Folge 10: Dijon

Dijon inmitten des prächtigen, einst mächtigen Burgund

Heute ist Sonntag, da sind wir schon eine Woche unterwegs!

Das ausgiebige Gastmahl, der Wein und die anhaltende Unterhaltung auf Französisch hatten uns beide so müde gemacht, dass wir uns ohne weitere Worte auf die Seite drehten. Ich hörte, dass Rudi sofort eingeschlafen ist. Mir aber gingen noch die Ereignisse der beiden letzten Tage durch den Kopf.
Ich mußte auch an Berthold denken und an seine seltsame Geschichte, hörte dann auch noch eine Weile das Wiehern der Pferde und das Muhen der Kühe im Stall nebenan, das ab und zu die Stille der finsteren und lautlosen Nacht unterbrach. Ich muß dann aber auch sanft eingeschlafen sein.

Heute Morgen nun wurden wir schon beizeiten geweckt und zwar von der Betriebsamkeit, wie sie eben frühmorgens auf einem Bauernhof selbst sonntags herrscht. Ein Knecht kam mit einer Karre vorbei, lud ein paar Strohballen auf und meinte, in der Stube sei schon >le petit déjeuner< für uns gedeckt. Die Bauersleute hatten wohl schon vorher gefrühstückt, bevor sie ihr Tagwerk in den Stallungen begannen.
Drinnen war nur noch das ältere Mädchen, die schon auf uns wartete, um den >café au lait< zu servieren. Während wir aßen, blieb sie etwas seitlich stehen und schaute uns zu. Sie fragte, ob wir auf Dijon führen und ob wir auch Paris länger besuchen würden. In ihrer Stimme und ihrem Fragen war ein Hauch von Sehnen zu spüren, dass uns andeutete, wie gerne sie wohl mitziehen möchte…
Sie wünscht uns noch weiterhin einen guten Appetit, und dann lässt auch sie uns mit unserem großen Hunger allein. Jetzt, da noch alles reichlich auf dem Tisch steht und niemand uns zusieht, da hauen wir noch mal richtig rein. Bei diesem selbst gebackenen, duftigen und knusprigen Bauernbrot, der frisch gerompten, selbst geschlagenen Landbutter, da können wir einfach nicht widerstehen!

Ich muß unwillkürlich an unsere Geschichte denken, damals, als wir beide zu Fuß vor paar Jahren bis nach Beckingen gingen, um bei Rudis Verwandten, einmal unsern Hunger völlig zu stillen, sage aber Rudi nichts davon.
Wie wir aufsteigen und den Hofraum verlassen, stehn auf einmal alle da, die einen am Scheunentor, die andern beim Stall und die beiden Mädchen schauen aus dem Fenster der Stube heraus. Und alle winken uns zu, bis wir durch das Tor in den sonnigen Tag verschwunden sind.

Den Blick nach vorne gerichtet, ist mir zum Singen zumute; eine Melodie will mir nicht aus dem Kopf:  „Wir kamen von Piemont und wollten weiter nach Dijon…“ oder war´s Lyon? sans dessus dessous et sans devant derrière, ein altes Wanderlied, uns auf der Penne von der Regler im Musikunterricht beigebracht, aber nur noch die erste Strophe und ein paar Wortfetzen sind behalten:

Wir kamen einst von Piemont
und wollten weiter nach Dijon*.
Ach im Beutel herrschte Leere,
  sans dessus dessous et sans devant derrière.
Burschen war’n wir zwei, doch nur ein Sous!
  Sans devant derrière sans dessus dessous.

Rudi ist auch auffallend gut gelaunt. Je mehr wir uns der Stadt nähern, desto gesprächiger wird auch er. Zuerst rückt er mit der Geschichte von Beckingen raus. Also hatte er beim Frühstück heute morgen ebenfalls daran denken müssen:
– Weißt du noch, wie wir im Krieg, in der Notzeit, zu meinen Verwandten, den Beckinger Bauern gingen und bei denen ebenso reingehauen hatten wie gestern Abend und heute morgen bei diesen burgundischen Bauern?
– Wie könnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie wir quer über den Gipsberg, durch den Merchinger Wald bis hinüber nach Beckingen gelaufen sind!
– Und von Beckingen auch wieder denselben Weg zurück, und das alles nur für eine Mahlzeit!

Rudis Verwandte waren dicke Bauern. Die hatten uns dann auch tatsächlich reichlich Brot, Butter und Marmelade aufgetischt und damit alleine gelassen, weil sie wieder in die Heuernte mussten.
– Was haben wir damals verdrückt! Wir hatten einen ganzen Laib dreipfünder Mischbrot mit einem halben Pfund Butter aufgegessen und dazu noch ein Literglas Erdbeermarmelade leer gemacht!
– Und hinterher hattest du noch die Dreistigkeit, einen Zettel zurückgelassen mit einem Dankeschön und dem Hinweis, daß es uns gut geschmeckt habe.
So mitten im Gespräch, gut ausgeruht und gestärkt, bei heiterem Himmel, merken wir gar nicht, wie nahe wir schon unserm Tagesziel gekommen sind. Rudi weist auf einmal nach vorn und meint:
– Was weißt du von Dijon?
– Keine Ahnung, war ja nicht vorgesehen!, sag ich. Weiß nur, dass unser Senf aus Dijon stammt.
– Es ist die Hauptstadt des Herzogtums Burgund. …Ist also eine alte und deshalb auch wahrscheinlich eine schöne Stadt.
– Und schöne Mädchen hat es dort sicherlich auch! Laß uns diesmal mehr Zeit für die Stadt nehmen, nicht so knapp wie in Straßburg und Colmar!
– Meinetwegen, hab nichts dagegen; jetzt haben wir ja mehr Zeit dazu, jetzt, da Lausanne, Genf oder Montreux ausgefallen sind!

Kaum dass ich´s ausgesprochen habe, ärgert mich die angefügte Stichelei. Nehme mir fest vor, auf der ganzen Weiterfahrt nicht ein einziges Mal mehr das Wort `Genfer See´ in den Mund zu nehmen. Rudi, der nichts auf meine Anspielung erwidert hat, wird sich seins aber wohl denken. Um die Scharte wieder auszumerzen, schlage vor, dass wir den heutigen Tag und auch den morgigen Tag in der burgundischen Hauptstadt verbringen sollten.
– Je suis complètement d´accord, mon vieux!, meint Rudi.

Wieder leicht ansteigendes Gelände; dennoch erreichen wir frühzeitig die Stadtgrenze von Dijon. Heute ist Sonntag. In einem der Vororte läuten die Glocken. Ich möchte eine Messe besuchen, weiß aber, dass Rudi es zu Hause nicht so genau mit dem sonntäglichen Kirchgang hält. Dennoch bitte ich ihn, mit zur Kirche zu gehen. Ich eröffne ihm, dass wir nun eine Woche unterwegs sind und daß ich wünschte, daß wir uns auch innerlich wieder sammeln und versöhnen sollten, wozu ein Kirchgang angebracht sei. Rudi nickt mit dem Kopf, willigt wortlos ein und geht mit.
Nach der Messe fragen wir ein Pfarrmitglied nach dem Weg zur Jugendherberge, kann uns aber nicht helfen. Der Abbé, der seine Gläubigen vor dem Portal freundlich verabschiedet, hört von unserm Anliegen. Auch er weiß nichts von einer >Auberge de la Jeunesse<; aber er lädt uns ein, im Jugendheim seiner Pfarrei zu übernachten. Der Raum würde jetzt in den großen Ferien doch nicht benutzt!
Der liebe Gott von Frankreich meint es schon wieder gut mit uns. Er lässt uns die Räder in der Remise abstellen, uns in der Garderobe etwas frisch machen und schickt uns gleich den Postbus, der uns in die Stadt bringt.

„Dijon, Capitale de Bourgogne“, die Hauptstadt des einst so stolzen Burgund! Jetzt, wie sie so mit ihrer markanten Silhouette vor uns liegt im direkten Augenschein, in dieser Dichte und Fülle mittelalterlicher Stadtteile, prächtiger Patrizierhäuser und schlossartiger Gebäude aus der Renaissance, da flößt sie uns geradezu ein Gefühl der Ehrfurcht ein. Dijon scheint nicht ganz so groß wie unsere Landeshauptstadt, aber unvergleichlich geschichtsträchtiger, prächtiger und vor allem unversehrter. Nun, sie hat offensichtlich im Gegensatz zu Saarbrücken im letzten Krieg keinen äußeren Schaden genommen: prächtige ehrwürdige Geschäftshäuser und Verwaltungsgebäude, kunstvolle Bauten, alles so hell und klar im blaßgelb leuchtenden Jurakalkgestein. Zahlreich auch die stattlichen Kirchen, von denen wir uns die hochgotische Notre Dame und die Kathedrale St. Benigne näher ansehen.

Sozusagen das Zentrum der Altstadt bildet der mächtige Komplex des Palastes der ehemaligen Herzöge von Burgund. In einem Nebengebäude ist heute ein Kunstmuseum untergebracht. „Eintritt frei!“ Also treten wir ein und besuchen die Ausstellung über burgundische Malerei seit der Renaissance. Riesige Gemälde, Wandteppiche, aber auch wunderschöne Skulpturen, hauptsächlich aus dieser künstlerisch so hochstehenden Zeit. Sicherlich die Hochblütezeit der burgundischen Architektur und Kunst. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus; sind beide tief beeindruckt von dieser reichhaltigen Fülle an so bedeutenden Werken aus den verschiedenen Epochen.
Und wenn du auf der westlichen Seite aus dem Palast heraustrittst, dann stehst du plötzlich vor einem riesigen, in seiner Gestalt einmalig freien Platz, der in der Form eines übermächtigen Halbkreises den Palastgebäuden vorgelagert ist. An einem der Laternenpfähle am Rande ist zu lesen: >Place de la Libération<. Um welche Befreiung es sich im Lauf der langen burgundisch-französischen Geschichte wohl handeln mag. Sicherlich ist nicht die Befreiung von der mittelalterlichen Leibeigenschaft gemeint.

Sie haben ihren stolzen Platz wahrscheinlich nach dem Liberté-Motto der Französischen Revolution so benannt, oder sollte der Name neueren Datums sein und auf die Befreiung von der deutschen Besatzung anspielen?
Von diesem großen Platz aus führen nach allen Seiten des Halbkreises die andern Straßen hinein in die Stadt, schnurstracks geradeaus, wie die Strahlen der Sonne.
Auf der südlichen Ecke des Platzes entdecken wir ein altes, wunderschönes Fachwerkhaus, in dessen Erdgeschoß ein origineller Buch- und Andenkenladen eingerichtet ist. Während ich noch die Auslagen bewundere, ist Rudi schon hineingegangen. Ich folge ihm, um zwei Ansichtskarten zu kaufen.
In der Auslage entdecke ich ein ganz besonders schönes Kartenspiel. Auf den 32 Skatblättern sind die ehemaligen Herzöge und die bedeutendsten Gebäude von Burgund abgebildet.
– Schau mal, sag ich zu Rudi, einige dieser Konterfeis sind ein gelungener Abdruck von den Gemälden, die wir gerade in der Ausstellung gesehen haben!
– In der Tat, meint Rudi, während auch er die Karten durch die Hände gleiten lässt, und von welch guter Qualität die Kopien sind! Da kann man sich bei Gutenberg und Söhne bedanken, die eine solche Abdrucktechnik erst ermöglicht haben!
Während wir ins Schwärmen über dies kostbare Souvenir geraten, müssen wir jedoch feststellen, dass es für unsern Geldbeutel viel zu teuer ist. Rudi stöbert weiter in den Nippsachen und Souvenirs herum und findet ein niedliches Senftöpfchen aus Steingut mit der Aufschrift: „Gruß aus Dijon“.
– Wie willst du das Töpfchen heil nach Hause bringen!, meine ich, und wir müssen doch mit unserm Reisegeld haushalten!
– Ich werde es in der Radtasche unter die schmutzige Wäsche packen. Meine Mutter mag so was, und ein solches Andenken bin ich ihr schuldig, die gute arme Frau, die sich darüber ihre Sorgen macht, was wir jetzt wohl treiben werden!
– Dann bring ich meiner Mutter auch eins mit!

Draußen setzen wir uns auf eine kühle Bank aus Kalkstein und schreiben eine Karte mit der Ansicht von Stadt und Schloß nach Hause. Die daheim werden sich wundern, dass sie keine Grüße von Genf, sondern aus Dijon bekommen!

Wir sind wieder zurück auf dem großen „Platz der Befreiung“, just gegenüber dem Palais und wollen hinüber zur direkt hier angrenzenden Altstadt schlendern. Am Ende des Platzes stoßen wir auf ein stattliches Gebäude, ebenfalls im reinen Renaissancestil erbaut. Parterre befindet sich ein einladendes Restaurant, mit vielen Tischen und Stühlen draußen im Freien. Die meisten Tische sind besetzt mit Gästen, die eifrig mit ihrem Menu und Getränk beschäftigt sind und dabei auch munter untereinander plaudern.

Ein unwiderstehlicher Duft von gebratenem Fleisch und der ungewohnte Anblick goldgelb gesottener pommes frites erfasst unsere Sinne, den Kopf und den Magen.
– Eine plat du jour könnten wir uns wenigstens zur Feier des Tages leisten!, mein Rudi.
– Wir haben doch erst gestern Abend ausgiebig gespeist!
– Ja, schon, aber das war ein Bauernessen, und das hier, das ist Ambiente pur!

Ich fühle mich ja auch von der einladenden Atmosphäre angelockt; aber ich geb´ Rudi einen Schubs und dränge weiter:
– Wir müssen haushalten, haben noch eine weite Strecke vor uns, in Paris wollen wir auch leben!
– In Lausanne oder Genf, da hättest du dir doch auch ein Mittagessen in einem Platzrestaurant genehmigt, häh!

Ich hatte mir fest vorgenommen, kein Wort mehr über die versäumte Route zu verlieren; nun dreht Rudi den Spieß um und provoziert mich selbst damit.
Gerade wollen wir kneifen und zur Altstadt abdrehen, da steht auch schon der Garcon mit mächtigen Schultern und breiten Beinen vor uns, weist uns entschieden einem freien Tisch zu, wischt mit seinem Handtuch die Platte sauber und schiebt uns, eh wir uns wehren können, sozusagen den Stuhl unter den Hintern.
Ich springe sofort auf und will weg, doch Rudi zieht mich zurück.
– Jetzt, wo wir schon mal hier sind!, sagt Rudi, das billigste ist ein steak frites, nur hundertfufzig Franken; das sollten wir uns nun endlich mal leisten können. Schließlich sind wir ja in Frankreich!
– Wir haben heute schon genug Franken ausgegeben, aber wenn du meinst, dass es unsere Reisekasse verkraftet, meine ich es auch!

Während wir uns wieder hinsetzen, suchen wir mit unsern hungrigen Blicken den Kellner. Er räumt gerade gegenüber einen leer gewordenen Tisch ab. Mit Genugtuung und Staunen ist ihm zuzusehen, was er auf seinem linken Arm, in den Händen und Fingern alles aufstapeln kann, bis der ganze Tisch abgeräumt ist und wie er dann zirkusreif zwischen den eng aneinander stehenden Tischen und Stühlen hindurchbalanciert, ohne an Körper und Geschirr Schaden zu nehmen. Aber für unsern Wink hat er diesmal noch keinen Blick. Wie ich ihm so nachschaue, erblicke ich hinter uns sitzend eine attraktive Dame im mittleren Alter, allein am Nachbartisch. Sie muß unser Gespräch zumindest akustisch mitbekommen haben, denn wie sich unsere Blicke begegnen, lächelt sie mich an und nickt mir verständnisvoll zu, als wollte sie sagen:
– Recht so, mein Kleiner; laßt´s euch gut schmecken!

Wie der Kellner unsere bis an den Rand gefüllten Teller bringt, schauen wir uns beide stumm und erstaunt an. Noch nie hatten wir je einen solchen Lappen Fleisch auf dem Teller, so zart und so blutend saftig, noch nie solch gold-gelb gesottene Langstielkartoffeln. Rudi kann es gar nicht erwarten und langt kräftig mit den Fingern in diesen Berg von pommes frites .
Inzwischen hat der Kellner auch eine Karaffe Wasser und einen pichet mit Rotwein gebracht.
– Wer hat denn den Wein bestellt?, frage ich Rudi erstaunt, du vielleicht?
– Wie hätte ich dies sollen, aber da er schon mal da ist…!, sagt´s und schenkt uns beiden ein.

Als der Garcon dann nach dem steak frites auch noch eine Schüssel grünen Salat nachreicht und hinterher noch einen Korb aufgeschnittenes Weißbrot und eine Holzplatte mit mehreren Sorten Käse serviert, da wird das auch Rudi zu viel und lässt den Kellner wissen, dass wir dies alles nicht bestellt hätten:
– Mais excusez, Monsieur sagt er, nous n´avons pas commandé tout cela!
– Ne vous inquietez-pas, mes jeunes gens, meint der Kellner, mangez avec bon appetit, c´est tout payé !

Und dabei zeigt er mit gestrecktem Finger hinter sich in Richtung der schönen Frau und gibt uns damit zu verstehen, dass wir eine edle Spenderin gefunden hätten. Zunächst sind wir perplex und trauen uns eine ganze zeitlang nicht zu rühren, geschweige denn zu der Dame herüber zu schauen. Dann ergreift Rudi als erster die Initiative, füllt erneut unser beider Gläser und sagt zu mir:
– Hopp, wir stoßen mit der edlen Spenderin an und bedanken uns bei der Dame!
Doch wie wir uns mit erhobenem Glas nach ihr umdrehen, da ist der Tisch hinter uns bereits abgeräumt und der Stuhl daneben nicht mehr besetzt…

Während wir durch die engen Gassen der mittelalterlichen Altstadt schlendern, haben wir vor lauter Wohlgestimmtheit uns gegenseitig die Arme verschränkt auf die Schultern gelegt. Ich summe ein Liedchen dazu, und Rudi stimmt fröhlich ein. Allmählich kommt es uns so vor, als hätte Frankreich in der Tat einen anderen Gott, der sich nicht nur um das bessere Essen dort kümmert, sondern auch um so viel unerwartete Gastfreundschaft.
Und damit geht es am Abend, als wir wieder in unser Jugendheim zurück finden, munter weiter. Der liebe Abbé, der uns so selbstlos eine Unterkunft offeriert hatte, nun hält er auch noch ein komplettes Abendessen für uns bereit. Er schaut uns beim Essen zu, und wir müssen erzählen vom Tag, von Zuhause und unseren weiteren Plänen. Als ich bei einer Gelegenheit erwähne, dass ich als Junge auch Messdiener gewesen bin, fleht er uns an, ihm doch morgen früh die Messe zu dienen.

Danach, als wir wieder allein sind und uns hingelegt haben, entwickelt sich erneut ein kleiner Disput:
– Warum hast du ihm verklickert, dass du Messdiener gewesen bist? Hast doch am heutigen Morgen schon deine Sonntagspflicht erfüllt. Heiliger Bimbam, was brauchst du denn morgen früh schon wieder eine Messe und das noch in diesem roten Kittel!

Ich bin ziemlich betroffen, überlege, was ich darauf antworten soll. Es geht um Dankbarkeit, und es geht letztlich um unsere Freundschaft! War denn der Abzweig auf Dijon nicht eine Art Wendepunkt für uns, nicht nur in topographischer Hinsicht?
Es kommen nun Dinge zwischen uns zur Sprache, die zu Hause, wenn wir in der Schule oder daheim zusammen waren, stets unausgesprochen blieben. Hier geht es nun auch um das Verhältnis zu unserer Religion, das in Rudis Auffassung stets wesentlich lockerer und freier und vor allem skeptischer war als das meinige. Also frage ich zurück:
– Was hast du eigentlich gegen die Glaubensgrundlagen unserer katholischen Kirche?

Rudi seinerseits zögert mit der Antwort nicht lange:
– Was heißt schon ´unsere katholische Kirche´? Ich akzeptiere ganz und gar die christliche Moral- und Soziallehre, die doch in der hohen Meinung gipfelt: `Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!´ Doch diese Lehre steht bei dem höheren Klerus, trotz der kritischen Reformation, die ein Luther bereits vor 450 Jahren besorgt hat, in eklatantem Widerspruch und scheint daher nur für das niedere Volk und den niederen Klerus bestimmt zu sein!
– Zugegeben, dass es in der Kirche so Manches zu kritisieren gibt; die wird auch nur von Menschen geleitet. Aber darf das unseren persönlichen Glauben an die Dreifaltigkeit erschüttern?
– Du magst ja daran festhalten! Ich akzeptiere jede Form von Glauben, wenn sie aus einem inneren Bedürfnis kommt; aber ich kann einfach nicht an die Unfehlbarkeit eines Papstes glauben, erst recht nicht an ein solch vermenschlichtes Gottheitsbild, wie es die Kirche vormalt! Gott Vater hat keinen Bart; womöglich kümmert er sich gar nicht einmal um uns!
– Aber du glaubst doch auch an ein Jenseits nach dem Tod, an die Allmacht und Allwissenheit Gottes?
– Doch, schon, nur… ich meine du solltest dich beruhigen; ich werde morgen früh mit dabei sein, wenn du dich auf die Stufen des Altares kniest, sozusagen als Dank dem guten Mann gegenüber, der uns dieses Obdach und dieses Mahl beschert hat.

le rêve

tu me demandes ce que je deviens –
depuis longtemps je ne le médite plus –
je sais pourtant que je deviendrais fou
si je ne songeais pas
que presque toutes les nuits un rêve doux
un rêve de résistance contre le rien
me reconfort

allons dormir alors – rêver le rêve
de notre vie, de nos amours
de nos espoirs, de notre sort –
peut être enfin ce songe sans répit
sera la chance:
il songe l´amour, il berce la vie
nourrit l´espoir, est notre encore

que reste-t´il d´ailleurs pour nous
nous consoler?
le voeu pieux d´une existence indolore
la conception d´une existence absolue
dans cet inconcevable gouffre
sombre et glacé
dans les entrailles de ton éternité ?

Rudolf Kammer, gezeiten, p. 63

Zu Folge 11

© Rudolf Engel, 2015

 

 

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