Folge 11: Dijon am Morgen

Dijon am Morgen des achten Tages

gefährten ihr

dich teufel
packe ich beim arm
geh mit dir eingehakt
grad wie der tod
von mir ein teil

es geht bergab
in sachtem trott
doch sagt
gefährten mir
wo find ich ihn
wie find ich Gott

Rudolf Kammer, gezeiten, p 170

Nicht ganz so fest in die zweite Woche hinein geschlafen und schon sehr früh wach, hier in den weichen Federn vom katholischen Jugendheim des freundlichen dijonaiser Abbé. Noch bevor sich hier etwas regt bin ich draußen, wandere durch die Ausfallstraße zurück auf die Höhe. Die Amseln beginnen nacheinander mit dem Morgenlied, in mir Gedanken über unser gestriges Gespräch, über Glaube und Zweifel, über Gott und den Tod, unsere Freundschaft, in vielem zusammen und doch in wesentlichen Dingen so sehr verschieden.

Noch ein Blick hinunter über diese wunderschöne Stadt. Drunten schlägt die Kirchenglocke ein paar Mal an; ich muß zurück. Noch vor dem Frühstück, zu dem uns der Abbé wieder eingeladen hat, diene ich erstmals in Frankreich bei einer Heiligen Messe. Rudi ist mit in die Kirche gegangen, bleibt aber in den hinteren Bankreihen sitzen.
-„Introibo ad altare Dei!“

Ich wundere mich, wie flüssig mir die lateinischen Gebete noch geläufig sind, und auch die Verrichtungen am Altar zur Epistel, zur Opferung, bei der Wandlung und zur Kommunion – alles klappt noch wie am Schnürchen. Nur bei dem Stufengebet am Anfang des Confiteor, da musste ich auf einmal stocken und innehalten, als die Stelle mit dem persönlichen Schuldbekenntnis kam, bei dem man mit der in Zeigefinger und Daumen zusammengespitzten Hand sich dreimal ans Herz schlägt:
„Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!“

War es meine Schuld, dass ich…, dass Rudi…,dass wir…?

Beim Herübertragen des Messbuches auf die Evangelienseite riskiere ich einen kurzen Blick vom Altar zurück in die Kirchenhalle: An diesem frühen Montagmorgen sind nur ein paar alte Mütterchen in der Messe. Im weiteren Verlauf spürst du, dass die frommen Frauen deine Gebete und Wendungen mit Aufmerksamkeit verfolgen. Nach dem „Ite missa est!“ kommen einige mit glühenden Augen, fassen nacheinander alle zum Dank meine Hände und bekreuzigen sich. Auch wenn Rudi stumm daneben steht und kein Wort darüber verliert; für mich ist´s eine Genugtuung, in einem fremden Land guten Leuten etwas Gutes zu tun. Und was unsere Freundschaft betrifft, so fühle ich mich jetzt innerlich erleichtert.

Während des Frühstücks bedankt sich auch der Abbé bei mir für den Messedienst. Es wird wieder fröhlich geplaudert bei einer großen Bol Café au lait zwei, drei Croissants, einigen Tartines au beurre und reichlich Confiture. Zum Abschied gibt der freundliche Priester noch den Segen und wünscht uns viel Freude nebst einer guten Heimfahrt.
Wir steigen auf, durchfahren von Nordost nach Südwest noch einmal dieses wunderschöne Dijon,
sans dessus dessous et sans devant derrière.
Durch diese Stadt, in der das geschäftige Leben längst schon begonnen hat.

Ausgangs halten wir an einer Tankstelle. Da wir ja von jetzt an nicht mehr auf unserer einst geplanten Route sind und daher die einzelnen Streckenabschnitte nicht gut kennen, kaufen wir uns hier eine Straßenkarte über die Regionen, die nun vor uns liegen. Zunächst folgen wir auf flachem Talgelände noch dem Canal de Bourgogne in westlicher Richtung. Dieser Kanal besitzt für Frankreich offensichtlich besondere wirtschaftliche Bedeutung, denn er verbindet die Yonne, einen Nebenfluß der Seine, mit der Saone und damit Paris mit Lyon und über die Rhône mit dem Mittelmeer.

