Folge 12: In einsamer Nacht

Die einsame Nacht auf dem verlassenen Hof

vers presque blancs

presque rien ne rime ici
la poésie s´est évanouie
les jeux d´antan
ils ont été joués

les joies d´hui
si insipides
elles riment à une terre
vidée de sens et en colère

Rudolf Kammer, gezeiten, p 108

Erst denken wir, da wir vergeblich an das Eingangstor klopfen und auch im Innenhof niemand sehen können, die Bauersleute seien sicherlich noch auf dem Felde. Doch wie wir uns näher umschauen, die Tore halboffen, die Stallungen leer und die Scheune verwahrlost vorfinden, da kommt uns die Sache schon etwas unheimlich vor.
In diesem Augenblick setzt auch noch ein heftiger Wind ein, ein plötzlicher Windstoß, der am Haupthaus die Fensterläden gegen die Wand knallen lässt, die Hintertür sperrangelweit öffnet und den Regen auf den Lehmboden des Hofes niederprasseln läßt. Zaghaft wagen wir, einzutreten. Und dabei wird unsere Ahnung zur Gewissheit: Dies ist ein vollständig menschenleerer, verlassener Hof, den zur Zeit niemand bewirtschaftet und kein Mensch bewohnt!
– Auch das gibt es in Gottes begnadetem Frankreich,
Während bei uns zu Hause jeder Quadratmeter Land genutzt wird, dem Boden den notwendigen Ertrag abzugewinnen, scheint hier, selbst in dieser fruchtbaren Gegend so etwas wie Landflucht zu herrschen. Wir hatten es zuvor schon unterwegs bemerkt: Felder liegen brach, Wiesen sind ungeschnitten und jetzt ein ganzes Gehöft, noch völlig intakt, aber gänzlich aufgegeben.

Was tun? Diesmal bin ich der Zögerliche und möchte trotz des inzwischen stärker einsetzenden Regens den düsteren Ort verlassen. Mir kommt die Atmosphäre unheimlich vor; Rudi aber denkt praktisch:
– „Wo willst du in der Dämmerung und bei dem Sauwetter noch hin?“

Also stellen wir die Räder in der Scheune ab, klettern hinauf auf den Heuschober und breiten unsere Zeltplane als Bettlaken aus.
Obwohl es im Haupthaus sicherlich eine intakte Kochgelegenheit geben wird, an die Zubereitung eines warmen Abendessens ist nicht zu denken; wir strecken uns auf der Plane aus, nehmen das Weißbrot und aus der eisernen Ration die Schokolade heraus und trinken das kühle klare Wasser dazu, das wir uns aus dem Brunnen des Innenhofes hochgepumpt haben. Solange wir mit den Vorbereitungen unserer kargen Mahlzeit beschäftigt sind, ist die Einsamkeit auszuhalten. Jetzt aber, da wir so wortlos und nicht wenig verängstigt nebeneinander auf dem Stroh ausgestreckt liegen, überfallen mich in dieser unheimlichen Stille plötzlich düstere Gedanken und quälende Fragen:
Mir geht durch den Kopf, was uns eigentlich geritten hat, diese Strapazen, die Hitze und Nässe, den Hunger und Durst, diese Einsamkeit und Entbehrung, die Prüfung für unsere Freundschaft, kurz diese ganze elende Fahrt ins Ungewisse auf uns zu nehmen! Ich würde gerne mit Rudi darüber sprechen, aber ich fürchte, dass ich ihn mit meinem Missmut nur anstecken könnte. War er es doch noch vor kurzem gewesen, der am liebsten umgekehrt wäre. Also weg mit den trüben Gedanken! Ängste verscheuchen, positiv denken! Morgen wird für uns in wunderschöner Landschaft wieder ein neuer Tag sein; morgen wird uns Gottes Sonne wieder über Frankreich scheinen. Allein bis hierher haben sich doch all diese Strapazen bereits gelohnt. Was haben wir nicht schon an neuen Landschaften, an Dörfern und Städten gesehen! Und was sind wir nicht schon etlichen freundlichen und hilfsbereiten Menschen begegnet!

Auf einmal bin ich wieder ganz ruhig geworden. Rudi dreht sich zu mir hin und meint:
-„Du kannst also auch nicht schlafen!“
-„Ach, ich weiß auch nicht warum; diese verdammte Stille macht mir zu schaffen!“

Und auf einmal ertappen wir uns dabei, mitten in dieser schweigsamen Dunkelheit zu singen, wie auf Anhieb, einfach miteinander zu singen. Aus dem Gedächtnis kommen wieder die alten Wanderlieder hervor, und mit dem Singen stellt sich eine Art innerer Gelöstheit ein, die zuversichtlich macht.
Inzwischen hat sich auch das Gewitter verzogen; der Regen hat längst aufgehört, es donnert nur noch wie ein sanftes Grollen in der Ferne…

Durch die fensterartige große Öffnung im Heuschober schauen wir in die Sternennacht hinaus, liegen entspannt auf dem Rücken und träumen, ein jeder still für sich hin.

die blume

die mauern bröckeln
unter einem druck
der alles beugt
und ängstlich atmen wir
den staub der stille

doch sieh die blume
arglos
wie sie blüht
und zwischen steinen
dem zerfall sich fügt

Rudolf Kammer, gezeiten, p.107

Zu Folge 13

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