wieder Lust, welche zu fangen.“
-„Und sie hinterher vielleicht auch noch zu braten und zu essen!“, meint Rudi erstaunt, „wie wolltest du das denn anfangen ohne Angel, ohne Netz und Boden?“
– „Mit der Hand natürlich und braten würden wir sie an einem Holzspieß!“

Aber seit dem Tod von Oma Berger im Juni 45, die ich in ihren letzten Wochen laufend mit frischen Forellen versorgte, habe ich mir fest vorgenommen, keines der lieben Tiere mehr zu fangen und zu töten.
Während wir so munter weiter plaudern, ist die Straße vom dem Bachbett abgewichen, und es geht mal wieder einen steileren Hang hinauf. Inzwischen ist die Sonne nicht mehr so freundlich wie am Morgen; wir haben längst den Oberkörper frei gemacht und keuchen uns die lang gezogene Strecke hinauf. Gott sei Dank geht´s nach einigen Kilometern wieder bergab. Und der muntere Bach ist auch wieder da.
Dort wo das Tal sich vorübergehend etwas abflacht und ausbreitet, halten wir an für eine längere Pause! Wir rasten auf einer Wiese gleich neben dem Bergbach. Unterhalb eines natürlichen Wehrs fällt das Wasser plätschernd in einen ausgedehnten Tümpel. Mir kommt sofort der Gedanke:
-Hinter solchen Wehren, wo das sprudelnde Wasser viel Sauerstoff aufnimmt, halten sich die Forellen gern auf.

Und wie erwartet, stehen sie auch schon da, diese schlanken Süßwasserfische, mit den roten Punkten auf graugrünem Rücken.
Um sich in dem quirligen Wasser stehend halten zu können, fächeln sie hin- und herrudernd mit den Seitenflossen und mit dem Schwanz. So schaffen sie es leicht, trotz der Strömung ihren Stillstand unter der wohltuenden Sauerstoffdusche zu stabilisieren. Dies muß ihnen eine Art Glücksgefühl bereiten, das sie aber zugleich für ihre Umgebung unaufmerksam werden lässt und anfällig für Hände, die sie fangen wollen…
Bei einem solchen Anblick kann ich einfach nicht widerstehen: Während Rudi sich genüsslich auf der Wiese ausstreckt und unsere neue Straßenkarte zur Hand nimmt, habe ich die Badehose angezogen und mich auf Forellenfang begeben.

Kaum eine halbe Stunde später, beim Ausnehmen meiner Beute, zwei mittelgroße Fische, kommt Rudi mit der Frage:
-„Wie hast du das nur ohne Angel und Netz geschafft, und was war das für eine Geschichte mit deiner Oma?“
-„An bestimmten Stellen lassen sich Forellen ganz leicht mit der Hand fangen, genauer gesagt: mit beiden Händen.“
-„Und wie geht das?“
-„Wenn sie so wie hier unter einem solchen kleinen Wasserfall im sprudelnden Wasser stehen bleiben, dann sind sie wie beraucht unter der Sprudeldusche.“
-„Ja, und weiter!“
-„Dann muß man sich langsam von der Seite nähern, beide Hände von tief unten mit ausgestreckten Armen ganz sachte unter den Bauch des Fisches führen und von der Mitte aus die eine Hand nach vorne zum Kopf und die andere nach hinten bis zum Schwanz führen. Wenn du dann plötzlich zupackst, kann die Forelle nicht mehr ausweichen.“
-„Das hört sich ganz einfach an, erfordert aber sicherlich viel Geschick. Aber wo hast du das denn gelernt?“
-„Forellen mit bloßen Händen fangen, das haben mir die beiden Britzbrüder aus der Grejnstatt beigebracht, immer wenn wir im Sommer an die Schafbrücke zum Baden gingen. Das war noch vor deiner Brotdorfer Zeit.“
-„Und welche Rolle spielte schließlich deiner Oma´s Tod in dieser Forellengeschichte?“
-„Das war dann in der zweiten Evakuierung in Offenhausen. Frisches Fleisch vom Fisch, das war so ziemlich das einzige, was meine totkranke Oma überhaupt noch zu sich nehmen konnte, ohne es sogleich wieder zu erbrechen. Inzwischen war ihr Krebsgeschwür im Bauch schon soweit angeschwollen, daß es selbst unter der Bettdecke so aussah, als sei sie hochschwanger.

