Folge 2: Orientierung nach Westen

Die Orientierung nach Westen, der Drang in die Freiheit

reisen

landschaften
unbekannte
orte
schlagen
ihre seiten auf
darin zu blättern
und zu lesen
ähren
auf dem acker
ernten
fahren andere ein
dein hunger wird
dort nicht gestillt

Rudolf Kammer, gezeiten
Gollenstein, 2004, p 14

1 DeckelDie ziemlich ausführlich gehaltenen Aufzeichnungen der Frankreichfahrt vom Sommer 1949 verdankt der Autor der Tatsache, dass er bereits als Pennäler in den Vierziger Jahren, für einen Jungen ziemlich ungewöhnlich, damit begonnen hatte, Tagebuch zu führen. Seine damaligen Eintragungen künden neben prosaisch alltäglichen Dingen auch von der Lebens- und Denkweise der damals Siebzehn-, Achtzehnjährigen, Angehörige jener Generation, die noch in der Zeit der Weimarer Republik geboren, zehnjährig Hitlerjungen wurden, zweimal als Flüchtlinge und schließlich als „Soldaten der Heimatfront“ die Unbilden des Kriegs erlebten; nunmehr entschieden gewillt waren, am Wiederaufbau und an einer neuen Gesellschaft mitzuwirken, aber auch mit jugendlich vitalem Elan ihre eigenen Lebensansprüche zu artikulieren, endlich den Hauch von Freiheit zu atmen.

Lange genug hatten sie die schlimmsten Entbehrungen hinnehmen müssen. Jetzt wollten sie die alten Zeiten am liebsten vergessen, neue sich bietende Gelegenheiten ergreifen, das Leben zu genießen, von schönen Dingen zu träumen, nach hübschen Mädchen zu schauen, auszuschwärmen und sich auf abenteuerliche Fahrten einzulassen.

Die Idee zu einer Radtour durch Frankreich war auf längere Sicht hin geplant und vorbereitet; wurde just in den frühen Stunden des Neuen Jahres 1949 beschlossene Sache. Es ist das Jahr, in dem ein paar Monate später jenseits der nördlich ihres Heimatortes verlaufenden Grenze die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. Damit war es ebenfalls beschlossene Sache, dass das inzwischen sich zum eigenen Staatsgebilde gemauserte Saarland für etliche Jahre in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht eigene politische Wege gehen wird. Die politischen und kulturellen Vektoren dieser neuen Wege sind nach Westen, nach Frankreich gerichtet. Und möglicherweise hängt es auch mit dieser politischen Wende zusammen, dass die beiden jungen Männer in jener Sylvesternacht beschließen, ihre erste Auslandsfahrt ebenfalls dorthin auszurichten; nicht mehr nach Deutschland, sondern nach Frankreich, vor gut drei Jahren noch Feindesland.

Der Plan zur Fahrt, eine Sylvesteridee

(Auszüge aus dem Tagebuch 1949)

Auf dem „Merkbuch für 1949“, in roter Eidechsleder-Imitation gebunden, in dem ich meine Tagesnotizen eingetragen habe, ist auf der „Merktafel“ des Innendeckels eingetragen:2 Innen 1tiff

Name: Engel Rudolf

wohnhaft: Brotdorf, Kr. Merzig, Sarre

Fahrrad : Peugeot, blau, Gestell-No: 184652

Das Büchleins ist offensichtlich ein eigens saarländisches Erzeugnis, denn einiges, so die Kalendertage, ist zweisprachig angegeben. Und im anhängenden Teil `Allgemeines´ sind die Kennzeichen für Kraftfahrzeuge wie folgt eingeteilt:

„Saarland; Französische Zone, Amerikanische Zone, Englische Zone; Frankreich, Internationale Kennzeichen“.

Die SBZ sowie UdSSR sind nicht darin aufgeführt.

01. Januar 1949

An Sylvester trifft sich die Clique „So sind wir“ auf dem Tanzboden in der Germania. Im Morgengrauen, beim Nachhausegehen, fragt mich Kammer Rudi, was ich in den großen Ferien vorhätte. Ich fasele von einer größeren Fahrt mit dem neuen Rad, wisse aber noch nicht wohin. Rudi meint, wir könnten zusammen durch Lothringen fahren; er wolle seinen Brieffreund in Nancy besuchen!
Noch bevor wir uns am Miller Berg trennen, sage ich mit einem Handschlag zu.

6.1.

Nach dem Drei-Königs-Hochamt Kammer bei Stäämetz getroffen. Wir besprechen Einzelheiten zur Fahrt nach Westen. Ich schlage vor, die Tour über Nancy hinaus auszudehnen.