Schon bald steigt die Straße an und wird von <kurve zu Kurve immer steiler. Es geht nun endlich hinauf zu der Côte d´Or, den goldenen Hängen des Burgund. Wir beide haben die ganze Zeit nur das Nötigste miteinander gesprochen. Jetzt erst recht radeln wir schweigsam nebeneinander, denn wir brauchen unsern Atem. Ich frage mich, warum diese lang gestreckten Hänge wohl Côte d´Or genannt werden. Möglicherweise, weil im Herbst, wenn alles Laub sich färbt, die Weinberge auf diesen steilen Hängen eine golden leuchtende Farbe annehmen…

Gegen Mittag machen wir ausgiebig Pause, liegen im Gras, strecken die Glieder aus und genießen den prächtigen Blick noch einmal zurück über ein weites Land, wo in der Ferne noch ganz schwach die Aufbauten der Stadt zu erkennen sind. Wir haben noch ein hartes Stück vor uns liegen. Es hat sich gut gefahren, solange die Straße dem Kanal folgte und das Gelände nur sanft anstieg. Doch jetzt, da unsere Route das Bett dieser künstlichen Wasserstraße längst verlassen hat, heißt es für unsere Beine wieder kräftig in die Pedale zu treten. Es gilt jetzt, eine ziemlich steile, unserer Fahrtrichtung quer gestellte Rippe zu erklimmen, welche die Côte d´Or nach Norden hin mit dem Plateau de Langres verbindet.

Zum Glück hat sich der Himmel mal wieder mit Wolken überzogen, sodaß es an diesem Nachmittag nicht ganz so heiß wird. Aber noch sind wir nicht über die Rampe hinweg, noch nicht ganz oben auf dem Flachstück angelangt, da ereilt uns die erste Panne: Rudi hat am Hinterrad einen Platten. Kein natürliches Wasser weit und breit. Wir schaffen uns schiebend zum nächsten Flecken. Den defekten Schlauch im Wasser des Dorfbrunnens eingetaucht, finden wir das Leck auf Anhieb.

Während Rudi mit seinem Schlauch beschäftigt ist, schaue ich mich ein wenig um. Der Ort erscheint wie ausgestorben; die Leute sind wohl alle auf dem Felde; ein schwarzer Hund kommt vorbei, schnuppert neugierig an Rudis Schlauch herum und trottelt dann ruhig weiter. Unter mir zwischen Lehmboden und Plastersteinen entdecke ich eine winzige Ameise, wie sie den toten Körper eines Artgenossen unentwegt durch die Geröllwüste von Stein und Lehm hindurch, wer weiß zu welchem stillen Orte schleppt! Ob Ameisen auch ihre Toten begraben?

Inzwischen hat auch Rudi sein Problem gelöst; aber der Tag ist somit auch schon dahin gegangen. So beschließen wir, eine Suppenkonserve, etwas Brot und Wurst zu kaufen und ausgangs des Ortes unser Zelt aufzuschlagen. Aber es sollte für diese Nacht ganz anders kommen. Zunächst ließ sich auf der Strecke kein geeigneter Rast- und Zeltplatz finden, zudem hat sich das Gewölk am Himmel inzwischen ganz zugezogen und derart verdunkelt, dass gleich ein heftiges Gewitter auf uns zu kommen wird. Wie die ersten Tropfen fallen, erreichen wir den nächsten Ort zwar nicht; aber in der nächsten Talsenke geht rechts ein Feldweg ab zu einem abgelegenen, ganz in einer grünen Mulde versteckten Bauernhof, den wir schnurstracks ansteuern.

un jour en vert

la lumière à tâtons
marchait toujours
envers li vide
en vain
et conte l´ignorance

marchons quand même
nous tâtonnant aussi
afin qu´il soit un jour
un jour lucide
un jour de l´espérance

Rudolf Kammer, gezeiten

Zu Folge 12

© Rudolf Engel, 2015

 

 

 


 

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