Als ich dann aber eines Tages, es war kurz nachdem Oma ihrem Krebsleiden erlegen war, mit ansehen musste, wie die Amis mit der Maschinenpistole in meinen Forellentümpel hineinfeuerten und wie dann die Fische mit geplatzter Schwimmblase kieloben auf dem Wasser trieben, sodaß die Soldaten sie nur noch auflesen brauchten, da war meine Lust am Forellenfangen für immer zu Ende.“
-„Aber jetzt hast du doch wieder zwei getötete Fische in der Hand! Was willst du nun damit machen?“
-„Nun ja, hier ist ja wieder ein Notzustand! Bei dem prächtigen Wetter können wir heute Abend sicher wieder unser Zelt aufbauen, dann werde ich die beiden am Lagerfeuer grillen!“
Während unserer Weiterfahrt hängt sich ein Italiener an uns ran, der in allen möglichen Sprachen um sich redet. Er bleibt auch an uns kleben, als wir uns kurz hinter Vitteaux nach einem passenden Lagerplatz umsehen.
Hier haben wir den fischreichen Bach, der inzwischen zum Fluß geworden ist, verlassen. Während der in nordwestlicher Richtung weiter fließt, direkt auf die Yonne zu, biegen wir nach Südwesten ab in ein Quertal, das zu den Hügelketten des Auxerois hinaufführt. Diese Höhen gilt es morgen zu überqueren, um über Avalon und Vermonton auf die berühmte Weinstadt Auxerre loszufahren.
Nachdem wir eine relativ flache Rippe überfahren haben, geht´s bald wieder hinab in eine Senke und dort stoßen wir wieder auf den Canal de Bourgogne. Zwischen dem Kanal und einem parallel dazu fließenden Flüßchen finden wir unseren Lager- und Nachtplatz. Auxerre als Etappenziel wäre doch noch zu weit gewesen.

Während Rudi das Zelt aufbaut und der Italiener etwas abseits davon seine Plane und darüber einen Schlafsack ausbreitet, kümmere ich mich ums Essen. Wie ich die beiden Forellen auspacke und noch einmal am Fluß auswasche, kommt Raimondo, unser Italiener, herbeigelaufen und will sich spontan an der preparatione des Abendessens beteiligen. Er habe noch ein Paket Spaghetti dabei und ein Stück Hartkäse.
In den Büschen der Uferzone finden wir so viel trockenes Holz, dass wir gleich zwei Feuerstellen schaffen. Und während auf der einen die italienischen Langnudeln im Topf brodeln, sitzen wir um die andere herum und grillen die beiden Forellen an zwei aus Weidenzweigen gefertigten Handspießen über dem offenen Feuer.
Raimondo meint, als er seinen Anteil am Fisch genüsslich verzehrt, da gehöre noch ein trockener Weißwein dazu, ein vino bianco, aber das kühle und klare Wasser aus dem Fluß täte es ja auch!
Nach dem Fisch und den Käsenudeln gelüstet es mich nach etwas Süßem. Mir fällt die Tüte mit den Datteln ein vom Markt, auf dem wir Bertold, den deutschen Franzosen, getroffen hatten.
-„Eine süße Nachspeise gefällig!“

Da sagt auch der Italiener nicht nein!
-„Oh, mille grazie!“
-„Für jeden aber nur zwei, bitte! Die Ration muß noch ein wenig länger halten!“

Die Dattelfrucht lässt sich im getrockneten Zustand ziemlich lange aufbewahren, ohne ihr Aroma und die Qualität ihrer Genießbarkeit zu verlieren. Sie ist unempfindlich gegen Kälte und Hitze, gegen Nässe und Dürre. Selbst ausgetrocknet und zusammengeschrumpft hat sie immer noch Geschmack und ist gut verträglich.
Während wir also unser Dessert einnehmen, kommt mir der wahrscheinlich abwegige Gedanke, dass Hitler den Rommel wohl deswegen in die Wüste geschickt hatte, um die riesigen Reserven der nordafrikanischen Dattelernten zu erobern. Diese Frucht kann ich mir auch als ideale eiserne Ration für die Frontsoldaten selbst für den Feldzug im Osten gut ausdenken, auch für die Besatzung von U-Booten und Flugzeugen! Aber was denke ich denn da, der Krieg ist zu Ende, und wir drei genießen hier friedlich die Früchte aus Frankreichs Kolonien.
Nach dem Essen haben wir noch so viel Holz übrig, dass wir das Feuer noch weiter brennen lassen können. Inzwischen ist die Dämmerung ins Tal hereingekehrt, und beim Feuerschein erzählt Raimondo munter von seiner bisherigen Tour. Er ist aus der Poebene herüber gekommen und will auch nach Paris. Er war am Genfer See entlang geradelt und schwärmt von den hübschen Mädchen an dessen sonnigen Stränden.
Wie er über die Mädchen spricht, hören wir aufmerksam zu. Wir können da nicht meitreden, außer der flüchtigen Begegnung am Oberlauf der Saar am ersten Tag.
Spät kriechen wir in unser Zelt. Der Italiener pennt nebenan in seinem amerikanischen Schlafsack. Mir ist nicht ganz recht, daß dieser Luftikus gleich nebenan übernachtet. Unser Schlaf wird nicht sehr tief sein; aber es passiert nichts in dieser Nacht.

© Rudolf Engel 2015

Zu Folge 14

 

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