 19.3.

Zum „Jahrestag der Befreiung des Saarlandes“ gibt´s im Seminar Sonderurlaub.
Im Zug nach Hause, Erinnerungen kommen: Diesen 19. März 45, an dem für das zerstörte Saargebiet, für Hitlers „Westmark“, endgültig die Waffen ruhten, hatten wir noch zwei Monate in der Evakuierung in Mittelfranken verbracht. Die Nachricht von der Besetzung des Saargebietes durch die Alliierten steigerte damals unsere Hoffnung auf baldige Heimkehr.
Es hatte noch eine Weile gedauert; aber nun ist alles vorbei, und wir feiern wieder!

Treffe R. K. in der Kleinbahn; zögert noch über Nancy hinaus.

30.4.

Wochenendurlaub: Mit Wagner Willi und Kammer Rudi im Kaiserhof. Treffen dort den Kunkel Gerd, der inzwischen zur ersten Garnitur der saarländischen Radrenner gehört. Er will morgen eine größere Trainingsfahrt machen. Hat nichts dagegen, wenn wir drei mitkommen.

1.Mai

Wir drei nach der Frühmesse mit Kunkel auf Saarlandrundfahrt: Brotdorf – Nunkirchen – Lebach – Riegelsberg – Saarbrücken; dort das Handballpokalspiel 1. FC Saarbrücken gegen den TuS besucht, das die Brotdorfer 7 : 6 gewinnen.
Rückfahrt: Saarbrücken – Völklingen – Saarlouis – Merzig-Brotdorf.
Abends noch in der Germania zusammen gesessen. Totmüde, aber Testfahrt bestanden!

26.5. Christi Himmelfahrt

Auf Urlaub nach Hause. Treffe Kammer Rudi im Kaiserhof. Ich sage endlich, was ich schon immer vor hatte: Mache zur Bedingung, nur mitzufahren, wenn es zu einer größeren Rundfahrt kommt, bis zum Genfer See zum Beispiel, zu dem großen Wasser und den hohen Bergen.
„Mal sehen!“ meint er bloß.

Pfingstsonntag

Mache nach der Messe und dem Platzkonzert vor der Kirche mit Kammer eine Radtour, sozusagen als weiteres Training: Dreisbach- Jugendherberge – Bethinger Kirmes auf dem Gau – Perl – Imbiß an der Mosel – Kirmes in Orscholz – Cloef – Mettlach – Besseringen – Merzig – Brotdorf.
Sind beide gut in Form.

Pfingstmontag

Nach dem Hochamt mit Rudi Radtour zur Siersburg.
Treffe unterwegs einen alten Freund, den Nachbarn von Irene. Grüße! Von der Siersburg nach Dillingen zum Tanz, wo eine Zehn-Mann-Kapelle mit Namen „Da Capo“ spielt. Um drei in der Früh Zusammenstoß und Sturz im Nebel zwischen Siersburg und Mechern; Lenkrad verbogen; jedoch kaum verletzt. Im Morgengrauen zu Hause.

17.7.

Feier zum Semesterabschluß mit Zeugnisausgabe; liege an 7. Stelle; bekomme (nach französischem Muster) sogar noch einen Buchpreis: >Le style de Louis XVI< Wie spannend! Na ja, vielleicht werden wir ja in den nächsten Tagen dem sechszehnten Ludwig in irgendeinem seiner Schlösser begegnen!
Wie abgesprochen kommt Rudi mit dem Rad, um mich abzuholen. Auf dem Weg zu meiner Bude stoßen wir auf Deutschlehrer Schinhofen. Stelle ihm Rudi vor und erkläre, dass wir in den Ferien nach Frankreich radeln werden.
„Dann fahrt mit Gott und lasst euren Schutzengel auf euch aufpassen. Ich gebe euch meinen literarischen Reisesegen mit. Engel, sie können ihn doch noch auswendig:
„Ich dir nach siehe, ich dir nach sendi, Gott mit gesundi heim dich gesendi…funfi undi funfzig engeli…“ (aus Merseburger Reisesegen)

18.7.

Noch einmal eine Aussprache mit Mutter. Sie macht sich große Sorgen und möchte uns nicht losziehen lassen. Mein Gegenargument:
„Sind wir doch im selben Alter wie diejenigen, die als Soldaten vor wenigen Jahren auf denselben Straßen Lothringens, des Elsaß, der Côte d´Or, der Isle de France und der Champagne ihr Leben lassen mussten.“
Unser Entschluß steht fest: Am ersten des Monats geht´s los!

Zur Folge 3

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements